KI-Forschung: „Am Ende muss immer der Mensch entscheiden!“
Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Menschen arbeiten länger,
chronische Erkrankungen nehmen zu. Parallel entstehen tagtäglich aber auch
immer größere Datenmengen rund um Gesundheit, Arbeit und Lebensstil. Für
die Arbeitsmedizinerin Prof. Susanne Völter-Mahlknecht, Direktorin des
Instituts für Arbeits-, Sozial- und Präventivmedizin an der
Universitätsmedizin Göttingen, steckt darin eine Chance: Wenn diese Daten
klug genutzt werden, könnten Krankheiten früher erkannt und
Präventionsmaßnahmen am Arbeitsplatz personalisiert werden.
Doch die Idee wirft auch heikle Fragen auf. Wem gehören Gesundheitsdaten
im Betrieb? Wer darf sie sehen? Und kann eine Künstliche Intelligenz
irgendwann über gesundheitliche Risiken im Arbeitsleben entscheiden?
Völter-Mahlknecht arbeitet daran, genau solche Fragen zu beantworten.
Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt sie Modelle, die mithilfe von KI in
Betrieben eingesetzt werden können – ohne dabei die Kontrolle an Maschinen
abzugeben. Vertrauen sei das A und O. Denn für sie steht fest: Die letzte
Entscheidung muss immer beim Menschen bleiben. Im Gespräch berichtet sie
über die Zukunft der Arbeit und der Arbeitsmedizin.
Frau Professor Völter-Mahlknecht, Sie sagen, Sie versuchen, Arbeitsmedizin
neu zu denken. Können Sie das näher erläutern?
Gesundheit am Arbeitsplatz entsteht durch ein Zusammenspiel vieler
Faktoren: Arbeitsbedingungen, biologische, physikalische, chemische
Risiken, Verhalten und soziale Einflüsse. Wenn wir mit der
arbeitsmedizinischen Forschung tatsächlich nutzbare Lösungen vorlegen
wollen – und das ist es, was uns antreibt –, dann müssen wir
interdisziplinär denken und die rein medizinische Perspektive verlassen.
Mein Team besteht deshalb aus Vertreterinnen und Vertreter aus ganz
unterschiedlichen Disziplinen: Medizin, Psychologie, Chemie, Physik,
Maschinenbau, Human Factors, Public Health, Statistik, Data Science, KI,
Informatik, Neurowissenschaften. Wenn man KI-gestützte Modelle entwickeln
will, muss man all diese Perspektiven zusammenbringen.
Warum spielt KI dabei eine so große Rolle?
In der klassischen Forschung waren wir oft zu langsam. Wir konnten
beschreiben, was passiert ist oder was gerade passiert. Wir konnten kaum
vorausschauend arbeiten. Aber genau das ist die Herausforderung der
Zukunft: Wir werden eine deutlich ältere Gesellschaft haben. Wir werden
länger arbeiten. Wir müssen die Menschen mit Arbeitserfahrung deshalb
länger in den Unternehmen halten können. Und das ist unsere Aufgabe in der
Forschung. Die Antworten zu finden, wie wir das bewerkstelligen können.
Und die Antwort ist KI! Mit KI können wir große und unterschiedliche
Datenmengen zusammenführen und dynamisch sowie proaktiv auswerten – um
Risiken früher zu erkennen.Sie sprechen davon, Krankheiten früher zu erkennen.
Ja. Ein Beispiel ist Prädiabetes. Wenn man diese Vorstufe rechtzeitig
erkennt, kann man gegensteuern, bevor sich ein Diabetes mit Komplikationen
entwickelt. Genau solche frühen Hinweise interessieren uns. Dann kann
Prävention früher ansetzen – zum Nutzen des Einzelnen und der
Gesellschaft.
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