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Deutsche Stahlindustrie kann mit umweltfreundlichem Stahl bestehen – Forscher berechnen notwendige Rahmenbedingungen

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Deutsche Stahlunternehmen können mit umweltfreundlichem Stahl im
internationalen Wettbewerb bestehen. Allerdings nur, wenn die
industriepolitischen Rahmenbedingungen für die heiße Phase der
Transformation stimmen. Dafür notwendig sind unter anderem ein
längerfristig gedeckelter Industriestrom- und -Wasserstoffpreis, eine an
Standortzusagen geknüpfte staatliche Förderung von Investitionen in eine
klimaneutrale Produktion, Buy-European-Regeln bei der öffentlichen
Beschaffung und Schutzmechanismen gegen Stahl, der durch Umwelt- und
Sozialdumping sowie Subventionierung in den Herstellungsländern zu
Billigpreisen auf den Weltmarkt gebracht wird.

Zu diesem Ergebnis kommt eine neue, von der Hans-Böckler-Stiftung
geförderte Studie von Ökonomen der Universität Mannheim.*

„Wirtschaftliche Resilienz für Deutschland und Europa setzt eine starke
deutsche Stahlindustrie voraus, die zeitnah und breit auf klimafreundliche
Produktion umstellt“, halten die Autoren Prof. Dr. Tom Krebs und Dr.
Patrick Kaczmarczyk fest. Als bedeutende Grundstoffindustrie liefere sie
unverzichtbare Inputs für nachgelagerte Sektoren, insbesondere
Bauwirtschaft, Maschinenbau und Automobilindustrie. Rund zwei Drittel der
Industriearbeitsplätze in Deutschland entfallen auf stahlintensive
Branchen. Ohne nennenswerte eigene Stahlproduktion drohten der deutschen
Wirtschaft bis zu 50 Milliarden Euro jährlicher Wertschöpfungsverlust,
wenn sie in einen globalen „Stahlschock“ geriete, haben die beiden
Wissenschaftler 2025 in einer Vorläuferstudie ausgerechnet. Das ist ein
Szenario, bei dem aufgrund von geopolitischen Konflikten oder
Lieferkettenproblemen große Stahlexporteure wie China ihre Ausfuhren nach
Europa in kurzer Zeit erheblich drosseln.

„Genau wie bei Antibiotika, Chemikalien oder Computerchips gilt auch für
den unverzichtbaren Werkstoff Stahl: Wer sich zu abhängig macht, dem
drohen böse Überraschungen“, sagt Christina Schildmann, Direktorin
Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung. „Hinzu kommt, dass sich mit
den notwendigen Investitionen noch ein zweites entscheidendes Ziel
erreichen lässt: innovative, klimaverträgliche Produktion.“

Deutschland und die EU nähmen die Gefahren einer Deindustrialisierung
endlich ernster als noch vor wenigen Jahren, konstatieren Krebs und
Kaczmarczyk. Doch blieben Reaktionen wie Anti-Dumping-Zölle bei
Stahlimporten bislang „Stückwerk“, während die Branche Produktion und
Beschäftigung herunterfahre und existenzielle Investitionen verschiebe.
„Mittelfristig muss das aktuelle Geflecht von ad-hoc-Regeln der EU durch
ein kohärentes System von Local-Content-Regeln und Zöllen ersetzt werden,
die als Teil einer strategischen Industriepolitik die europäischen Werte –
insbesondere gute Arbeit und umweltverträgliche Produktion – angemessen
reflektieren“, schreiben Krebs und Kaczmarczyk in der aktuellen Studie.
Konkret sollte die Politik die folgenden industriepolitischen Maßnahmen
zügig implementieren, damit in Deutschland die Grundstoffindustrie und
insbesondere die Stahlindustrie eine Zukunft habe:

• Industriestrompreis:  Ein garantierter Strompreis von 60 Euro pro
Megawattstunde (MWh), inklusive Netzentgelte und aller Umlagen bis 2035
für alle energieintensiven Unternehmen. Für Unternehmen mit Tarifbindung
schlagen die Wissenschaftler eine zusätzliche Reduktion des Strompreises
um 10 Euro/MWh vor.

• Industriewasserstoffpreis: Ein garantierter Bezugspreis für grünen
Wasserstoff von 140 Euro/MWh bis 2035 für alle energieintensive
Unternehmen. Eine zusätzliche Reduktion des Wasserstoffpreises um 20
Euro/MWh für Unternehmen mit Tarifbindung.

• Gezielte Investitionsförderung: Direkte Zuschüsse oder zinsgünstige
Kredite in Höhe von 50 Prozent der Investitionssumme für Unternehmen in
der Stahlindustrie, die in zukunftsfeste Produktionsanlagen investieren
und eine Standort- und Beschäftigungsgarantie abgeben. Zahlung einer
zusätzlichen Investitionsprämie für Unternehmen mit tarifvertraglicher
Entlohnung.

• Öffentliche Beteiligungen: Falls nötig, solle sich der Staat (Bund und
Land) an strategisch wichtigen Unternehmen der Stahlindustrie beteiligen,
um die Kapitalkosten zu senken und die Transformationsperspektive
langfristig abzusichern.

