Festival Strings Lucerne Anastasia Kobekina Edward Elgars Cellokonzert E Moll

Besetzung und Programm:
Festival Strings Lucerne
Daniel Dodds Violine & Leitung
Anastasia Kobekina Solistin Violoncello
Ethel Smyth Sinfonie für kleines Orchester (Schweizer Erstaufführung)
Edward Elgar Violoncellokonzert E-Moll op. 85
Johannes Brahms 2. Sinfonie in D-Dur op. 73
Ethel Smyths Sinfonie für kleines Orchester
Schweizer Erstaufführung | Festival Strings Lucerne | Daniel Dodds
Eine Wiederentdeckung mit Signalwirkung
Ethel Smyth gehört zu den bedeutendsten Komponistinnen der späten Romantik und doch fristen ihre Werke bis heute ein Schattendasein im Konzertbetrieb. Die Schweizer Erstaufführung ihrer Sinfonie für kleines Orchester durch die Festival Strings Lucerne unter Daniel Dodds ist deshalb mehr als ein programmatisches Kuriosum. Es ist ein klares Zeichen gegen das Vergessen, ein Akt musikalischer Gerechtigkeit gegenüber einer Komponistin, die zu Lebzeiten hoch geachtet war und deren Musik auch heute noch unmittelbar zu sprechen vermag.
Smyths Tonsprache: Eigenständig und überraschend frisch
Die Sinfonie, entstanden im späten 19. Jahrhundert, zeigt eine Komponistin, die ihren eigenen Weg zwischen Brahms, Dvořák und einer ganz persönlichen melodischen Erfindungskraft gefunden hat. Die Themen sind prägnant, die Instrumentation geschickt auf kleine Orchesterbesetzung zugeschnitten, die harmonische Sprache reich ohne Überladenheit. Wer Smyth nicht kennt, reibt sich beim Hören verwundert die Augen: Warum ist diese Musik nicht längst im Repertoire? Dodds und sein Ensemble stellen genau diese Frage, indem sie das Werk mit vollster Ernsthaftigkeit behandeln.
Festival Strings: Transparenz als Stärke
Die kammermusikalische Besetzung der Festival Strings Lucerne erweist sich als ideale Voraussetzung für dieses Werk. Smyths Partitur lebt von der Durchhörbarkeit der einzelnen Stimmen, von feinen kontrapunktischen Verschränkungen und einer Orchestrierung, die Raum und Luft braucht. Dodds sorgt dafür, dass jede Linie ihren Platz bekommt. Die Streicher spielen mit wachem Klang, die Holzbläser treten als echte Gesprächspartner hervor, nicht als Füllmasse. Das Ergebnis ist eine Aufführung, die Smyths Handwerk in vollem Licht zeigt.
Dodds als Anwalt des Werkes
Daniel Dodds dirigiert nicht mit der Distanz des Interpreten, der ein unbekanntes Werk pflichtbewusst vorstellt. Er dirigiert wie jemand, der von dieser Musik überzeugt ist und diese Überzeugung auf sein Ensemble und das Publikum überträgt. Die Tempi sind schlüssig gewählt, die Dynamik fein abgestuft, die Bögen klar geformt. Nirgends entsteht der Eindruck des Experimentellen oder Unsicheren. Diese Erstaufführung klingt, als gehöre das Werk längst zum Kernrepertoire.
Fazit: Eine Interpretation mit bleibendem Nachhall
Die Schweizer Erstaufführung von Ethel Smyths Sinfonie für kleines Orchester durch die Festival Strings Lucerne ist ein Ereignis von echter Bedeutung. Sie erinnert daran, wie viel grossartige Musik noch darauf wartet, gehört zu werden, und dass es Ensembles wie dieses braucht, die den Mut aufbringen, sie ans Licht zu holen.
