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Gesundheit

Eine kalorienarme Diät verändert das Darmmikrobiom und die Immunalterung

Eine kalorienreduzierte Ernährung kann nicht nur die Entstehung von
Stoffwechselerkrankungen hinauszögern, sondern hat auch eine positive
Wirkung auf das Immunsystem. Forscher:innen konnten jetzt erstmals zeigen,
dass dieser Effekt über ein verändertes Darmmikrobiom* vermittelt wird,
das die Verschlechterung des Immunsystems im Alter (Immunseneszenz)
verlangsamt. Die Studie ist in Microbiome erschienen.

Weltweit sind etwa 2 Mrd. Menschen übergewichtig. Adipositas erhöht das
Risiko, an Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Diabetes mellitus Typ 2 zu
erkranken und kann Entzündungen im Körper verursachen, die das Immunsystem
durch die Zunahme von bestimmten T- und B-Gedächtniszellen schwächen. Der
Prozess wird als Immunseneszenz bezeichnet, eine altersbedingte
Veränderung des Immunsystems. Bei adipösen Menschen lässt sich die
Entwicklung von Stoffwechselkrankheiten wie Typ-2-Diabetes durch eine
Ernährung mit wenig Kalorien hinauszögern. Zudem wirkt sich eine solche
Diät auch positiv auf das Immunsystem aus. Doch wie genau die positiven
Effekte vermittelt werden und welche Rolle das Darmmikrobiom dabei spielt,
ist bisher nicht bekannt. In einer aktuellen Studie** haben Forscher:innen
jetzt die Wechselwirkungen zwischen kalorienreduzierter Ernährung,
Mikrobiom, Stoffwechsel und dem Immunsystem untersucht.

Kalorienreduzierte Diät verändert das Darmmikrobiom
Dafür analysierten sie zunächst, wie sich eine sehr kalorienarme Diät (800
kcal/Tag über 8 Wochen) auf das Darmmikrobiom einer fettleibigen Frau
auswirkt. Im nächsten Schritt transplantierten die Forscher: innen das
Darmmikrobiom vor und nach der Diät in ein Modell, in dem keine
Mikroorganismen vorhanden sind (gnotobiotisches Modell). „So konnten wir
die alleinigen Effekte des diätgeprägten Darmmikrobioms auf den
Stoffwechsel und das Immunsystem ermitteln“, erläutert Reiner Jumpertz-von
Schwartzenberg, Letzt-Autor der Studie und Wissenschaftler am Institut für
Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen des Helmholtz Munich an
der Universität Tübingen, einem Partner des Deutschen Zentrums für
Diabetesforschung (DZD). Er leitete gemeinsam mit Hans-Dieter Volk und
Joachim Spranger von der Charité die Studie.

Diätgeprägtes Mikrobiom verbessert den Stoffwechsel und verzögert
Immunseneszenz
Durch die Transplantation des diätgeprägten Mikrobioms verbesserte sich
der Glukosestoffwechsel und die Fettablagerung wurde reduziert. Zudem
konnte massenzytometrisch gezeigt werden, dass sich auch die Anzahl
bestimmter T- und B-Gedächtniszellen reduzierte. „Das weist auf eine
verzögerte Immunseneszenz hin“, erläutert Julia Sbierski-Kind, Erstautorin
der Studie.

„Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die positiven Auswirkungen einer
kalorienarmen Ernährung auf den Stoffwechsel und das Immunsystem über das
Darmmikrobiom vermittelt werden“, fasst Sbierski-Kind zusammen. Die
Autoren der Studie betonen jedoch, dass die Untersuchung bislang nur mit
dem Mikrobiom eines Menschen durchgeführt wurde und dass die Experimente
mit weiteren Probanden wiederholt werden müssen, um die Ergebnisse zu
bestätigen. Die neuen Erkenntnisse könnten langfristig auch für die
medizinische Praxis interessant sein. „Ein verbessertes Verständnis des
komplexen Zusammenspiels zwischen Ernährung, Mikrobiom und Immunsystem
kann die Grundlagen für die Entwicklung neuartiger mikrobiombasierter,
therapeutischer Optionen für die Behandlung von Stoffwechselkrankheiten
und Immunkrankheiten legen“, betont Jumpertz-von Schwartzenberg.

