Neues WBGU-Teilgutachten: "Umwelt prägt Sicherheit"
Die aktuelle Hitzewelle verdeutlicht einmal mehr: Globale
Umweltveränderungen wie der Klimawandel, aber auch der Verlust der
Biodiversität und die weltweite Verschmutzung sind Sicherheitsrisiken. Sie
gefährden Menschen, gesellschaftliche Stabilität, wirtschaftliche
Leistungskraft und die Handlungsfähigkeit von Staaten. In seinem neuen
Teilgutachten ‚Umwelt prägt Sicherheit‘ zeigt der WBGU, dass Umweltschutz
ein unverzichtbarer Bestandteil vorausschauender Sicherheitspolitik ist.
Berlin, den 26. Juni 2026. Globale Umweltveränderungen wie der
Klimawandel, der Verlust der Biodiversität und die zunehmende weltweite
Verschmutzung sind zentrale Sicherheitsrisiken, sie gefährden Menschen,
gesellschaftliche Stabilität, wirtschaftliche Leistungskraft und die
Handlungsfähigkeit von Staaten. Es ist daher dringend geboten, sie in
nationalen wie internationalen Sicherheitsstrategien vorrangig zu
berücksichtigen.
In seinem aktuellen Teilgutachten „Umwelt prägt Sicherheit“ zeigt der
WBGU, dass Umweltschutz der menschlichen Daseinsfürsorge dient und somit
einen unverzichtbaren Bestandteil vorausschauender, fachübergreifender
Sicherheitspolitik darstellt. Der Beirat empfiehlt, die umweltbedingten
Bedrohungen dauerhaft in die Arbeit des Nationalen Sicherheitsrats zu
einzubeziehen und sie neben klassischen militärischen und wirtschaftlichen
Sicherheitsbedingungen systematisch in Risikoanalysen zu integrieren.
„Sicherheit beginnt mit dem Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen.
Wer Klimarisiken, Biodiversitätsverlust und Umweltverschmutzung ignoriert,
unterschätzt die sicherheitspolitischen Herausforderungen unserer Zeit“,
betont der WBGU.
Drei Handlungsfelder beleuchtet das Teilgutachten dabei näher:
1. Stabilisierung des Klimas als Sicherheitsfaktor
Den Klimawandel zu stoppen und die globale Temperatur langfristig durch
Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre wieder zu senken, sind aus Sicht des
WBGU zentrale Bausteine einer integrierten Sicherheitsarchitektur.
„Wichtigste Voraussetzung dafür ist, die Verbrennung fossiler
Energieträger wie Kohle, Öl und Erdgas so schnell und vollständig wie
möglich zu beenden“, sagt Hans-Otto Pörtner, Klimaexperte am Alfred-
Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in
Bremerhaven und Co-Autor des Teilgutachtens. Die Energiesysteme weltweit
auf erneuerbare Quellen wie Sonne oder Wind umzustellen, könne
Versorgungssicherheit und Resilienz steigern und zugleich geostrategische
Handlungsspielräume erweitern.
2. Stärkung der natürlichen Infrastruktur als Beitrag zum
Bevölkerungsschutz
Der WBGU definiert natürliche Infrastruktur als Ökosysteme, die zum
Bevölkerungsschutz beitragen, etwa indem sie Hitze dämpfen, die Luft
reinigen oder Klimaveränderungen entgegenwirken. Um der
sicherheitsstrategischen Bedeutung dieser Flächen gerecht zu werden, wären
nach Einschätzung des Beirats eine Reihe von Maßnahmen sinnvoll.
Beispielsweise sollte die natürliche Infrastruktur gesetzlich priorisiert
und ihr Schutz weiterhin ambitioniert finanziell unterstützt werden, nicht
nur in Deutschland, sondern auch im Rahmen internationaler
Kooperationsmodelle wie dem Green Climate Fund. Darüber hinaus gilt es,
übergreifende Frühwarnsysteme weiterzuentwickeln, die verhindern, dass
schleichende Umweltbedrohungen die Ökosystemleistungen einschränken. Zur
Risikominderung ist es zudem notwendig, die Bevölkerung für die
Sicherheitsrelevanz der natürlichen Infrastruktur zu sensibilisieren.
Dabei könnte es hilfreich sein, Anreize für die Übernahme eines Ehrenamts
im Bereich des Bevölkerungsschutzes oder zur Teilnahme an Citizen-Science-
Projekten zu schaffen. „Das stärkt unsere eigene Resilienz und die unserer
Gesellschaft“, sagt Claudia Traidl-Hoffmann, Professorin und Chefärztin
für Umweltmedizin an der Universität Augsburg und Co-Autorin des
Teilgutachtens. „Im Patientengespräch vermittele ich jeden Tag: Ein
gesundes, sicheres Leben ist nur mit intakten Ökosystemen möglich.“
3. Internationale Umweltkooperation als friedensfördernde Maßnahme
Ökosystemschutz und das gemeinsame Management natürlicher Ressourcen
können zu Verständigung und Frieden beitragen, indem sie das Vertrauen
zwischen Regierungen oder einzelnen gesellschaftlichen Gruppen steigern.
Entsprechende Ansätze sollten deshalb in der Entwicklungszusammenarbeit
und im Peacebuilding systematisch ausgebaut werden. Der WBGU spricht sich
für einen kooperativen, inklusiven Ökosystemschutz unter der Leitung
örtlicher Akteure aus, möglichst unter Einbezug lokalen und indigenen
Wissens. Die Projekte sollten so gestaltet werden, dass sie sowohl den
Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen als auch eine nachhaltige Nutzung
von Ressourcen und Flächen erlauben. „Andernfalls kann das leicht zu neuen
sozialen Spannungen und Konflikten führen“, erläutert Aletta Bonn,
Leiterin des Departments Biodiversität und Mensch am Helmholtz-Zentrum für
Umweltforschung Leipzig, Professorin an der Universität Jena im Rahmen des
iDiv und Co-Autorin des Teilgutachtens. Um gleichzeitig die
zwischenstaatliche oder lokale Kooperation und die gesellschaftliche
Verantwortung junger Menschen zu stärken, empfiehlt der WBGU, das
ökologische und soziale Jahr als gleichwertig gegenüber dem Wehrdienst
anzuerkennen. „Sicherheitswirksamer Umweltschutz braucht ein breites
zivilgesellschaftliches Engagement“, so Bonn.
Ausblick:
Das Teilgutachten „Umwelt prägt Sicherheit“ ist das erste Kapitel des
Hauptgutachtens „Sicherheit – nachhaltig und integriert“, an dem der WBGU
derzeit arbeitet. Angesichts der dynamischen sicherheitspolitischen
Debatten hat sich der Beirat entschlossen, einzelne Kapitel vorab zu
veröffentlichen. Eine erste Lagebeurteilung, die einen Überblick über das
Gesamtkonzept des Hauptgutachtens gibt, ist bereits im März dieses Jahres
erschienen, in den kommenden Monaten werden weitere Teilgutachten folgen.
Der WGBU: Wissenschaft für nachhaltige Zukunftsgestaltung
Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale
Umweltveränderungen (WBGU) wurde 1992 im Vorfeld der Konferenz der
Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung („Erdgipfel von Rio“) von
der Bundesregierung als unabhängiges wissenschaftliches Beratergremium
eingerichtet. Er hat die Aufgabe, globale Umwelt- und Entwicklungsprobleme
zu analysieren und Handlungs- und Forschungsempfehlungen zu deren Lösung
zu erarbeiten.
