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Waren Neandertaler wirklich so anders als wir?

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Neue Fossilienfunde zeigen: Die frühkindliche Entwicklung verlief
erstaunlich ähnlich wie beim modernen Menschen
Waren Neandertaler von Anfang an grundlegend anders als wir modernen
Menschen? Diese Frage beschäftigt die Forschung seit Jahrzehnten. Eine
neue Studie zu außergewöhnlich seltenen Überresten von Neandertaler-
Säuglingen aus der Sesselfelsgrotte in Niederbayern, an der auch
Forschende der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU)
beteiligt waren, liefert nun wichtige neue Hinweise. Die Ergebnisse deuten
darauf hin, dass sich Neandertaler und moderne Menschen in ihrer frühesten
Entwicklung deutlich ähnlicher waren als bislang oft angenommen.



Erwachsene Neandertaler hatten einen deutlich anderen Körperbau als
moderne Menschen – doch es gibt auch überraschende Gemeinsamkeiten.
„Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass beide Menschenformen zumindest
während der späten Schwangerschaft bemerkenswert ähnliche
Wachstumsprozesse durchliefen“, erklärt Prof. Dr. Thorsten Uthmeier,
Inhaber des Lehrstuhls für Ur- und Frühgeschichte an der FAU. Diese neuen
Untersuchungserkenntnisse liefern weitere Hinweise für die anhaltende
Debatte: „Wir wissen über genetische Analysen, dass Neandertaler und
moderne Menschen eng miteinander verwandt waren. Trotzdem gibt es eine
intensive Diskussion darüber, ob die genetische Verwandtschaft ausreicht,
um Neandertaler als Unterart derselben Art zuzurechnen, der auch wir
angehören, also dem Homo sapiens.“

Ein internationales Forschungsteam untersuchte mithilfe hochauflösender
Mikro-Computertomographie (Mikro-CT) die Fossilien von drei jungen
Neandertalern, die vor etwa 75.000 bis 50.000 Jahren lebten –
Knochenfragmente eines Neandertaler-Fötus sowie Milchzähne zweier Kinder.
Die neuen Analysen des um die Geburt herum verstorbenen Fötus sprechen
dafür, dass die Entwicklung des Skeletts vor der Geburt weitgehend den
Mustern entspricht, die auch bei heutigen Menschen zu beobachten sind.

Überraschend ähnliche Entwicklung vor der Geburt

Die Mikro-CT-Untersuchungen zeigen, dass die Knochen des Fötus typische
Merkmale eines schnellen Wachstums im letzten Schwangerschaftsdrittel
aufweisen. Insgesamt ergibt sich damit ein Bild, das dem vorgeburtlichen
Entwicklungsverlauf moderner Menschen bemerkenswert ähnelt.

Zwar fanden die Forschenden in einigen Knochen auch Hinweise auf gegenüber
den modernen Menschen leicht fortgeschrittenere Wachstumsprozesse. Diese
Unterschiede ändern jedoch nichts an der zentralen Erkenntnis der Studie:
Neandertaler scheinen in den frühesten Phasen ihrer Entwicklung keinem
grundsätzlich anderen biologischen Programm gefolgt zu sein als Homo
sapiens.

Zähne liefern Einblicke in die frühe Kindheit

Zusätzliche Hinweise auf das Leben junger Neandertaler lieferten die
beiden untersuchten Milchzähne.  In ihnen entdeckte das Forschungsteam
Mineralisierungsstörungen, die auf physiologische Belastungen bereits vor
oder kurz nach der Geburt hindeuten. Solche Veränderungen werden unter
anderem mit Vitamin-D- oder Kalziummangel in Verbindung gebracht, ihre
genaue Ursache lässt sich jedoch nicht mehr bestimmen.
Sollte sich die Interpretation bestätigen, könnten die Funde aus der
Sesselfelsgrotte zu den ältesten bekannten Nachweisen solcher frühen
Entwicklungsstörungen bei Neandertalern gehören.

Die Studie entstand im Rahmen des von National Geographic geförderten
SHARP-Projekts unter der Leitung von Alvise Barbieri am Interdisciplinary
Center for Archaeology and Evolution of Human Behaviour (ICArEHB) der
Universität Algarve.

Direkt zur Studie:
https://doi.org/10.1098/rsos.260485