Zum Tag der Organspende: Zu wenige Spenderherzen – DGTHG macht sich weiterhin stark für Widerspruchslösung

Über 700 Menschen stehen in Deutschland auf der Warteliste für ein
Spenderherz. Für manche kommt das lebensrettende Organ zu spät. Wie
übersteht man Monate und Jahre der Ungewissheit? Zum Tag der Organspende
am 6. Juni 2026 hat die DGTHG mit einer Patientin gesprochen, die selbst
auf ein Spenderherz wartete. Ihre Geschichte zeigt, welche Schicksale sich
hinter den Zahlen auf der Warteliste verbergen. Angesichts des anhaltenden
Organmangels bekräftigt die DGTHG ihre Forderung nach der Einführung der
Widerspruchslösung.
Wie misst man Zeit, wenn die eigene Welt stillsteht? Wenn Minuten,
Stunden, sogar Monate zäh fließen und alles ausgerichtet ist auf die
erlösende Nachricht, die irgendwann kommt, vielleicht. Vielleicht aber
auch nicht.
„Wir haben ein Spenderorgan für Sie!“ - so lautet der Satz der
buchstäblich über Leben und Tod entscheidet. Rund 8.500 schwerstkranke
Menschen in Deutschland hoffen darauf, ihn zu hören. Rund 730 davon
benötigen ein neues Herz. Sie sind im Schnitt zwischen sechs Monaten und
zwei Jahren auf einer Warteliste registriert – immer mit dem Risiko, dass
ihr Herz nicht mehr kann, bevor es ein für sie passendes Organ gibt. Und
dieses Risiko ist nicht klein: Im Jahr 2025 konnten in Deutschland nur 315
Herzen transplantiert werden; doppelt so viele wären nötig gewesen.
Eine Betroffene auf der Warteliste war lange Zeit auch Franziska Bleis.
Vor rund fünf Jahren lag die damals 37-Jährige schwerstkrank im
Krankenhaus und musste einen Weg finden, die Zeit zu überstehen. „Jeder
entwickelt dafür eine eigene Strategie“, sagt sie. Ihr halfen Häkelnadeln,
Wolle und ein unerschütterlicher Gedanke: Wenn daraus ein Pullover
entstanden ist, kommt das neue Herz.
Jung, sportlich – herzkrank!?
Wie konnte es so weit kommen? Franziska Bleis war immer sportlich, radelte
täglich zum Job, liebte ihre Arbeit als biologisch-technische Assistentin
in der Berliner Charité und ihren Alltag mit ihrer kleinen Tochter und
ihrem Mann. Im Dezember 2019 änderte sich alles – mit einer Erkältung.
Naseschniefen, Husten – das Übliche, aber irgendwie hartnäckig. Nach drei
Wochen verschlimmerten sich die Symptome, bis es ihr so schlecht ging,
dass ihr Mann sie ins Krankenhaus brachte.
Von diesem Moment an kann Franziska Bleis ihr Leben in Schockmomente
gliedern. Erster Schock: Diagnose einer schweren Herzmuskelentzündung,
eine sog. „eosinophile Myokarditis“, und damit einhergehend eine massive
Herzmuskelschwäche.
Schwere Herzschwäche: Ohne Transplantation liegt die
Überlebenswahrscheinlichkeit bei rund fünf Jahren
Dass eine so junge Frau so schwer am Herzen erkrankt, ist eher
ungewöhnlich. Dennoch sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland die
Todesursache Nummer Eins; besonders gefährlich ist die Herzschwäche. „Zwar
ist die Erkrankung immer besser behandelbar, dennoch liegt die
Überlebenswahrscheinlichkeit nach der Diagnose nur bei rund fünf Jahren“,
sagt Professor Dr. Jan Gummert, Vorstandsmitglied der Deutschen
Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie und Direktor der Klinik
für Thorax- und Kardiovaskularchirurgie des Herz- und Diabeteszentrums
Nordrhein-Westfalen.
Fünf Jahre – für Betroffene beginnt nach der Diagnose also eine Uhr zu
ticken. Bei Franziska Bleis war dieses Ticken erst noch leise. Von einer
Transplantation war im Krankenhaus zwar schon die Rede, aber für die junge
Mutter klang das noch abstrakt. Tatsächlich konnte sie nach wochenlangem
Aufenthalt auf der Intensivstation entlassen werden, aber ihr Herz war
unwiderruflich geschädigt. Ihr Leben wurde von nun an geschützt durch
einen implantierten Defibrillator. Drei Monate vergingen, bis er zum
ersten Mal zum Einsatz kam und gefährliche Herzrhythmusstörungen erkannte.
Zweiter Schock: Jetzt stand fest, dass nur eine Herztransplantation
Franziska Bleis‘ Leben würde retten können.
Große Mehrheit in Deutschland ist für die Organspende
„Ich habe mich selbst sehr früh für die Organspende ausgesprochen, aber
dass ich einmal selbst darauf angewiesen sein würde, kam mir nie in den
Sinn.“ Das teilt die heute 42-Jährige offensichtlich mit vielen Menschen
in Deutschland: Die Statistik zeigt, dass die große Mehrheit der Deutschen
die Organspende befürwortet. Aber viele von ihnen dokumentieren ihre
Einstellung nicht so, wie Franziska Bleis es tat. Das hat zur Folge, dass
viele Menschen nach ihrem Tod nicht zu Organspendenden werden. Denn
derzeit gilt in Deutschland die sogenannte Entscheidungsregelung: Nur wenn
eine dokumentierte Zustimmung vorliegt – beispielsweise durch den
Organspendeausweis oder Eintrag ins Organspenderegister – dürfen nach dem
Tod Organe entnommen werden. Ist dies nicht der Fall, werden die
Angehörigen gefragt. Viele entscheiden dann vorsichtshalber dagegen.
