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Vermischtes

Wiener Philharmoniker | Franz Welser-Möst, KKL Luzern, 5. 9. 2025, besucht von Léonard Wuest

Wiener Philharmoniker Foto Julia Wesely

Wiener Philharmoniker Konzertfoto von Patrick Hürlimann

KKL Luzern, der Konzertsaal mit 1898 Sitzplätzen

Franz Welser Möst Foto Lucerne Festival

 

Besetzung und Programm:
Wiener Philharmoniker
Franz Welser-Möst Dirigent
Alban Berg (1885–1935)
Sinfonische Stücke aus der Oper Lulu
Anton Bruckner (1824–1896)
Sinfonie Nr. 9 d-Moll WAB 109

Alban Berg Sinfonische Stücke aus der Oper Lulu

Ein Meisterwerk zwischen Oper und Konzertsaal


Alban Bergs „Lulu-Suite“ beziehungsweise die Sinfonischen Stücke aus der Oper „Lulu“ gelten als Brücke zwischen Bühne und Konzertpodium. Geschrieben aus Fragmenten seiner unvollendeten Oper, verdichten sie das dramatische Geschehen in eine konzertante Form. Die Wiener Philharmoniker präsentierten im KKL Luzern unter der Leitung von Franz Welser-Möst eine Aufführung, die die innere Spannung dieses Werks eindrucksvoll spürbar machte.

Franz Welser-Möst – kontrollierte Intensität

 

Alban Berg beim komponieren
Alban Berg beim komponieren

Der Dirigent Franz Welser-Möst entschied sich für eine Lesart, die Klarheit und Struktur in den Vordergrund stellte. Anstelle überbordender Dramatik setzte er auf sorgfältig modellierte Klangarchitektur. Seine Gestik blieb sparsam, aber präzise, und führte das Orchester sicher durch die komplexen Passagen. Die Musik wirkte nie zerfasert, sondern konsequent gebaut, selbst in den eruptiven Ausbrüchen, die Bergs Partitur immer wieder bereithält.

Die Wiener Philharmoniker – klangliche Souveränität

 

Wiener Philharmoniker Konzertfoto von Patrick Hürlimann
Wiener Philharmoniker Konzertfoto von Patrick Hürlimann

Die Wiener Philharmoniker zeigten einmal mehr, warum sie als eines der führenden Orchester der Welt gelten. Ihr unverwechselbarer Klang, warm in den Streichern, charaktervoll in den Holzbläsern und majestätisch in den Blechbläsern, verlieh den Sinfonischen Stücken eine fast opernhafte Fülle. Besonders die heiklen Übergänge zwischen lyrischen und expressionistischen Episoden gelangen mit erstklassiger Eleganz und Präzision.

Klangfarben zwischen Erotik und Abgrund


Bergs Musik oszilliert zwischen gläserner Zerbrechlichkeit und expressiver Wucht. Die Wiener Philharmoniker zeichneten diese Spannungsfelder mit größter Differenziertheit nach. Die schimmernden Streicherflächen ließen die zerbrechliche Psyche der Titelfigur aufleuchten, während scharfe Blechattacken und schroffe Schlagwerkakzente den drohenden Abgrund signalisierten. Dieses Wechselspiel erzeugte eine Atmosphäre, die den Zuhörer förmlich in den Bann schlug.

Strenge Form und emotionale Freiheit

 

Wiener Philharmoniker Konzertfoto von Patrick Hürlimann
Wiener Philharmoniker Konzertfoto von Patrick Hürlimann

Welser-Möst gelang es, die enorme strukturelle Dichte der Partitur herauszuarbeiten, ohne die emotionale Unmittelbarkeit zu verlieren. Er balancierte die Zwölftontechnik, die Berg meisterhaft mit spätromantischen Klangfarben verbindet, zu einer packenden Synthese. Der Fluss des Werkes wirkte stringent, zugleich aber offen für eruptive Momente, die wie Blitzeinschläge durch die Partitur fuhren. Diese Mischung aus Rationalität und Emotion prägte den Gesamteindruck nachhaltig.

Ein Orchester in Hochform


Die Wiener Philharmoniker präsentierten sich in absoluter Topform. Besonders die Streicher überzeugten durch ihre Fähigkeit, zugleich lyrisch zu singen und mit Schärfe zu attackieren. Die Holzbläser zeichneten mit ihren Soli feinste psychologische Porträts, während das Blech heroische wie auch bedrohliche Klangmassen aufbaute. Das Schlagwerk schließlich setzte präzise Schocks, die den Ausdruck ins Extrem trieben. Zusammen entstand eine musikalische Darstellung von packender Intensität.

Resonanz im Saal

Das Publikum im KKL Luzern reagierte mit großer Aufmerksamkeit und gespannter Stille. Die Aufführung entfaltete eine Sogwirkung, die kaum jemand unberührt ließ. Das Auditorium belohnte die Musiker*innen mit begeistertem Applaus und würdigten damit nicht nur die technische Perfektion, sondern auch die emotionale Wucht dieser Darbietung.

