Kürzlich erzählte uns ein befreundetes Paar, es sei in einem Restaurant auf ein Selbstbestellsystem gestossen, wie man es von Fast-Food-Filialen kennt. Was ist davon zu halten? Fluch oder Segen? Das Adieu der hochgelobten Gastffreundschaft? Kurz – Kann dieses System auch in der «normalen» Gastronomie angewendet werden?
Self Ordering
Self Ordering Kiosk for Restaurant
Die Einführung von Selbstbestellsystemen beziehungsweise Self Ordering in der Gastronomie ist sowohl ein Segen als auch ein Fluch. Während sie deutliche Vorteile in Bezug auf Effizienz und Umsatz mit sich bringt, sorgt sie auch für Herausforderungen und potenzielle Nachteile. Der Erfolg hängt oft davon ab, wie gut diese Systeme genutzt werden. Also vor allem von der Bereitschaft der Gäste, sich auf neue Technologien einzulassen.
Sind Self-Order-Kiosks das richtige für dein Restaurant
Und ja, es gibt tatsächlich bereits einige Restaurants, die, ähnlich Fast-Food-Filialen, mit diesen Systemen in die Zukunft starten wollen. So wird etwa neu in der «See Lounge» des Seehotels Baumgarten in Nidwalden ein solches System angeboten. Nebst der klassischen Bestellmethode möglich. Weitere Innerschweizer Restaurants sollen das mit dem modernen Self Ordering, beziehungsweise den im Trend liegenden Selbstbestellsystemen, Bekanntschaft schliessen. So auch die Taverne auf dem Bürgenstock.
Ob in sehr gehobenen Sterne Restaurants dereinst «Self Ordering» anzutreffen sein wird, bezweifle ich allerdings.
Schneller und Flexibler
A self-order menu and restaurant kiosk system
Tatsache ist, dass jüngere Gäste schneller und flexibler mit solchen Systemen der Selbstbestellung umgehen können. Und kürzlich sagte mir ein Besucher des Seehotels Baumgarten, wie erstaunlich es gewesen sei: Die Mitarbeitenden hätten nun mehr Zeit für die Gäste, und die Hilfsbereitschaft beim Umgang mit dem Selbstbestellsystem sei grossartig gewesen.
Self Service Restaurant Definition History and Equipment
Doch seit wann gibt es dieses System überhaupt schon? Ich war erstaunt beim Recherchieren. Wen wundert es, dass die «Macs» dieser Welt zu den Pionieren gehörten? Die ersten Systeme tauchten schon in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren auf, oft in Fast-Food-Ketten und Schnellrestaurants.
Mac Donald’s machts vor
Foodhub Self Ordering Kiosk Fast and Easy Food Ordering
McDonald’s war einer der Vorreiter, als das Unternehmen 2003 in einigen Filialen in den USA und in Europa zuerst «Selbstbestellkioske» testete. Auch die Pandemie spielte, vor allem in den Restaurants, bei der Einführung dieser Systeme eine grosse Rolle. Sie war ein Beschleuniger für kontaktlose Bestellmöglichkeiten und Zahlungssysteme.
Vorteile für Gastronomie:
Reduzierung von Wartezeiten und Verbesserung der Bestellgenauigkeit. Entlastung des Personals, das sich auf andere Aufgaben konzentrieren kann. Ebenso Umsatzsteigerung. Also mehr Zeit für die Gäste und auch Zeit, den noch nicht Vertrauten des Systems, behilflich bei der Bestellung zu sein. Vor allem auch wenn es um Allergien geht.