* Darmmikrobiom
Als Darmmikrobiom wird die Gesamtheit aller Mikroorganismen und
Darmbakterien in unserem Verdauungstrakt bezeichnet. Es beeinflusst u.a.
das Immunsystem und den Stoffwechsel seines Wirts.

**Über die Studie:
Ziel der Studie war es, die Wechselwirkungen zwischen kalorienreduzierter
Ernährung, Mikrobiom und dem Immunsystem zu ermitteln. Dazu wurde ein
menschlicher Ernährungsinterventionsversuch mit gnotobiotischen
Experimenten kombiniert, bei denen die Immunphänotypisierung mittels
multidimensionaler Einzelzell-Massenzytometrie bestimmt wurde. An den
Untersuchungen waren folgende Institute und Forschungseinrichtungen
beteiligt:
Deutsches Zentrum für Diabetesforschung (DZD e. V.)

Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (IDM) des
Helmholtz Munich an der Universität Tübingen

Abteilung für Innere Medizin IV, Universitätsklinikum Tübingen

Exzellenzcluster EXC 2124 „Controlling Microbes to Fight Infections“
(CMFI), Universität Tübingen

Institut für Medizinische Immunologie, Charité - Universitätsmedizin
Berlin, korporatives Mitglied der Freien Universität Berlin, Humboldt-
Universität zu Berlin, Berlin, Deutschland

Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel, Charité-Universitätsmedizin
Berlin,
korporatives Mitglied der Freien Universität Berlin, Humboldt-Universität
zu Berlin

Berliner Institut für Gesundheit der Charité - Universitätsmedizin Berlin,
Flow & Mass Cytometry Core Facility, Berlin

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Behandlung der Frauenkrankheit Endometriose verbessern

Mit der neuen Arbeitsgemeinschaft Endometriose e. V. (AGEM) in der DGGG
soll der gynäkologischen Erkrankung Endometriose, an der jede zehnte bis
zwölfte Frau leidet, mehr Aufmerksamkeit zuteilwerden. Die Forschung und
Vernetzung auf diesem Gebiet zu fördern, steht dabei im Vordergrund, um
letztlich die Behandlung wirksam und flächendeckend zu verbessern.

Berlin, im April 2022 – Endometriose ist eine der häufigsten
gynäkologischen Erkrankungen – etwa jede zehnte Frau ist davon betroffen.
Nach Angaben der World Health Organization (WHO) leiden weltweit etwa 190
Millionen Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alter daran. Schätzungen
zufolge wird eine Endometriose pro Jahr in Deutschland bei 40.000 jungen
Frauen festgestellt. Aber trotz der hohen Verbreitung und der im
Einzelfall gravierenden Auswirkungen für die Betroffenen, ist die
gesellschaftliche Wahrnehmung – aber auch die Aufmerksamkeit bei Ärztinnen
und Ärzten – noch immer zu gering. Nicht selten haben Betroffene jahrelang
Beschwerden, bevor die Diagnose gestellt wird.

Unter Endometriose versteht man das Auftreten von Gebärmutterschleimhaut-
ähnlichem Gewebe außerhalb der Gebärmutterhöhle. Die Erkrankung kann mit
starken Schmerzen einhergehen, die häufig – aber nicht immer – zeitlich
mit der Menstruationsblutung zusammenhängen. Die Endometrioseherde
unterliegen dem hormonellen Zyklus und verursachen „innere“
Menstruationsblutungen, v.a. aber können sie über Entzündungs- und
Vernarbungsprozesse bleibende Schäden hinterlassen und nicht selten die
Nachbarorgane Harnblase und Enddarm einbeziehen. Typisch sind starke
Schmerzen bei der Menstruation und in der Folge ein chronisches
Schmerzsyndrom. Viele Betroffene leiden an Unfruchtbarkeit: Bei jeder
zweiten bis dritten Frau mit unerfülltem Kinderwunsch wird Endometriose
nachgewiesen.

