EZB-Nachfolge: Wer steht für welchen Kurs?
Welche Positionen wird die Nachfolge von Christine Lagarde an der Spitze
der EZB vertreten? Eine aktuelle Analyse des ZEW Mannheim untersucht
mithilfe KI-gestützter Auswertung öffentlicher Reden die geldpolitische
Ausrichtung möglicher Kandidierender. Im Fokus stehen Pablo Hernández de
Cos, Klaas Knot, Joachim Nagel und Isabel Schnabel. Die Ergebnisse zeigen:
Alle vier positionierten sich im inflationsgeprägten Umfeld der Jahre 2022
bis 2024 eher „falkenhaft”, unterscheiden sich jedoch in ihrer
Entschlossenheit zur Inflationsbekämpfung sowie in ihrer Entwicklung über
die Zeit.
„Unsere Analyse zeigt zwar Geschlossenheit in den Monaten des starken
Inflationsschubs, offenbart aber Unterschiede über die Jahre. Isabel
Schnabel signalisiert in ihren Reden seit der Jahreswende 2021/2022
durchgängig eine hohe Vorsicht im Hinblick auf neue Inflationsrisiken.
Hernández de Cos ist von dieser Linie hingegen rascher wieder abgerückt
und war auch vor der großen Inflation stets ein besonders starker
Befürworter einer expansiven Geldpolitik“, erklärt Prof. Dr. Friedrich
Heinemann, Leiter des ZEW-Forschungsbereichs „Unternehmensbesteuerung und
Öffentliche Finanzwirtschaft“. Jan Kemper, Wissenschaftler im selben
Forschungsbereich, ergänzt: „Unsere Analyse zeigt, dass KI-gestützte
Textanalysen für die geldpolitische Forschung heute einen relevanten
Beitrag leisten können.“
Klare Unterschiede im geldpolitischen Profil
Ein Vergleich der Reden aus den Jahren 2022 bis 2024 zeigt deutliche
Unterschiede: Während sich Schnabel und Nagel besonders stark für die
Inflationsbekämpfung aussprechen, treten de Cos und Knot weniger
entschlossen auf. Über den gesamten Betrachtungszeitraum hinweg ergibt
sich ein differenzierteres Bild: De Cos steht tendenziell für eine
expansivere Geldpolitik, während Schnabel besonders seit Anfang 2022 eine
konsequent restriktivere Linie vertritt. Knot und Nagel liegen dazwischen
und signalisieren eher eine Fortführung des bisherigen EZB-Kurses.
Mit dem starken Inflationsanstieg ab 2021 kam es bei allen untersuchten
Personen zu einer Verschiebung hin zu einer „falkenhaften“ Haltung. Damit
ist eine eher restriktive Haltung der EZB gemeint, die darauf abzielt, die
Inflation durch Zinserhöhungen und eine straffere Geldpolitik zu
bekämpfen. Besonders ausgeprägt und nachhaltig war dieser Kurswechsel bei
Schnabel. insbesondere de Cos und Knot schwächten ihre restriktive
Rhetorik ab 2023 ebenso wie zuletzt auch Nagel wieder etwas ab.
Zur Methodik
Methodisch basiert die Untersuchung auf einer KI-gestützten Textanalyse
von Reden, die zwischen 2018 und 2024 gehalten wurden. Die Einordnung
erfolgt auf einer Skala von -1 (stark „taubenhaft“) bis +1 (stark
„falkenhaft“). Grundlage sind Reden aus der Datenbank der Bank für
Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Die Studie nutzt moderne
Sprachmodelle, die zuverlässig geldpolitische Positionen aus Texten
ableiten können.