Nachteile für Gastronomie:
Why Self Ordering Kiosks are Becoming the Secret Weapon for Successful Restaurants
Anfangsinvestitionen für Hardware und Software. Kosten für Wartung und Updates. Probleme durch potenzielle Ausfälle und technische Störungen. Notwendigkeit, das Personal im Umgang mit der Technologie gewissenhaft zu schulen. Die Gastfreundschaft muss so oder so stetig gepflegt werden
Vorteile für die Gäste:
Möglichkeit, in eigenem Tempo zu bestellen und Anpassungen vorzunehmen. Verringerung von Missverständnissen bei der Bestellung. Schnellere und effizientere Bestellprozesse, insbesondere zu Stosszeiten. Möglichkeit zur Vorausbestellung über mobile Apps.
Dass mit Self Ordering viel an persönlichem Kontakt zwischen Gast und Servicepersonal verloren gehen kann, muss nicht sein. Gastfreundschaft kann trotz modernster Technik gepflegt werden. Und wer weiss, vielleicht erleben wir es noch, wie ein «Pandabär Roboterli» das Bestellte an den Tisch bringt. So persönlich, wo denn auch sonst, erlebt in China vor der Pandemie. Was das Roboterli sagte, musste der Reiseleiter übersetzen. En Guete nämlich! (饭前)祝胃口好! (fàn qián) zhù wèikǒu hǎo!
Die Dialoge in der Oper Der Freischütz auf dem Bodensee werden mit beständiger Geräuschkulisse aus Wolfsgeheul, Rabengeschrei und Filmmusik aufpeppt Foto Anja Köhler
Festspiel Lounge Bregenzer Festspiele Symbolbild
Es war zweifelsohne einmal mehr ein einmalig, wundervolles Erlebnis. Die Bregenzer Festspiele mit einer ordentlich von Dramatik und Gott und Teufel geprägten Aufführung des “Freischütz” von Carl Maria von Weber. So waren wir gespannt, was uns erwartete und wie jedes Mal, stimmten wir uns vorher kulinarisch ein.
Es war ein heisser Abend, der Wettergott uns gut gesinnt. So schlürften wir gemächlich vom prickelnden Schlumberger Sekt, dem Festspielcuvé und beobachteten das bunte Treiben auf dem Platz der Wiener Symphoniker vor der Seebühne. Und dann ging’s auf ins «Gourmet Zelt». Vorbildlich waren die Tische gedeckt. Äusserst freundlich der Empfang.
Impression der imposanten Freischütz Seebühne
Weniger ist mehr. Diese Aussage widerspiegelte sich offensichtlich auf der schlicht gestalteten Speisenkarte. Zur Auswahl: 3 Vorspeisen, 3 Hauptgänge und 3 Desserts. Sehr preiswerte Weinvorschläge.
Ich beobachtete die Gastroszene. Es war ein beeindruckendes Zusammenspiel der Mitarbeitenden – vorab auch der Chef de Service, welcher selbst Hand anlegt, abräumte und Anweisungen gab. Diskret ohne Hektik – war doch das Zelt komplett ausgebucht.
Kalbsgoulasch mit Spätzle und Sauerrahm
Die Vorspeisen allesamt von hervorragender Qualität. Der Hauptgang gefüllte Poulet Brust und das Wiener Gulasch mit Spätzle – Prädikat hervorragend.
Heimische Hühneerbrust gefüllt mit Steinpilzfarce Kartoffel - Spinatcreme und gegrillte Spitzpaprika
Leicht, aber nur leicht angesäuselt, nahmen wir dann die reservierten Plätze auf der Tribüne der Seebühne ein und verfolgten mit Inbrunst die Geschichten rund um den Freischützen. Mit Gott und Teufel fühlten wir uns zurück versetzt in die Zeit nach dem 30 Jährigen Krieg und haben Bregenz erlebt wo sich Kunst und Kulinarik ein beeindruckendes Stelldichein boten.