Kenntnisse über Unterleibserkrankung Endometriose erweitern
Die Arbeitsgemeinschaft Endometriose e. V. (AGEM) widmet sich als neues
Organ der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V.
(DGGG) allen klinischen, wissenschaftlichen und organisatorischen Anliegen
bei dieser Erkrankung. Dazu zählt die Förderung der Wissenschaft und
Forschung sowie die Aus- und Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten in
Bezug auf die Endometriose. „Ein wichtiges Ziel der Arbeitsgemeinschaft
ist es, die Kenntnisse über Endometriose zu erweitern und möglichst in der
klinischen Versorgung der Patientinnen umzusetzen, und dadurch die
Behandlung zu verbessern“, betont Frau Prof. Sylvia Mechsner, Vorsitzende
der Arbeitsgemeinschaft Endometriose und Leiterin des Endometriosezentrums
an der Charité Berlin.

Forschung zu Endometriose stärken
Die genaue Ursache der Krankheit ist nach wie vor unbekannt. Oft wird sie
erst in fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert, obwohl schon viele Jahre
zuvor die Beschwerden begonnen hatten. „Die rechtzeitige Diagnose und
Behandlung der Endometriose stellt insofern eine besondere Herausforderung
dar, als noch viele Mosaiksteine im Bild um die Entstehung dieser
Erkrankung fehlen“, erklärt Prof. Uwe Andreas Ulrich, Präsident der
Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Endoskopie (AGE) der DGGG und einer der
federführenden Autoren der Endometriose-Leitlinie. „Umso wichtiger ist es,
die Forschung und Vernetzung auf dem Gebiet der Endometriose durch eine
eigene Arbeitsgemeinschaft zu stärken“, fährt er fort.

Die AGEM versteht sich hierbei als Schnittstelle für Experten aus der DGGG
sowie aus weiteren Fachgesellschaften und Arbeitsgemeinschaften, damit die
Erkrankung Endometriose besser behandelt wird und mehr Wahrnehmung
erfährt.

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S3-Leitlinie zur Pankreatitis: Ultraschall spielt bei einer entzündeten Bauchspeicheldrüse eine zentrale Rolle

Die akute Pankreatitis (AP) ist mit jährlich rund 50.000
Krankenhauseinweisungen eine der häufigsten Erkrankungen des Magen-Darm-
Traktes – Tendenz steigend. Etwa jeder fünfte Betroffene hat einen
komplizierten – bis hin zum lebensbedrohlichen – Verlauf und muss mit
lebenslangen Beeinträchtigungen rechnen. Bei einer akuten oder chronischen
Bauchspeicheldrüsenentzündung ist daher eine frühzeitige und exakte
Diagnose für die weitere Behandlung essenziell. Mit Unterstützung der
Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) ist
kürzlich die erste umfassende S3-Leitlinie zur Pankreatitis in Deutschland
erschienen. Dabei spielt der Ultraschall eine zentrale Rolle.

Zu den verschiedenen Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse gehören die
akute, chronische, kindliche und autoimmune Pankreatitis sowie die
Pankreatitis auf dem Boden von zystischen oder soliden Tumoren der
Bauchspeicheldrüse. „Eine genaue Differenzialdiagnostik ist sehr wichtig,
um die in ihrer Symptomatik häufig ähnlich erscheinenden, aber
unterschiedlichen Krankheitsbilder exakt voneinander abzugrenzen“, führt
DEGUM-Experte Professor Dr. med. Albrecht Neeße aus Göttingen aus. „Mit
der neuen S3-Leitlinie liegt uns erstmals eine umfassende
Handlungsempfehlung vor, die alle Erscheinungsformen der Pankreatitis
gemäß der aktuellen wissenschaftlichen Studienlage berücksichtigt und
deren klinischer Bewertung durch ein großes Expertengremium vornimmt.“

Ursache für eine Pankreatitis sind meist Gallensteine, Alkohol- und
Nikotinmissbrauch, ein metabolisches Syndrom, Tumore, genetische
Veränderungen oder Medikamente. Eine entzündete Bauchspeicheldrüse macht
sich durch sehr starke Schmerzen im Oberbauch bemerkbar. Chronische
Entzündungen der Bauchspeicheldrüse führen häufig zu lebenslangen
Verdauungsstörungen, Schmerzen oder Diabetes mellitus. „Etwa jeder dritte
Patient mit einer chronischen Pankreatitis kann seinen Beruf nicht mehr
ausüben“, mahnt Neeße, Co-Autor der Leitlinie. „Eine frühe Diagnose und
Therapie hat also auch eine hohe sozio-ökonomische Bedeutung.“

