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Immunsystem im Gehirn: Studie aus Magdeburg stärkt die Idee der Präzisionspsychiatrie

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Magdeburger Übersichtsarbeit deutet darauf hin: Biologische Unterschiede
bei psychischen Erkrankungen könnten künftig wichtiger sein als reine
Diagnosen.
Depression, bipolare Störung und Schizophrenie gelten als drei getrennte
Erkrankungen. Biologisch überschneiden sie sich jedoch:


Entzündungsprozesse und eine veränderte Kommunikation zwischen Immunsystem
und Gehirn könnten bei allen drei Erkrankungsbildern eine Rolle spielen –
und zwar auf eine Weise, die nicht allein durch die klassische Diagnose,
sondern besser durch biologische Untergruppen und konkrete Symptome
beschrieben werden kann. Zu diesem Schluss kommt eine neue systematische
Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Molecular Psychiatry der
Arbeitsgruppe Experimentelle/Translationale Psychiatrie der
Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Magdeburg (Leitung
Prof. Thomas Nickl-Jockschat).

Im Mittelpunkt der Arbeit stehen zwei biologische Systeme: Mikroglia und
der Kynurenin-Stoffwechselweg. Mikroglia sind die Immunzellen des Gehirns
– eine Art Wartungs- und Wachdienst im Nervengewebe. Der Kynurenin-Weg ist
ein Stoffwechselweg, über den die Aminosäure Tryptophan abgebaut wird.
Dabei entstehen Substanzen, die Entzündungen und die Signalübertragung
zwischen Nervenzellen beeinflussen können.

Drei Blickwinkel auf dasselbe Problem

Eine Besonderheit der Arbeit ist, dass die Forschenden nicht nur eine
Untersuchungsmethode auswerteten, sondern drei sehr unterschiedliche
Perspektiven zusammenführten:
•       TSPO-PET-Bildgebung: Ein Verfahren, das Hinweise auf
Immunaktivität im lebenden Gehirn liefert.
•       Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor): Hier wurden
Stoffwechselprodukte des Kynurenin-Wegs gemessen.
•       Postmortale Hirngewebeanalysen: Untersuchungen an Hirngewebe nach
dem Tod, bei denen Mikroglia und zugehörige Enzyme direkt unter dem
Mikroskop betrachtet werden konnten.

„Die Stärke dieser Arbeit liegt darin, dass wir verschiedene Ebenen
zusammenführen. Dadurch entsteht ein differenzierteres Bild davon, welche
Rolle Mikroglia und immunologische Stoffwechselwege bei schweren
psychischen Erkrankungen spielen könnten“, erklärt Arbeitsgruppenleiter
Prof. Johann Steiner.

Unterschiedliche Muster je nach Erkrankung

Die Ergebnisse zeichnen kein einfaches Bild. Mikroglia sind nicht schlicht
bei allen psychischen Erkrankungen gleichermaßen aktiviert. Die Befunde
unterscheiden sich je nach Erkrankung, Hirnregion und
Untersuchungsmethode. Bei Major Depression zeigte die Bildgebung das
konsistenteste Signal: erhöhte Immunaktivität in Hirnregionen, die für
Stimmung, Stressverarbeitung und Emotionsregulation wichtig sind.

Bei Schizophrenie war das Bild uneinheitlicher. Die Bildgebungsbefunde
schwankten stark – manche Studien zeigten keine Veränderungen, andere
sogar eine Abnahme des Signals. Deutlicher hingegen waren die Befunde aus
Liquor und Hirngewebe: Sie deuten darauf hin, dass der Kynurenin-
Stoffwechsel bei Schizophrenie in eine bestimmte Richtung verschoben ist,
die die Signalübertragung zwischen Nervenzellen beeinträchtigen könnte.
Das passt zu einer langjährigen Hypothese, wonach genau diese Störung zu
psychotischen Symptomen und kognitiven Einschränkungen beitragen könnte.

Bei der bipolaren Störung war die Datenlage am dünnsten. Einzelne Befunde
deuten auf Veränderungen in bestimmten Untergruppen hin – etwa bei
Patientinnen und Patienten mit psychotischen Symptomen oder Suizidalität.
Für gesicherte Schlussfolgerungen fehlen jedoch noch ausreichend viele
Studien.

Biologische Untergruppen statt starrer Diagnosegrenzen

Die zentrale Erkenntnis der Arbeit: Mikroglia- und Kynurenin-Veränderungen
lassen sich wahrscheinlich nicht allein durch die klassische Diagnose
erklären, sondern besser durch biologische Untergruppen und konkrete
Symptome.