Die Dialoge in der Oper Der Freischütz auf dem Bodensee werden mit beständiger Geräuschkulisse aus Wolfsgeheul, Rabengeschrei und Filmmusik aufpeppt Foto Anja Köhler
Szenenfoto von Anja Köhler
Szenenfoto von Anja Köhler
Besetzung und Produktionsteam:
Ottokar Liviu Holender Kuno Raimund Nolte Agathe Elissa Huber Ännchen Gloria Rehm Kaspar Oliver Zwarg Max Thomas Blondelle Samiel Niklas Wetzel Ein Eremit Andreas Wolf KilianPhilippe Spiegel Brautjungfern Sarah Kling, Sarah Schmidbauer
Musikalische Leitung Enrique Mazzola Wired Aerial Theatre | Statisterie der Bregenzer Festspiele Bregenzer Festspielchor | Prager Philharmonischer Chor Wiener Symphoniker
Der Freischütz der Bregenzer Festspiele: Eine Symphonie aus Technik und Kunst
Der Freischütz Szenenfoto von Max Thürig
Die Bregenzer Festspiele sind für ihre spektakulären und innovativen Inszenierungen weltberühmt. In diesem Jahr wird Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ auf eine Weise präsentiert, die sowohl Kenner als auch Neulinge der Oper gleichermaßen in ihren Bann ziehen. Die Festspiele, die für ihre beeindruckenden Bühnenbilder und technischen Raffinessen bekannt sind, haben erneut bewiesen, dass sie zu den kreativsten und ambitioniertesten Veranstaltungen der Opernwelt gehören.
Keine gewöhnliche Opernaufführung
Der Freischütz Szenenfoto von Max Thürig
Schon beim Betreten der Seebühne am Bodensee wird mir klar, dass diese Inszenierung von „Der Freischütz“ weit mehr als eine gewöhnliche Opernaufführung ist. Die riesige Bühne, die scheinbar aus dem Wasser zu wachsen scheint, ist eine Symphonie aus Architektur und Technik. Versetzt in eine eisige Winterlandschaft mitten im Hochsommer freue ich mich in der ausverkauften Arena einem Spektakel erster Ordnung beiwohnen zu dürfen…
Bizarre Winterlandschaft als Seelenspiegel
Der Freischütz Szenenfoto von Max Thürig
Bereits mit der Anfangsszene – der Beerdigung Agathes – werden die Zuschauer in die harte Realität des menschlichen Lebens gestellt. Mit der Vorwegnahme des Ausgangs der Geschichte bietet sich mir die Möglichkeit, mich auf den eigentlichen Inhalt und die Nähe zur Realität zu konzentrieren. Nach 30 Jahren Krieg ist sehr vieles zerstört, Gefühlskälte hat sich ausgebreitet und die bizarre Winterlandschaft unterstreicht dies in bester Weise. Trotz allem; die Menschen sehnen sich nach Abwechslung, Unterhaltung und dem dolce Vita! Der Wettbewerb unter den (männlichen) Dorfbewohnern wird mit dem Schiessen auf die Hirschscheibe treffend dargestellt. Wer den gängigen Normen und Erwartungen, den Trinkgelagen und Besäufnissen nicht huldigt, fällt bei den Leuten durch. Max, der gewiefte Schreiberling aber ein sehr schlechter Schütze -hervorragend gespielt von Thomas Blondelle – passt so nicht in diese Gesellschaft, wird gemobbt, tätlich angegriffen und unterliegt seinem Widersacher und Mitbuhler Kilian (Maximilian Krummen) im Zweikampf um seine geliebte Agathe. (Elissa Huber) Das Gelächter und die Blossstellung durch die Gemeinschaft sind im sicher. Was macht er in seiner Situation? Wo kann er Hilfe holen? Von wem kann er Hilfe erwarten? Gibt es eine Gerechtigkeit? Gibt es den Gott, der die Menschen bestärkt und beschützt? Er lässt sich in seiner Verzweiflung auf einen Pakt mit dem Teufel Samiel ein und glaubt, sich so bessere Karten zu sichern um seine Agathe für sich zu gewinnen… Ein schlechter Entscheid, wie sich letztlich zeigen wird! Max begibt sich in die Abhängigkeit des Teuflischen…
Wolfsschluchtszene als gewaltiges Licht- und Tonspektakel
Der Freischütz Szenenfoto von Max Thürig
Die Szene in der Wolfsschlucht beeindruckt durch die Kraft und die Mächtigkeit und ist irgendwie grauenerregend und angsteinflössend. Das Giessen der Freikugeln im Feuerring, die kräftige Musik, die Veränderung der Umgebung: ein Spektakel sondergleichen! Mittendrin Kaspar, der dem Teufel ein neues Opfer bringen muss, Samiel selber und natürlich Max… Stimmlich gibt hier Oliver Zwarg das Maximum um das diabolische Geschehen noch verstärkt zu untermalen. So nimmt die Geschichte ihren Lauf und Max’ Scheitern ist unumgänglich. Ja, sein Verhalten zerstört nicht nur sein eigenes Leben, sondern – Ironie des Schicksals – sogar das Leben seiner geliebten Agathe.
