Eiszeitkrimi: Taimeringer Mammut wurde vermutlich zerlegt von Jägern und Sammlern

Neues vom Wollhaarmammut aus Taimering: Das 2020 entdeckte Mammut wurde
nach seinem Tod in einen ehemaligen eiszeitlichen Tümpel eingebettet.
Pollenfunde und Altersdatierungen belegen, dass das Mammut während der
unwirtlichen Bedingungen des Kältemaximums der Würmeiszeit lebte und
starb. Schnittspuren an mehreren Rippen deuten darauf hin, dass
altsteinzeitliche Menschen sich an dem Kadaver zu schaffen machten. Ein
interdisziplinäres Forscherteam initiiert von SNSB-Paläontologin Gertrud
Rößner und FAU-Geograph Christoph Mayr präsentiert nun in der
Fachzeitschrift Journal of Archaeological Science die Ergebnisse seiner
wissenschaftlichen Untersuchungen.
Bei Bauarbeiten in Taimering nahe Regensburg entdeckten Mitarbeitende des
Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege (BLfD) vor sechs Jahren einen
fast 2,5 m langen, spiralig verdrehten Stoßzahn, der zu einem
Wollhaarmammut, Mammuthus primigenius, gehörte. In der Nähe fanden die
Archäologen außerdem über 70 weitere Knochen und Knochenbruchstücke, vor
allem die des Brustkorbs sowie Hand- und Fußknochen. Die meisten
Langknochen des großen Säugers fehlen. „Stoßzahn und Knochen des Mammuts
waren aufgrund ihrer jahrtausendelangen Konservierung im Feuchtbodenmilieu
außergewöhnlich gut erhalten“, sagt Dr. Christoph Steinmann,
stellvertretender Leiter des Referates Bodendenkmalpflege
Niederbayern/Oberpfalz am BLfD. Nach seiner Bergung wurde der Fund an den
Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) präpariert,
und von dort die weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen koordiniert.
Die paläontologische Begutachtung zeigte: Alle Knochen sowie der Stoßzahn
gehören zu einem einzigen sehr großen, aber noch nicht ausgewachsenen
Individuum mit etwa drei Metern Schulterhöhe. Das Taimeringer
Wollhaarmammut kam vermutlich direkt an oder zumindest nahe seiner
Fundstelle zu Tode. Die bis ins Detail unversehrt erhalten gebliebenen
Knochenoberflächen lassen sowohl einen längeren Transport durch Wasser
ausschließen als auch eine Zerlegung durch Raubtiere. Eingebettet wurde
das Tier in den Sedimenten eines Tümpels oder langsam fließenden Zulaufs
der eiszeitlichen Ur-Donau, so die Forschenden. Altersdatierungen ergaben
ein Alter der Knochen zwischen 27.000 und 25.000 Jahren vor heute.
Ungewöhnliche Strukturen auf der Oberfläche entpuppten sich als
Schnittmarken und geben eindeutige Hinweise auf menschliche Aktivitäten.
Ausschließlich auf den Rippen finden sich zahlreiche solcher Einkerbungen
– verursacht von altsteinzeitlichen Jägern und Sammlern, die das Tier
zerlegten. Eine der Rippen wurde sogar als Schneidebrett verwendet. Ob das
Mammut von Menschen getötet wurde oder ob es bereits tot war, als diese
den Kadaver verarbeiteten, bleibt laut Erstautorin PD Dr. Kerstin Pasda,
Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universitä
Erlangen-Nürnberg (FAU), die die osteoarchäologischen Untersuchungen zu
den anthropogenen Einflüssen durchführte, unklar.
Pollenanalysen von Dr. Philipp Stojakowits an der Universität Augsburg
verraten den Forschenden viel über die Umgebung, in der das Mammut lebte
und starb. Sie zeigen eine krautige Tundra-artige Steppen-Vegetation mit
vereinzelten Zwergsträuchern. Die sogenannte Mammutsteppe war ein
gewaltiges baumloses Ökosystem in Eurasien, das während der Hochphase der
letzten Kaltzeit vor etwa 30.000 – 20.000 Jahren vor heute in Europa
zwischen dem skandinavischen Eisschild und den südlichen Gletschern der
Alpen lag. Seine nährstoffreichen Kräuter und Zwergsträucher ernährten
eine Vielzahl an großen Säugetieren, so auch das Taimeringer Mammut.
„Eine kleine Sensation ist unser Fund in vielerlei Hinsicht: Zum einen
sind Skelettfunde von Mammuten in unseren Breiten äußerst selten. Wir
kennen Funde hauptsächlich aus weiter östlich gelegenen Regionen
Eurasiens“, so PD Dr. Gertrud Rößner, Paläontologin an den Staatlichen
Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. „Zum anderen gibt es aus
dieser Hochphase der Kaltzeit nahezu keine Nachweise menschlicher
Aktivität aus dieser Region. Jäger- und Sammlergemeinschaften zogen sich
klimabedingt in Europa nach Süden und Osten zurück“ ergänzen die
Archäologieprofessoren Andreas Maier von der Universität zu Köln und
Thorsten Uthmeier von der FAU Erlangen-Nürnberg.
Beteiligte Institutionen
Insgesamt beteiligten sich 14 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
unterschiedlicher Fachdisziplinen an der Mammut-Studie, darunter
Forschende der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, der
Friedrich-Alexander-Universitä
Landesamts für Denkmalpflege, der Reiss-Engelhorn-Museen mit dem Curt-
Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim und der Universität Augsburg,
der LMU München sowie der Universitäten Köln und Bremen, ebenso wie das
Museum für Ur- und Ortsgeschichte in Bottrop.