Eine Interpretation von nachhaltiger Wirkung

 

Alban-Berg
Alban-Berg

Bergs „Sinfonische Stücke aus Lulu“ bleiben eine Herausforderung für Orchester wie Publikum – intellektuell, emotional, atmosphärisch. Die Wiener Philharmoniker unter Franz Welser-Möst meisterten diese Aufgabe mit einer Mischung aus Präzision und Leidenschaft. Sie legten Schichten frei, die den Reichtum dieser Musik in all ihren Facetten zeigten: zwischen Erotik und Tragik, zwischen Schönheit und Zerstörung. Ein erster Konzertteil, der sich tief ins Gedächtnis einprägt.

Anton Bruckner Sinfonie Nr. 9 d-Moll WAB 109

Ein unvollendetes Vermächtnis

Anton Bruckner beim komponieren
Anton Bruckner beim komponieren

Anton Bruckners Neunte Sinfonie in d-Moll, sein letztes und unvollendet gebliebenes Werk, gilt als musikalisches Testament eines tiefgläubigen Komponisten. Die Wiener Philharmoniker, die Bruckners Klangsprache seit Generationen in ihrer DNA tragen, präsentierten das monumentale Werk im zweiten Konzertteil. Es wurde eine Interpretation, die eindringlich zeigte, wie stark diese Musik zwischen Diesseits und Jenseits vermittelt und wie nah Erhabenheit und Verletzlichkeit beieinander liegen.

Welser-Möst und die Klarheit der Architektur

 

Wiener Philharmoniker Konzertfoto von Patrick Hürlimann
Wiener Philharmoniker Konzertfoto von Patrick Hürlimann

Franz Welser-Möst ist kein Dirigent, der Bruckner mit Pathos überfrachtet. Vielmehr legt er Schicht für Schicht frei und vertraut auf die innere Logik der Architektur. Sein Dirigat zeichnete sich durch Zurückhaltung aus, doch gerade diese Selbstverständlichkeit verlieh der Aufführung Größe. Er baute die gewaltigen Steigerungen organisch auf, hielt die Tempi flüssig und erlaubte den musikalischen Linien, sich natürlich zu entfalten. Nichts wirkte aufgesetzt – alles schien Teil eines großen, atmenden Ganzen.

Der erste Satz – düsterer Aufbruch

 

Wiener Philharmoniker Konzertfoto von Patrick Hürlimann
Wiener Philharmoniker Konzertfoto von Patrick Hürlimann

Schon im „Feierlich. Misterioso“ öffnete sich eine Welt voller Geheimnisse. Die Wiener Philharmoniker entfalteten eine Tiefe, die zugleich erdverbunden und metaphysisch wirkte. Die Streicher zeichneten dunkle Bögen, das Blech setzte markante Akzente, und die Holzbläser sorgten für farbige Durchlichtungen. Welser-Möst hielt die Spannung in den langen Steigerungen meisterhaft. Die dramatischen Ausbrüche wirkten erschütternd, ohne jemals grob zu werden – vielmehr durchzogen sie den Satz mit einer unausweichlichen Dringlichkeit.

Das Scherzo – Urkraft und Präzision

 

Wiener Philharmoniker Konzertfoto von Patrick Hürlimann
Wiener Philharmoniker Konzertfoto von Patrick Hürlimann

Im zweiten Satz, dem „Scherzo. Bewegt, lebhaft“, zeigten die Philharmoniker ihre unvergleichliche Fähigkeit, rohe Energie mit Eleganz zu verbinden. Die rhythmische Prägnanz verlieh der Musik eine fast tänzerische Urkraft, während die Trio-Passage in ihrer überraschenden Leichtigkeit einen scharfen Kontrast bot. Welser-Möst formte klare Konturen, ließ die Musik vorwärtsdrängen und hielt doch stets die Balance. Besonders beeindruckend war die Wucht des Orchesters, die nie in Lautstärke erstickte, was bei Bruckner schon mal passieren könnte, sondern von innerer Glut getragen war.

Das Adagio – Bruckners Abschied

 

Wiener Philharmoniker Konzertfoto von Patrick Hürlimann
Wiener Philharmoniker Konzertfoto von Patrick Hürlimann

Der dritte Satz, das „Adagio. Feierlich, langsam“, ist Bruckners ergreifendes Abschiedswort. Hier erreichte die Aufführung ihre größte Intensität. Das Wiener Renommierorchester spielte mit einer Ausdruckstiefe, die den ganzen Saal in ergriffene Stille versetzte. Die weiten Kantilenen der Streicher wirkten wie Gebete, das Blech intonierte mächtige, fast apokalyptische Choralgesten, während die Holzbläser eine fragile, menschliche Wärme einbrachten. Welser-Möst ließ den Satz mit äußerster Geduld wachsen, bis er in jenen erschütternden Höhepunkt mündete, der wie ein Blick ins Jenseits anmutete.