Als besonders hilfreich in der Diagnostik und Therapie hat sich die
Bildgebung etabliert, die in der neuen Leitlinie eine große Aufwertung
erfährt: „Insbesondere dem transabdominellen Ultraschall und der
Endosonografie (EUS=endoskopischer Ultraschall) kommen darin eine
herausragende Stellung zu“, sagt Dr. med. Manuela Götzberger, Sprecherin
des DEGUM-Arbeitskreises Endosonografie. Bei der Detektion von
Gallengangssteinen, die die häufigste Ursache für eine akute Pankreatitis
sind, sollte der EUS die erste Wahl sein. „Im Vergleich zu anderen
Bildgebungsverfahren kann dieser auch kleine Steine im Gallengang sichtbar
machen, die meist der Auslöser der Entzündungsprozesse sind. Diese Methode
wird ebenso bei Komplikationen der Pankreatitis als erste
Interventionsmethode gewählt wie zur Drainage von infizierten
Nekrosearealen oder Pseudozysten“, erklärt die Gastroenterologin aus
München.

Bei einem ersten Verdacht auf eine akute oder chronische Pankreatitis ist
der Ultraschall durch die Bauchwand (transabdominelle Sonografie) Mittel
der Wahl. Denn er ist leicht und schnell verfügbar, kostengünstig, nicht-
invasiv, ohne Strahlenbelastung und kann risikofrei wiederholt werden.
„Bei der diagnostischen Abklärung von Kindern ist er besonders wertvoll,
da möglichst Strahlenbelastungen und Narkosen zu vermeiden sind“, betont
Neeße.

Diese schonende Methode hat jedoch einen Nachteil: Durch die schlecht
zugängliche Lage der Bauchspeicheldrüse und aufgrund von
Luftüberlagerungen oder auch bei ausgedehnten Verkalkungen kann das Organ
so oft nicht oder nicht ausreichend visualisiert werden. „Für mehr
Zuverlässigkeit sind daher erfahrene Ultraschall-Expertinnen und
-Experten, auch mit Erfahrung in der Anwendung von
Ultraschallkontrastmittel ausschlaggebend“, so DEGUM-Präsident Professor
Dr. med. Josef Menzel aus Ingolstadt. Er empfiehlt daher analog zur
S3-Leitlinie, die Versorgung von Pankreatitis-Patientinnen und -patienten
in Spezialzentren mit besonderer Expertise – insbesondere bei schweren,
komplexen Verläufen.

Die DEGUM setzt sich seit ihrer Gründung für die Zertifizierung von
Ultraschallern, Kliniken und Zentren ein, um die Qualitätsstandards in der
Ultraschallversorgung in Deutschland zu gewährleisten.

Quellen:
•       S3-Leitlinie Pankreatitis:
<https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/021-003.html>
•       Loosen, S.H. et al., Current epidemiological trends and in-
hospital mortality of acute pancreatitis in Germany: a systematic analysis
of standardized hospital discharge data between 2008 and 2017,
<https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34820807/> DOI: 10.1055/a-1682-7621

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Ein zweites Leben – Rostocker Ärzte bringen „stehendes“ Herz eines 38-Jährigen wieder zum Schlagen

Die Professoren Hüseyin Ince und Alper Öner (v.l.) leiten das Herzzentrum der Universitätsmedizin Rostock  Thomas Rahr  Universität Rostock
Die Professoren Hüseyin Ince und Alper Öner (v.l.) leiten das Herzzentrum der Universitätsmedizin Rostock Thomas Rahr Universität Rostock

Durch die umsichtige ärztliche Notfallversorgung und den Einsatz
modernster Medizintechnik der Universitätsmedizin Rostock konnte das Leben
eines 38-jährigen Rostockers gerettet werden. Nach einem Herzstillstand
konnte sein Herz ohne Folgeschäden wieder zum Schlagen gebracht werden.