Happyend als Wahlmöglichkeit
Der Freischütz Szenenfoto von Max Thürig
Doch oh Wunder, da meldet sich Samiel (grossartig interpretiert von Niklas Wetzel) zurück. Er ist der witzige gesprächige und verführerische Opernguide. In seiner Funktion bietet er uns Zuschauern ein Happyend an: Mit dem Auftritt des Eremiten unter dem Auge Gottes spricht eine überirdische Macht, der Folge zu leisten ist. So wird künftig auf die Durchführung dieses fatalen Probeschusses verzichtet und somit kann die Beziehung zwischen Max und Agathe gebilligt werden. Wie würde unsere Welt wohl aussehen, wenn doch alles so einfach wäre und ein Machtwort immer solch positiven Konsequenzen hätte?…
Gedanken kreisen in meinem Kopf. Mir scheint, dass die Menschheit immer von den gleichen Dingen umgetrieben wird, lautete doch ein Ausspruch Samiels: «Liebe Leute, aus gestern werde heute!»
Hochkarätige Opernshow
Der Freischütz Szenenfoto von Max Thürig
Die Transformation der ursprünglichen Waldromantikoper Carl Maria von Webers in die heutige Zeit durch den Regisseur Philipp Stölzl ist kein leichtes Unterfangen aber umso beachtenswerter und bravourös gemeistert! Die Inszenierung löst sich z.B. vom Frauenbild des frühen 19 Jahrhunderts und zeigt willensstarke junge Frauen, die ihr Leben in die eigenen Hände nehmen wollen. Dabei fällt Ännchen (Gloria Rehm) z.B. mit der Aussage «Weg aus diesem Nest» und anderen emanzipierten Aussagen auf. Der Bregenzer Freischütz mutiert dabei von einer klassischen Oper in eine vielschichtige und hochkarätige Opernshow! Klasse gemacht! Beeindruckend und bemerkenswert ist auch die Choreographie der Aufführung. Die Bewegungen der Darsteller und Tänzer*innen sind perfekt auf die Musik und die visuellen Effekte abgestimmt. Diese Synchronität schafft ein harmonisches Zusammenspiel von Bild, Ton und Bewegungen, das die Grenze zwischen Oper und Theatershow verschwimmen lässt.
Musikalische Höchstleistung
Der Freischütz Szenenfoto von Max Thürig vom Schlussapplaus
Trotz all dieser speziellen Elemente und technischen Effekte wird Webers Musik nicht in den Hintergrund gedrängt. Die Wiener Symphoniker unter der Leitung Enrique Mazzolas interpretieren seine Musik kompakt und verhelfen so der modernen Darstellung des «Freischütz» zu einem wuchtigen Erlebnis!
Mein abschliessendes Fazit: Bregenzer Festspiele – sehr gerne wieder!