Die Forschenden sehen darin einen möglichen Ansatz für eine künftig
stärker personalisierte Psychiatrie. „Unsere Ergebnisse sprechen dafür,
psychiatrische Erkrankungen künftig stärker dimensional und biologisch zu
betrachten. Es könnte entscheidend sein, ob eine Patientin oder ein
Patient ausgeprägte Entzündungsaktivität, psychotische Symptome, kognitive
Einschränkungen, Suizidalität oder eine bestimmte Krankheitsphase zeigt –
und nicht nur, welche Diagnose im Entlassbrief steht“, so Prof. Steiner.
„Es war besonders aufschlussreich, dass sich die Befunde aus Bildgebung,
Liquoranalysen und Hirngewebeuntersuchungen erst in der Zusammenschau zu
einem stimmigen Gesamtbild fügen. Einzelne Methoden allein hätten dieses
differenzierte Muster nicht sichtbar gemacht“, ergänzt Erstautorin
Madeleine Nussbaumer.

Das bedeutet nicht, dass klassische Diagnosen überflüssig werden. Sie
bleiben für die klinische Versorgung unverzichtbar. Für die Erforschung
biologischer Ursachen könnten sie aber zu unscharf sein: Zwei Menschen mit
derselben Diagnose können sehr unterschiedliche immunologische Profile
aufweisen – und umgekehrt können Menschen mit verschiedenen Diagnosen
ähnliche biologische Veränderungen teilen.

Was das für Betroffene bedeutet

„Für Patientinnen und Patienten bedeutet das nicht, dass unmittelbar ein
neuer Test oder eine neue Standardtherapie verfügbar ist“, sagt Prof.
Steiner. „Aber es zeigt, wohin sich das Feld bewegt: weg von reiner
Versuch-und-Irrtum-Behandlung, hin zu einer präziseren Psychiatrie, die
biologische Mechanismen stärker berücksichtigt.“

Bis dahin sei jedoch weitere Forschung notwendig. Viele bisherige Studien
basieren auf kleinen Teilnehmergruppen. Zudem fehlen
Langzeituntersuchungen, die Krankheitsverläufe über mehrere Jahre
verfolgen.

Anknüpfung an frühere Arbeit

Die Publikation baut auf einem Expert Review der Magdeburger Arbeitsgruppe
auf, in dem Schizophrenie als „gliale“ Erkrankung beschrieben wurde: eine
Erkrankung, bei der nicht nur Nervenzellen, sondern auch Stützzellen des
Gehirns eine wesentliche Rolle spielen. Die neue Arbeit erweitert diesen
Blick nun auf Mikroglia und den Kynurenin-Stoffwechselweg – und zwar für
alle drei Erkrankungen gemeinsam.

„Gliazellen sind nicht bloß das Stützgewebe des Gehirns. Sie regulieren
Immunreaktionen, Synapsen und die Stabilität neuronaler Netzwerke – genau
jene Funktionen, die für Entstehung und Verlauf einer Untergruppe
psychischer Erkrankungen bedeutsam sein könnten“, erklärt Prof. Steiner.

Nachwuchsforschung aus Magdeburg

Erstautorin Madeleine Nussbaumer schreibt ihre Doktorarbeit in der
Arbeitsgruppe von Prof. Steiner. Sie wurde im Dezember 2025 als beste
Absolventin ihres Jahrgangs an der Medizinischen Fakultät Magdeburg
ausgezeichnet. Die Veröffentlichung in Molecular Psychiatry unterstreicht
die starke Einbindung des wissenschaftlichen Nachwuchses in international
sichtbare Forschung am Standort Magdeburg.

Die Arbeit wurde unterstützt durch das Deutsche Zentrum für Psychische
Gesundheit (DZPG, BMBF-Förderkennzeichen 01EE2305A, Standort Halle-Jena-
Magdeburg) sowie ein Promotionsstipendium der Medizinischen Fakultät der
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Dr. med. habil. Johann Steiner, Stellvertretender Direktor der
Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Magdeburg,
Telefon: +49-391-67-15019, Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Originalpublikation:
Nussbaumer, M., Guest, P.C., Schiltz, K. et al. Multimodal microglial and
kynurenine pathway alterations across the affective-psychosis spectrum: a
systematic review of patterns, heterogeneity, and dimensional
implications. Mol Psychiatry (2026). DOI:
https://doi.org/10.1038/s41380-026-03614-3

Bernstein, H.-G., Nussbaumer, M., Vasilevska, V., Dobrowolny, H., Nickl-
Jockschat, T., Guest, P.C., Steiner, J. Glial cell deficits are a key
feature of schizophrenia: implications for neuronal circuit maintenance
and histological differentiation from classical neurodegeneration. Mol
Psychiatry 30, 1102–1116 (2025). DOI:
https://doi.org/10.1038/s41380-024-02861-6