Genanalyse bringt Durchbruch bei seltenen und erblichen Krankheiten

Das Uniklinikum Dresden beteiligt sich am bundesweiten Modellvorhaben
Genomsequenzierung. Die Analyse des Erbguts hilft bei Identifikation
genetischer Veränderungen, die erkrankungsverursachend sind. Patientinnen
und Patienten erhalten damit gezielte Behandlungs- und
Versorgungsempfehlungen.
Das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden unterstützt
Patientinnen und Patienten mit einer bisher unbekannten Erkrankungsursache
bei Seltenen und bei Onkologischen Erkrankungen. Dafür ist der
Maximalversorger am Modellvorhaben Genomsequenzierung beteiligt – einem
seit 2024 bundesweit laufenden Projekt zur umfassenden Diagnostik und
Therapiefindung mittels Genomsequenzierung gemäß § 64 e SGB V. Mittels
genomweiter Analyse des Erbguts sollen im Rahmen der wissensgenerierenden
Versorgung erkrankungsverursachende genetische Veränderungen identifiziert
werden und dadurch Patientinnen und Patienten gezielte
Behandlungsmaßnahmen und Versorgungsempfehlungen erhalten. Das
Modellvorhaben Genomsequenzierung wird bis Ende 2029 durchgeführt.
„Mit modernsten Technologien und einer sehr guten technischen Ausstattung
bietet das Institut für Klinische Genetik am Universitätsklinikum Dresden
eine extrem hochwertige humangenetische Diagnostik und Versorgung für
Patientinnen und Patienten mit Verdacht auf eine erbliche Erkrankung“,
sagt Prof. Uwe Platzbecker, Medizinischer Vorstand am Universitätsklinikum
Dresden. „So sind wir in der Lage, auch bisher unerkannte genetische
Ursachen zu identifizieren und gezielt zur Verbesserung der Versorgung
beizutragen.“
„Genetische Analysen sind heute ein zentraler Schlüssel zur
Diagnosestellung bei Seltenen Erkrankungen, Entwicklungsverzögerungen und
erblichen Tumorerkrankungen. Sie ermöglichen es, oft jahrelange
diagnostische Odysseen zu verkürzen und bilden die Grundlage für eine
gezielte medizinische Versorgung, fundierte Beratung und vorausschauende
Familienplanung“, sagt Prof. Diana Le Duc, Direktorin des Instituts für
Klinische Genetik am Universitätsklinikum Dresden.
Für viele Menschen mit einer Seltenen Erkrankung ist der Weg zur Diagnose
langwierig und erfordert viel Kraft und Ausdauer. Eine gesicherte Diagnose
ist jedoch entscheidend für die weitere Versorgung: Sie ermöglicht die
Anpassung der Therapie, gezielte Diagnostik, die weitere Lebensplanung und
die Familienplanung. Durch die Analyse des gesamten Erbguts bei
Patientinnen und Patienten mit Seltenen Erkrankungen können auch bisher
nicht identifizierbare genetische Veränderungen aufgedeckt werden, die
wahrscheinlich zum Auftreten der Erkrankung beigetragen.
Ein ähnliches Potenzial ergibt sich bei der genetischen Analyse von
Patientinnen und Patienten mit einer erblichen Krebserkrankung. In diesen
Fällen ist eine genetische Veränderung bereits von der Geburt an in allen
Körperzellen vorhanden – sie wird von den Eltern vererbt oder kann neu
entstanden sein und erhöht das Risiko für bestimmte erbliche
Krebserkrankungen erheblich. Die Identifizierung solcher genetischen
Veränderungen ermöglicht eine frühzeitige Risikoeinschätzung, die
Implementierung gezielter Früherkennungsmaßnahmen sowie präventiver
Maßnahmen. Dazu gehören auch prädiktive Test von Familienangehörigen und
darauf aufbauend eine frühe Krebserkennung und Vorsorgemaßnahmen.
Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen hat für die Durchführung
des Modellvorhabens Genomsequenzierung ein jährliches Maximalbudget pro
Leistungserbringer festgelegt. Dieses bestimmt die Anzahl an Patientinnen
und Patienten, die jährlich in das Projekt aufgenommen werden können. Für
das Universitätsklinikum Dresden ergab sich daraus im ersten
Geltungszeitraum (2024/2025) die Möglichkeit, bis zu 450 Patientinnen und
Patienten in das Projekt einzuschließen. Für eine Reihe der Patientinnen
und Patienten konnte die Erkrankungsursache aufgedeckt werden, die zum
Teil zu einer konkreten Therapie- und Behandlungsempfehlung oder einer
Anpassung der klinischen Betreuung führten. So konnten beispielsweise neue
therapeutische Perspektiven für Patientinnen und Patienten mit neonatalem
Hyperparathyreoidismus, einer syndromalen Form der kongenitalen
Natriumdiarrhö sowie mit Duchenne-Muskeldystrophie eröffnet werden.
In den kommenden Jahren könnten noch mehr betroffene Menschen von dem
Projekt profitieren. Im Rahmen einer projektbegleitenden Evaluierung soll
der patientenrelevante Nutzen der Genomsequenzierung beurteilt werden und
am Ende eine Einschätzung für die Übernahme in die Regelversorgung
erfolgen. Bei beiden Patientengruppen soll das Modellvorhaben
Genomsequenzierung die diagnostischen Möglichkeiten in der Medizin
erweitern und den erkrankten Personen eine Chance auf eine
Diagnosestellung geben. Das Institut für Klinische Genetik agiert hierbei
gemeinsam mit der Abteilung für Translationale Medizinische Onkologie
(Prof. Hanno Glimm), dem Institut für Pathologie (Prof. Gustavo Baretton)
und dem Zentrum für Seltene Erkrankungen (USE; Prof. Reinhard Berner).
Wissensgenerierende Versorgung: aus der Forschung in die Klinik
Wissensgenerierende Versorgung zielt auf die Aufklärung von
Krankheitsmechanismen bei genetisch bedingten neurologischen Erkrankungen
und Tumorrisikosyndromen. Aktuelle Projekte der Klinischen Genetik am
Universitätsklinikum Dresden werden durch Stiftungen wie die Roland Ernst
Stiftung, die Gilbert Family Foundation, sowie durch öffentliche
Drittmittelgeber wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die
Deutsche Krebshilfe gefördert. Diese Förderungen ermöglichen es,
identifizierte genetische Varianten systematisch weiter zu untersuchen und
in experimentellen Modellen zu analysieren, bis hin zur Entwicklung neuer
Therapieansätze. Expertinnen und Experten aus Klinik, Labormedizin und
Wissenschaft arbeiten dafür eng zusammen, sodass Erkenntnisse aus der
Forschung unmittelbar in die klinische Versorgung einfließen. Künftig
sollen in Dresden auch Long-Read-Sequenzierungen des gesamten Erbguts
eingesetzt werden, die eine noch präzisere Beurteilung komplexer
genetischer Veränderungen ermöglichen und die Aufklärungsrate bei
genetisch-bedingten Erkrankungen weiter steigern sollen. Ergänzt wird dies
durch Transkriptom-Analysen, mit denen sich die Aktivität bestimmter Gene
und ihr Einfluss auf Erkrankungen besser erfassbar machen lässt.