Bregenzer Festspiele – Der Freischütz (Spiel auf dem See 2024/25)
Die Dialoge in der Oper Der Freischütz auf dem Bodensee werden mit beständiger Geräuschkulisse aus Wolfsgeheul, Rabengeschrei und Filmmusik aufpeppt Foto Anja Köhler
Szenenfoto von Anja Köhler
Szenenfoto von Anja Köhler
Besetzung und Produktionsteam:
Ottokar Liviu Holender Kuno Raimund Nolte Agathe Elissa Huber Ännchen Gloria Rehm Kaspar Oliver Zwarg Max Thomas Blondelle Samiel Niklas Wetzel Ein Eremit Andreas Wolf KilianPhilippe Spiegel Brautjungfern Sarah Kling, Sarah Schmidbauer
Musikalische Leitung Enrique Mazzola Wired Aerial Theatre | Statisterie der Bregenzer Festspiele Bregenzer Festspielchor | Prager Philharmonischer Chor Wiener Symphoniker
Libretto von Friedrich Kind nach der gleichnamigen Erzählung von August Apel (1810); Dialogfassung von Jan Dvořák nach einem Konzept von Philipp Stölzl
Regisseur Philipp Stölzl nimmt das Wort Frei der Titelfigur Freischutz äusserst wörtlich, um eine wirklich sehr freie Adaption des Opernklassikers auf die Bregenzer Seebühne zu bringen.
Die Szenerie und die Handlung
Der Freischütz Bühnenfoto von Anja Köhler
Ein unwirtliches Dorf in Deutschland kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg: Der junge Amtsschreiber Max liebt Agathe, die Tochter des Erbförsters Kuno. Doch damit Max sie heiraten kann, muss der ungeübte Schütze sich einem archaischen Brauch unterwerfen und einen Probeschuss absolvieren – für ihn eine unerfüllbare Herausforderung.
Das weiß auch der zwielichtige Kriegsveteran Kaspar, der den Amtsschreiber dazu überredet, mit ihm um Mitternacht in der Wolfsschlucht Freikugeln zu gießen, die niemals fehlgehen. In seiner ausweglosen Situation schließt Max in der Wolfsschlucht einen Pakt mit dem Teufel. Was er nicht weiß: Sechs von den verfluchten Freikugeln treffen, die siebte aber lenkt der Teufel dorthin, wo er will. Währenddessen versucht seine Verlobte Agathe vergeblich in der stürmischen Nacht Schlaf zu finden. Am Morgen ihres Hochzeitstages packt sie eine düstere Vorahnung. Selbst ihre beste Freundin Ännchen kann sie nicht aufmuntern. Und als es zum Probeschuss kommt, hat Max ausgerechnet die siebte Kugel geladen. Er legt an, zielt und drückt ab …
Der entscheidende, alle Fragen beantwortende Satz fällt schon im ersten Drittel, wie nebenbei: “Der Film geht weiter”, entfährt es dem Teufel da am Ende einer jener Unterbrechungen, in denen er das Geschehen den ganzen Abend über ironisch-satirisch kommentiert. Dies nach einem zu ausgedehnten szenischen Intro in Form von «Grabschänderei» mit dem ausgraben einer Toten durch Max.
