Zum Hauptinhalt springen

Neue Studie zu Verhaltensauffälligkeiten bei Demenz im häuslichen Umfeld

Pin It

digiDEM Bayern-Studie untersucht Unterschiede bei Symptomen
Unruhe, Teilnahmslosigkeit, Schlafstörungen oder Gereiztheit: Verhaltens-
und psychische Symptome der Demenz zählen zu den belastendsten Aspekten
der Erkrankung – für Betroffene und pflegende An- und Zugehörige
gleichermaßen. Eine neue Studie des Digitalen Demenzregisters Bayern an
der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) hat erstmals
untersucht, ob sich diese Symptome zwischen Männern und Frauen, die zu
Hause leben, unterscheiden.



Bis zu 90 Prozent aller Menschen mit Demenz entwickeln im
Krankheitsverlauf Verhaltens- und psychische Veränderungen. Diese umfassen
Teilnahmslosigkeit, Reizbarkeit, Unruhe, Schlafstörungen oder
Wahnvorstellungen und sind mit einem beschleunigten körperlichen Abbau,
erhöhter Pflegebelastung sowie einem gesteigerten Risiko der
Heimeinweisung verbunden. Bisherige Studien konzentrierten sich jedoch
überwiegend auf Betroffene in Pflegeeinrichtungen. Über Menschen mit
Demenz, die zu Hause leben, war bislang nichts bekannt.

Erste Längsschnittstudie in der häuslichen Versorgung

Die digiDEM Bayern-Studie schließt diese Forschungslücke. „Mithilfe
unserer Registerdaten war es erstmals möglich, Verhaltens- und psychische
Auffälligkeiten bei zu Hause lebenden Menschen mit Demenz in ganz Bayern
zu untersuchen.  Insbesondere war uns wichtig, ob dabei Unterschiede bei
zu Hause lebenden Männern und Frauen gibt", erklärt Lea Dütsch,
Erstautorin der Studie und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei digiDEM
Bayern. In die Studie wurden 368 Personen mit leichten kognitiven
Beeinträchtigungen oder einer leichten bis mittelschweren Demenz aus ganz
Bayern einbezogen. 55 Prozent der Teilnehmenden waren Frauen, das
durchschnittliche Alter betrug 80 Jahre. Die Verhaltens- und psychischen
Symptome wurden zu Studienbeginn und nach zwölf Monaten mit einem
international anerkannten Fragebogen erfasst.

Männer zeigen höhere Symptomlast – aber warum?

Die Daten zeigen: Über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg nahmen die
Verhaltens- und psychischen Auffälligkeiten bei allen Teilnehmenden leicht
zu. Männer schienen dabei stärker betroffen zu sein als Frauen, sowohl zu
Studienbeginn als auch nach zwölf Monaten. Doch als die Forschenden
genauer prüften, veränderte sich das Bild grundlegend: „Als wir Alter,
Bildungsgrad und Schwere der Demenz berücksichtigten, verschwanden diese
Unterschiede statistisch vollständig", berichtet Lea Dütsch. „Das
bedeutet: Das Geschlecht ist nicht der alleinige entscheidende Faktor –
auch andere soziale und medizinische Merkmale haben prägenden Einfluss."

Alter und Bildung als entscheidende Einflussfaktoren

In der Analyse zeigte sich insbesondere das Alter als beeinflussender
Faktor. Frauen waren im Mittel älter als Männer und hatten weniger
Schuljahre absolviert, beides Umstände, die unabhängig vom Geschlecht
beeinflussen, wie stark Verhaltens- und psychische Auffälligkeiten
ausgeprägt sind. „Unsere Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist,
soziale und medizinische Faktoren gemeinsam zu betrachten. Nur so lässt
sich ein realistisches Bild der häuslichen Versorgungssituation zeichnen."
sagt Prof. Dr. Peter Kolominsky-Rabas, Projektleiter von digiDEM Bayern
und Co-Autor der Studie.

Häusliche Versorgung stärker in den Blick nehmen

Die meisten Menschen mit Demenz verbringen einen Großteil ihrer Erkrankung
in den sog. „eigenen vier Wänden“. Internationale Studien zeigen, dass nur
rund ein Drittel der verbleibenden Lebenszeit in Pflegeeinrichtungen
verbracht wird. „Die Gruppe der zu Hause lebenden Menschen mit Demenz wird
in der Forschung häufig übersehen, obwohl sie zahlenmäßig bedeutend ist
und ganz eigene Bedürfnisse hat", betont Lea Dütsch.
Angesichts des demografischen Wandels und des wachsenden Fachkräftemangels
in der Pflege wird häusliche Versorgung künftig noch wichtiger. „Der
Aufbau ambulanter, gemeindenaher und vor allem ‚zugehender‘
Unterstützungsstrukturen ist entscheidend, um pflegende An- und Zugehörige
zu entlasten und Menschen mit Demenz so lange wie möglich ein Leben zu
Hause zu ermöglichen", so Prof. Dr. Kolominsky-Rabas.

Konsequenzen für die Versorgungspraxis

Die Ergebnisse haben unmittelbare Bedeutung für die Praxis: Bei der
Einschätzung und Behandlung von Verhaltens- und psychischen
Auffälligkeiten bei Menschen mit Demenz sollten individuelle Faktoren wie
Alter, Bildung und Erkrankungsschwere stets mitberücksichtigt werden. Die
Forschenden betonen zugleich die Notwendigkeit weiterer
Längsschnittstudien in der häuslichen Versorgung, um Verhaltens- und
psychische Auffälligkeiten und deren Verlauf besser zu verstehen und die
Versorgung gezielt weiterzuentwickeln.

Über digiDEM Bayern

digiDEM Bayern baut ein digitales Demenzregister für Bayern auf, um den
Langzeitverlauf der Erkrankung besser zu verstehen und die
Versorgungssituation von Menschen mit Demenz und deren An- und Zugehörigen
in ganz Bayern zu verbessern. Dafür werden Menschen mit leichten
kognitiven Beeinträchtigungen oder Demenz und ihre pflegenden An- und
Zugehörigen zu ihrer Situation systematisch befragt.

Mit rund 3.500 Teilnehmenden aus ganz Bayern hat das Digitale
Demenzregister Bayern (digiDEM Bayern) mittlerweile einen Rekordstand
erreicht (Stand 04.05.2026). Damit ist digiDEM Bayern das größte
Demenzregister in Deutschland und gehört im Bereich Demenzforschung zu
einem der umfangreichsten Projekte zur Erfassung von Langzeitdaten in der
Europäischen Union (EU).

digiDEM Bayern ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt der Friedrich-
Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, des Universitätsklinikums
Erlangen und des Innovationsclusters Medical Valley Europäische
Metropolregion Nürnberg. Gefördert wird das Projekt vom Bayerischen
Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention (StMGP) im Rahmen
des Masterplans „BAYERN DIGITAL II“.

Mehr Infos über digiDEM Bayern:
https://digidem-bayern.de

Direkt zur Studie:
https://doi.org/10.3389/fpsyt.2026.1810510