Die Stille danach

 

Anton Bruckner
Anton Bruckner

Nach dem Verklingen des Adagios herrschte eine Stille, die länger dauerte als gewöhnlich. Niemand wagte zu applaudieren, als wolle das Publikum den Raum für das Nachhallen der Musik bewahren, unsicher ob das wirklich des Ende war, ob das Werk auch diesmal unvollendet blieb, also getreu dem diesjährigen Festivalmotto „open end“. Diese Stille war vielleicht der eindrücklichste Moment des Abends: ein gemeinsames Innehalten, das zeigte, wie sehr Bruckners Musik Herz und Geist zugleich berührt. Erst nach einigen Sekunden, als sich Festivalintendant Michael Häfliger und seine Frau Andrea Lötscher, wie immer in Reihe 17 platziert, zu einer „Standing Ovation“ erhoben, setzte der Applaus ein – zögerlich, dann immer stärker, schließlich überwältigend und in eine stehende Ovation aller mündend.

Die Wiener Philharmoniker, einfach Weltklasse

 

Wiener Philharmoniker  Foto  Julia Wesely
Wiener Philharmoniker Foto Julia Wesely

Das Orchester spielte mit einer Homogenität und Intensität, die Bruckners Musik ideal zum Ausdruck brachte. Die legendäre Wärme der Streicher, die majestätische Strahlkraft der Hörner, die Farbpalette der Holzbläser und die wuchtige Präzision des Blechs verschmolzen zu einem Gesamteindruck von seltener Geschlossenheit. Die Musiker waren nicht bloß Interpreten, sondern Mittler einer spirituellen Erfahrung. Man spürte: Dies ist Musik, die zum innersten Selbst spricht.

Welser-Möst als Diener der Musik

Dirigent Franz Welser-Möst
Dirigent Franz Welser-Möst

Franz Welser-Möst verzichtete bewusst auf äußere Effekte. Sein Dirigat war nie auf Selbstdarstellung angelegt, sondern ganz dem Werk verpflichtet. Er vertraute auf die Kraft der Musik und die Kompetenz seines Orchesters. Diese Haltung verlieh der Aufführung Glaubwürdigkeit und Tiefe. Gerade durch die Abwesenheit von theatralischen Gesten konnte die Größe der Neunten unverfälscht wirken. Der Dirigent bewies, dass wahre Autorität in Demut liegt – und in der Fähigkeit, loszulassen.

Diese Interpretation, ein Vermächtnis

 

Bruckners Neunte ist ein Werk, das schwer zu fassen bleibt: unvollendet, geheimnisvoll, monumental und doch zutiefst menschlich. Die Aufführung der Wiener Philharmoniker unter Franz Welser-Möst zeigte all diese Facetten in exemplarischer Weise. Sie offenbarte das Werk als spirituelles Vermächtnis, das die Zuhörer nicht nur im Moment ergriff, sondern auch lange nachhallte. Es war ein Abend, der eindrücklich zeigte, warum Bruckners Musik gerade heute so notwendig ist – weil sie uns Demut, Größe und Hoffnung zugleich vermittelt.

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: Priska Ketterer, Peter Fischli und Patrick Hürlimann  www.lucernefestival.ch

Homepages der andern Kolumnisten:  www.gabrielabucher.ch  www.herberthuber.ch  www.maxthuerig.ch  www.marinellapolli.ch

Wiener Philharmoniker Konzertfoto von Patrick Hürlimann

Wiener Philharmoniker Konzertfoto von Patrick Hürlimann


Wiener Philharmoniker unter dem Dirigat von Franz Welser Möst Konzertfoto von Patrick Hürlimann

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«räsonanz» – Stifterkonzert Netherlands Radio Philharmonic Orchestra | Netherlands Radio Choir | Karina Canellakis | Liv Redpath | Bertrand Chamayou, KKL Luzern, 27.8.2025, besucht von Léonard Wuest

Pianist Bertrand Chamayou Foto Marco Borggreve

Netherlands Radio Philharmonic Orchestra Foto Lucerne Festival

KKL in Luzern Konzertsaal Galerie

vlnr. Komponistin Unsuk Chin, Dirigentin Karina Cannelakis und Solist Bertrand Chamayou

 

Besetzung un Programm:
Netherlands Radio Philharmonic Orchestra
Netherlands Radio Choir
Karina Canellakis Dirigentin
Liv Redpath Sopran Bertrand Chamayou Klavier
Pierre Boulez (1925–2016)
Le Soleil des eaux für Sopran, Chor und Orchester
Unsuk Chin (*1961)
Klavierkonzert
Robin de Raaff (*1968)
L’Azur. Kantate für gemischten Chor und Orchester nach dem Gedicht L’Azur von Stéphane Mallarmé Uraufführung
Auftragswerk von Lucerne Festival und NTR/ZaterdagMatinee mit Unterstützung der Fondation Pierre Boulez
Pierre Boulez (1925–2016)
Don aus Pli selon pli für Sopran und Orchester

Pierre Boulez’ „Le Soleil des eaux“ Klang gewordene Dichtung

Der eigentlich harmlos klingende Untertitel des Eröffnungsstückes, «Complainte du Lézard amoureux» – die «Klage der verliebten Eidechse» liess ein sanftes Werk vermuten, aber weit gefehlt, das pure Gegenteil,überraschte aber nicht unbedingt, eben ein typischer Boulez.

