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Automatisiertes und vernetztes Fahren im ÖPNV: Chancen für Thüringen

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Insbesondere in ländlichen Regionen bieten selbstfahrende Shuttle- und
Rufbus-Systeme die Möglichkeit, Mobilitätsangebote flexibler,
bedarfsgerechter und wirtschaftlicher zu gestalten. Wie diese in Thüringen
und darüber hinaus eingesetzt werden könnten, wird an verschiedenen
Modellprojekten in Saalfeld-Rudolstadt, Bad Berka, Ilmenau und Weimar
erprobt und wissenschaftlich ausgewertet. Gebündelt werden die Aktivitäten
im neu entstehenden Kompetenzzentrum für automatisiertes und vernetztes
Fahren (AVF) im öffentlichen Personennahverkehr unter Federführung der
Professur Verkehrssystemplanung der Bauhaus-Universität Weimar.

Automatisierte und vernetzte Fahrzeuge könnten dort eingesetzt werden, wo
klassische Buslinien aufgrund geringer Fahrgastzahlen nur eingeschränkt
wirtschaftlich betrieben werden können. Zu den größten Potenzialen zählen
die Anbindung von Dörfern an Bahnhöfe und Mittelzentren, die Verbesserung
der Mobilität älterer Menschen sowie neue Verkehrslösungen für
touristische Regionen wie den Thüringer Wald.

Experten wie Professor Uwe Plank-Wiedenbeck, Leiter der Professur
Verkehrssystemplanung an der Bauhaus-Universität Weimar, sehen autonome
Shuttles dabei nicht als Ersatz für den klassischen Linienverkehr, sondern
als sinnvolle Ergänzung des bestehenden ÖPNV. Ziel ist es, Mobilität
stärker am tatsächlichen Bedarf der Menschen auszurichten und so die
Erreichbarkeit im ländlichen Raum nachhaltig zu verbessern:

»Automatisiertes und vernetztes Fahren wird ein wichtiger Baustein sein,
um Mobilität im ländlichen Raum zuverlässiger, flexibler und
klimafreundlicher zu gestalten. Entscheidend ist, dass Forschung und
Transfer von Anfang an eng miteinander verzahnt sind. Mit dem neuen
Kompetenzzentrum und dem European Digital Innovation Hub MID GERMANY
verbinden wir Forschung und Entwicklung, Verkehrsplanung und
Technologietransfer, damit aus neuen Technologien konkrete Anwendungen für
den öffentlichen Verkehr entstehen.«

Vier Labore für Infrastruktur, Betrieb, Sicherheit und Akzeptanz

Forschung und Anwendung werden im neuen Kompetenzzentrum für
automatisiertes und vernetztes Fahren (AVF) frühzeitig zusammengeführt:
Die Projektpartner Bauhaus-Universität Weimar, Technische Universität
Ilmenau, das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt
(BMFTR), sowie die Thüringer Ministerien für Wirtschaft, Landwirtschaft
und Ländlichen Raum (TMWLLR) sowie für Digitales und Infrastruktur (TMDI)
schaffen die technische und wissenschaftliche Infrastruktur. Der European
Digital Innovation Hub (EDIH) MID GERMANY eröffnet Zugang zu
Weiterbildung, Beratung, Erprobungsformaten und europäischen
Innovationsnetzwerken. Darüber hinaus bringt das Thüringer
Mobilitätsnetzwerk unter dem Dach des TMDI alle Interessensgruppen
zusammen, die für eine Überführung in den Realbetrieb relevant sind.

Vier Reallabore mit Standorten in Saalfeld-Rudolstadt, Bad Berka, Ilmenau
und Weimar dienen zur Erprobung der Forschungsansätze: ein Kernlabor für
Leitstellen, digitale Zwillinge und Betriebsprozesse, ein Sensorlabor für
Verkehrs- und Umfelddaten, ein Interaktionslabor für
Mensch–Maschine–Schnittstellen sowie ein Feldlabor für Erprobung,
Vergleichsuntersuchungen und Transfer. Zum Einsatz kommen unter anderem
ein automatisiert fahrender Minibus der Stufe 4 (Hochautomatisierung),
moderne Sensorik, drahtlose Übertragungssysteme zwischen Fahrzeugen,
Infrastruktur und Leitstellen, Analyseverfahren auf Basis künstlicher
Intelligenz sowie digitale Abbildungen realer Verkehrsräume.

Thüringen als Modellregion mit europäischer Anschlussfähigkeit

Ein thematischer Schwerpunkt liegt auf der systematischen Erfassung und
Auswertung sicherheitskritischer Verkehrssituationen – etwa an
Haltestellen, Kreuzungen oder bei der Interaktion mit Fuß– und Radverkehr.
Die dabei gewonnenen Daten, Methoden und Betriebskonzepte sollen nicht nur
wissenschaftlich ausgewertet, sondern über den EDIH MID GERMANY für
weitere Akteure aus Verwaltung und Wirtschaft nutzbar gemacht werden.

»Für das Thüringer Innovationszentrum Mobilität bildet der Aufbau des AVF-
Kompetenzzentrums den nächsten logischen Schritt entlang der langfristig
ausgelegten und strategisch konzipierten Projektfamilie mit dem
automatisierten Shuttlebus CAMIL, diversen Level-4 Forschungsfahrzeugen,
dem Reallabor Ilmenau und dem Projekt MOVEwell. Damit gelingt ein
Durchbruch von der Forschung über die Entwicklung bis zur Ertüchtigung von
Aufgabenträgern und Verkehrsunternehmen für den Realbetrieb
automatisierter und vernetzter Fahrzeuge. Die Verbindung mit dem EDIH MID
GERMANY stellt hierbei das zentrale Forum für Wissens- und
Technologietransfer dar.«, erklärt Professor Matthias Hein, Direktor des
ThIMo und Professor für Hochfrequenz- und Mikrowellentechnik an der TU
Ilmenau.

Das BMFTR fördert den Aufbau des Kompetenzzentrums im Rahmen der Hightech
Agenda Deutschland und des seit 2024 an den beiden Thüringer Hochschulen
laufenden Forschungsvorhabens »Mobilitätsverbund werthaltige ländliche
Lebensräume« (MOVEwell) mit rund 4 Millionen Euro. Parallel dazu wird mit
dem EDIH MID GERMANY eine EU-geförderte Transferstruktur weiterentwickelt,
die Kommunen, öffentliche Einrichtungen, Verkehrsunternehmen sowie kleine
und mittlere Unternehmen bei Digitalisierung und Anwendungen künstlicher
Intelligenz unterstützt. »Automatisiertes und vernetztes Fahren ist ein
zentraler Hebel, um die digitale Mobilität im ländlichen Raum
zukunftsfähig zu gestalten. Das neue Kompetenzzentrum stärkt Thüringen als
Innovationsstandort und schafft eine wichtige Grundlage für die zukünftige
Daseinsvorsorge in unserem Freistaat.«, erklärt Steffen Schütz, Thüringer
Minister für Digitales und Infrastruktur.