Es ist der letzte Januartag 2022. Gemeinsam mit einem Kollegen ist der
38-jährige Kranmonteur in 36 Metern Höhe auf den Turm eines Krans
gestiegen. Plötzlich spürt er einen stechenden Schmerz in der Brust. Sein
Gesicht verfärbt sich aschgrau. Auf der Stirn werden Schweißperlen
sichtbar. Sein Kollege fragt, ob alles in Ordnung sei. „Es geht gleich
wieder“, sagt der Rostocker. Und erzählt, dass er vor drei Tagen schon
einmal ähnliche Symptome hatte. Dachte an Verspannungen. Der Kollege
erkennt, dass er sofort dringend Hilfe braucht und fragt ihn noch schnell,
ob er die zehn Meter Abstieg bis ins Kran-Plateau alleine schafft. Das
gelingt. Der Kollege ruft den Notdienst.
Schnell sind die Höhenretter der Rostocker Feuerwehr mit einer
Spezialausrüstung vor Ort und bringen den Mann mit dem Rettungswagen ins
Herzzentrum der Universitätsmedizin Rostock. Hier erkennen die handelnden
Ärztinnen und Ärzte sofort den Ernst der Lage. Der Patient ist in einem
extrem schlechten Zustand – ein kardiologischer Schock: kreideweis, mit
niedrigem Blutdruck und klassischen Veränderungen im EKG, nicht
ansprechbar.

Dem Tod näher als dem Leben
„Bei dem Patienten zeigte sich bei der Untersuchung im Herzkatheter-Labor,
dass der so genannte Hauptstamm, also das Gefäß, das in der Regel 75
Prozent der Herzmuskulatur mit Blut versorgt, verschlossen war“, sagt
Professor Alper Öner, der gemeinsam mit Professor Hüseyin Ince das
Herzzentrum der Rostocker Unimedizin leitet. Für die beiden Experten, die
im Fachgebiet der Herzmedizin international einen Namen haben, grenzt es
an ein Wunder, den Patienten überhaupt lebend im Krankenhaus zu empfangen.
„Patienten mit diesem Befund sind meist schon vor Ort tot“, sagt Professor
Ince. Selbst diejenigen, die mit diesem Befund noch im Krankenhaus
aufgenommen werden, hätten eine extrem niedrige Überlebenschance. „Das
liegt daran, dass das Herz ein Muskel ist, der auf permanente
sauerstoffreiche Blutzufuhr angewiesen ist“, betont Professor Öner, der
bei der Behandlung Regie führte. „Bei einem Hauptstammverschluss wie in
diesem Fall ist man dem Tod näher als dem Leben“.
Unbestechlich signalisierte der Ultraschall den Ärzten, dass das Herz des
38-Jährigen „stand“ und somit das Leben des Familienvaters von drei
Kindern noch weniger als am seidenen Faden hing. Denn, der Befund
bedeutete auch, dass kaum noch Blut in den Kreislauf gepumpt werden
konnte. Allen beteiligten Spezialisten um Oberarzt Stephan Valenta war
klar, dass sich, selbst wenn mit Hilfe eines Stents das Gefäß geöffnet
werden würde, das Herz nicht erholen, sprich: pumpen würde.

