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Europas finanzieller Hebel gegenüber den USA

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Die USA haben zuletzt verschiedene Druckmittel – Zölle oder militärische
Mittel – eingesetzt, um ihre geopolitischen Ziele zu verfolgen. In Europa
steht zunehmend die Frage im Raum, wie man darauf reagieren kann. Der neue
Kiel Report „Shorting America: Europe’s financial leverage over the United
States“ (https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/shorting-america-
europas-finanzieller-hebel-gegenueber-den-usa-19900/
) zeigt, dass Europa
die finanzielle Asymmetrie zwischen den beiden Wirtschaftsregionen stärker
nutzen könnte – über regulatorische Instrumente, die es bereits selbst in
der Hand hält.



Die Autoren verstehen dies als Hebel für den Extremfall, der die Debatte
über europäische strategische Autonomie informieren soll, und betonen,
dass die Korrektur der zugrunde liegenden regulatorischen Verzerrung
unabhängig vom geopolitischen Kontext eine sinnvolle aufsichtsrechtliche
Maßnahme darstellt.

Europa hält US-Vermögenswerte im Wert von 9,6 Billionen US-Dollar – rund
1,5-mal so viel wie die USA in Europa (6,4 Billionen US-Dollar). Diese
Asymmetrie verschafft Europa echten finanziellen Einfluss. Um ihn zu
nutzen, müssten regulatorische Privilegien abgeschafft werden, die US-
Staatsanleihen in Europa momentan genießen. „Derzeit erhalten US-
Staatsanleihen eine bedingungslose Ausnahme. Sie sind günstiger, als es
ihre eigenen Kreditkennzahlen rechtfertigen würden. Mit der
vorgeschlagenen Regeländerung würden sie im Einklang mit diesen Kennzahlen
behandelt“, argumentiert Farzad Saidi, Fellow am Kiel Institut für
Weltwirtschaft.

Die Autoren untersuchen die Abschaffung des Null-Risikogewicht-Privilegs
für US-Staatsanleihen in zwei europäischen Regelwerken: dem Spread-Risiko-
Aufschlag unter Solvency II (das Versicherer reguliert) und dem
Risikogewicht unter der Eigenkapitalverordnung (CRR) (die Banken
reguliert). „Angesichts einer US-Schuldenquote von über 120 Prozent und
einer bereits erfolgten Herabstufung durch die Rating-Agenturen ist dieses
Null-Risikogewichts-Privileg aus rein aufsichtsrechtlicher Sicht kaum noch
zu rechtfertigen“, sagt Saidi.

Die Auswirkungen wären erheblich. Über europäische Versicherer, Banken und
Pensionsfonds hinweg schätzen die Autoren, dass die Abschaffung des
Privilegs die Nachfrage nach US-Staatsanleihen über ein Jahrzehnt um rund
200 Mrd. US-Dollar verringern würde. Dieser Wert entspricht etwa einem
Viertel der ersten Runde der quantitativen Straffung der US-Notenbank. Der
daraus resultierende Renditeanstieg würde die Finanzierungskosten des US-
Haushalts um geschätzt 33 bis 42 Mrd. US-Dollar pro Jahr erhöhen – das
entspricht etwa einem Fünftel bis einem Viertel des aktuellen Budgets des
US-amerikanischen Department of the Army. Zugleich könnte die Umschichtung
in europäische Staats- und Bankanleihen die Finanzierungsstruktur
europäischer Banken verbessern und deren Dollar-Abhängigkeit verringern.

Die Effekte an den Finanzmärkten wären überschaubar. Da ein großer Teil
der europäischen Dollar-Positionen abgesichert ist, erzeugt das Auflösen
dieser Absicherungen teilweise gegenläufige Ströme, sodass eine Dollar-
Abwertung und ein Renditeanstieg eher schrittweise als abrupt eintreten
würden. Die Wechselkursentwicklung sollte gleichwohl genau beobachtet
werden.

Kiel Report jetzt lesen: Shorting America: Europe’s financial leverage
over the United States/https://www.kielinstitut.de/de/publikationen
/shorting-america-europas-finanzieller-hebel-gegenueber-den-usa-19900/