Einkommensteuer: Mitte gezielt entlasten
Die Einkommensteuer für kleine und mittlere Einkommen zu senken, ist ein
zentrales finanzpolitisches Ziel der Bundesregierung. Eine neue ZEW-
Kurzanalyse zeigt nun: Schon ein Entlastungsvolumen von zehn Milliarden
Euro kann ausreichen, um die Mitte spürbar zu entlasten. Bei einem zu
versteuernden Einkommen von 40.000 Euro wäre eine jährliche Entlastung von
rund 520 Euro möglich – ohne Erhöhung von Spitzen- und Reichensteuersatz
und ohne Schlechterstellung anderer Steuerpflichtiger.
Alternativ lässt
sich dieselbe Entlastung aufkommensneutral finanzieren, wenn Spitzen- und
Reichensteuersatz um jeweils rund drei Prozentpunkte angehoben werden.
„Wer den Einkommensteuertarif im unteren oder mittleren Bereich senkt,
entlastet automatisch auch hohe Einkommen, weil diese ebenfalls auf die
ersten Einkommensbestandteile weniger Steuern zahlen. Genau dieser
Streuverlust macht viele Reformvorschläge teuer. Unser Ansatz zeigt, wie
sich Entlastung dort bündeln lässt, wo sie politisch gewünscht ist. Der
entscheidende Kniff ist ein gezielter Sprung im Grenzsteuerverlauf“,
ordnet Prof. Dr. Holger Stichnoth, Leiter der ZEW-Forschungsgruppe
„Ungleichheit und Verteilungspolitik“, ein.
Gezielter Sprung statt breiter Streuverluste
Der Vorschlag der ZEW-Ökonomen setzt beim Grenzsteuersatz an. Unterhalb
eines festgelegten Zielpunkts – in der Hauptvariante 40.000 Euro zu
versteuerndes Einkommen – wird der Grenzsteuersatz gesenkt. Am Zielpunkt
springt er wieder auf den bisherigen Tarifverlauf zurück. Oberhalb dieses
Punkts bleibt der geltende Tarif unverändert. So profitieren höhere
Einkommen nur in dem Umfang, der technisch unvermeidbar ist. Zum
Vergleich: Eine pauschale Entlastung von rund 500 Euro für alle etwa 45
Millionen Steuerpflichtigen würde mehr als 20 Milliarden Euro kosten. Die
gezielte Variante erreicht bei 40.000 Euro Einkommen eine ähnliche
Entlastung mit nur 10 Milliarden Euro.
Positive Arbeitsanreize und transparente Methodik
Die Analyse zeigt zudem, dass die Reform positive Arbeitsanreize setzen
könnte. Schätzungen mit dem ZEW-Mikrosimulationsmodell EviSTA ergeben
zusätzliche Arbeitsangebotseffekte von rund 50.000 bis 60.000
Vollzeitäquivalenten. Die fiskalischen Zweitrundeneffekte liegen demnach
bei 1,5 bis 2 Milliarden Euro pro Jahr. Die Berechnungen basieren auf der
tariflichen Einkommensteuer nach § 32a EStG, Rechtsstand 2026, und auf
Daten der Lohn- und Einkommensteuerstatistik 2022, die auf das Jahr 2026
fortgeschrieben wurden. Der Solidaritätszuschlag bleibt in den
Simulationen unverändert; berücksichtigt wird jedoch, dass Änderungen bei
der Einkommensteuer auch den Soli beeinflussen.
