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Deepfake-Projekt der Universität Leipzig: Das Wissen wächst, das Misstrauen auch

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Bei Deepfakes werden mithilfe Künstlicher Intelligenz täuschend echt
wirkende Bild-, Video- oder Tonaufnahmen erzeugt. Aktuelle
Befragungsergebnisse im „Deepfake-Projekt“ der Universität Leipzig zeigen:
Was lange als Kuriosität galt, ist heute Teil der normalen Mediennutzung.
Parallel dazu wächst langsam das Wissen darüber. Das Vertrauen in die
eigene Fähigkeit, Deepfakes zu erkennen, ist aber gering. Im Interview
berichten die Projektleiter Prof. Dr. Christian P. Hoffmann und Prof. Dr.
Alexander Godulla über ihre Forschung und ihre Kommunikation, mit der sie
Medienmündigkeit unterstützen wollen. Sie plädieren unter anderem für
„intellektuelle Bescheidenheit“ und starke Institutionen.

Das „Deepfake-Projekt“ der Universität Leipzig startete im April 2022. Die
beteiligten Wissenschaftler:innen am Institut für Kommunikations- und
Medienwissenschaft untersuchen die Chancen und Risiken von Künstlicher
Intelligenz bei audiovisuellen Medien. Das Projekt hat zum übergeordneten
Ziel, ein interdisziplinäres Forschungsnetzwerk zu Deepfakes an der
Universität Leipzig aufzubauen. Interdisziplinäre nationale Kooperationen
sollen entstehen, die Sichtbarkeit im Forschungsfeld erhöht werden.

Das Forschungsteam hat im Sommer 2025 rund 1.300 Internetnutzer:innen in
Deutschland befragt. Die Auswertung der Daten ist nun abgeschlossen. Die
zentralen Befunde sind in einem Chartbericht zusammengefasst.

Lesen Sie im Folgenden ein Interview mit den Projektleitern Prof. Dr.
Christian P. Hoffmann und Prof. Dr. Alexander Godulla.

Herr Hoffmann, Herr Godulla, Sie haben 2022 und 2025 Befragungen zu
Deepfakes durchgeführt. Was sind die wesentlichen Ergebnisse?

Godulla: Das Eindrücklichste ist, wie schnell Deepfakes im Alltag
angekommen sind. 2022 gaben noch gut drei Viertel der Befragten an, nie
bewusst Kontakt mit einem Deepfake gehabt zu haben – 2025 sind es nur noch
rund 27 Prozent. Begegnet wird ihnen vor allem auf Instagram, Facebook,
YouTube und TikTok. Was lange als Kuriosität galt, ist heute Teil der
normalen Mediennutzung.

Hoffmann: Und parallel dazu wächst das Wissen – aber eben nur langsam. Die
Menschen können den Begriff einordnen, doch wie die Technologie
funktioniert, wie man sie erkennt, wie sie reguliert ist, das bleibt für
die meisten unklar. Dabei tut sich eine Schere auf: Das Vertrauen in die
eigene Erkennungsfähigkeit ist gering. Nur etwa ein Viertel traut sich zu,
einen Deepfake mit bloßem Auge zu erkennen. Die Technologie verbreitet
sich also im Moment schneller, als die Menschen mit ihr umzugehen lernen.

Godulla: Genau daraus folgt ein weiterer wichtiger Befund: Deepfakes
untergraben das Medienvertrauen – und zwar unabhängig davon, ob jemand
selbst je auf einen hereingefallen ist. Wir ziehen daraus den Schluss: Die
Herausforderung ist nicht so sehr, dass wir ganz selten auch mal auf
Fälschungen hereinfallen, sondern dass wir dem Echten nicht mehr trauen.

