Energieeffizienz-Index: Bedeutung von Energieeffizienz sinkt in Industrieunternehmen trotz steigender Investitionen
Der aktuelle Energieeffizienz-Index der Universität Stuttgart zeigt:
Industrieunternehmen investieren vor allem in Energieeffizienz, um Kosten
und Emissionen zu senken und um gesetzliche Vorgaben zu erfüllen. Das
Energieeffizienzgesetz bleibt ein wichtiger Treiber für ihre Maßnahmen.
Das Institut für Energieeffizienz in der Produktion (EEP) der Universität
Stuttgart hat die Ergebnisse der Sommererhebung 2026 des Energieeffizienz-
Index der deutschen Industrie (EEI) veröffentlicht. „Der Trend der
Teilindizes zeigt, dass in der aktuellen Situation Industrieunternehmen
Investitionen in Energieeffizienz-Maßnahmen als Mittel zum Zweck der
Kosten- und Emissionssenkung sehen. Sie stufen Energieeffizienz
überwiegend als gleichbedeutend mit anderen Themen wie zum Beispiel der
Produktentwicklung ein“, sagt EEP-Institutsleiter Professor Alexander
Sauer.
Anteilige Investitionen steigen weiter – Relative Bedeutung sinkt erneut
Im Rahmen des EEI hat das Institut die Industrieunternehmen zu den
anteiligen Investitionen in Energieeffizi-enz-Maßnahmen befragt. Der
Investitionsindex (EII) ist seit der Energiekrise erstmals zum dritten Mal
in Folge gestiegen. Der Bedeutungsindex (EBI), also die relative
Bedeutung, die Unternehmen dem Thema Energieeffi-zienz beimessen, erreicht
hingegen beinahe den historischen Tiefstand der Sommerhebung 2024. Anders
als bei der Wintererhebung 2025 messen nun ausschließlich Großunternehmen
Energieeffizienz einen höheren Stellenwert im Vergleich zu anderen Themen
im Betrieb bei, wie zum Beispiel der Qualitätssicherung.
Verbrauchskontrolle, Kostensenkung und Energieeffizienzgesetz sind
Haupttreiber
Dies zeigt, dass die Betriebe nun weniger intrinsisch motiviert sind,
Maßnahmen für mehr Energieeffizienz zu ergreifen. Sie sehen
Energieeffizienz vermehrt als Mittel zum Zweck. Haupttreiber für die
Einrichtung eines Energiemanagementsystems sind dabei ökonomische und
betriebliche Aspekte, wie die Optimierung und Kon-trolle des eigenen
Energieverbrauchs (71 %) sowie die Senkung von CO2-Emissionen (70 %).
Direkt dahinter rangieren mit 58 % gesetzliche Anforderungen als Grund,
aus dem sich Unternehmen mit Energieeffizienz-Bemühungen
auseinandersetzen.
Das aktuelle Energieeffizienzgesetz (EnEfG) trat im November 2023 in
Kraft. Je nach Schwellenwert des jährlichen durchschnittlichen
Gesamtendenergieverbrauchs werden Industrieunternehmen zu
unterschiedlichen Maßnahmen verpflichtet. Bei einem Endenergieverbrauch
von mehr als 2,5 GWh müssen Betriebe Umsetzungspläne von
Endenergieeinsparmaßnahmen erstellen und veröffentlichen. Ab einem
Energieverbrauch von 7,5 GWh sind sie zur Einrichtung eines zertifizierten
Energie- oder Umweltmanagementsystems verpflichtet.
Mit der voraussichtlichen Novellierung des EnEfG sollen sich diese
Schwellenwerte von 2,5 auf 2,77 GWh und von 7,5 auf 23,6 GWh verschieben.
Die Erhebung zeigt, dass durch die Verschiebung nur noch etwa die Hälfte
der befragten Industrieunternehmen zur Einrichtung eines zertifizierten
Energie- und Umweltmanagementsystems herangezogen werden würden.
Der aktuelle Index zeigt auch, dass derzeit 55 % der befragten Unternehmen
ein solches System betreiben. Die Betriebe haben zudem ihre eigenen
Kapazitäten und Kompetenzen ausgeweitet, so dass sie seltener auf eine
externe Unterstützung für die Planung und Einrichtung eines Energie- oder
Umweltmanagementsystems zurückgreifen müssen.
