Mobilitätswende braucht mehr Spielräume statt Verzichtsdebatten
Die öffentliche Debatte über die Mobilitätswende wird häufig von
Hindernissen, Verzichtsforderungen oder technologischen Heilsversprechen
geprägt. Aus Sicht der Mobilitätsforschenden Jutta Deffner und Luca
Nitschke vom Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) greift diese
Perspektive jedoch zu kurz. In ihrem Impuls zeigen sie auf Basis aktueller
Ergebnisse aus der Mobilitätsforschung, dass Veränderungen im
Mobilitätsverhalten vor allem dann gelingen, wenn Menschen neue
Mobilitätsangebote im Alltag selbst ausprobieren und erfahren können.
Ob fehlende Radwege, lückenhafter öffentlicher Nahverkehr oder weite Wege
zwischen Wohnort, Arbeitsplatz und Kinderbetreuung – für viele Menschen
sind nachhaltige Mobilitätsformen bislang nur eingeschränkt
alltagstauglich. Gleichzeitig unterstützen bestehende politische Anreize
und eingespielte Routinen weiterhin die Nutzung des Autos. Dadurch wird
eine nachhaltige Mobilitätswende häufig als zusätzliche Belastung
wahrgenommen. „Die Mobilitätswende scheitert nicht in erster Linie an
mangelnder Bereitschaft der Menschen. Sie scheitert häufig daran, dass
nachhaltige Alternativen im Alltag gar nicht oder nur schwer erfahrbar
sind. Wer aber neue Mobilitätsformen unter realen Bedingungen ausprobieren
kann, bewertet sie oft völlig anders als in der abstrakten politischen
Debatte“, sagt Jutta Deffner.
Mobilitätsexperimente machen Veränderungen erfahrbar
Seit vielen Jahren untersucht das ISOE in transdisziplinären
Forschungsprojekten, wie nachhaltige Mobilität im Alltag gelingen kann.
Ein zentrales Ergebnis zahlreicher Mobilitätsexperimente: Erhalten
Menschen die Möglichkeit, auf ihrem Arbeitsweg E-Bikes, Lastenräder oder
den öffentlichen Nahverkehr über einen längeren Zeitraum unverbindlich zu
testen, verändert sich ihre Wahrnehmung häufig grundlegend: Aus
anfänglicher Skepsis werden persönliche Erfahrungen – und nicht selten
neue Gewohnheiten.
Die Forschenden beobachten, dass sich die positiven Effekte nicht allein
auf den Arbeitsweg beschränken. Neue Mobilitätsroutinen wirken häufig auch
auf andere Lebensbereiche: Sie fördern Bewegung, verändern die Gestaltung
der Freizeit oder führen dazu, dass familiäre Wege und Aufgaben neu
organisiert werden. Gleichzeitig zeigen die Experimente auf, wo
strukturelle Defizite bestehen und welche Investitionen in Infrastruktur
und Angebote notwendig sind, damit nachhaltige Mobilität dauerhaft
praktikabel wird. „Veränderungen entstehen selten durch Appelle oder
Verbote. Sie entstehen, wenn Menschen erleben, dass eine neue
Mobilitätsroutine ihren Alltag tatsächlich verbessern kann. Unsere
Forschung zeigt: Ausprobieren schafft Vertrauen – und genau dafür braucht
es mehr Spielräume“, sagt Luca Nitschke.
Forschungsergebnisse als Impuls für die Mobilitätspolitik
Vor dem Hintergrund geopolitischer Krisen, steigender Energiekosten und
anhaltender Unsicherheiten plädieren die Forschenden dafür,
Mobilitätspolitik stärker als gemeinsamen Lern- und Gestaltungsprozess zu
verstehen. Kommunen, Unternehmen und Verkehrsunternehmen sollten
Möglichkeiten schaffen, neue Mobilitätsangebote niedrigschwellig zu testen
und Veränderungsprozesse durch Beratung, Austausch und geeignete
Rahmenbedingungen zu begleiten.
Nach Einschätzung der Forschenden entsteht nachhaltige Mobilität nicht
allein durch neue Technologien oder politische Vorgaben. Entscheidend sind
positive Alltagserfahrungen, die Menschen befähigen, neue Routinen
dauerhaft in ihren Alltag zu integrieren.
Die zentralen Aussagen des ISOE-Impulses:
• Die Mobilitätswende wird in der öffentlichen Debatte häufig als
Verzicht diskutiert.
• Neue Mobilitätsroutinen entstehen vor allem durch eigene positive
Erfahrungen.
• Mobilitätsexperimente helfen Menschen, Alternativen unter realen
Alltagsbedingungen zu erproben.
• Infrastrukturen und politische Rahmenbedingungen für nachhaltige
Mobilität müssen verbessert werden.
• Politik, Kommunen und Unternehmen sollten mehr Räume zum
Ausprobieren schaffen, um Veränderungen zu unterstützen.
Der Beitrag „Mobilitätswende erfahrbar machen: Warum wir mehr ‚Spiel-
Räume‘ brauchen“ ist auf der Website des ISOE veröffentlicht:
https://www.isoe.de/blog/mobil
spielraeume-brauchen
Aktuelle Forschungsprojekte des ISOE zum Thema Mobilität:
https://www.isoe.de/thema/mobi
Über das ISOE
Das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) gehört zu den
führenden unabhängigen Instituten der Nachhaltigkeitsforschung. Es
entwickelt wissenschaftliche Grundlagen und zukunftsweisende Konzepte für
sozial-ökologische Transformationen. Hierfür forscht das ISOE
transdisziplinär zu globalen Problemen wie Wasserknappheit, Klimawandel,
Biodiversitätsverlust und Landdegradation und findet tragfähige Lösungen,
die ökologische, gesellschaftliche und ökonomische Bedingungen
berücksichtigen.