Regisseur Philipp Stölzl setzt auf Filmästhetik
Der Freischütz Bühnenfoto von Anja Köhler
Windschiefe Holzhäuser ragen zwischen kahlen Bäumen aus dichter Schneedecke empor. Dabei war es sicher einmal idyllisch in diesem Dorf mit dem Kirchturm, dem Wirtshaus, dem wassergetriebenen Mühlrad unterm kugelrunden Mond. Doch nicht nur der Dreissigjährige Krieg, an dessen Ausgang Carl Maria von Webers Oper «Der Freischütz» spielt, hat seine Schäden hinterlassen, sondern anscheinend auch eine eisige Sintflut, in der bereits die Hälfte des Dorfs versunken ist. Es herrscht Winter mitten im Sommer am Bodensee. Wo sonst der Blick gerne auf ein beherrschendes, monumentales Element fokussiert wird, man erinnere sich nur an Stölzls Bregenz-Debüt mit Verdis “Rigoletto”, wofür er einen riesigen Clownskopf bauen ließ, regiert diesmal eine Wimmelbildatmosphäre, angesiedelt irgendwo zwischen Pieter Brueghel und dem Dorf Hogsmeade aus “Harry Potter”. Hügelkuppen, Baumskelette und windschiefe Häuser, aus deren Kaminen ab und zu der Rauch aufsteigt, ächzen unter einer eisigen Schneedecke. Links ein schiefer Kirchturm, dahinter das Wirtshaus, oben rechts eine Mühle mit Bach, vorne Eisschollen zum Schlittschuhlaufen, rechts dramatisch überschwemmte Häuser. Denn nicht nur den Dreißigjährigen Krieg, sondern auch eine Flutkatastrophe hat Stölzl die dörfliche Gemeinschaft mehr schlecht als recht überleben lassen.
Die ikonischen Bregenzer Bühnenbilder sind Kult
Szenenfoto von Anja Köhler
Ein möglichst ikonisches Bühnenbild gehört zum Spiel auf dem See der Bregenzer Festspiele. In der Vergangenheit wurden vor allem italienische Titel gespielt. Nun steht, im letzten Jahr der Intendanz von Elisabeth Sobotka, eine deutsche Oper mit deutschen Dialogen auf dem Programm. Das gab es zum letzten Mal im Jahr 2013 mit der «Zauberflöte» des Regisseurs David Pountney.
Ja, Regisseur und Bühnenbildner Philipp Stölzl hat die Oper salopp ausgedrückt, «verfilmt», Carl Maria von Webers epochemachenden “Freischütz”, diese musikalische Ikone der deutschen Schauerromantik. Und Stölzls Drehbuch muss sich dabei natürlich auch nicht an den geradlinigen Erzählfluss der Partitur halten – auf der Leinwand ist schließlich alles möglich. Also beginnt die Aufführung auf der Bregenzer Seebühne gleich mit ,ja, einem Begräbnis – oder genau genommen noch früher. Jemand wird gezwungen, ein Grab auszuheben, und dann kurzerhand aufgeknüpft: Der Outcast ist Max, denn er hat seine eigene Braut erschossen. Dann rollt der Teufel die Geschehnisse als Rückblende auf. Und erst zwei Stunden später erlebt man mit, dass sogar der Gottseibeiuns manchmal fünf gerade sein lässt und auf den harten Realismus zugunsten eines schönen Scheins zu verzichten bereit ist.
Es herrscht weiterhin Kriegsrecht in dieser rohen Winterlandschaft einer echten Endzeit. Max und Kilian buhlen derweil um die Gunst der Jungfrau Agathe, tragen ihren Kampf um die rotblonde Schöne natürlich direkt im Wasser aus. …
“Der Freischütz” strotzt vor Tricktechnik und Lichteffekten
Szenenfoto von Anja Köhler
Und natürlich werden in der Wolfsschluchtszene dann keine Kosten gescheut, die Begegnung mit dem Unheimlichen mit aller zur Verfügung stehenden Tricktechnik in, nun ja, Musical- oder Bühnenshowästhetik darzustellen: Schauwert top! Das wirkt – besitzt jedoch seinen Höhepunkt nicht in einer feuerspeienden Riesenschlange, einem auf dem Wasser brennenden Zauberkreis oder diversen Lichteffekten, sondern beim Auftritt des plötzlich real wirkenden “Wilden Heeres”: Da wird sehr schnell klar, dass die Sage in marodierenden Horden wurzelt, die einst plündernd und brandschatzend Schrecken verbreitet haben.
