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Studie der Universität Passau: Künstliche Intelligenz überzeugt in politischen Debatten

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Technologien der generativen künstlichen Intelligenz (KI) haben das
Potenzial, politische Debatten maßgeblich zu beeinflussen. Das legt eine
neue Studie von Forschenden der Universität Passau nahe.

Ein interdisziplinäres Team um Steffen Herbold, Professor für AI
Engineering, und Annette Hautli-Janisz, Professorin für Computational
Rhetoric and Natural Language Processing, hat untersucht, wer bei
politischen Fragen aus der Gesellschaft die authentischeren und
relevanteren Antworten liefert: der Mensch oder die Maschine. Basis
hierfür ist die britische Talkshow Question Time der BBC, eine der
meistgesehen politischen Talkshows in Großbritannien. Auf dem Podium
sitzen mehrere Gäste aus Gesellschaft und Politik. Die Fragen stellt das
Publikum. Das Format lebt von seinem Live-Charakter, das heißt, es
verlangt rhetorisches Geschick und Schlagfertigkeit.

„Ausgangspunkt unserer Studie war die Tatsache, dass wir beobachtet haben,
dass Sprachmodelle immer besser darin geworden sind, einen vorgegebenen
Stil zu imitieren“, erklärt Prof. Dr. Herbold. So kann die generative KI
inzwischen sprachlichen Stil und politische Parteilichkeit vortäuschen.
„Sprachmodelle sind damit in der Lage, gezielte politische Kommunikation
zu generieren und damit die öffentliche Meinung zu beeinflussen“, sagt der
Informatiker.

Kern der Studie: Authentizität der Antworten

Das Passauer Team wollte wissen: Wie täuschend echt ist diese
Kommunikation? Kann sie Menschen überzeugen? Um das zu testen, haben die
Forschenden einen Datensatz aus verschriftlichten Fragen und Antworten von
30 Sendungen aus der Zeit von 2020 bis 2022 ausgewertet und daraus 119
Fragen mit mehr als 500 Antworten extrahiert. Das Sprachmodell ChatGPT 4
Turbo sollte dieselben Fragen beantworten, mit der Vorgabe, dass die
Maschine den sprachlichen Stil der Gäste in einer öffentlichen Debatte
imitieren sollte. „Das betrifft das Kriterium der Authentizität, also den
Kern unserer Studie. Gemeint ist die Frage, ob eine Antwort wirklich so in
einer Live-Situation gefallen sein könnte“, erklärt Ko-Autorin Prof. Dr.
Hautli-Janisz.

Die einzelnen Antworten der KI und die der Gäste hat das Forschungsteam in
einer repräsentativen Studie insgesamt 948 britischen Bürgerinnen und
Bürgern zur Bewertung vorgelegt. Die Teilnehmenden wussten nichts vom
Einsatz von KI. Einigen Befragten wurde eine echte, anderen eine
maschinell generierte Antwort präsentiert. Wieder andere sollten die
maschinelle und die echte Antwort vergleichen oder die Antwort einem
prominenten Sprecher zuordnen.

Die Ergebnisse im Überblick:

- Die Befragten stuften die imitierten Antworten des Sprachmodells
überwiegend als authentischer, schlüssiger und relevanter als die
menschlichen Antworten ein.
- Die von der KI imitierten Antworten lösten bei den Bürgerinnen und
Bürgern keinen „Uncanny-Valley“-Effekt aus. Gemeint ist damit, dass
Roboter, deren Eigenschaften denen von Menschen sehr ähnlich sind, nicht
mehr akzeptiert werden und eher einen negativen Effekt auf den Menschen
zeigen.
- Mehr als die Hälfte der Antworten der Maschine wichen inhaltlich von den
Originalantworten ab. Die Befragten stuften die maschinell generierten
Antworten dennoch als authentisch ein.
- Die von der KI imitierten Antworten unterschieden sich von den
Originalen im Sprachgebrauch. Die KI arbeitete mit mehr Nominalisierungen
und einem größeren Wortschatz. Zudem fand sich der Wortlaut der Frage
meist auch in den Antworten wieder, anders als bei den Originalantworten.
Letztere wiederum enthielten mehr sogenannte epistemische Marker wie „Ich
denke“.

Warnung vor möglichen Folgen

„Problematisch ist insbesondere, dass Antworten, die inhaltlich abweichen,
als authentisch eingestuft werden. Denn dann sind wir mit der Situation
konfrontiert, dass die KI-Technologie zur gezielten Fehlinformation über
den Standpunkt des Sprechers eingesetzt werden kann“, erklärt Prof. Dr.
Hautli-Janisz. „Unsere Studie zeigt zweierlei: Sprachmodelle können dazu
gebracht werden, einen sinnvollen Beitrag zu öffentlichen Debatten zu
leisten. Es ist aber dringend notwendig, die Öffentlichkeit über den
potenziellen Schaden aufzuklären, den dies für die Gesellschaft haben
kann“, sagt Prof. Dr. Herbold. Ein unregulierter Einsatz von KI-
Technologien in der politischen Kommunikation könnte verheerende Folgen
haben.

Öffentliche Wahrnehmung

Die Forschenden befragten die Teilnehmenden auch nach ihrer Haltung zum
Einsatz von generativer KI in öffentlichen Debatten. Die Mehrheit gab an,
mit Technologien wie großen Sprachmodellen vertraut zu sein, befürwortete
auch deren Einsatz, zweifelte allerdings an deren Nutzen in öffentlichen
Debatten. Bei der Frage nach Regulierung gab es ein gemischtes
Meinungsbild. Die Forschenden wollten wissen, ob sich daran etwas ändert,
wenn die Befragten von den maschinell generierten Antworten in dem
Experiment erfahren. Bei der Mehrheit änderte sich nichts. Doch mit Blick
auf die Transparenz zeigte sich eine klare Tendenz: Mehr als 85 Prozent
der Teilnehmenden forderten, dass der Einsatz von KI-Technologien
offengelegt werden müsse und dass darüber informiert werden müsse, wie
diese Technologien entwickelt werden.

Die Studie mit dem Titel “LLM-impersonated debate contributions are more
authentic, relevant and coherent than their original: A representative
study using BBC1’s Question Time“ ist in dem Journal PLOS One erschienen.
Es handelt sich dabei um eine internationale, multidisziplinäre Online-
Fachzeitschrift der Public Library of Science (PLOS).

Über das Autoren-Team

Prof. Dr. Steffen Herbold ist Inhaber des Lehrstuhls für AI Engineering an
der Universität Passau. In seiner Forschung untersucht er schwerpunktmäßig
die Qualität von KI-Modellen. Für die Studie setzte er gemeinsam mit
seinem Mitarbeiter Dr. Alexander Trautsch die statistische Auswertung und
eine Plattform für die Datenerhebung auf. Zusammen mit Prof. Dr. Hautli-
Janisz modellierte er das Studiendesign.

Annette Hautli-Janisz ist Juniorprofessorin für Computational Rhetoric und
Natural Language Processing. Sie interessiert sich in ihrer Forschung
dafür, wie sich die Argumentation der KI-gestützten Sprachmodelle
entwickelt. In die Studie brachte sie neben der computerlinguistischen
Analyse die Idee ein, den bereits vorhandenen Datensatz QT30 für die
Studie zu nutzen. Es handelt sich dabei um den größten Datensatz zu
politischen Debattensendungen und umfasst insgesamt 30 Episoden der
britischen Talkshow „Question Time“ (QT). Gemeinsam mit ihrer Doktorandin
Zlata Kikteva analysierte sie die echten und maschinell generierten
Antworten aus linguistischer Perspektive.