„Das wird der vielfältigste und spannendste Kongress, den wir bisher gemeinsam veranstaltet haben!“
In gut drei Monaten ist es wieder so weit: Der nächste
Gemeinschaftskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und
der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) öffnet
seine Pforten. Die Motivation und die Stimmung könnten besser nicht sein,
denn noch nie wurden so viele Abstracts eingereicht oder waren die
Keynotespeaker so international wie in diesem Jahr. Die
Kongresspräsidenten Prof. Michael Denkinger (DGG) und Prof. Hans-Werner
Wahl (DGGG) verraten im Doppelinterview, welche weiteren Highlights auf
die Teilnehmenden warten.
Warum haben Sie das Kongressmotto „Zukunft Alter(n): Perspektiven im
Umbruch“ gewählt?
Michael Denkinger: Weil wir tatsächlich einen Umbruch erleben. In der
Geriatrie entwickeln sich Diagnostik und Therapie rasant weiter.
Gleichzeitig stellen wir uns grundsätzliche Fragen: Was bedeutet gesundes
Altern? Wo endet normales Altern und wo beginnt Krankheit?
Das klingt nach einer wissenschaftlichen Debatte.
Denkinger: Ja, aber nicht nur. Auch das Gesundheitssystem verändert sich
gerade massiv – von Krankenhausreformen bis zu neuen
Versorgungsstrukturen. Das betrifft die Versorgung älterer Menschen
unmittelbar.
Herr Wahl, erleben Sie diesen Umbruch auch in der Gerontologie?
Hans-Werner Wahl: Absolut. Themen wie Resilienz, Plastizität oder ein
deutlich vertieftes Verstehen von kognitiver Entwicklung, Wohlbefinden
oder Persönlichkeit in der gesamten Lebensspanne bis zum Tod gewinnen
stark an Bedeutung. Fragen der sozialen Ungleichheit im Alter werden
anhand von Biomarkern und historischen Veränderungen neu aufgerollt.
Methodisch wird die Gerontologie in vielen Bereichen alltagsnäher mit
dichten Messungen mehrmals am Tag, Tablet- oder Smartphone-gestützt selbst
bei sehr alten Menschen.
Manche versprechen inzwischen sogar ein deutlich längeres Leben.
Wahl: Genau deshalb müssen wir wissenschaftlich genau hinschauen. Nicht
jede Vision wird Realität. Die spannende Frage ist: Wie können Menschen
möglichst lange gesund und selbstbestimmt leben? Hier geht es um neue
interdisziplinäre Synergien, die teilweise leider, das muss man
selbstkritisch sagen, noch Lippenbekenntnisse sind. Nur eine biologische
Perspektive greift zu kurz.
Was wird auf dem Kongress in diesem Jahr anders sein?
Wahl: Wir bleiben primär bei bewähren Formaten, werden aber in vielen
Standardthemenfeldern neue Entwicklungen sehen. Zum Beispiel werden neue
Längsschnittbefunde zum Übergang in eine familiäre Pflegerolle, aber auch
zur Lebenssituation nach Ende der Pflegerolle präsentiert,
verhaltensorientierte Programme erweitern die Autonomieförderung von
älteren Menschen mit Demenz, die Zeit nach Ende eines
Krankenhausaufenthalts wird zur eigentlichen Interventionszeit und das
Zukunftsthema digital gestützte Gesundheit und Prävention wird in mehreren
Symposien nun endlich auch mit belastbaren empirischen Daten unterfüttert.
Welche Rolle spielen digitale Angebote?
Wahl: Eine wie gesagt immer größere. Sie können ältere Menschen vielfältig
unterstützen, sind keineswegs nur kompensatorisch, sondern auch als
entwicklungsförderlich zu sehen, etwa im Bereich soziale Partizipation
oder dem Austausch mit anderen Generationen. Sie können auch Angehörige
entlasten.
Herr Denkinger, was ist organisatorisch neu?
Denkinger: Wir haben die Symposien verkürzt – von 90 auf 75 Minuten.
Warum?
Denkinger: Weil sich viele Teilnehmende mehr Zeit für Gespräche gewünscht
haben. Wissenschaft entsteht nicht nur im Vortragssaal.
Sonst noch etwas?
Denkinger: Wir haben das größte Programm unserer bisherigen
Gemeinschaftskongresse. Noch nie gab es so viele Abstracts und so viele
internationale Gäste.
Sie sprechen von Internationalität. Was heißt das konkret?