Große Momente im “Freischütz”
“Der Freischütz” von Carl Maria von Weber wurde zum Sinnbild der deutschen Romantik, mit Szenen im dunklen Wald, dem Reich der Geister, Zauber und Märchen, mit der Verführung eines jungen Mannes durch das Böse und der Erlösung durch das Opfer einer hingebungsvollen Frau.
Viele inhaltliche Eingriffe
Samiel reitet den Drachen Foto Anja Köhler
Für die Inszenierung “Der Freischütz” bei den Bregenzer Festspielen hat Regisseur Philipp Stölzl Handlung, Dialoge und Gesangstexte verändert. Wer aber als erklärte Opernfreundin Webers Musik in ihrer unerhörten Spannweite erleben möchte, die von biedermeierlicher Behaglichkeit über innovative Klangeffekte bis zu ekstatischen Ausbrüchen reicht, oder wer als Purist Eingriffe in Handlung, Dialoge und Gesangstexte auf ein Minimum beschränkt sehen will, muss freilich in diesem und im nächsten Bregenzer Sommer sehr stark sein. Denn in seinem Movie-Skript geht Stölzl ziemlich unbekümmert über vieles Altbekannte hinweg und knetet sich den Inhalt nach seinem Gusto zurecht.
Bei ihm ist Max kein Jäger, sondern ein Amtsschreiber und als solcher schon von vornherein kein Meisterschütze; Schützenkönig Kilian, zum Nebenbuhler aufgewertet, wirbt forsch um Agathe, die sich aber nicht beirren lässt in ihrer Liebe zu Max, immerhin ist sie von ihm schwanger – und einmal, nach einem langen, innigen Kuss mit ihrer treuen Freundin Ännchen, die Agathe wohl im Geheimen liebt, sieht es aus, als wollten die beiden Frauen à la Thelma und Louise durchbrennen, am besten in die nahe Schweiz, zur Erheiterung des Publikums. Da hört man den verständlicherweise angesetzten Modernisierungshebel doch deutlich knirschen bei seiner Arbeit.
Da verschwinden Personen und tauchen aus dem Wasser wieder auf, da verwandelt sich der das böse Ende zum Guten wendende Eremit (ein veritabler Wiedergänger Gottvaters) unmerklich in jenen Teufel, den die Regie zur Hauptfigur aufwertet. Niklas Wetzel ist denn auch ein wunderbar wendiger und witziger Samiel, für den Jan Dvořák zusätzliche und dazu gereimte Texte erfunden hat, mit denen der Versucher durch den gesamten Abend führt, der auf diesem Wege zu des Teufels Moritat mutiert. Das Ende verrät er seinem Publikum in einem der Ouvertüre vorangestellten Vorspiel auf dem Theater. Agathe wird – von Max tödlich getroffen – zu Grabe getragen, der miserable Schütze selbst wird an einem der kahlen Bäume aufgeknüpft. Im Finale wiederholt sich das Bild, bis der Eremit das Happy End verkündet, so das unhappoy End vergessen macht.
Webers Partitur wird zurechtgestutzt
Szenenfoto von Karl Forster
Webers Partitur wird zu all dem und mehr in großen Stücken und unter entscheidenden Auslassungen wie eine Filmmusik verwendet, zurechtgestutzt, montiert: Das C-Dur-Jubelfinale der spät doch noch einsetzenden Ouvertüre zum Beispiel ergäbe natürlich keinen Sinn in Stölzls Konzept, also folgt gleich der “Viktoria!”-Chor. Noch angereichert wird das durch zusätzliche Soundtrack-Nummern von Cembalo, Kontrabass und Akkordeon, die freilich nichts Wesentliches zum Ganzen beitragen – im Gegensatz zur dominanten, pointiert eingesetzten Geräuschkulisse aus allerlei Vogelgekreisch und Donnergrollen, die die “Harry Potter”-Atmosphäre schon mal in Richtung Edgar-Wallace-Filme von anno dazumal verrückt.