Da krachts und zischts, nichts für Siversterknallgeschädigte Mitbürger.

Dirigentin Karina Canellakis hat ihr Orchester total im Griff
Dirigentin Karina Canellakis hat ihr Orchester total im Griff

Pierre Boulez’ „Le Soleil des eaux“ ist ein Werk voller klanglicher Abstraktion und expressiver Dichte. In der Aufführung durch das Netherlands Radio Philharmonic Orchestra und den Netherlands Radio Choir unter Karina Canellakis entsteht ein klangliches Spannungsfeld, das die poetische Vorlage von René Char in fein nuancierter Klangsprache widerspiegelt. Die Musik pulsiert, flimmert und wirkt dabei fast körperlich – eine eindrucksvolle Umsetzung der Natur- und Widerstandssymbolik der Texte.

Sopran zwischen Licht und Klang

Sopranistin und Dirigentin hochkonzentriert
Sopranistin und Dirigentin hochkonzentriert

Liv Redpath gestaltet die anspruchsvolle Sopranpartie mit strahlender Klarheit und technischer Kontrolle. Ihre Stimme schwebt über dem dichten Orchestersatz, ohne sich je darin zu verlieren. Besonders beeindruckend ist ihr Umgang mit den abrupten Ausdruckswechseln, die sie mit Präzision und Ausdruckskraft meistert. Ihre Interpretation wirkt dabei nie kühl – im Gegenteil: Sie verleiht der abstrakten Struktur emotionale Tiefe.

Kollektive Klangdisziplin

Chor und Orchester agieren als ein fein abgestimmter Klangkörper. Canellakis formt das komplexe Werk mit sicherer Hand und großer Transparenz. Die Balance zwischen Struktur und expressiver Freiheit gelingt beeindruckend – eine Aufführung, die Boulez’ Musik in ihrer geistigen Schärfe und klanglichen Schönheit voll zur Geltung bringt.

Unsuk Chins Klavierkonzert, ein klangliches Abenteuer, ein Ritt auf dem Vulkan

Komponistin Unsuk Chin
Komponistin Unsuk Chin

Unsuk Chins Klavierkonzert ist ein Werk voller Überraschungen, klanglicher Experimente und rhythmischer Komplexität. In der Aufführung durch das Netherlands Radio Philharmonic Orchestra unter Karina Canellakis wird es zu einem fesselnden Hörerlebnis, das sich der Kategorisierung entzieht. Chins Tonsprache ist zugleich verspielt und kontrolliert, voller filigraner Strukturen und eruptiver Momente – und verlangt höchste Präzision von allen Beteiligten.

Bertrand Chamayou: Virtuose Klangarchitektur

Pianist Bertrand Chamayou Foto  Marco Borggreve
Pianist Bertrand Chamayou Foto Marco Borggreve

Bertrand Chamayou meistert die enorme technische und gestalterische Herausforderung mit beeindruckender Klarheit und Präsenz. Sein Spiel ist nie bloß demonstrativ virtuos, sondern immer durchdrungen von musikalischem Verständnis. Besonders in den leisen, fast schwebenden Passagen zeigt Chamayou, wie sensibel er Klangfarben und feine Strukturen zu gestalten weiß. In den schnellen, perkussiven Momenten bleibt er präzise, kantig und doch kontrolliert, wie ich diesen Virtuosen im Mai 2022 auch schon mal in der Hamburger Elbphilharmonie erlebt hatte. Das Werk, geprägt von rhythmischer Energie und komplexer Virtuosität, stellte höchste Anforderungen an den Pianisten – Anforderungen, die Chamayou mit Brillanz und Präzision erfüllte.

Eine aufwühlende Komposition mit einem entfesselten Bertrand Chamayou am Piano der von seinen Mitmusike*innen kongenial begleitet wurde.Entsprechend belohnte das Publikum die Ausführenden mit einer wahren Appauskaskade, die sich noch steigerte, als auch Komponistin Unsuk Chin auf die Bühne kam.

Dirigentin mit Überblick

Dirigentin Karina Canellakis
Dirigentin Karina Canellakis

Karina Canellakis hält das komplexe Geflecht aus Orchester und Solostimme souverän zusammen. Sie formt das Werk mit klarem Sinn für Proportion, Detail und Dynamik. Die Balance zwischen Piano und Orchester gelingt exzellent – beide treten als gleichwertige Partner in einen spannenden Dialog. Eine Interpretation, die Unsuk Chins faszinierende Klangwelt eindrucksvoll erfahrbar macht.

Robin de Raaff Azur. Kantate für gemischten Chor und Orchester nach dem Gedicht von Stéphane Mallarmé, Uraufführung

Ein Klangbild des Himmels

Komponist Robin de Raaff
Komponist Robin de Raaff

Mit „L’Azur“, seiner neuen Kantate für Chor und Orchester, setzt Robin de Raaff ein eindrucksvolles Zeichen zeitgenössischer Vokalmusik. Basierend auf dem gleichnamigen Gedicht von Stéphane Mallarmé, entfaltet sich das Werk als vielschichtige Klanglandschaft zwischen Licht und Leere, Dichtung und Stille. In der Uraufführung durch das Netherlands Radio Philharmonic Orchestra und den Netherlands Radio Choir unter Karina Canellakis wird diese musikalische Vision klangmächtig und zugleich sensibel zum Leben erweckt.