• Maßnahmen zur Nachfragestimulierung: Staatliche Aufträge sollten
bevorzugt an inländische Produzenten vergeben werden (Buy-European- bzw.
Local-Content-Regel), emissionsintensive Importe werden mit einem
CO2-Preis belegt (CBAM) und Importe aus Ländern mit geringen Arbeits- und
Umweltstandards werden mit Schutzzöllen belegt.

Die Bestandteile dieser umfassenden industriepolitischen Strategie leiten
die Ökonomen aus einer detaillierten Analyse des europäischen Stahlmarkts
ab. Um die prognostizierte jährliche Nachfrage von 160 bis 180 Millionen
Tonnen bis 2050 in der EU zu sichern, sollte in Deutschland ein jährliches
Produktionsvolumen von insgesamt 40 Millionen Tonnen klimafreundlichen
Stahls erreicht sein. Davon entfällt jeweils die Hälfte auf „Primärstahl“,
über CO2-arme Direktreduktion erzeugt, und „Sekundärstahl“, der in
Elektroöfen aus Stahlschrott geschmolzen wird.  Die aktuell von
Unternehmen geplanten Investitionen für die Primärroute belaufen sich
jedoch auf nur 8 Millionen Tonnen, die Kapazität auf der Sekundärroute
beträgt nur rund 15 Millionen Tonnen Stahl. Ziel der Studie ist es, die
Lücke zu schließen und zu ermitteln, wie die notwendigen Investitionen in
eine klimaneutrale Stahlproduktion in Deutschland wirtschaftlich rentabel
werden können.

Dass das mit den richtigen Rahmenbedingungen möglich ist, haben Krebs und
Kaczmarczyk detailliert durchgerechnet. Dabei greifen sie auf einen
Levelised-Cost-of-Steel-Ansatz (LCOS) zurück. Dieser weist die über die
Abschreibungsdauer einer Anlage anfallenden Betriebs- und Kapitalkosten
als diskontierten Durchschnittswert je Tonne Rohstahl aus.

Ergebnis: Für die Primärstahlproduktion mittels Direktreduktionsanlagen
ergeben sich unter den oben genannten industriepolitischen Konditionen
Gesamtkosten von rund 590 Euro je Tonne Rohstahl. Zum Vergleich: In den
letzten drei Jahren lag der durchschnittliche Marktpreis für Flachstahl
bei etwa 640 Euro je Tonne.  Die Produktionskosten bewegen sich also in
einer Größenordnung, die unter aktuellen Marktbedingungen grundsätzlich
als wirtschaftlich tragfähig gelten kann. Auch die klimafreundliche
Sekundärstahlproduktion wäre mit Gesamtkosten von etwa 464 Euro je Tonne
konkurrenzfähig. Ein konservativer Referenzpreis für den über diese Route
produzierten Langstahl lag vor der Krise bei rund 480 Euro je Tonne.

Entscheidende Größe in der Rechnung sind der Industriestrom und
-Wasserstoffpreis. Sie erwiesen sich „als das zentrale Instrument einer
strategischen Industriepolitik für die Stahlindustrie, während die
Investitionsförderung ein notwendiges komplementäres Instrument
darstellt“, schreiben die Forscher. Die Personalkosten hätten hingegen
keine nennenswerte Bedeutung: Selbst eine Erhöhung der Löhne und Gehälter
um 20 Prozent für alle Beschäftigten würde die Produktionskosten auf der
Primärroute nur um 8 Euro pro Tonne Stahl von 590 Euro auf 598 Euro
anheben.

Ergänzend bedarf es laut den Mannheimer Ökonomen aber weiterer Maßnahmen,
die einen verlässlichen Absatz für klimaneutralen Stahl sichern und damit
zentrale Erlösrisiken transformationswilliger Unternehmen reduzieren. So
seien verbindliche Buy-European bzw. Local-Content-Vorgaben in der
öffentlichen Beschaffung ein wirksames Instrument für einen fairen
Wettbewerb auf dem europäischen Absatzmarkt. Schließlicht könnten
Stahlunternehmen in Ländern wie China, Indien und der Türkei häufig
wesentlich kostengünstiger produzieren als ihre europäischen Konkurrenten,
weil Arbeits- und Klimaschutzstandards niedriger sind.

Zölle könnten in einer Übergangphase sinnvoll sein, wenn Länder außerhalb
der EU eine aggressive Industriepolitik mit massiven Subventionen
betreiben, während in Deutschland und Europa die Unternehmen keinen
Zugriff auf eine entsprechende Förderung haben. „Solange innerhalb der EU
eine strategische Industriepolitik – inklusive gezielter Förderung
essenzieller Industriesektoren wie der Stahlindustrie – nicht konsequent
umgesetzt wird, sollte dieser Wettbewerbsnachteil durch Schutzzölle
ausgeglichen werden“, schreiben Krebs und Kaczmarczyk.

Schließlich raten die Forscher, auch öffentliche Beteiligungen an
Stahlunternehmen als industriepolitisches Instrument ernsthaft in Betracht
zu ziehen. Sie könnten für beide Seiten vorteilhaft sein. Für die
Unternehmen verbesserten sie die Finanzierungsbedingungen und erhöhten die
Glaubwürdigkeit langfristiger Transformationszusagen der Politik. Die
öffentliche Hand erhalte im Gegenzug größere Einflussmöglichkeiten auf
strategische Unternehmensentscheidungen, insbesondere im Hinblick auf den
Erhalt von Industriestandorten und die Schaffung zukunftsfester
Arbeitsplätze.