Krasse Eingriffe in von Webers „Der Freischütz“
Der Freischütz Bühnenfoto von Anja Köhler
Im Gedächtnis bleibt freilich: Es spektakelt in höchstem Ausmaß im neuen Spiel auf dem See, das mit dieser Version von „Der Freischütz“ deutlich in die Nähe einer allzu populären Musical-Machart gerät. Opernpuritaner mögen darüber die Nase rümpfen, denn erstmals in der Geschichte der großen Open Air-Inszenierungen am Bodensee greift ein Regieteam überaus, fast schon zu beherzt, in die Werkvorlage ein. Manche Musiknummern fehlen ganz (die zweite Arie des Ännchens), andere sind verstümmelt (Kaspars Trinklied) oder werden durch Samiels Kommentare unterbrochen (Agathes „Leise, leise“). Wo das reine Spektakel nicht mehr hilft, um das frühromantische Weltbild von Webers in die Gegenwart zu retten, da wird eifrig ironisiert sowie Agathe und Ännchen ein modernes Frauenbild verordnet, das der Freundschaft der beiden emanzipierten Damen eine gleichgeschlechtliche Note verleiht: Sie wollen aus der Enge des Dorfs im Ländle (wo wir uns ja letztlich mit der Inszenierung befinden) in die nahe Schweiz fliehen.
Keine Gassenhauer wie bei Puccini, Verdi und Co.
Schwieriger zu beurteilen die gesanglichen Leistungen da in Webers Werk halt die Arienknaller, die fast jedes Kind pfeifen kann, fehlen.
Carl Maria von Weber hat durchgehend schöne Melodien für diesen Klassiker der deutschen Spätromantik geschrieben, ohne dabei die eine, alles überragende Melodie, zu kreieren, deren Darbietung spontanen Szenenapplaus geradezu erfordert.
Noch am auffälligsten Gloria Rehm (Ännchen) und die Arie der Brautjungfern «Wir winden dir den Jungfernkranz» zu einem Wasserballett, (gekonnte Einlage der Synchronschwimmerinnen), und Elissa Huber (Agathe)..
Thomas Blondelle (Max) mit «Durch die Wälder, durch die Auen» war stimmlich den Damen ebenbürtig, was auch für die restlichen Männerstimmen zutrifft. Der Dirigent Enrique Mazzola beginnt mit den Wiener Symphonikern etwas zäh und unscheinbar, kommt aber dann auf Touren: Mazzola will Weber bewusst wohl nicht als Proto-Wagner darstellen, sondern als Weiterentwicklung von Mozart und Beethoven, das funktioniert ganz gut.
Publikumsliebling: Niklas Wetzel als Samiel
Der Publikumsliebling aber war der allgegenwärtige teuflische Conférencier Samiel in Gestalt von Niklas Wetzel.
Da gelingen durchaus einige Pointen, aber: Viel, in Summe ganz gewiss zu viel neu gedichteten, gereimten Text hat ihm Stölzl zugedacht, hin und wieder muss er Offensichtliches wiederholen und auswalzen, damit es auch wirklich alle kapieren.
In Bregenz spielt man also weniger Webers “Freischütz” als ein Fantasy-Music-Movie frei nach Weber.
Der Schlusschor (Ja! lasst uns zum Himmel die Blicke erheben) preist die Milde Gottes gegenüber denen, die reinen Herzens sind und versöhnt das Auditorium mit dieser doch sehr stark zerzausten Version von Webers «Freischütz».
Einige der ganz grossen Arien gibts dann 2026/27 wieder in Bregenz zu geniessen, wenn die «Kameliendame» von Alexandre Dumas dem Jüngeren, in Form von Giuseppe Verdis Vertonung als «La Traviata» die Bühne entern und das Publikum begeistern wird.
Bregenzer Festspiele – Der Freischütz (Spiel auf dem See 2024/25)