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Kriege und militärische Drohungen erschüttern Staatsanleihen

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Kriege zählen zu den größten Schocks für Staatsanleihe-Märkte. Eine neue
Studie auf Basis von Daten aus zwei Jahrhunderten für mehr als 90 Länder
liefert die bislang umfassendste Analyse dazu, wie sich Kriege – und schon
die bloße Androhung von Kriegen – auf den Markt für Staatsanleihen
auswirken. Die Kosten von Kriegen reichen weit über den direkten
Kriegsschauplatz hinaus: Sie treffen Investoren und erhöhen die
staatlichen Finanzierungskosten weltweit. Die nun erstmals dokumentierten
Auswirkungen militärischer Drohungen weisen eine Asymmetrie auf: Sie
senken die Anleihekurse des bedrohten Landes, während die Anleihen des
drohenden Landes kaum reagieren.



Militärische Konflikte und die Androhung von Kriegen sind ein beständiges
Merkmal der Weltgeschichte: Seit 1870 gab es kein einziges Jahr ohne einen
Krieg irgendwo auf der Welt, und in mehr als 90 Prozent der Jahre kam ein
neuer Konflikt hinzu. Wie sich das auf die Märkte für Staatsanleihen
auswirkt, wurde bislang jedoch kaum untersucht.

Die neue Studie „Wars, Threats, and the Sovereign Bond Market“
(https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/wars-threats-and-the-
sovereign-bond-market-19876/
) liefert dazu erstmals langfristige globale
Evidenz. Durchgeführt wurde die Studie von Jonathan Federle und Christoph
Trebesch vom Kiel Institut für Weltwirtschaft, gemeinsam mit Robin
Greenwood von der Harvard Business School, Josefin Meyer vom DIW Berlin
und Carmen Reinhart von der Harvard Kennedy School.

Um zu messen, wie Kriege an den Anleihemärkten eingepreist werden,
entwickelten die Autorinnen und Autoren den External Bond Index (EXBI),
einen 200 Jahre umfassenden Index für in US-Dollar und britischen Pfund
denominierte Staatsanleihen auf Basis von mehr als 300.000 monatlichen
Preisbeobachtungen. Es handelt sich um den ersten langfristigen globalen
Index dieser Art. Er erlaubt es, die Auswirkungen von Krieg und
militärischen Drohungen auf die staatlichen Finanzierungsbedingungen in
bislang unerreichter Tiefe zu messen.

Die Studie zeigt, dass ein typischer Anstieg der Zahl der Kriege weltweit
die Renditen der Investoren am globalen Markt für Staatsanleihen um etwa 5
Prozentpunkte senkt. Das ist vergleichbar mit den Auswirkungen einer
schweren globalen Rezession. Davon sind insbesondere zwei Gruppen
betroffen. Erstens erleiden Investoren, die Staatsanleihen halten,
Kursverluste, wenn die Anleihekurse fallen. Dies umfasst insbesondere
Pensionsfonds, Versicherer, Banken und private Haushalte. Zweitens sehen
sich staatliche Schuldner, also die Regierungen, die die Anleihen
emittieren, mit höheren Finanzierungskosten konfrontiert, und zwar gerade
dann, wenn ein Krieg ihre Haushalte ohnehin belastet. Kriege allein
erklären rund 5 Prozent der Schwankungen globaler Anleiherenditen im Jahr
des Schocks und mehr als 10 Prozent in den folgenden drei Jahren.

