Hitze ist für Hochbetagte kein Komfortproblem
Räume verschatten, kalte Speisen wie Melone und Joghurt anbieten,
Kühlpacks oder feuchte Tücher nutzen – bei einer mehrtägigen Hitzewelle
reicht der gut gemeinte Rat „Trinken Sie mehr!“ nicht aus. So weist die
Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) darauf hin, dass hochbetagte und
gebrechliche Menschen jetzt besonders auf Unterstützung angewiesen sind,
weil sie viele Warnsignale ihres Körpers nicht rechtzeitig wahrnehmen.
„Junge Menschen merken: Jetzt brauche ich Schatten oder etwas zu trinken.
Viele hochbetagte Menschen denken dagegen nur: Mir geht es nicht gut – und
bleiben sitzen.“, weiß Filippo Verri vom Institut für Geriatrische
Forschung der Universität Ulm.
Angehörige, Nachbarn und Pflegekräfte müssen hier das Handeln übernehmen.
Denn: Mit zunehmendem Alter verändert sich die Reaktion des Körpers auf
hohe Temperaturen. Das Durstgefühl nimmt ab, Wärme wird schlechter über
die Haut abgegeben – weshalb es schneller zu einem Hitzschlag kommen kann.
Besonders gefährdet sind deshalb vor allem gebrechliche, pflegebedürftige
oder kognitiv eingeschränkte Menschen.
„Hitze ist kein Problem, das man einfach aussitzen kann“, sagt Prof.
Clemens Becker, Abteilungsleiter der Geriatrie und Leiter der Unit
Digitale Geriatrie am Geriatrischen Zentrum des Universitätsklinikums
Heidelberg. „Es kann für unsere Patienten lebenswichtig sein, dass andere
Menschen Veränderungen möglichst früh erkennen.“ Warnzeichen können
ungewohnte Schwäche, Schwindel, Verwirrtheit, starke Müdigkeit oder auch
Stürze sein. Becker empfiehlt deshalb bei gebrechlichen Menschen täglich
Körpergewicht, Blutdruck und Körpertemperatur zu kontrollieren. „Ein
Verlust von zwei Kilogramm Körpergewicht an einem Tag signalisiert einen
zu hohen Wasserverlust. Bei Austrocknung sinkt zudem der Blutdruck und die
Körpertemperatur sollte unter 38 Grad liegen“, so Becker. Dies alles seien
einfach zu kontrollierende Werte, die zeigen, dass der Körper mit der
Hitze nicht mehr zurechtkomme.
Jetzt pragmatisch handeln: Was sofort hilft
Kühle und schattige Aufenthaltsmöglichkeiten finden, einen Ventilator oder
Fächer organisieren und in den kühleren Morgen- und Abendstunden gut
lüften – das macht einen großen Unterschied. „Auch ein in ein Handtuch
gewickeltes Kühlpack im Nacken kann zusätzlich entlasten“, zählt Filippo
Verri auf. „Vor allem aber brauchen viele ältere Menschen jemanden, der
nach ihnen sieht. Ein kurzer Besuch oder ein Anruf können entscheidend
sein. Viele bitten nicht von sich aus um Hilfe.“
Kühlinseln in der Umgebung ausweisen
Der Altersmediziner und -wissenschaftler hat auch im Nachbarland
Frankreich bereits gute und einfache Ideen gefunden, die zum Nachahmen
einladen: „Supermärkte, Einkaufszentren oder Museen sind häufig
klimatisiert. In französischen Städten wie Lyon oder Nantes werden deshalb
Museen während Hitzewarnungen kostenlos geöffnet, damit Menschen dort
Schutz vor Hitze finden“, so Verri. „Diese îlots de fraîcheur, also kühle
Orte im Quartier, sind auf digitalen Karten oder eigenen Apps ausgewiesen.
„Dafür muss man nicht neu bauen, sondern nutzt bestehende Infrastruktur.
Wir sollten deshalb unbedingt auch vorhandene kühle Räume systematisch
erfassen und dann niedrigschwellig zugänglich machen“, fordert Verri.
„Hier können dann vor allem ältere Menschen eine medizinisch indizierte
Pause einlegen.“
Bei schwer pflegebedürftigen Menschen stoßen allgemeine Empfehlungen
allerdings an ihre Grenzen. „Wer mit Pflegegrad fünf in einem Zimmer mit
mehr als 34 Grad lebt, braucht mehr“, mahnt Dr. Clemens Becker. Dann müsse
geprüft werden, wie sich die Situation entschärfen lasse, so der erfahrene
Altersmediziner – beispielsweise durch eine Verlegung in eine
Kurzzeitpflege mit klimatisierten Räumen. Auch müsse es dann manchmal eine
Infusion statt eines Glases Wasser sein, um dem Körper schneller mehr
Flüssigkeit zuzuführen.
Die nächste Hitzewelle kommt bestimmt
„Die aktuelle Hitzewelle wird vorübergehen. Die Aufgabe, hochbetagte
Menschen besser vor Hitze zu schützen, bleibt“, fasst deshalb DGG-
Präsident Prof. Michael Denkinger zusammen. „Natürlich brauchen wir
langfristig Gebäude, die besser vor Hitze schützen. Die Menschen, die
heute in aufgeheizten Wohnungen oder Pflegeeinrichtungen leben, können
darauf aber nicht warten.“
Pragmatische Sofortmaßnahmen und langfristige Lösungen seien dabei keine
Gegensätze, sondern gehörten zusammen, so der Chefarzt und Ärztliche
Direktor der Agaplesion Bethesda Klinik Ulm. „Wir dürfen uns nicht darauf
verlassen, dass Angehörige oder engagierte Nachbarn diese Aufgabe
dauerhaft allein schultern!“
„Die ältesten und verletzlichsten Mitglieder unserer Gesellschaft“, betont
der DGG-Präsident, „haben Anspruch auf einen verlässlichen Hitzeschutz –
heute durch pragmatische Hilfe und morgen durch Strukturen, die den Folgen
zunehmender Hitzewellen gerecht werden.“
