Zum Hauptinhalt springen

Ultraschall gegen Zittern: Moderne Therapie kann Tremor lindern – ganz ohne Hautschnitt

Pin It

Ein Glas Wasser zum Mund führen, eine Nachricht auf dem Smartphone
schreiben oder die eigene Unterschrift leisten: Was für die meisten
Menschen selbstverständlich ist, wird für Menschen mit starkem Tremor oft
zur täglichen Herausforderung. Viele Betroffene wissen jedoch nicht, dass
Ultraschall heute nicht nur zur Diagnostik eingesetzt wird, sondern auch
zur Behandlung neurologischer Erkrankungen. Mit dem MR-gesteuerten
fokussierten Ultraschall (MRgFUS) steht ausgewählten Patientinnen und
Patienten mit schwerem Tremor eine moderne Therapieoption zur Verfügung,
die ohne Hautschnitt und ohne Implantate auskommt. Darauf weist die
Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. hin.

„Die meisten Menschen verbinden Ultraschall mit Untersuchungen in der
Schwangerschaft oder mit der Diagnostik von Organen. Tatsächlich können
wir Ultraschall heute aber auch therapeutisch einsetzen – sogar am
Gehirn“, erklärt DEGUM-Experte Professor Dr. med. Lars Wojtecki von der
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Mehr als 1.000 Ultraschallquellen
in einem Helm arbeiten dabei wie ein Brennglas: Jede einzelne für sich ist
harmlos, gemeinsam bündeln sie ihre Energie auf einen winzigen Zielpunkt
im Gehirn. Die Therapie erfolgt unter permanenter Kontrolle mittels
Magnetresonanztomografie (MRT). „Beim Tremor liegt dieses Zielgebiet meist
im sogenannten Thalamus, einer zentralen Schaltstelle für
Bewegungsabläufe. Durch eine gezielte Erwärmung können die krankhaft
veränderten Nervenstrukturen, die das Zittern verursachen, dauerhaft
verödet werden“, erläutert der Neurologe.

Wirkung oft schon während der Behandlung sichtbar
Besonders bemerkenswert sei, dass die Wirkung häufig bereits während der
Behandlung beobachtet werden könne. „Oft sehen wir schon während der
Testbeschallungen eine deutliche Verringerung des Zitterns“, berichtet der
Neurologe. Gleichzeitig lasse sich unmittelbar überprüfen, ob
Nebenwirkungen auftreten. „Die MRT ermöglicht es uns, Zielgenauigkeit und
Temperatur während der Behandlung in Echtzeit zu kontrollieren. Dadurch
können wir die Therapie Schritt für Schritt steuern und ihre Wirkung
direkt überprüfen“, so Wojtecki.

Die Methode kommt vor allem bei Menschen mit essenziellem Tremor zum
Einsatz, wenn Medikamente die Beschwerden nicht ausreichend lindern. Auch
bei bestimmten Symptomen der Parkinson-Erkrankung kann die Therapie
infrage kommen. Besonders geeignet seien Patientinnen und Patienten mit
einem stark ausgeprägten Tremor einer Körperseite, der die
Selbstständigkeit im Alltag erheblich beeinträchtigt. „Die Betroffene
können nach der Behandlung wieder besser schreiben, essen, trinken oder
feinmotorische Tätigkeiten ausführen“, sagt Wojtecki. Häufig verbessere
sich dadurch auch die soziale Teilhabe, da sichtbares Zittern von vielen
Betroffenen als belastend empfunden werde. Die Grunderkrankung selbst
werde durch die Behandlung jedoch nicht geheilt.

Alternative zum Hirnschrittmacher
Bislang gilt die Tiefe Hirnstimulation (THS), bei der Elektroden in
bestimmte Hirnregionen eingesetzt und mit einem sogenannten
Hirnschrittmacher verbunden werden, als etablierte Therapie bei schwerem
Tremor. „Der große Vorteil von MRgFUS besteht darin, dass weder Elektroden
noch ein Hirnschrittmacher implantiert werden müssen“, erklärt Wojtecki.
Allerdings sei die Ultraschalltherapie im Gegensatz zur Tiefen
Hirnstimulation nach der Behandlung nicht mehr reversibel oder
nachträglich über den Schrittmacher programmierbar. Studien zeigen, dass
die Tremorverbesserung durch MRgFUS häufig über viele Jahre anhält.
Dennoch kann das Zittern im weiteren Verlauf wieder zunehmen. Welche
Methode im Einzelfall die bessere Wahl sei, müsse daher sorgfältig geprüft
werden.

Nicht jeder Tremor eignet sich für die Ultraschalltherapie
Die DEGUM betont, dass die Behandlung nicht für alle Patientinnen und
Patienten geeignet ist. Vor einer Therapie müssen die genaue Diagnose, die
Ausprägung der Beschwerden, mögliche Begleiterkrankungen sowie
individuelle anatomische Voraussetzungen sorgfältig geprüft werden. Auch
wenn das Verfahren als schonend gilt, können Nebenwirkungen auftreten.
Dazu zählen unter anderem vorübergehende Taubheitsgefühle, Kribbeln,
Gangunsicherheit, Gleichgewichtsstörungen oder Koordinationsprobleme. In
seltenen Fällen können Beschwerden auch länger bestehen bleiben. „Deshalb
ist eine sorgfältige Auswahl der Patientinnen und Patienten entscheidend“,
so Wojtecki.

Ultraschallmedizin eröffnet neue therapeutische Möglichkeiten
Für die DEGUM zeigt die Entwicklung eindrucksvoll, wie sich die
Ultraschallmedizin verändert. „MRgFUS ist ein Beispiel dafür, dass
Ultraschall längst nicht mehr nur ein diagnostisches Verfahren ist“,
betont Wojtecki. „Die Technologie eröffnet neue Möglichkeiten für präzise
und schonende Therapien und wird künftig voraussichtlich auch bei weiteren
neurologischen Erkrankungen eine zunehmende Rolle spielen.“ Derzeit wird
die Methode vor allem bei essenziellem Tremor und Parkinson-Tremor
eingesetzt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen darüber
hinaus, ob fokussierter Ultraschall künftig vermehrt auch bei weiteren
Parkinson-Symptomen, chronischen Schmerzsyndromen sowie Tumoren und
Alzheimer eingesetzt werden kann. Die Therapie wird derzeit in
spezialisierten Zentren angeboten, unter anderem am Sana Klinikum
Duisburg, wo auch Prof. Dr. Lars Wojtecki das MRgFUS-Projekt in
Forschungskooperation mit der Universität Düsseldorf koordiniert.