Hoffmann: Wichtig ist zu bedenken, dass wir mit subjektiven Eindrücken
arbeiten. Menschen glauben also, relativ häufig Deepfakes zu begegnen.
Aber sie sind nicht notwendigerweise gut darin, diese zu erkennen. Dadurch
entstehen überraschende Einschätzungen: Fast drei Viertel glauben,
politische Deepfakes gesehen zu haben, aber nur ein Fünftel glaubt,
pornographische Deepfakes gesehen zu haben. Dabei zeigen andere Analysen,
dass politische Deepfakes eher selten sind, pornographische dagegen sehr
verbreitet. Vermutlich prägt hier auch die Medienberichterstattung den
Blick der Öffentlichkeit auf diese Technologie. Bis vor kurzem wurde vor
allem über politische Deepfakes berichtet. Möglicherweise ändert sich das
aktuell.

Inwiefern sind die Ergebnisse repräsentativ für die deutsche Bevölkerung?

Godulla: Wir arbeiten mit einer Quotenstichprobe, die nach Alter,
Geschlecht und Bundesland an die deutsche Bevölkerung angepasst ist – 2025
waren das nach sorgfältiger Datenbereinigung 1.297 Personen. Das ist keine
reine Zufallsstichprobe, aber es ist nach unserer Kenntnis die einzige
Studie zu Deepfakes, die nach Alter und Geschlecht repräsentativ quotiert
angelegt ist.

Hoffmann: Ein Mehrwert liegt auch im Zeitvergleich der beiden Stichproben.
Wir können Antworten auf dieselben Fragen 2022 und 2025 vergleichen und
damit zeigen, wie sich Wissen, Kontakt und Sorgen über drei Jahre
verändert haben.

Wie fügen sich die Ergebnisse in den aktuellen Forschungsstand ein?

Hoffmann: Die Forschung war lange von zwei Disziplinen geprägt: Informatik
und Rechtswissenschaft. Die einen bauen Erkennungsverfahren, die anderen
denken über Regulierung nach. Beides kreist um Risikominimierung. Was
dabei zu kurz kam, ist die gesellschaftliche Frage: Was macht diese
Technologie mit den Institutionen, auf die wir uns verlassen, wenn wir
wissen wollen, was wahr ist – mit Journalismus, Wissenschaft, Politik?

Godulla: Seit Erfindung der Fotografie sind wir darauf konditioniert,
einem Bild zu glauben. Diese Selbstverständlichkeit bricht gerade weg. Wir
erleben das Ende des authentischen Bildes – und damit das Ende eines
gemeinsamen, verlässlichen Referenzrahmens dafür, was als wahr gilt.
Unsere Studien liefern dazu die empirische Grundlage auf
Bevölkerungsebene, während international viele Arbeiten eher im Labor
messen, ob einzelne Personen einzelne Fälschungen erkennen.

Die Befragten machen vor allem Social-Media-Plattformen für die
Verbreitung verantwortlich – und für die Eindämmung dann diese
Plattformen, die Technologieunternehmen und Regulierungsbehörden. Wie
realistisch ist es, dass Unternehmen und Behörden entsprechend handeln?

Hoffmann: Ja, vor allem Social-Media-Plattformen werden für die
Verbreitung von Deepfakes verantwortlich gemacht. Umgekehrt sollen die
Technologie-Anbieter und Behörden schädliche Deepfakes bekämpfen.
Transparenz spielt dabei eine große Rolle: Über 70 Prozent finden den
Einsatz synthetischer Medien dann akzeptabel, wenn offengelegt wird, dass
KI im Spiel war.

Godulla: Die Befragten erkennen: Plattformen verdienen an Aufmerksamkeit,
nicht an Wahrheit. Aber die Befragten sehen ja auch sich selbst in der
Pflicht – zwei Drittel zählen Nutzerinnen und Nutzer zu den
Verantwortlichen für die Verbreitung von Deepfakes. Es gibt keinen
einzelnen Knopf, den eine Behörde drückt, und das Problem ist gelöst. Aber
die Regulierung ist schon weiter, als viele denken: Der EU AI Act sieht
eine Kennzeichnungspflichten vor. Letztlich braucht es alle Ebenen
gleichzeitig: Plattformen, Regulierung, Medienhäuser und mündige
Nutzerinnen und Nutzer.