Chor und Orchester als atmender Organismus

Karina Canellakis führt Chor und Orchester
Karina Canellakis führt Chor und Orchester souverän

Der Netherlands Radio Choir überzeugt mit außergewöhnlicher Klangkultur, stimmlicher Präzision und einer beeindruckenden dynamischen Bandbreite. De Raaff verlangt extreme Konzentration und rhythmische Sicherheit – Anforderungen, die das Ensemble mit großer Souveränität erfüllt. Das Orchester agiert dabei nicht als Begleitung, sondern als gleichwertiger Partner, der das poetische Spannungsfeld zwischen Erde und Himmel hörbar macht.

Karina Canellakis: Klangregisseurin mit Feinsinn

Karina Canellakis führt Chor und Orchester mit sicherer Hand durch dieses herausfordernde Werk. Sie wahrt Struktur und Transparenz, ohne die emotionale Dichte zu glätten. Ihre Interpretation bringt sowohl die klanglichen Kontraste als auch die geheimnisvolle Atmosphäre von Mallarmés Text eindringlich zur Geltung. Eine Uraufführung von großer Ausdruckskraft und Tiefe.

Das Auditorium genoss dieses etwas ungewöhnliche, von Pierre Boulez angeregte Werk und applaudierte auch dessen Schöpfer Robin de Raff, dieser locker im Hawaiihemd, nicht im Frack, auf die Bühne.

Pierre Boulez Don aus Pli selon pli für Sopran und Orchester , Struktur als Klangpoesie

Mit Don, dem Eröffnungssatz aus Pierre Boulez’ groß angelegtem Werk „Pli selon pli“entfaltet sich ein vielschichtiges Klanggewebe, das Sprache, Rhythmus und Klang in ein spannungsgeladenes Verhältnis setzt. In der Aufführung durch die heutige Besetzung nicht bloss intellektuell durchdrungen, sondern lebendig und sinnlich erfahrbar gemacht,die fein ziselierte Struktur Boulez` wird zu atmender Klangpoesie.

Liv Redpath: Stimme als Lichtimpuls

Sopranistin Liv Redpath
Sopranistin Liv Redpath

Sopranistin Liv Redpath meistert die immense Herausforderung mit Klarheit, Präzision und expressiver Kontrolle. Ihre Stimme gleitet durch die hohen Lagen mit Leichtigkeit und Präsenz, dabei stets nuanciert und textverständlich. Die Vokalpartie wird bei ihr nicht zur abstrakten Geste, sondern zum emotionalen Ausdrucksmittel, das sich organisch in das orchestrale Geschehen einfügt. Eine beeindruckend fokussierte Interpretation.

Dirigentin zwischen Analyse und Ausdruck

Dirigentin Karina Canellakis
Dirigentin Karina Canellakis

Karina Canellakis gelingt die Balance zwischen analytischer Durchdringung und klanglicher Sinnlichkeit. Sie führt Orchester und Solistin mit feinem Gespür für Spannung, Struktur und Farbe durch dieses komplexe Werk. Die Klangarchitektur bleibt stets durchhörbar, während die expressive Dichte nie verloren geht. Ein intensives, präzise gestaltetes Klangbild – Boulez in beeindruckender Präsenz.

Für die meisten im Auditorium wars dann wohl doch etwas zu viel des Zeitgenössischen, entsprechend zurückhaltend war denn auch der Schlussapplaus. Barbara Hannigan, die den Solopart im September 2011 unter Pierre Boulez gesungen hatte, saß übrigens auch im Saal.

Was sicher bleibt, ist die grandiose Umsetzung der Ausführenden des, von Unsuk Chin komponierten Klavierkonzertes, bei dem Bertrand Chamayou sämtliche Register seines Könnens am Piano zog.

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: Priska Ketterer, Peter Fischli und Patrick Hürlimann  www.lucernefestival.ch

Homepages der andern Kolumnisten:  www.gabrielabucher.ch  www.herberthuber.ch  www.maxthuerig.ch  www.marinellapolli.ch

Netherlands Radio Choir Foto Lucerne Festival

Dirigentin Karina Canellakis hat ihr Orchester im Griff

 

 


 Bertrand Chamayou Solist am Piano

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Mozart y Mambo Havana Lyceum Orchestra | José Antonio Méndez Padrón | Sarah Willis, KKL Luzern, 13.8. 2025, besucht von Léonard Wuest

Sarah Willis und José Antonio Méndez Padrón mit Mitgliedern des Havana Lyceum Orchestra Foto Monika Rittershaus

