Nach Sepsis zurück ins Leben: Tag der Intensivmedizin 2026 setzt Zeichen für eine moderne Intensivmedizin
Moderne Intensivmedizin rettet immer mehr Menschen das Leben.
Doch für viele Patientinnen und Patienten beginnt nach der überstandenen
Akutphase ein langer Weg zurück in den Alltag. Anlässlich des Tags der
Intensivmedizin lenkt die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und
Intensivmedizin e.V. (DGAI) den Blick auf die Herausforderungen, die
Betroffene nach einer lebensbedrohlichen Erkrankung bewältigen müssen.
Dabei geht es um die Rolle von Angehörigen, den Bedarf an psychologischer
Unterstützung sowie die Frage, wie Intensivmedizin künftig noch stärker an
den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten ausgerichtet werden kann.
„Intensivstation bedeutet nicht Endstation. Für viele Menschen ist sie der
Beginn ihres Weges zurück ins Leben“, sagt Prof. Dr. Gernot Marx,
Präsident der DGAI und Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin
und Intermediate Care am Universitätsklinikum Aachen. „Deshalb müssen wir
die Perspektive der Patientinnen und Patienten stärker in den Mittelpunkt
rücken. Die Frage ist nicht nur, was medizinisch möglich ist, sondern was
den Betroffenen wirklich hilft.“
Diese Frage stand auch im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion „Zurück ins
Leben – Perspektiven der Intensivmedizin“, die die DGAI anlässlich des
Tags der Intensivmedizin gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus
Intensivmedizin, Pflege und Psychologie sowie der Sepsis-Überlebenden
Cornelia Sichermann und ihrem Ehemann Andreas veranstaltete. Die
Diskussion ist Teil der Kampagne „Zurück ins Leben“, einer gemeinsamen
Initiative von DGAI und Berufsverband Deutscher Anästhesistinnen und
Anästhesisten e.V. (BDA).
Dabei berührte das Schicksal von Cornelia Sichermann auch die Fachleute.
Eindrucksvoll schilderte die Mittelfränkin, die 2022 eine Sepsis überlebte
und heute Vorstandsmitglied der Deutschen Sepsishilfe e.V. ist, ihre Zeit
auf der Intensivstation und die tiefgreifenden Folgen der Erkrankung. Die
Sepsis kostete sie nicht nur einen Arm und ein Bein, sondern hinterließ
auch schwere Schäden an der verbliebenen Hand, dem Fuß und der Bauchdecke.
Gemeinsam mit ihrem Ehemann Andreas berichtete sie von existenziellen
Entscheidungen, Ängsten und Hoffnungen – aber auch von der Unterstützung,
die ihr auf dem Weg zurück ins Leben Kraft gegeben hat.
Heute nutzt Cornelia Sichermann ihre Erfahrungen, um über die Gefahren
einer Sepsis aufzuklären. „Bei Herzinfarkt und Schlaganfall kennen viele
Menschen die Warnzeichen. Bei Sepsis ist das oft nicht der Fall – dabei
ist sie die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Das muss sich
ändern“, erklärt sie.
Das fordern auch Intensivmedizinerinnen und -mediziner. „Wir erkennen
septische Patienten leider oft noch viel zu spät“, erklärt Prof. Dr.
Thorsten Brenner, Sprecher der Sektion Intensivmedizin und des
Arbeitskreises Intensivmedizin der DGAI sowie Direktor der Klinik für
Anästhesiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Essen.
Warnzeichen müssten deshalb stärker im Bewusstsein der Bevölkerung sowie
in Aus-, Fort- und Weiterbildung verankert werden. Hoffnung setzt die DGAI
zudem auf neue digitale Verfahren. „Es gibt bereits Algorithmen, die auf
Basis von Standardparametern frühzeitig auf eine drohende Sepsis hinweisen
können – teilweise zehn bis zwölf Stunden, bevor klinische Zeichen
auftreten“, sagt DGAI-Präsident Marx. „Wenn wir diese Technologien in die
Routineversorgung überführen, können wir viele Leben retten.“
Doch für die DGAI endet gute Intensivmedizin nicht mit der erfolgreichen
Behandlung einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Im Mittelpunkt der
Diskussion stand deshalb auch die Frage, was Patientinnen und Patienten
auf ihrem Weg zurück ins Leben unterstützt. Dabei rückt die Bedeutung von
Angehörigen immer deutlicher in den Fokus. Längst werden sie nicht mehr
nur als „Besucher“ wahrgenommen.
