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Politik

Krieg in der Ukraine: "Eine Zäsur in der Weltordnung ist deutlich sichtbar"

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine könnte massive Auswirkungen auf die
gesamte Weltordnung haben. Nach Ansicht des Direktors des Global and
European Studies Institute der Universität Leipzig, Prof. Dr. Matthias
Middell, ist jetzt bereits eine Zäsur der globalen Ordnung deutlich
sichtbar. Ob Europa allerdings seine Strategie verändert und die Idee
eines kollektiven Sicherheitsregimes aufgibt, sei derzeit noch ebenso
offen wie das Ausmaß des Exodus aus der Ukraine, betont er im Interview.

Welche kurz- und langfristigen Auswirkungen könnte der russische Angriff
auf die Ukraine auf die Weltordnung haben?

Das hängt zunächst einmal davon ab, wie die militärische
Auseinandersetzung ausgeht. Und das ist ja keineswegs sicher, obwohl
Russland erhebliche Kapazitäten herangeführt hat. Putin hat als sein
Kriegsziel die „Entmilitarisierung der Ukraine“ formuliert, also das
Fortbestehen einer Pufferzone, in die die NATO nicht vorrückt und die das
alte Abschreckungsmodell der Nuklearmächte fortzuführen erlaubt, weil
geografischer Abstand auch Sicherheit verspricht. Mit seinem
völkerrechtswidrigen Angriff auf ein souveränes Nachbarland hat er nun
selbst das Erreichen dieses Zieles erschwert oder vielleicht sogar
unmöglich gemacht, denn die ukrainische Führung erhebt immer deutlicher
ihre Forderung nach Eingliederung in westliche Strukturen – der EU und der
NATO. Das westliche Zögern gegenüber diesem Wunsch ist einer
Entschlossenheit gewichen, die ukrainische Führung nun auch militärisch zu
unterstützen und dem Land so bald wie möglich den Weg in westliche
Bündnisse zu öffnen. Damit wird eine langandauernde Konfrontation
wahrscheinlich, die an Muster des Kalten Krieges erinnern mag. Ist damit
das Denken und Handeln in Einflusssphären von Großmächten zurück? Es
umfasst im Prinzip zwei Dimensionen. Die eine betrifft das Eindämmen der
Möglichkeit eines Gegenübers, seine Sphäre auszudehnen, im Zeitalter von
Atomwaffen vor allem mit Instrumenten der Abschreckung. Daneben spielt
Rüstung aber auch eine Rolle im zugrundeliegenden Systemwettstreit, der
die fehlende Attraktivität der anderen Großmacht nicht zuletzt durch eine
Überbietung in den Rüstungsausgaben herbeiführen will. Der
Systemwettstreit, das lehrt der Kalte Krieg, greift auf alle
gesellschaftlichen Teilbereiche aus und hat eine Tendenz, sich mit der
Vision eines Regimechange auf der anderen Seite zu legitimieren – wie lang
dafür auch immer der Zeithorizont sein mag. Ein solches Bild von der
Weltordnung war nie obsolet.

Haben wir es also einfach mit der Rückkehr einer alten Weltordnung zu tun?

