Zwischen Ideal und Alltag: Warum Paartherapie nachweislich wirkt – aber keine Laborstudie ist
Ein dichtes Beratungsnetz und messbare Erfolge – und doch bleibt die
Paartherapie in der Realität hinter den Idealwerten klinischer Studien
zurück. Eine neue Studienreihe aus Deutschland und der Schweiz untersucht
das Phänomen der Wirksamkeitslücke.
Die Hilfe wäre da. Wer in Deutschland oder der Schweiz an seiner Beziehung
verzweifelt, fällt in ein dichtes, oft sogar kostenloses Netz aus
kirchlichen Beratungsstellen und Privatpraxen. Im internationalen
Vergleich ist diese Infrastruktur Luxus.
Was genau hinter den verschlossenen Türen der Therapieräume passiert, war
hierzulande trotzdem lange eine Blackbox. Der Psychologe und
Psychotherapeut Prof. Christian Roesler von der Katholischen Hochschule
Freiburg hat sie mit einer Reihe von vier unabhängigen Praxisstudien
geöffnet.
Seine Bilanz rüttelt an einem Dogma der Therapiewelt: „Unsere Ergebnisse
zeigen, dass Paartherapie im realen Versorgungssystem wirksam ist, aber
ihre Wirkung im Alltag durch die Lebensrealität der Paare begrenzt wird.“
Magerkost: 15 Stunden für die Liebe
Das Problem beginnt lange vor dem ersten Termin. Eigentlich ist die
Sehnsucht groß: Eine langfristige, feste Partnerschaft gilt der jüngeren
Generation nach wie vor als eines der wichtigsten Lebensziele überhaupt.
Doch die Heiratsquoten sinken rasant – oft aus der diffusen Befürchtung
heraus, den gigantischen Ansprüchen einer modernen Ehe ohnehin nicht
gerecht werden zu können.
Viele Paare jagen einem unreflektierten, hochromantischen Ideal hinterher
und landen unvorbereitet in der ersten harten Krise. Dazu kommt ein
banales, aber erdrückendes Zeitproblem: Die Paare in den Studien
verbrachten im Schnitt gerade einmal 15 bis 17 Stunden Freizeit pro Woche
miteinander.
Zum Vergleich: In der glücklichen Allgemeinbevölkerung liegt dieser Wert
mit über 32 Stunden exakt doppelt so hoch.
Man verliert sich schlicht zwischen Job und Alltag.
„Besonders entscheidend ist, dass viele Paare erst sehr spät in die
Beratung kommen, wenn sich Konflikte bereits über Jahre verfestigt haben
und die Beziehung stark belastet ist“, erklärt Roesler.
Genau an dieser entscheidenden Schnittstelle hat der Freiburger Forscher
praxisnahe Konsequenzen aus seinen Erkenntnissen gezogen: Um Paare zu
erreichen, bevor das Fundament Risse bekommt, hat Roesler wissenschaftlich
an der Entwicklung des Lotsenportals (www.lotsenportal.de) mitgewirkt.
Die Plattform bietet einen fundierten, kostenfreien Fragebogen, mit dem
Paare ihre Beziehungsqualität frühzeitig und anonym selbst einschätzen
können, um bei Bedarf gezielt zu passenden Unterstützungsangeboten gelotst
zu werden. Denn wer zu lange wartet, macht den zerrütteten Küchentisch
irgendwann zum Fall für das Gesundheitssystem.
Das Risiko, nach einer Trennung an einer Depression zu erkranken, schnellt
statistisch um 188 Prozent in die Höhe. Der geschätzte
volkswirtschaftliche Schaden allein für Deutschland: rund 28 Milliarden
Euro jährlich.
Das Labor versus die Realität
Wer es endlich in den Therapieraum schafft, bringt meist eine
Partnerschaft im Endstadium mit. Die Messungen bei Therapiebeginn zeigen
eine Beziehungsunzufriedenheit weit jenseits der Norm.
Bisher sonnte sich die Zunft vor allem im Glanz kontrollierter,
randomisierter Studien (RCTs). Unter diesen künstlich optimierten
Laborbedingungen, mit handverlesenen Klienten und strengen Manualen,
erzielt Paartherapie hervorragende Effektstärken von d = 0,8.
Doch Roeslers Auswertung der realen Praxislandschaft (von
Tiefenpsychologie über Systemische Therapie bis hin zu
emotionsfokussierten Ansätzen) holt die Theorie auf den Boden der
Tatsachen zurück. Im echten Leben bewegen sich die Effektstärken bei d =
0,36 bis 0,44. Die Therapie hilft, aber eben unter anderen Bedingungen als
im Labor.
Gleichzeitig zeigen die Daten, dass weniger als 40 Prozent der Paare eine
deutlich verbesserte Beziehungssituation erreichen. „Wir sehen über alle
Studien hinweg, dass etwa die Hälfte der Paare die Therapie vorzeitig
beendet. Das beeinflusst die Ergebnisse erheblich und gehört zur Realität
der Versorgung“, so Roesler.
In der Praxis muss ein vorzeitiger Abbruch zwar nicht immer ein Scheitern
sein – oft gehen die Paare einfach nach Hause, weil das akuteste Problem
gelöst ist, für die langfristige Erfolgsstatistik der Forscher ist es
dennoch ein Dämpfer.
Der Grund für die Zahlen liegt in der Härte des Alltags. Im Gegensatz zu
den glatten Teilnehmerlisten der Laborstudien bringen reale Klienten
handfeste Krisen, tiefe Trennungsambivalenzen und chronisch unsichere
Bindungsmuster mit. Fast die Hälfte der deutschen Klienten hat zudem
bereits eine eigene, individuelle Paartherapie hinter sich.
Neue Wege in der Praxis
Versagen die etablierten Angebote also? Nein. Die Studien belegen, dass
Paartherapie über alle vier Settings hinweg signifikant wirkt. Sie stößt
lediglich an eine empirische Obergrenze, die man ganz ähnlich auch aus der
Einzeltherapie kennt. Bemerkenswert ist dabei ein Nebeneffekt der Daten:
Fast die Hälfte der Menschen, die Hilfe bei den kirchlichen
Beratungsstellen suchten, sind konfessionslos. Das Vertrauen in die
Professionalität der Institutionen ist vom Glauben entkoppelt.
Um die Wirksamkeit im Alltag weiter zu stärken, lenkt die Studienreihe den
Blick auf die Emotionsfokussierte Paartherapie (EFT). Weil diese Methode
im internationalen Vergleich stabilere Raten erzielt, indem sie an den
tiefen Bindungsängsten statt an reinen Kommunikationstipps ansetzt, soll
sie im deutschsprachigen Raum intensiver genutzt und erforscht werden.
Mehr Sitzungsstunden oder Ratschläge vom Reißbrett helfen nicht weiter.
„Entscheidend ist am Ende weniger die Frage, ob Paartherapie wirkt,
sondern unter welchen Bedingungen sie wirkt – und wie wir Paare früher
erreichen können“, fasst Roesler zusammen.