Havana Lyceum Orchestra Warmup auf dem Inseli Foto von Patrick Hürlimann

KKL Luzern, der Konzertsaal mit 1898 Sitzplätzen

José Antonio Méndez Padrón Dirigent

Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer

Besetzung und Programm:
Havana Lyceum Orchestra
José Antonio Méndez Padrón Dirigent
Sarah Willis Horn
Richard Egües (1923–2003)
El bodeguero, für Horn und Orchester bearbeitet von Jorge Aragón
Wolfgang Amadé Mozart (1756–1791)
Hornkonzert D-Dur KV 412/512
Edgar Olivero (*1985)
Rondo alla Rumba nach dem Finale aus Mozarts Hornkonzert Es-Dur KV 495
Ernesto Oliva (*1988)
Suite Danzotas
Wolfgang Amadé Mozart (1756–1791)
Sinfonie B-Dur KV 319
Francisco Repilado (1907–2003)
Chan Chan, für Horn und Orchester bearbeitet von Jorge Aragón
María Teresa Vera (1895–1965)
Veinte Años für Horn und Orchester bearbeitet von Jorge Aragón
José «Joseíto» Fernández (1908–1979)
Guantanamera, für Horn, Trompete und Orchester bearbeitet von Jorge Aragón

Spätestens als Hornsolistin Sarah Willis uns,auf der Bühne tänzelnd, begrüsste, war allen klar, dass dies kein 08/15 Konzertabend wird.

Havana Lyceum Orchestra Warmup auf dem Inseli Foto von Patrick Hürlimann
Havana Lyceum Orchestra Warmup auf dem Inseli Foto von Patrick Hürlimann

Das aktuelle , schon fast subtropische Wetter trägt natürlich dazu bei, dass die auftretenden Künstler von der grössten Karibikinsel sich bei uns fast schon heimisch fühlen und so bester Laune sind, was sich schon beim nachmittäglichen Warm Up auf dem Inseli manifestierte.

Richard Egües (1923–2003)
El bodeguerofür Horn und Orchester bearbeitet von Jorge Aragón

Kubanisches Temperament trifft klassisches Horn

Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer
Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer

Die Bearbeitung von „El Bodeguero“ – ursprünglich ein kubanischer Cha-Cha-Cha des legendären Richard Egües – für Horn und Orchester durch Jorge Aragón ist ein mitreißendes Beispiel dafür, wie klassische Musik und lateinamerikanische Rhythmen nahtlos verschmelzen können. In der Interpretation des Havana Lyceum Orchestra unter der Leitung von José Antonio Méndez Padrón entsteht eine klanglich dichte und rhythmisch präzise Darbietung, die das Publikum sofort in ihren Bann zieht.

Virtuose Hornkunst von Sarah Willis

Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer
Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer

Im Zentrum steht die Hornistin Sarah Willis, deren Spiel gleichermaßen technisch brillant wie emotional mitreißend ist. Mit beeindruckender Leichtigkeit meistert sie schnelle Passagen, komplexe Rhythmen und improvisatorische Elemente, die typisch für den kubanischen Stil sind. Dabei verliert sie nie die melodische Linie aus dem Blick, sondern lässt sie mit einem warmen, klaren Ton strahlen – eine seltene Kombination aus Klassik-Präzision und lateinamerikanischem Feuer.

Ein Orchester voller Lebensfreude

Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer
Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer

Das Havana Lyceum Orchestra beweist sich erneut als Ensemble auf höchstem Niveau. Die jungen Musikerinnen und Musiker spielen mit Energie, Präzision und hörbarer Freude. Besonders die rhythmische Sektion – Schlagwerk, Streicher und Holzbläser – trägt wesentlich zur Lebendigkeit bei. Die orchestrale Bearbeitung von Aragón ist farbenreich und fein abgestimmt, ohne den kubanischen Ursprung zu verwässern.

Ein Brückenschlag zwischen Welten

Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer
Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer

Dieser Auftritt ist mehr als nur ein musikalisches Experiment – sie ist ein kultureller Dialog zwischen Europa und Kuba. Die Zusammenarbeit von Sarah Willis mit kubanischen Musikern bringt beide Welten auf Augenhöhe zusammen. „El Bodeguero“ wird so zu einem leuchtenden Beispiel dafür, wie Musik Grenzen überwindet – elegant, virtuos und voller Lebenslust.

Wolfgang Amadé Mozart Hornkonzert D-Dur KV 412/512

Mozarts Klassiker im neuen Glanz

Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer
Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer

Wolfgang Amadé Mozarts Hornkonzert D-Dur KV 412/514 zählt zu den Höhepunkten des Hornrepertoires. In der Aufführung mit dem Havana Lyceum Orchestra unter Dirigent José Antonio Méndez Padrón, entfaltet das Werk eine besondere Frische und Leichtigkeit. Schon im eröffnenden Allegro überzeugt die Darbietung durch tänzerische Eleganz, spritzige Artikulation und ein transparentes, feines Zusammenspiel zwischen Orchester und Solistin.