So einfach ist es eben nicht: Sich die Welt in den Mustern des Kalten
Krieges vorzustellen, hat eine ganze Reihe von Haken. Den Ersten hat der
kenianische UN-Botschafter noch in der Nacht des Überfalls auf die Ukraine
im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen klar benannt. Das Ignorieren der
Souveränität kleinerer oder schwächerer Staaten durch Großmächte mit
imperialen Nostalgieschüben ist in vielen Weltgegenden seit Langem bekannt
und trifft auf immer größeren Unwillen. Diesmal wird Russland als
diejenige Macht verurteilt, die sich über die Rechte anderer hinwegsetzt,
aber das heißt eben nicht, dass andere Aggressionen darüber vergessen
wären. Der Ruf nach unbedingter Geltung des Völkerrechts, nach Respekt für
die Menschenrechte aller und nach unzweifelhaften Garantien für die
Souveränität aller Staaten ist stärker geworden in den letzten Jahren und
macht die Rückkehr zu einer Politik der Einflusssphären von Großmächten
mindestens schwieriger. Und dies nicht zuletzt, weil die Erfahrung mit den
heißen Kriegen des Kalten Krieges fortwirkt, die eben nicht an der gut
bewaffneten Nahtlinie der Großmächte, sondern oft weit davon entfernt
stattfanden. Über die Wirksamkeit der aktuellen Sanktionen mag noch kein
endgültiger Überblick bestehen, aber dass sie heftige Einschnitte sind,
ist bereits jetzt klar. Sie zeigen der Welt auf jeden Fall eines: Die Rede
vom Niedergang des Westens, wie sie durch den Rückzug aus Kabul 2021
befeuert wurde, ist stark übertrieben. Der Westen hält nach wie vor
außerordentlich wirksame Instrumente zur Steuerung der Weltordnung in den
Händen. Diese sind historisch gewachsen und solange sie funktionieren,
gibt es wenig Grund, über Alternativen nachzudenken. Man sollte aber nicht
überhören, dass wichtige globale Akteure wie China und Indien – derzeit
noch dezent – davor warnen, dieses scharfe Instrument allzu einseitig zu
nutzen. Im Unterschied zum Kalten Krieg ist die Welt komplexer geworden
und eine Reduzierung auf die damalige Bipolarität nicht mehr angemessen.
Für den Moment mag die Schlagzeile „Wir gegen Putin“ hilfreich erscheinen,
aber sie ersetzt keine Analyse einer multipolaren Weltordnung.

Welche Bedeutung haben künftig grenzüberschreitende Verflechtungen?

Sie sind entstanden, bei dem Versuch, Probleme anzugehen, die größer sind
als das Territorium einzelner Länder. Immer komplizierter werdende
Technologien hängen von der Verfügbarkeit von Materialien und Fertigkeiten
ab, die nur an bestimmten Stellen auf der Erde vorkommen, weshalb die
Bedeutung transregionaler Wertschöpfungsketten gewiss nicht abnehmen wird,
um nur ein Beispiel von vielen zu nennen. Das heißt aber auch, dass viele
Brücken, die jetzt aus kriegstaktischen Gründen abgerissen werden müssen,
eines Tages wieder zu errichten sein werden. Für physische Brücken ist das
eine Frage des technischen Geschicks und der verfügbaren Ressourcen, für
kulturelle oder mentale Brücken werden noch schlechter verfügbare
Rohstoffe wie die Anerkennung des Anderen als Gesprächspartner gebraucht.
Die Welt ist fassungslos über den Krieg in den Straßen von Kiew und
Charkiw: 141 von 193 Mitgliedsstaaten haben sich einer UN-Resolution
angeschlossen, die Putins Angriff sehr deutlich verurteilt. Eine Zäsur in
der Weltordnung ist deutlich sichtbar. Ob Europa, das nach 1989 im
Unterschied zu vielen anderen Weltregionen darauf geachtet hat, die
Friedensdividende der damals zu Ende gegangenen Bipolarität nicht in neue
Aufrüstung zu stecken, seine Strategie verändert und die Idee eines
kollektiven Sicherheitsregimes aufgibt, ist derzeit noch offen.

Welche Folgen erwarten Sie in Bezug auf die steigende Zahl von
Flüchtlingen?

Die Zahl der Menschen auf der Flucht vor Gewalt und Krieg aus der Ukraine
nimmt rapide zu. Die Nachbarländer, in denen bereits viele ukrainische
Familien leben, bereiten sich auf die Ankunft vor. Ob es zu einem
dauerhaften Exodus aus der Ukraine kommt, der die ungünstige demografische
Struktur im Land weiter verändern würde, hängt vom Kriegsverlauf und
Kriegsausgang ab. Die Gefahr, dass gut ausgebildete junge Leute für immer
der Ukraine den Rücken kehren, ist vor allem eine Gefahr für die Ukraine.
Bemerkenswert ist die polnische Hilfs- und Aufnahmebereitschaft, die im
Kontrast zur bisherigen sehr restriktiven Migrationspolitik der Regierung
zu stehen scheint. Hilfsorganisationen haben bereits auf die Gefahr einer
Differenzierung in unterschiedliche Klassen von Flüchtlingen hingewiesen.

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Podiumsdiskussion „Moldova – Putin’s next Target?“

Gesprächsrunde mit internationalen Expert*innen diskutiert über Gefahren
für die Republik Moldau angesichts des russischen Angriffs auf die
Ukraine. Termin: Dienstag, 8. März, online (englischsprachig).