Edward Elgars Cellokonzert e-Moll op. 85
Ein Abschiedswerk in besten Händen
Elgars Cellokonzert e-Moll ist ein Werk des Abschieds. 1919 uraufgeführt, trägt es die Erschöpfung und Melancholie der Nachkriegsjahre in sich, eine Musik, die nach innen gewandt ist und wenig Interesse an äusserem Glanz zeigt. Anastasia Kobekina, die russisch-französische Cellistin, trifft diesen Ton von der ersten Note an. Ihr Spiel verbindet technische Souveränität mit einer emotionalen Tiefe, die den Hörer sofort in ihren Bann zieht. Die Festival Strings Lucerne unter Daniel Dodds bilden einen Klangraum, der dieser Intimität vollkommen entspricht.
Kobekina: Stimme mit Eigengewicht
Im eröffnenden Adagio entfaltet Kobekina eine Tongebung von samtiger Wärme und zugleich ruhiger Entschlossenheit. Sie spielt Elgar nicht als Opfer der Trauer, sondern als jemanden, der dem Schmerz mit Würde begegnet. Das lyrische Hauptthema singt mit natürlichem Atem, ohne jede Sentimentalität. Im folgenden Lento erklingen die introvertiertesten Momente des Konzerts mit einer Stille, die den Konzertsaal förmlich anhält. Dodds und das Ensemble begleiten mit feinem Gespür, treten zurück, wo die Solistin Raum braucht, und stützen, wo die Musik Halt sucht.
Orchester und Solistin im Dialog
Die Festival Strings erweisen sich einmal mehr als idealer Partner für solistisches Repertoire. Die kammermusikalische Transparenz des Ensembles erlaubt es, die Orchesterlinien als echten Dialog mit dem Cello zu hören, nicht als Begleitung. Besonders im dritten Satz, Adagio, entsteht ein Geflecht aus Streicherstimmen und Cellolinie, das von konzentrierter Schönheit ist. Dodds koordiniert mit sicherem Instinkt, hält die Balance zwischen Solistin und Ensemble stets im Gleichgewicht und lässt die Musik sprechen, ohne sie zu kommentieren.
Finale: Energie und Resignation
Das abschliessende Allegro trägt einen eigentümlichen Zug ins Trotzige. Kobekina spielt diesen Satz mit Energie und rhythmischer Schärfe, doch der melancholische Unterton bleibt stets hörbar. Die Rückkehr des langsamen Themas kurz vor dem Schluss gelingt ergreifend: ein letztes Innehalten, bevor das Werk mit lapidarer Kürze endet. Diese Kürze sitzt. Sie wirkt nicht abrupt, sondern wie ein bewusstes Verstummen.
Fazit: Eine Darbietung von stiller Grösse
Kobekina, Dodds und die Festival Strings Lucerne schenken Elgars spätem Meisterwerk eine Interpretation von hoher Musikalität und stiller Grösse. Wer dieses Konzert kennt und liebt, entdeckte hier neue Nuancen, wer es noch nicht kannte, fand einen idealen Einstieg.
Solistin und Orchester wurden mit stürmischem Applaus und partieller Standing Ovation belohnt, was sie dazu veranlasste, das Auditorium mit einer Zugabe der besonderen Art zu beglücken, nämlich, wie die Solistin erläuterte, mit einer Komposition ihres Lieblingskomponisten, ihres Vaters: «Galliarda» einem Stück für Cello und Tambourin.
Gut haben die Strings mit Alexander Schröder ein Ensemble Mitglied, das eben dieses Tambourin meisterhaft beherrscht, sich zur Solistin an den Bühnenrand gesellte und mit ihr zusammen dieses Werk meisterhaft interpretierte, geschrieben von Vladimir Kobekina in einem Rhythmus, der locker auch als andalusisch betitelt werden könnte und das Auditorium begeisterte.
Brahms‘ Zweite Sinfonie in D-Dur op. 73
Ein Kammerorchester wagt das Grosse
Die Festival Strings Lucerne sind kein Symphonieorchester im herkömmlichen Sinn. Ihr Klang lebt von Transparenz, Direktheit und der besonderen Intensität kleiner Besetzungen. Wenn dieses Ensemble unter seinem künstlerischen Leiter Daniel Dodds die Zweite Sinfonie von Johannes Brahms in Angriff nimmt, ist das deshalb mehr als eine programmatische Entscheidung. Es ist ein Bekenntnis zu einer bestimmten Klangvorstellung von Brahms, einer, die nicht auf orchestrale Masse setzt, sondern auf kammermusikalische Durchhörbarkeit. Und dieses Bekenntnis löst diese Interpretationmit bemerkenswerter Konsequenz ein.