„Früher hat man der Rolle von Angehörigen in der Behandlung deutlich
weniger Bedeutung beigemessen. Heute wissen wir, wie wichtig die
Interaktion zwischen Patienten und ihren Angehörigen für die Genesung
ist“, sagt Prof. Dr. Hendrik Bracht, stellvertretender Klinikdirektor der
Universitätsklinik für Anästhesiologie, Intensiv-, Notfall-,
Transfusionsmedizin und Schmerztherapie am Evangelischen Klinikum Bethel
sowie 2. Sprecher des Arbeitskreises Intensivmedizin der DGAI.
Wie wertvoll diese Unterstützung sein kann, erlebt Intensivpflegekraft
Michael Steinel, Gesundheits- und Krankenpfleger auf der
anästhesiologischen Intensivstation des Universitätsklinikums Würzburg,
regelmäßig im Klinikalltag. „Das therapeutische Team besteht nicht nur aus
Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften und Krankenhausmitarbeitenden, sondern
auch aus Angehörigen“, berichtet er und erklärt: „Vertraute Menschen geben
Orientierung, Sicherheit und können die Genesung entscheidend
unterstützen.“
Ebenso wichtig sei die psychologische Begleitung von Patientinnen,
Patienten und deren Angehörigen. Für Familien bedeute ein
Intensivaufenthalt eine Ausnahmesituation voller Angst, Unsicherheit und
Kontrollverlust. „Das ist maximal überfordernd“ macht Dr. Susanne Buld,
Leiterin des psychologischen Teams der Intensivstationen am
Universitätsklinikum Würzburg, deutlich. Gerade dann brauchen Menschen
Unterstützung dabei, das Unfassbare zu begreifen, Orientierung zu finden
und die nächsten Schritte bewältigen zu können.“
Aus demselben Grund sei aber auch psychologische Unterstützung von großer
Bedeutung. „Psychologische Betreuung von Intensivpatientinnen und
-patienten ergänzt die medizinische Behandlung durch die
nichtmedikamentöse Linderung von Angst, Stress und Schmerzen und hilft
dabei, die Ausnahmesituation zu verarbeiten – sowohl den Patientinnen und
Patienten, als auch den Angehörigen“, so Buld. Aus Sicht der Expertin ist
es deshalb nicht nachvollziehbar, dass entsprechende Angebote bislang
vielerorts fehlen. „Wir brauchen die Unterstützung der Entscheidungsträger
im Gesundheitswesen, um die Finanzierung sicherzustellen, damit
Psychologinnen und Psychologen überall Teil des behandelnden Teams sein
dürfen.“
Für die Intensivstation der Zukunft bedeutet das aus Sicht der DGAI,
medizinische Spitzenversorgung noch stärker mit menschlicher Zuwendung zu
verbinden. Neben technischen Innovationen gewinnen die Einbindung von
Angehörigen, psychologische Unterstützung und eine stärkere Orientierung
an den Bedürfnissen von Patientinnen und Patienten zunehmend an Bedeutung.
„Wir reden oft über Technik und Innovationen. Entscheidend ist aber, dass
diese Innovationen bei den Patientinnen und Patienten ankommen“, betont
Marx. Die Diskussion habe gezeigt, dass moderne Intensivmedizin weit mehr
sei als reine Apparatemedizin. „Der Weg zurück ins Leben beginnt nicht
erst nach der Entlassung aus dem Krankenhaus, sondern bereits auf der
Intensivstation.“
Die komplette Podiumsdiskussion zum Tag der Intensivmedizin ist auf dem
YouTube-Kanal der DGAI verfügbar:
https://www.youtube.com/watch?
Originalpublikation:
https://www.dgai.de/aktuelles-
projekte/pressemitteilungen/31
intensivmedizin-2026-setzt-zei