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine ruft nicht zuletzt auch in der
Republik Moldau große Ängste hervor. Zwar weiß niemand außer Wladimir
Putin selbst, welche Ziele er mit der Invasion verfolgt. Doch gibt es
begründete Sorgen, dass er gar nicht vorhat, an den Grenzen der Ukraine zu
stoppen – und als nächstes die Republik Moldau ins Visier nimmt. Russische
Truppen sind dort bereits stationiert, im abtrünnigen Landesteil
Transnistrien. Angesichts dieser existenziellen Bedrohung hat die
moldauische Regierung am 3.3.2022 den Beitritt zur EU beantragt.

Über die gegenwärtige Situation in der Republik Moldau und potenzielle
Gefahren sowie mögliche Antworten von NATO oder EU sprechen am Dienstag,
8. März, um 17 Uhr internationale Expert*innen in der englischsprachigen
Online-Podiumsdiskussion „Moldova – Putin’s next Target?“, organisiert vom
Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS).

Teilnehmer sind:
• Elia Bescotti (IOS, Université Libre de Bruxelles)
• Petru Negura (Humboldt Stipendiat am IOS)
• Vitalie Sprinceana (Platzforma Association, Chişinău)
• Svetlana Suveica (Universität Regensburg)

Moderation: Ulf Brunnbauer (IOS)

Die Veranstaltung ist Teil der Reihe „IOS-Gespräche zu Russlands Angriff
auf die Ukraine“. Kooperation: Graduiertenschule für Ost- und
Südosteuropastudien an der Universität Regensburg. Die Diskussion ist über
die Plattform Zoom kostenlos zugänglich. Weitere Informationen und
Zugangsdaten: https://t1p.de/moldova

++++

Mit rund 85 Mitarbeiter*innen aus über einem Dutzend Ländern ist das
Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS) mit Sitz in
Regensburg eine der größten Einrichtungen seiner Art. Aufgabe ist die
Analyse historischer und gegenwärtiger Dynamiken in Ost- und Südosteuropa
– und zwar aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Am IOS forschen
Geschichts-, Wirtschafts- und Politikwissenschaftler*innen gemeinsam.
Daneben veröffentlicht das Institut Fachzeitschriften und Buchreihen,
fördert den akademischen Nachwuchs und beherbergt eine international
führende Fachbibliothek. Mehr auf: www.leibniz-ios.de

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Experte: "Möglicherweise hat Wladimir Putin die Finanzmarktaspekte des Krieges unterschätzt"

Der Krieg in der Ukraine sowie die damit verbundenen Sanktionen des
Westens gegen Russland und vor allem gegen den russischen Präsidenten
Wladimit Putin wirbeln die Finanzmärkte weltweit durcheinander. Besonders
tiefgreifende Einschnitte bringt für Russland dessen Ausschluss aus dem
internationalen Zahlungssystem SWIFT mit sich. Aber auch die Deutschen
werden die Sanktionen zu spüren bekommen. Eine Einordnung der Situation
von Prof. Dr. Gunther Schnabl, dem Leiter des Instituts für
Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig.

Was bedeutet der Ausschluss Russlands aus dem internationalen
Zahlungssystem SWIFT für das Land selbst, aber auch für die westlichen
Länder, vor allem für Deutschland?

Unser Wohlstand basiert auf internationaler Arbeitsteilung und damit
internationalem Handel. Mit dem Zahlungssystem SWIFT können internationale
Zahlungen schnell, sicher und effizient abgewickelt werden. Ein Ausschluss
auf SWIFT erschwert den internationalen Handel. Bei einem kompletten
Ausschluss aus SWIFT könnte Russland zumindest kurzfristig keine Rohstoffe
mehr exportieren und keine Güter mehr beispielsweise aus Deutschland
importieren. Beide Seiten würden getroffen. Da Rohstoff- und
Energieimporte für die westlichen Industrieländer sehr wichtig sind, hat
man diese von die SWIFT-Boykott ausgenommen. Russland könnte die SWIFT-
Blockade für Importe über ein eigenes Zahlungssystem oder auch mit Hilfe
von Bitcoin umgehen.

Die Sanktionen sollten vor allem Wladimir Putin und seine
Unterstützer:innen treffen. Ist das mit diesem Schritt tatsächlich
gelungen?