Kriege im eigenen Land lösen Anleihemarktcrashs aus

Nur selten ist ein Land von Krieg auf dem eigenen Territorium betroffen:
Die Wahrscheinlichkeit liegt bei etwa 3 Prozent pro Jahr. Wenn dies jedoch
geschieht, sind die Folgen auf den Finanzmärkten gravierend: Im
historischen Datensatz geht rund ein Viertel aller Crashs in
Staatsanleihen auf Kriege im eigenen Land zurück. Gemeint sind damit
Jahresverluste von mehr als 20 Prozent. Ein typischer Krieg im eigenen
Land senkt die Anleiherenditen unmittelbar um fast 10 Prozentpunkte und
erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Staatsbankrotts in den Folgejahren um
etwa 7 Prozentpunkte. Diese Verluste spiegeln umfassende wirtschaftliche
Verwerfungen wider und lassen sich nicht auf eine einzelne Ursache
zurückführen: Nachdem ein Krieg beginnt, sinkt die Wirtschaftsleistung um
rund 12 Prozent, die Verbraucherpreise steigen um etwa 20 Prozent, Kapital
wird zerstört, öffentliche Defizite weiten sich aus, und Währungs- sowie
Schuldenkrisen werden gleichzeitig wahrscheinlicher.

„Aus Sicht der Finanzmärkte sind Kriege keine isolierten geopolitischen
Ereignisse. Sie sind makrofinanzielle Multikrisen“, sagt Christoph
Trebesch (https://www.kielinstitut.de/de/expertinnen-und-experten
/christoph-trebesch/
), Direktor des Forschungszentrums Internationale
Finanzmärkte am Kiel Institut und Koautor der Studie. „Das BIP bricht ein,
die Inflation steigt stark an, die öffentlichen Finanzen verschlechtern
sich, und mehrere Krisen treten gleichzeitig auf. Deshalb können Kriege
allein einen so unverhältnismäßig großen Anteil der schwersten Crashs in
den Märkten für Staatsanleihen erklären.“

Nicht nur Kriege, sondern auch militärische Drohungen verschlechtern
Renditen

Märkte reagieren nicht nur auf tatsächliche Kampfhandlungen, sondern auch
auf Drohungen. Auf Basis einer Datenbank mit mehr als 10.000
diplomatischen und militarisierten Zwischenfällen seit dem frühen 19.
Jahrhundert zeigt die Studie, dass explizite Drohungen die Anleihekurse
des bedrohten Landes senken, während die Anleihen des drohenden Landes
kaum reagieren. Der Grund: Eine Drohung erhöht die Wahrscheinlichkeit,
dass der bedrohte Staat – nicht aber der Aggressor – zum Kriegsschauplatz
wird; die Märkte preisen dieses höhere Risiko entsprechend neu ein.
Drohungen gehen zudem tendenziell von größeren gegenüber kleineren
Volkswirtschaften aus: Die größere Volkswirtschaft in einem Konflikt
spricht mit höherer Wahrscheinlichkeit die Drohung aus. In den Daten gehen
militärische Drohungen am häufigsten von Russland, den Vereinigten
Staaten, dem Vereinigten Königreich, China und Frankreich aus; am
häufigsten richten sie sich gegen Russland, die Türkei, die Vereinigten
Staaten, China und Japan.

„Das ist der erste systematische Nachweis dafür, dass ein Land die
Anleihekurse seiner Gegner allein durch die Androhung von Gewalt senken
kann“, sagt Jonathan Federle (https://www.kielinstitut.de/de/expertinnen-
und-experten/jonathan-federle/
), Forscher am Kiel Institut und Koautor der
Studie. „Militärischer Druck wirkt nicht nur durch tatsächliche
Kampfhandlungen, sondern auch über Finanzmärkte. Das legt nahe, dass
Sicherheit und Abschreckung einen messbaren ökonomischen Wert haben – und
dass die Kosten der Einschüchterung das bedrohte Land treffen,
typischerweise die schwächere Seite, nicht denjenigen, der die Drohung
ausspricht.“

Die Studie ist eine von mehreren aktuellen Arbeiten der Kiel Defence
Economics Initiative (https://www.kielinstitut.de/de/institut/initiativen
/kiel-defence-economics-initiative/
).

Studie jetzt lesen: „Wars, Threats, and the Sovereign Bond Market“
(https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/wars-threats-and-the-
sovereign-bond-market-19876/
)