Sarah Willis: Klangvolle Leichtigkeit

Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer
Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer

Sarah Willis, international gefeierte Hornistin und Mitglied der Berliner Philharmoniker, bringt eine beeindruckende Mischung aus technischer Souveränität und charmanter Musikalität ein. Ihre Tongebung ist rund und tragfähig, dabei immer flexibel und gesanglich. Besonders in den lyrischen Passagen zeigt sie ein feines Gespür für Mozarts Humor und feine Ironie – nie übertrieben, sondern geschmackvoll und stilsicher interpretiert.

Ein lebendiges Orchestererlebnis

Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer
Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer

Das Havana Lyceum Orchestra überrascht mit einem schlanken, wendigen Mozart-Klang. Die jungen Musikerinnen und Musiker agieren mit Spielfreude und Präzision. Méndez Padrón führt das Ensemble mit leichter Hand, lässt viel Raum für musikalische Entfaltung und sorgt dennoch für klare Strukturen. Die Balance zwischen Soloinstrument und Orchester ist hervorragend abgestimmt – ein echter Dialog auf Augenhöhe.

Mozart mit karibischer Wärme

Diese Interpretation des D-Dur-Konzerts ist keine radikale Neuerfindung, aber sie bringt neue Wärme und Lebendigkeit in ein oft gespieltes Werk. Der natürliche Charme des kubanischen Orchesters, gepaart mit Sarah Willis‘ klarem Ton und ihrer musikalischen Tiefe, macht diese Interpretation zu einem besonderen Hörgenuss – frisch, authentisch und ganz im Sinne des Salzburger Überfliegers Mozart.

Edgar Olivero Rondo alla Rumba nach dem Finale aus Mozarts Hornkonzert Es-Dur KV 495

Mozart im karibischen Tanzgewand

Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer
Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer

Mit dem Rondo alla Rumba verwandelt der kubanische Komponist Edgar Olivero das Finale aus Mozarts Hornkonzert Es-Dur KV 495 in ein spritziges, rhythmisch pulsierendes Klangabenteuer. Die vertraute Rondo-Thematik bleibt erhalten, wird jedoch von afro-kubanischen Rhythmen durchzogen, die dem Klassiker eine völlig neue Dynamik verleihen. Oliveros gelingt es, Mozarts melodischen Witz mit der Lebensfreude der Rumba-Tradition kunstvoll zu verschmelzen.

Ein Ensemble voller Energie

Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer
Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer

Das Havana Lyceum Orchestra unter seinem Dirigenten bringt diese originelle Bearbeitung mit großem Feingefühl und hörbarer Spielfreude auf die Bühne. Die rhythmische Präzision der Perkussion, die tänzerische Leichtigkeit der Streicher und die geschmeidige Balance zwischen klassischer Form und kubanischer Improvisationslust verleihen dem Stück eine mitreißende Frische. Méndez Padrón schafft dabei mühelos den Spagat zwischen stilistischer Treue und kreativer Freiheit.

Ein musikalisches Augenzwinkern

Rondo alla Rumba“ ist keine bloße Parodie, sondern ein klangvoller Dialog zwischen Epochen und Kulturen. Mit augenzwinkerndem Respekt vor Mozart und viel kubanischem Herzblut entsteht ein Stück Musik, das gleichermaßen unterhält, überrascht und verbindet. Ein origineller Abschluss, der Tradition tanzen lässt.

Ernesto Oliva Suite Danzotas

Rhythmische Farbenpracht aus Kuba

Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer
Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer

Die „Suite Danzotas des jungen kubanischen Komponisten Ernesto Oliva ist eine Hommage an die traditionellen Tanzformen seiner Heimat – voller Energie, Eleganz und stilistischer Vielfalt. In mehreren Sätzen verarbeitet Oliva Elemente der Danzón, Son und Rumba zu einer eigenständigen Klangsprache. Seine Musik bleibt tief in der kubanischen Folklore verwurzelt und wird gleichzeitig orchestral so raffiniert ausgearbeitet, dass sie eine moderne, fast sinfonische Kraft entfaltet.

Ein Orchester im Tanzrausch

Das Havana Lyceum Orchestra, dirigiert von José Antonio Méndez Padrón, bringt diese Suite mit beeindruckender Vitalität auf die Bühne. Die Streicher agieren federnd und präzise, die Bläser setzen klangfarbliche Akzente, und die Percussion treibt das Geschehen mit unermüdlichem Puls voran. Méndez Padrón gelingt es, die Struktur der Sätze klar herauszuarbeiten, ohne den tänzerischen Fluss zu bremsen. Besonders eindrucksvoll ist das Zusammenspiel der verschiedenen rhythmischen Ebenen – lebendig und punktgenau.

Tradition trifft Innovation

Mit der „Suite Danzotas“ gelingt Ernesto Oliva ein künstlerischer Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Das Werk ist farbenfroh, mitreißend und dabei tief kubanisch. Eine musikalische Entdeckung, die das Können des Orchesters und die kreative Kraft der jungen kubanischen Komponistenszene eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Wolfgang Amadé Mozart Sinfonie B-Dur KV 319

Mozart mit frischem Atem

In der Aufführung von Mozarts Sinfonie B-Dur KV 319 zeigt das Havana Lyceum Orchestra unter der Leitung von José Antonio Méndez Padrón eindrucksvoll, wie lebendig und zeitlos klassische Musik klingen kann. Die Interpretation wirkt durchweg klar strukturiert, dabei nie akademisch – vielmehr frisch, voller Spielfreude und mit einem feinen Gespür für Mozarts elegante Ironie. Bereits im ersten Satz wird deutlich: Hier wird nicht nur sauber musiziert, sondern erzählt.