Die fatale Folge: eine prekäre Organspende-Situation in Deutschland – und
damit der dritte Schock für Franziska Bleis. Weil es zu wenige
Spenderherzen gibt, werden die Patientinnen und Patienten nach
Dringlichkeit eingestuft. Menschen auf der sogenannten High-Urgency-Liste
(hochdringlich) haben Priorität. Franziska Bleis hatte lange Zeit diesen
Status nicht. „Ich befand mich auf einem Zwischenniveau“, sagt sie. „Ich
war zu krank, um weiterzuleben, aber noch nicht krank genug, um ein
Spenderherz zu bekommen.“ Denn noch war sie in der Lage, zu Hause zu sein.
„Wobei das eigentlich kein Leben mehr war“, sagt sie. „Ich schaffte es
kaum noch zur Bäckerei um die Ecke.“ Dazu kam die permanente Anspannung
des Wartens auf diesen einen erlösenden Anruf – der ohne die HU-Listung
unwahrscheinlich war.
„Hätten wir die Widerspruchslösung in Deutschland, würde sich die Zahl der
Spenderorgane deutlich erhöhen“, sagt Prof. Dr. Jan Gummert. „Frau Bleis
hätte mit großer Sicherheit weniger lange warten müssen.“
Die DGTHG macht seit Jahren auf die Dringlichkeit der Einführung der
Widerspruchslösung in Deutschland aufmerksam. Bei diesem Modell ist jede
Person nach ihrem Tod potenziell Organspender:in. Sie kann aber zu
Lebzeiten widersprechen. Das Prinzip der Freiwilligkeit bleibt damit
vollständig erhalten. Man muss nur aktiv „Nein“ sagen, wenn man keine
Organentnahme möchte.
Widerspruchslösung in den meisten europäischen Ländern eingeführt
Die Widerspruchsregelung ist in den meisten europäischen Ländern bereits
gelebte Praxis. „Wir in Deutschland verkomplizieren den Sachverhalt sehr“,
bemängelt Herzchirurg Jan Gummert. Zudem sei das Ablehnen der
Widerspruchslösung keine solidarische Einstellung: „Wir nehmen mehr
Spenderorgane aus dem Eurotransplant-Raum an, als wir dorthin abgeben. Wir
profitieren also bereits von der Widerspruchslösung in anderen Ländern,
ohne sie selbst bei uns einzuführen. Das empfinde ich als moralisch
verwerflich.“
Wird sich in Zukunft in Deutschland etwas verändern? Anfang Mai hat eine
interfraktionelle Gruppe von Bundestagsabgeordneten einen erneuten Vorstoß
gewagt. Sie stellte ihren Gesetzentwurf für die Einführung der
Widerspruchslösung bei der Organspende vor und läutete damit die nächste
Runde in der politischen Debatte ein. Auch die ehemalige Patientin
Franziska Bleis hofft auf Veränderung. „Jeder sollte sich bewusst machen,
dass er vielleicht einmal davon abhängig ist.“ Sie selbst musste ein Jahr
und neun Monate auf ihre Transplantation warten. Am Ende ging es ihr so
schlecht, dass sie stationär aufgenommen wurde. Auch wenn es ironisch
klingt: Endlich war sie „high urgency“ – also so krank, dass sie auf der
Warteliste nach oben rutschte. Nun stand fest: Entweder verlässt sie das
Krankenhaus transplantiert – oder sie stirbt in der Klinik.
Was für eine existenzielle Ausnahmesituation. Wie banal wirkte da die
Häkelnadel in ihren Händen. Doch daran konnte sich Franziska Bleis
festhalten. Sie häkelte und häkelte und sagte ihr Mantra auf: „Wenn der
Pullover fertig ist...“
Der Tag kam und Franziska Bleis hielt ihr selbstgemachtes Stück in den
Händen. Und tatsächlich; zwei Wochen später fiel der erlösende Satz.
Franziska Bleis bekam ein neues Herz, und die Zeit der Schockmomente
endete. Sie hatte ihr Leben zurück und ist täglich dankbar. Vor allem
ihrem unbekannten Spender.
Seitdem es ihr wieder gut geht, macht sich Franziska Bleis für andere
Betroffene stark und ist Vorstandsvorsitzende des Vereins transplantiert
e.V., wo Menschen Informationen erhalten und sich vernetzen können. Sie
hilft ihnen auch, das unerträgliche Warten zu überstehen, Strategien zu
entwickeln, sich zu wappnen gegen die Ungewissheit. Ihr eigener
Schutzschild aus Wolle – der selbstgehäkelte Pullover – ist mittlerweile
zu klein; eingelaufen in der Waschmaschine. Der Abschied schmerzte gar
nicht so sehr, sagt Franziska Bleis. Seine Aufgabe hatte er schließlich
erfüllt.