Schlanke Linien im ersten Satz
Das eröffnende Dreitonmotiv des Allegro non troppo erklingt bei den Festival Strings auffallend schlank und unprätentiös. Dodds wählt ein Tempo, das Raum lässt, ohne zu schleppen. Die inneren Stimmen, bei vielen grossen Orchestern im Klangbrei versinkend, treten hier mit einer Deutlichkeit hervor, die aufhorchen lässt. Die Polyphonie, die Brahms so meisterhaft beherrschte, wird in ihrer ganzen Komplexität hörbar. Wer diesen Satz gewohnt ist, breitmächtig und romantisch grundiert, erlebt hier eine echte Überraschung. Kühl ist diese Lesart nicht, aber klar, und diese Klarheit hat ihren ganz eigenen Reiz.
Adagio: Brahms im Kammerton
Der zweite Satz gehört zu den Höhepunkten. Das Cellothema zu Beginn des Adagio non troppo erklingt mit einer Unmittelbarkeit, die größere Orchesterbesetzungen kaum erreichen können. Dodds phrasiert mit Bedacht, lässt die Musik atmen, und das Ensemble folgt ihm mit einem aufmerksamen Zusammenspiel, das kammermusikalische Qualitäten höchsten Ranges zeigt. Die harmonischen Verschattungen, die diesen Satz so unverwechselbar brahmsisch machen, treten plastisch hervor. Sentimentalität ist Dodds fremd. Was er stattdessen bietet, ist ein Brahms von ernsthafter, stiller Würde, der tief berührt, ohne zu drängen.
Grazie und Fluss im dritten Satz
Das Allegretto grazioso gelingt dem Ensemble mit natürlicher Leichtigkeit. Die rhythmischen Eigenheiten dieses Satzes, die unerwarteten Meterwechsel, die kleinen harmonischen Überraschungen, werden von Dodds nie überbetont, sondern in den musikalischen Fluss integriert. Die Oboe singt ihr Thema mit angenehmer Wärme, die Streicher antworten mit federnder Präzision. Was bei anderen Interpretationen gelegentlich verkrampft oder zu gewichtig gerät, wirkt hier spielerisch und selbstverständlich. Dodds versteht diesen Satz als das, was er ist: eine kurze, kostbare Ruhepause zwischen dem tiefen Ernst des Adagios und der Energie des Finales.
Finale: Freude aus Präzision geboren
Ob ein Kammerorchester dem Allegro con spirito des Schlusssatzes wirklich gerecht werden kann, ist eine berechtigte Frage. Die Festival Strings beantworten sie auf ihre eigene, überzeugende Art. Nicht Klangvolumen, sondern rhythmische Schärfe und agogische Beweglichkeit erzeugen hier die mitreissende Energie des Satzes. Die fugalen Durchführungsabschnitte leuchten förmlich auf, weil jede Stimme hörbar und eigenständig bleibt. Der triumphale Schluss entfaltet seine Strahlkraft nicht durch orchestrale Wucht, sondern durch das präzise, hochkonzentrierte Zusammenspiel eines Ensembles, das jede Note gemeinsam denkt und atmet.
Eine Interpretation mit eigenem Profil
Dodds Interpretation eröffnet einen anderen Zugang zu einem vertrauten Werk und zeigt, wie viel in dieser Sinfonie noch zu entdecken ist, wenn man die Erwartung an üppigen Orchesterklang bewusst zurückstellt. Daniel Dodds und die Festival Strings Lucerne liefern einen Brahms, der nicht überwältigt, sondern überzeugt. Durch Klarheit, durch Sorgfalt, durch echtes kammermusikalisches Miteinander. Eine Aufführung, die zum mehrfachen Hören einladen würde.
Entsprechend honorierte das Auditorium die Ausführenden mit einem langanhaltenden Schlussapplaus.
Text: www.leonardwuest.ch
Fotos:
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