Denkinger: Unsere Keynotespeaker kommen unter anderem aus Deutschland,
Österreich, Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien, den USA und
Singapur.
Bei einem so großen Programm: Worauf freuen Sie sich persönlich besonders?
Denkinger: Mich begeistert die Verbindung von wissenschaftlicher Exzellenz
und klinischer Praxis. Themen wie Delir, Sturzprävention oder Sarkopenie
betreffen den Alltag in der Versorgung älterer Menschen unmittelbar.
Welche Fragen stehen dabei im Vordergrund?
Denkinger: Wie wir aktuelle Forschung möglichst schnell in die Versorgung
bringen. Und natürlich auch, wie sich gesundheitspolitische Entscheidungen
auf die geriatrische Versorgung auswirken werden.
Herr Wahl, was ist Ihr persönliches Highlight?
Wahl: Die interdisziplinären Symposien. Dort treffen medizinische,
psychologische, sozialwissenschaftliche und biologische Perspektiven
aufeinander.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Wahl: Das Thema Sarkopenie. Dabei geht es längst nicht mehr nur um das
Verstehen von Muskelabbau. Es geht auch um motivationale und kognitive
Aspekte, die wiederum immer in Kontexten von Pflege, Familie und letztlich
auch kommunalen Angeboten gesehen werden müssen.
Welche Themen beschäftigen die Gerontologie derzeit besonders?
Wahl: Sehr unterschiedliche in Bezug auf Grundlagenforschung und
Anwendung. Grundlegend sind wir gerade dabei, mit Forschung etwa zum hohen
Alter unser Altersbild dieser Lebensperiode mit doch überwiegend
Verletzlichkeiten zu hinterfragen. Anwendungsbezogen geht es z.B. um
Interventionsforschung dahingehend, wie Menschen mit Demenz stärker an
Entscheidungen und am Leben überhaupt beteiligt werden können.
Selbstbestimmung und Teilhabe haben heute einen deutlich höheren
Stellenwert in Forschung und Anwendung gewonnen als noch vor Jahren.
Ein Kongress besteht nicht nur aus Vorträgen. Was erwartet die
Teilnehmenden darüber hinaus?
Denkinger: Der Kongresslauf und der Science Slam kehren zurück.
Der Science Slam war im vergangenen Jahr überraschend erfolgreich.
Denkinger: Ja, die Resonanz war enorm. Deshalb freuen wir uns auch in
diesem Jahr wieder auf kreative Beiträge. Einsendungen sind noch bis zum
31. Juli möglich.
Und abends?
Denkinger: Der Kongressabend findet an einer neuen Location statt. Wir
wollten mehr Raum für Begegnungen schaffen.
Stimmt es, dass sogar der Kongresssong zurückkehren könnte?
Denkinger: Zumindest würde ich das nicht ausschließen…
Herr Wahl, was gehört für Sie noch zu einem gelungenen Kongress?
Wahl: Die Begegnungen mit anderen auf den unterschiedlichsten Ebenen.
Deshalb freuen wir uns über die große Industrieausstellung, die
Posterpräsentationen und die Preisverleihungen.
Der wissenschaftliche Nachwuchs spielt dabei eine wichtige Rolle?
Wahl: Eine sehr wichtige. Junge Forschende erhalten zahlreiche
Möglichkeiten, ihre Arbeiten vorzustellen und neue Kontakte zu knüpfen.
Das ist für die Zukunft unserer Fachgebiete entscheidend.
Sie haben bereits die internationale Ausrichtung angesprochen. Warum ist
sie Ihnen so wichtig?
Wahl: Weil viele Herausforderungen des Alterns weltweit ähnlich sind. Der
Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern eröffnet neue
Perspektiven und schafft wertvolle Kooperationen.
Deshalb gibt es auch englischsprachige Sitzungen?
Wahl: Genau. Wir möchten den internationalen wissenschaftlichen Dialog
weiter stärken.
Zum Schluss: Warum sollte man diesen Kongress auf keinen Fall verpassen?
Denkinger: Weil Altern eines der zentralen Zukunftsthemen unserer
Gesellschaft ist. Wer verstehen möchte, wie sich Versorgung, Forschung und
gesellschaftliche Rahmenbedingungen entwickeln, findet hier die relevanten
Antworten.
Und in einem Satz?
Denkinger: Wir sind überzeugt: Das wird der vielfältigste und spannendste
Kongress, den wir bisher gemeinsam veranstaltet haben!
Gemeinsamer Jahreskongress DGGG & DGG
23. bis 26. September
Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt a. M.
Campus Westend, Hörsaal 3
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