Long COVID bei Kindern: Studie zeigt unterschiedliche Krankheitsverläufe
Internationales Forschungsteam identifiziert biologische Untergruppen und
liefert Hinweise für gezieltere Therapien.. Die meisten Kinder und Jugendlichen erholen sich schnell von einer
Infektion mit dem Coronavirus. Doch etwa 1 bis 3 Prozent entwickeln
pädiatrisches Long COVID – Beschwerden, die Wochen oder Monate nach der
eigentlichen Infektion anhalten.
Eine neue Studie, die im renommierten
Fachjournal Nature Communications veröffentlicht wurde, zeigt nun: Long
COVID bei jungen Menschen ist keine einheitliche Erkrankung. Das
internationale Forschungsteam, unter Beteiligung der Universitätsmedizin
Magdeburg, konnte verschiedene biologische Untergruppen identifizieren,
die sich deutlich voneinander unterscheiden. Einheitliche Behandlungen für
alle Betroffenen könnten daher zu kurz greifen.
Langzeitbeobachtung liefert neue Einblicke
Für die Untersuchung begleiteten die Forschenden 74 Kinder und Jugendliche
mit Long COVID sowie 27 gesunde Vergleichspersonen über einen Zeitraum von
bis zu 3,2 Jahren. Neben der Erfassung der Beschwerden wurden unter
anderem Herz- und Lungenfunktionen, Blutwerte, Stoffwechselprozesse und
Immunreaktionen untersucht. Nach aktuellem Kenntnisstand gehört die Studie
zu den umfangreichsten europäischen Untersuchungen, die Kinder und
Jugendliche mit Long COVID über mehrere Jahre hinweg so detailliert
begleitet hat.
Das Ergebnis: Nur etwa 1 bis 3 Prozent der pädiatrischen SARS-CoV-2-Fälle
entwickeln Long COVID, doch die Belastung kann erheblich sein: Das
Krankheitsbild umfasst mehr als 200 mögliche Symptome. Von den Kindern,
die Long COVID entwickelten, berichteten rund 20 Prozent über Beschwerden,
die länger als ein Jahr anhalten. Die Mehrzahl erholte sich innerhalb des
ersten Jahres. Gleichzeitig fanden sich keine eindeutigen Hinweise auf
schwere Schäden an Herz oder Lunge. Auch typische Autoimmunreaktionen, bei
denen sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet, traten nicht
gehäuft auf.
Unterschiedliche biologische Muster im Körper
„Unsere Analyse zeigte, dass pädiatrisches Long COVID kein einheitliches
Krankheitsbild ist. Stattdessen fanden sich verschiedene biologische
Subgruppen und zeitliche Verläufe. Diese unterscheiden sich unter anderem
in der Aktivität des Immunsystems und im Stoffwechsel“, erklärt Prof. Dr.
Monika Brunner-Weinzierl, Leiterin der Experimentellen Pädiatrie und
Neonatologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das Epstein-Barr-Virus (EBV), das viele
Menschen im Laufe ihres Lebens durchmachen. Kinder und Jugendliche mit
früherem EBV-Kontakt zeigten häufiger anhaltende Entzündungsreaktionen.
Teile der Immunabwehr, die normalerweise nach einer Infektion wieder
abklingen, blieben bei ihnen länger aktiv.
Bei Kindern ohne diesen Kontakt fanden die Forschenden andere
Zusammenhänge: Bestimmte Blutwerte, Vitamin B1 sowie Immunbotenstoffe
standen mit der körperlichen Belastbarkeit in Verbindung. So waren höhere
Werte einzelner Immunstoffe oder bestimmter Blutzellen mit geringeren
Einschränkungen im Alltag verbunden.
Zusätzlich wurde eine Untergruppe mit spezifischen Antikörpern
identifiziert, die mit weniger Auffälligkeiten bei der Blutgerinnung
einherging.
Brunner-Weinzierl betont: „Kinder sind immunologisch keine kleinen
Erwachsenen. Ihr Immunsystem ist stärker darauf ausgerichtet, Infektionen
zu kontrollieren und gleichzeitig Gewebe zu schützen und Reparaturprozesse
zu ermöglichen. Genau deshalb bietet pädiatrisches Long COVID eine
besondere Möglichkeit: An Kindern lässt sich vergleichsweise klar
untersuchen, welche Reaktionen des Immunsystems nach einer Infektion zur
Erkrankung beitragen – und welche möglicherweise zur Heilung.“
Ansatzpunkte für zukünftige Behandlungen
Die Studie macht deutlich, dass es bei der Behandlung von Long COVID bei
Kindern nicht ausreicht, pauschal alle Immunreaktionen zu unterdrücken –
etwa mit Medikamenten, die das Immunsystem dämpfen. Denn einige der
beobachteten Immunmuster könnten schützende Aufgaben erfüllen.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Immunsystem von Kindern sehr
unterschiedlich auf Long COVID reagiert. Einige dieser Reaktionen könnten
dem Körper helfen, sich zu stabilisieren und zu erholen“, sagt die
Immunologin. „Deshalb ist es wichtig, künftig genauer zu unterscheiden,
welche Prozesse behandelt werden sollten und welche eher unterstützt
werden könnten.“
Für die medizinische Praxis bedeutet das: Einheitliche Behandlungsansätze
könnten zu kurz greifen. Stattdessen könnten individuell angepasste
Therapien sinnvoll sein. Gleichzeitig weist die Studie darauf hin, dass
ein pauschales Unterdrücken des Immunsystems Risiken bergen kann, wenn
dabei möglicherweise hilfreiche Prozesse beeinträchtigt werden.
Weitere Forschung ist notwendig, um die identifizierten biologischen
Muster zu bestätigen und gezielte Behandlungen zu entwickeln. Auch die
Frage, ob bestimmte Blut- oder Stoffwechselwerte künftig als
Hinweiszeichen für den Krankheitsverlauf genutzt werden können, ist noch
offen. Solche sogenannten Biomarker könnten helfen, betroffene Kinder
schneller und gezielter zu behandeln.
Projektpartner
• Experimentelle Pädiatrie und Neonatologie der Otto-von-Guericke-
Universität Magdeburg/Universitätsklinikum Magdeburg
• Universitätsklinikum Jena
• Technische Universität Berlin
• Universität Basel/Universitätsspital Basel
Die Arbeit wurde unter durch das Bundesforschungsministerium sowie durch
das Land Sachsen-Anhalt gefördert.