Viele Länder einschließlich der Schweiz haben die Vermögen von
einflussreichen Russen eingefroren. Allerdings dürften sowohl Wladimir
Putin als auch die Oligarchen vorbereitet gewesen sein. Sie werden noch
ausreichend Rückzugsmöglichkeiten in Russland oder in Ländern haben, die
sich nicht an den Sanktionen beteiligen. Sanktionen haben in der
Vergangenheit meist nicht das gewünschte Ziel erreicht, weil der
Zusammenhalt in den sanktionierten Ländern gestärkt wurde und die
Sanktionen mit der Zeit umgangen wurden. Das weiß auch Wladimir Putin, der
China als potenziellen Partner in der Hinterhand hat. China ist seit
längerem Ziel von Handelsbeschränkungen durch die USA.

Kann es am Ende sein, dass uns die Sanktionen angesichts unserer
Abhängigkeit von russischen Energieimporten härter treffen als Russland?

Viele Länder haben Sanktionen gegen Russland eingeleitet, sodass das Land
besonders stark geschädigt wird. Für Deutschland dürften die Folgen
weniger stark sein. Russland rangiert auf der Liste der Handelspartner von
Deutschland mit ca. 60 Mrd. Euro Umsatz auf Platz 13, noch hinter der
Tschechischen Republik. Deutschland kann Energie und Rohstoffe über die
mittlere Frist auch von anderswo beziehen, wenn auch wohl zu höheren
Preisen. Die Auswirkungen der Ukraine-Krise auf die globalen Energie-,
Rohstoff- und Lebensmittelpreise sind jedoch nicht zu unterschätzen.
Nachdem die Inflation in Deutschland bereits deutlich gestiegen ist,
dürfte diese weiter steigen.

Welche Gegenmaßnahmen könnte Putin jetzt verhängen?

Der russische Präsident könnte den Import von Industriegütern aus
Deutschland stoppen oder mit Zöllen belegen. Doch das würde die Inflation
in Russland weiter nach oben treiben. Er könnte auch die Energieexporte
einschränken. Doch dadurch würde die wichtigste Einkommensquelle
wegbrechen. Derzeit profitiert Russland sogar noch von steigenden Energie-
Rohstoff- und Weizenpreisen. Wenn China statt Westeuropa die russischen
Rohstoffe kaufen würde, dann würde Chinas Nachfrage auf den Weltmärkten
sinken. Die freiwerdenden Kapazitäten könnten von Westeuropa nachgefragt
werden. Auch auf die internationalen Finanzmärkte, die zu einen
Hauptschauplatz des neuen kalten Kriegs geworden sind, hat Putin wenig
Einfluss. Sein wichtigstes Drohpotential sind die Atomwaffen.

Durch die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland werden starke
Erschütterungen an den Finanzmärkten erwartet. Welche könnten das sein und
wie nachhaltig könnten diese ausfallen?

Die Finanzmärkte scheinen derzeit der Schwerpunkt der Sanktionen zu sein.
Man spricht von „Finanzmarktwaffen“, die überwiegend Russland treffen,
aber auch einige europäische Banken mit starkem Russlandgeschäft wie die
UniCredit. Die SWIFT-Sanktionen haben die russischen Banken getroffen, die
nicht mehr über ihre Anlagen im Ausland verfügen können. Es hat einen Run
auf deren Geldautomaten eingesetzt. Russland hält zwar große
internationale Devisen- und Goldreserven von etwa 630 Milliarden Euro
(davon 132 Mrd. in Gold), die jedoch im Zuge von Sanktionen gegen die
russische Zentralbank zu wichtigen Teilen eingefroren wurden. Die
russische Zentralbank kann deshalb nicht gegen eine Abwertung des Rubel
intervenieren, so dass der Rubel abgestürzt ist. Die Abwertung des Rubels
treibt die Inflation in Russland nach oben. Möglicherweise hat Wladimir
Putin die Finanzmarktaspekte des Krieges unterschätzt.

Wie ordnen Sie die Ukraine-Krise in das globale wirtschaftliche und
politische Umfeld ein?