Sie betreiben Wissenschaftskommunikation als aktive Unterstützung für
Medienmündigkeit, Partizipation und Demokratie. Was machen Sie da zum
Beispiel genau?

Godulla: Wir versuchen, unsere Befunde dahin zu bringen, wo sie gebraucht
werden – nicht nur in Fachzeitschriften. Der Chartbericht ist bewusst so
gestaltet, dass auch Redaktionen und Bildungseinrichtungen damit arbeiten
können. Dazu kommen allgemeinverständliche Beiträge, etwa für die
Bundeszentrale für politische Bildung, und viele Vorträge und Interviews.

Hoffmann: Und wir denken das Projekt von Anfang an als Brücke. Wir bauen
ein Netzwerk mit Medienhäusern, Unternehmen, Institutionen der politischen
Bildung und der Zivilgesellschaft auf, das technologische,
sozialwissenschaftliche und rechtliche Perspektiven zusammenbringt.
Aufklärung über Deepfakes ist kein Nebenprodukt unserer Forschung – sie
ist ein zentraler Zweck.

Welche drei Warnsignale sollten Menschen beachten, wenn sie prüfen wollen,
ob ein Bild oder Video ein Deepfake sein könnte?

Godulla: Erstens – und das ist unbequem: das eigene Bauchgefühl. Wir
glauben am ehesten, was ohnehin in unser Weltbild passt. Der
Bestätigungsfehler ist das eigentliche Einfallstor. Wenn ein Bild mich
auffällig bestätigt, ist genau das der Moment für einen zweiten Blick.
Zweitens die technischen Details an den Rändern: Übergänge zwischen
Gesicht und Körper, Haaransätze, Hände, das Verhältnis von Lippenbewegung
und Ton, fehlende Lichtreflexe in den Augen.

Hoffmann: Drittens spielt auch die Herkunft eine wichtige Rolle. Wer hat
das zuerst veröffentlicht, lässt es sich zur Quelle zurückverfolgen, finde
ich dasselbe Ereignis aus einer zweiten, unabhängigen Quelle? Wir können
uns auf das bloße Auge immer weniger verlassen – die verlässlichste
Prüfung ist nicht das Hinsehen, sondern das Nachrecherchieren. Unsere
Daten zeigen, dass die Befragten das auch wissen: Dem eigenen Auge trauen
sie kaum, der Recherche im Netz schon eher.

Wie lässt sich die Resilienz unserer Gesellschaft gegen Manipulation
generell stärken?

Hoffmann: Nicht durch immer mehr Misstrauen. Wer am Ende alles für
gefälscht hält, ist genauso wehrlos wie der, der alles glaubt. Resilienz
heißt, eine gesunde Balance zu finden – und dazu gehört intellektuelle
Bescheidenheit: das Eingeständnis, dass auch ich mich täuschen kann. Wer
das akzeptiert, prüft, statt reflexhaft zu glauben oder reflexhaft
abzuwehren.

Godulla: Und es braucht starke Institutionen, die das auffangen, was der
Einzelne nicht leisten kann – einen Journalismus, der verlässlich
verifiziert, und eine Medienbildung, die früh ansetzt, gerade bei Kindern
und Jugendlichen. Die Technologie verändert sich exponentiell, unsere
Institutionen aber reagieren nur langsam. Diese Lücke zu schließen, ist
die eigentliche Aufgabe. Resilienz entsteht nicht im Kopf eines
misstrauischen Einzelnen, sondern im Zusammenspiel mündiger Bürgerinnen
und Bürger sowie glaubwürdiger Institutionen.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Christian Hoffmann ist Professor für Kommunikationsmanagement am Institut
für Kommunikations- und Medienwissenschaft und für Politische
Kommunikation am Institut für Politikwissenschaft der Universität Leipzig.