Technik hilft heilen
Für Professor Öner gibt es in solchen Grenzsituationen nur die Devise:
„Alles was möglich ist, tun. Technik hilft heilen“. Die Technik, die hier
hilft, sind Herz-Lungen-Maschinen. Diese verwenden Herzchirurgen für die
offene Herz-OP: Mit Hilfe von großen Schläuchen, im Durchmesser zwei
Zentimeter, wird das Blut aus dem Körper gezogen, mit Sauerstoff
angereichert und wieder in den Körper zurückgeführt.
Doch diese Maschine alleine hätte dem Patienten nicht das Leben gerettet,
„weil sie nicht die Eigenschaft hat, das angegriffene Herz zu entlasten“,
erklärt Professor Öner. Da konnte nur eine weitere Maschine, die so
genannte Impella, unterstützen. Diese minimalinvasive, temporäre Herzpumpe
arbeitet mit Echtzeit-Intelligenz und ermöglicht eine bessere Erholung des
Herzens. Sie schafft es, zwei bis dreieinhalb Liter Blut in der Minute zu
pumpen und reduziert dadurch die Last, die das Herz sonst bewältigen muss.
Denn wichtig ist, dass die Heilungskräfte des Körpers, die nötige Zeit
bekommen, um aktiviert zu werden. „Hier geht es um Sekunden, Minuten, oft
aber auch Stunden, die für die körpereigenen Heilungskräfte benötigt
werden“, verdeutlicht Professor Öner.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit rettet Leben
Das Implantieren dieser Technik durch Kardiologen ist das eine; das andere
das Führen und Bedienen der lebensrettenden Maschinen, das einen sehr
hohen Spezialisierungsgrad der beteiligten Teams voraussetzt.
Beispielsweise von der Anästhesiologie und Intensivtherapie um Professor
Daniel Reuter sowie der Abteilung für Pneumologie mit Professor Johann
Christian Virchow an der Spitze und Professor Pascal Dohmen aus der
Herzchirurgie.
Und genau das sei es, was die Unimedizin in Rostock auszeichne, die
interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Fachbereiche, unterstreicht der
Dekan der Medizinischen Fakultät, Professor Emil Reisinger. „Wir setzen in
Rostock auf den Schwerpunkt Medizintechnik und forschen gemeinsam mit den
technischen Fakultäten der Universität Rostock an Neuentwicklungen
hochtechnischer Geräte, die den Patienten zugutekommen“.
Die Professoren Ince und Öner danken dem Vorstand, dass beide
Herzmaschinen in ihrem Herzzentrum verfügbar sind. Denn: Die Kosten sind
hoch und werden oft nicht durch das Vergütungssystem der Krankenkassen
vollständig abgedeckt.

Hören Sie auf Ihr Herz!
Gegenwärtig befindet sich der Patient in der Reha, er fühle sich gut,
könne kurze Strecken gehen und Treppen steigen. Die Ehefrau des Patienten
ist sich sicher: „Die Technik funktioniert nur, wenn großartige Menschen
dahinterstehen.“ Sie sei dem Herzzentrum der Universitätsmedizin Rostock
unendlich dankbar für die großartige Leistung, die ihrem Mann ein zweites
Leben ermögliche. Besonders glücklich sei sie, dass er keine geistigen
Schäden davongetragen habe. Und er habe einen anderen Lebensstil
anvisiert, er wolle nicht mehr rauchen und sich in Zukunft gesünder
ernähren.
Dass sich das Herz des Patienten gut erholt habe, „grenzt fast an ein
Wunder“, betont Professor Ince und zeigt sich, wie er sagt, „ein bisschen
stolz“ auf das, was das Rostocker Herzzentrum geleistet habe. „Der Patient
hat keinen Herzschaden genommen. Weder beim Sport, noch beim Arbeiten oder
Feiern wird er eingeschränkt sein.“ Die Krankheit werde ihn zwar
begleiten, „aber wir halten sie in Schach“, sind sich die Professoren Öner
und Ince einig. Ihre Botschaft an ihn: „Hören Sie auf Ihr Herz!“

Uni-Rektor Professor Wolfgang Schareck, selbst Mediziner, sagt: „Dank und
Glückwunsch diesem Team und dem Patienten alles erdenklich Gute!“ Der
Wissenschafts- und Forschungsschwerpunkt der beiden Rostocker Kardiologen
Professor Öner und Ince in enger Zusammenarbeit mit dem Institut für
Implantat-Technologie und Biomaterialien, geführt durch Professor Klaus-
Peter Schmitz, liegt auf dem Gebiet der Medizintechnik. Die wunderbare
Lebensrettung eines jungen Familienvaters, bei dem es gelang, mit
spezialisierter ärztlicher Notfallversorgung und dem Einsatz modernster
Medizintechnik ein Herz ohne bleibende Schäden wieder zum Schlagen zu
bringen, zeigt, dass der beschrittene Weg der richtige ist. Text: Wolfgang
Thiel

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