Die westlichen Industrieländer können seit längerem hohe
Ausgabenverpflichtungen nur noch mit Hilfe umfangreicher
Staatsanleihekäufe der Notenbanken aufrechterhalten. Das hat zu anhaltend
lockeren Geldpolitiken geführt, die das Wachstum lähmen und negative
Verteilungseffekte haben. Der Westen ist wirtschaftlich und politisch
geschwächt, während Russland hohe Rücklagen gebildet und seine Armee
modernisiert hat. Anhaltend lockere Geldpolitiken können zu steigenden
Energie- und Rohstoffpreisen führen, da sie die Nachfrage hochhalten und
die Anleger in Sachwerte einschließlich Rohstoffen treiben. Zudem haben
die rohstoffexportierenden Länder hohe Devisenreserven, die bei hoher
Inflation in den USA und Europa real entwertet werden. Das schafft einen
Anreiz für die Rohstoffexporteure durch höhere Preise Wertverluste
auszugleichen. Eine ähnliche Konstellation ging in den 1970er Jahren mit
einem militärischen Konflikt im Nahen Osten einher. Gewinner der
derzeitigen Situation scheinen vor allem die Rüstungsunternehmen und die
Fracking-Industrie in den USA zu sein. Die meisten Menschen in aller Welt
verlieren durch Inflation.

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Der Krieg in der Ukraine: Was Jugendliche wissen und wie sie sich informieren

Eine aktuelle bundesweite Befragung von 181 Jugendlichen zur Wahrnehmung
der gegenwärtigen Ereignisse in der Ukraine zeigt, dass die meisten
Jugendlichen über das grundlegende Geschehen informiert sind. Die
Erstinformationen zu den Ereignissen holten sie sich vor allem über
traditionelle Medien wie Fernsehen und Radio als auch über das Internet,
Social Media, Zeitung und Apps.

München, 25.2.2022 – Das Internationale Zentralinstitut für das Jugend-
und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk befragte am 23.
Februar 2022, einen Tag vor dem Angriff, und am 24. Februar 2022, dem Tag
des Kriegsbeginns, n=181 Jugendliche (84 Jungen, 96 Mädchen, 1 Divers)
zwischen 13 und 17 Jahren zu ihrem Informationsverhalten, ihrem Wissen und
ihren Einschätzungen zur aktuellen Lage in der Ukraine.

Was Jugendliche zu diesem Zeitpunkt über den Konflikt wissen

Neun von zehn der befragten Jugendlichen können den Konflikt und die
Bedrohungslage wiedergeben: „Es geht darum, dass die Russen in das Gebiet
der Ukraine einmarschieren wollen“ (Junge, 14 Jahre, 23.2.2022). Am Tag
des Kriegsbeginns: „Die Ukraine wird von Russland bedroht und angegriffen“
(Mädchen, 14 Jahre, 24.2.2022). Das Verständnis der Lage ist bei gut der
Hälfte der befragten Jugendlichen eher einfach und auf den Fakt „Russland
greift die Ukraine an“ (Junge, 13 Jahre) begrenzt.
Der Beginn des Angriffs war nur bei der Hälfte der Befragten Thema im
Schulunterricht
Obwohl die Bedrohungssituation schon am 23.2. deutlich sichtbar war, gaben
nur knapp drei von zehn Befragten an, dass sie in der Schule thematisiert
worden sei. Am 24.2. stieg dieser Wert auf rund jede*n Zweite*n. Thema in
der Familie oder mit Freund*innen war es bis dahin nur bei gut jedem/jeder
fünften Jugendlichen. Viele der befragten Jugendlichen waren in der
Informationssuche zu den aktuellen Ereignissen auf sich gestellt,
entsprechend bedeutsam waren Medien, um sich über die Situation zu
informieren.

Die meisten Jugendlichen haben sich über Fernsehen, Radio und Apps wie
BR24 informiert

Ihre medialen Informationen holten sich 45 % der Befragten über das
Fernsehen (genannt insbesondere Tagesschau, aber auch MOMA, logo!,
ZDFheute). Ein Viertel der Jugendlichen bezog seine Informationen „übers
Internet“, wie die Befragten es etwas ungenau formulieren. Knapp jede*r
Fünfte gab an, die Information aus dem Radio bekommen zu haben, zum
Beispiel nebenbei beim Frühstück. Nachrichten-Apps (genannt wurden u.a.
n-tv, BR24) spielten zu diesem Zeitpunkt noch eine untergeordnete Rolle,
soziale Medien wie Instagram oder TikTok waren zu diesem Zeitpunkt noch
keine relevante Informationsquelle.  Genutzt wurden vor allem die Inhalte
der öffentlich-rechtlichen Anbieter und der großen Tageszeitungen wie die
Süddeutsche Zeitung oder die Thüringer Allgemeine. Dies zeigt:
Erstinformation in dieser weltpolitischen Krisensituation findet über
traditionelle Medien statt.