Unternehmen kennen Potenziale und reagieren mit unterschiedlichen
Technologien
Die Auswirkungen der sich ändernden Schwellenwerte durch die mögliche
Gesetzesnovellierung zeigen sich deutlicher beim Thema Abwärme. Das
aktuelle EnEfG verpflichtet Industrieunternehmen ab 2,5 GWh Maßnahmen zur
Vermeidung und Nutzung von Abwärme zu ergreifen. 89 % der befragten
Betriebe kennen bereits ihr Potenzial für solche Maßnahmen. Im Zuge der
Novellierung soll dies nur noch Betriebe betreffen, die eine
Industrieanlage mit einem durchschnittlichen Gesamtenergieinput von mehr
als 8 MWh pro Stunde planen oder die erheblich modernisieren möchten.
Dies hätte zur Folge, dass nur noch 5 % statt 51 % der befragten
Unternehmen Maßnahmen umsetzen müssten. Aktuell sollen
Industrieunternehmen Abwärme vermeiden oder nutzen. Mit der Novellierung
würde nur noch die technisch vermeidbare Abwärme betrachtet werden und
Betriebe müssten hierfür eine Kosten-Nutzen-Analyse durchführen (12 statt
zuvor 32 % im Winter 2023).
Insgesamt begegnen die befragten Unternehmen dem Thema Abwärme mit
unterschiedlichen Technologien. Für mehr als 70 % der befragten Betriebe
haben sich die Wärmerückgewinnung, Dämmung und Isolierung bewährt.
Ungefähr ein Drittel der Unternehmen setzt entweder Wärmepumpen,
Absorptionskältemaschinen oder Kraft-Wärme-Kopplung ein.
Energieeffizienzgesetz bleibt einer der wichtigsten Treiber
Auf Basis des geltenden EnEfG scheinen sich die Unternehmen also
systematisch mit den Themen Abwärme sowie Energie- und Umweltmanagement
auseinanderzusetzen. Der Anteil der Investitionen in Energieeffizienz-
Maßnahmen bezogen auf die Gesamtinvestionen steigt. Mit Blick auf die
Amortisierung dieser Investitionen zeigt sich aber ein neuer Trend.
Aktuell bevorzugen Unternehmen für Investitionen eine durchschnittliche
Amortisationsdauer von maximal drei Jahren. Die Akzeptanz für
längerfristige Investitionen ist im Vergleich zur Wintererhebung 2023 von
25 auf 2 % gesunken. Gleichzeitig wird das EnEfG, das teilweise größere
Investitionen einfordert, zunehmend in Frage gestellt. „Immer mehr
deutsche Industrieunternehmen fordern die Abschaffung des
Energieeffizienzgesetzes. Doch die Politik sollte daran festhalten. Denn
es ist eines der wichtigsten Treiber, damit sich Betriebe mit dem Thema
Energieeffizienz auseinandersetzen“, betont Sauer.
Zum Energieeffizienz-Index der deutschen Industrie
Das Institut für Energieeffizienz in der Produktion (EEP) der Universität
Stuttgart erhebt seit 2013 halbjährlich aktuelle und geplante Aktivitäten
der deutschen Industrie zur Energieeffizienz. Der Energieeffizienzindex
(EEI) wird in Zusammenarbeit mit der Deutschen Energie-Agentur (dena), dem
Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), dem Fraunhofer-Institut für
Produktionstechnik und Automatisierung IPA und dem TÜV Rhein-land sowie
weiteren Partnern erstellt. Die Sonderfragen in der Wintererhebung 2025
adressierten die externen Einflussfaktoren auf Energieeffizienz-
Bemühungen, langfristige und strategische Zielsetzungen sowie die Relevanz
von Energieflexibilität. Insgesamt 854 Unternehmen des produzierenden
Gewerbes haben im Erhe-bungszeitraum vom 09. März bis zum 30. April 2026
an der Umfrage teilgenommen.
Im Fokus standen die Fragen:
➜ Betreibt Ihr Unternehmen ein zertifiziertes Energie- oder
Umweltmanagementsystem?
➜ Wird die Vermeidung und Nutzung von Abwärme in Ihrem Unternehmen
verfolgt?
➜ Sind ausreichende interne Kapazitäten und Kompetenzen in Ihrem
Unternehmen vorhanden?
➜ Welche Beweggründe haben in Ihrem Unternehmen zur Einrichtung eines
Energiemanagementsystems und zur Vermeidung und Nutzung von Abwärme
geführt?