Wie Jugendliche Putin einschätzen

Die meisten befragten Jugendlichen beschreiben Putin als bösen und
schlimmen Menschen mit viel Macht und zahlreichen negativen Eigenschaften
(gefährlich, aggressiv, machtbesessen, geldgierig, arrogant, unehrlich,
brutal …), als „Diktator, der Krieg will“ (Junge, 16 Jahre) oder
„Zerstörer der Demokratie“ (Junge, 15 Jahre). Er wird als „gefährlich und
unehrlich“ (Mädchen, 14 Jahre), als „ein böser Mensch und ein Diktator,
der Menschen tötet“ (Mädchen, 15 Jahre) beschrieben. In den Beschreibungen
pathologisieren viele Jugendlichen ihn, beschreiben ihn als „Spinner“ oder
„abgerückt von der Realität, größenwahnsinnig“ (Mädchen, 16 Jahre) oder
beschimpfen ihn als „Idiot“, „machtgierigen Penner“ oder „Arschloch, was
denkt, es kann sich alles erlauben“ (Mädchen, 15 Jahre). Seine Handlungen
werden als nicht nachvollziehbar beschrieben, was auch als beängstigend
wahrgenommen wird: „Er (ist) ein gemeingefährlicher Mensch, vor dem man
Angst haben kann.“ (Mädchen, 13 Jahre)
In Einzelfällen verteidigen Jugendliche mit russischer
Zuwanderungsgeschichte die Aggression von Seiten Russlands als den
einzigen Weg, einen angeblichen Genozid zu verhindern. Diese Deutung hat
z.B. ein befragter 16-jähriger Gymnasiast vermutlich aus einem Bericht des
russischen Fernsehens übernommen. Einzelne bewundern Putin: „Ich finde ihn
sehr selbstbewusst und er kämpft für Frieden und Gerechtigkeit in der
ganzen Welt“ (Mädchen, 15 Jahre, 24.2.2022) und fordern Respekt ein, denn
„er gehört zu den mächtigsten Menschen der Welt“ (Junge, 15 Jahre). Einige
zweifeln in diesem Zusammenhang an der ausgewogenen Berichterstattung über
ihn: „Er wird immer schlecht dargestellt hier in Deutschland, aber ich
habe Zweifel, dass das alles stimmt.“ (Mädchen 17 Jahre)

Was Jugendliche sich von der Bundesregierung wünschen

Fast alle der befragten Jugendlichen wünschen sich von der
Bundesregierung, dass sie in dieser Situation die Ukraine unterstützt und
„sich entschlossen gegen ihn (Putin) stellt“ und „die Ukraine zusammen mit
der NATO verteidigt“ (Mädchen, 15 Jahre) und dass sie starke Sanktionen
gegen Russland einleitet. Einzelne Stimmen fordern ein hartes, durchaus
auch militärisches Eingreifen. Die große Mehrheit wünscht sich, die
Bundesregierung solle „weiterhin versuchen, mit Russland diplomatisch ins
Gespräch zu kommen“ (Mädchen, 14 Jahre). Ein Junge (15 Jahre) schlägt vor,
dass alle friedlichen Sanktionen ausgeschöpft werden sollen, „um Russland
die finanziellen Mittel für den Krieg zu nehmen.“ In Einzelfällen werden
aber auch Zweifel deutlich, ausgelöst durch Wladimir Putins Drohgebärden:
„Ich habe gerade gehört, wie Putin sagte, dass alle, die ihm im Weg
stehen, es bereuen werden und das macht einem dann schon Angst.“
Die Befragung zeigt: Die meisten Jugendlichen sind über die aktuelle
Situation in groben Zügen informiert und positionieren sich eindeutig
gegen Putin. Die notwendigen Erstinformationen zur Lage holen sie sich
eher aus traditionellen Medien, was sich im weiteren Fortschreiten der
Krise vermutlich auf soziale Medien verlagern wird. „Im weiteren Verlauf
der Ereignisse wird es immer wichtiger werden, dass Jugendliche
hinsichtlich ihrer Informationskompetenz geschult werden“, so
Medienpädagogin und Studienleiterin Dr. Maya Götz.

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