Transparenz und Lebendigkeit

Sarah Willis und José Antonio Méndez Padrón mit Mitgliedern des Havana Lyceum Orchestra Foto  Monika Rittershaus (
Sarah Willis und José Antonio Méndez Padrón mit Mitgliedern des Havana Lyceum Orchestra Foto Monika Rittershaus 

Das Orchester beeindruckt mit einem transparenten, leichten Klang, bei dem jede Stimme ihren Platz findet. Die Streicher zeichnen die melodischen Linien geschmeidig nach, während die Holzbläser mit farbenreichen Einsätzen glänzen. Méndez Padrón versteht es, die Balance zwischen Struktur und Ausdruck zu halten – Tempi sind zügig, aber nie überhastet, die Dynamik ist sorgfältig abgestuft und fein nuanciert.

Ein jugendlicher Mozart

Diese Interpretation hebt die jugendliche Energie und Leichtigkeit der B-Dur-Sinfonie besonders hervor. Es ist ein Mozart ohne Pathos, aber mit Persönlichkeit, klanglicher Tiefe und tänzerischer Eleganz. Die Interpretation des Havana Lyceum Orchestra beweist eindrucksvoll, wie jung und aufregend Mozart auch heute noch klingen kann – wenn man ihm mit Neugier und musikalischer Offenheit begegnet.

Francisco Repilado Chan Chan, für Horn und Orchester bearbeitet von Jorge Aragón

Kubanische Melancholie neu interpretiert

Mit der Bearbeitung von „Chan Chan“ – dem ikonischen Stück des Komponisten Francisco Repilado (alias Compay Segundo) – für Horn und Orchester wagt Jorge Aragón einen spannenden Brückenschlag zwischen Tradition und Klassik. Das Havana Lyceum Orchestra unter José Antonio Méndez Padrón verleiht dem berühmten Song eine neue orchestrale Tiefe, ohne seinen charakteristischen, melancholisch-schwebenden Charme zu verlieren. Die typisch kubanische Leichtigkeit bleibt erhalten, wird aber durch die Orchesterfarben noch intensiviert.

Sarah Willis: Horn mit Herz und Seele

Im Zentrum steht Sarah Willis, deren Hornspiel sich wunderbar in das kubanische Klangbild einfügt. Ihr warmer, lyrischer Ton unterstreicht die Melancholie von „Chan Chan“ und hebt zugleich die melodischen Feinheiten hervor. Ihre Phrasierung wirkt gesanglich, fast wie ein vokaler Erzählfluss – einfühlsam, aber nie sentimental. Besonders berührend ist der Dialog zwischen Horn und Orchester, der wie ein stilles Gespräch zwischen Kulturen wirkt.

Zwischen Nostalgie und Eleganz

Diese Version von „Chan Chan“ ist keine bloße Adaption, sondern eine emotionale Neuinterpretation, die sowohl kubanische Wurzeln als auch klassische Raffinesse in sich trägt. Das Zusammenspiel von Willis, dem Orchester und der raffinierten Bearbeitung ergibt eine bewegende Hommage – zart, ehrlich und musikalisch außergewöhnlich.

María Teresa Vera Veinte Años für Horn und Orchester bearbeitet von Jorge Aragón

Zeitlose Sehnsucht in neuer Klangfarbe

Havana Lyceum Orchestra Warmup auf dem Inseli Foto von Patrick Hürlimann
Havana Lyceum Orchestra Warmup auf dem Inseli Foto von Patrick Hürlimann

Die Bearbeitung von Veinte Años“ – dem berühmten boleroartigen Lied von María Teresa Vera für Horn und Orchester – durch Jorge Aragón eröffnet dem Klassiker eine neue emotionale Dimension. In der Version mit dem Havana Lyceum Orchestra, dirigiert von José Antonio Méndez Padrón, bekommt das nostalgische Lied einen sinfonischen Rahmen, der die Tiefe und Schönheit der Melodie eindrucksvoll verstärkt, ohne deren Intimität zu verlieren.

Sarah Willis: Gesang auf dem Horn

Sarah Willis gestaltet die Solostimme mit großer Wärme und klanglicher Sensibilität. Ihr Horn klingt beinahe wie eine menschliche Stimme – weich, ausdrucksstark und voller Melancholie. Die Melodie von „Veinte Años“, geprägt von Abschied und Erinnerung, gewinnt in ihrem Spiel an Intensität und Ausdruck. Besonders eindrucksvoll ist ihre Fähigkeit, sich mit dem Orchester zu verweben und doch als Erzählstimme klar hervorzutreten.

Ein musikalischer Blick zurück

Diese Interpretation ist mehr als nur ein klassisches Arrangement – sie ist ein gefühlvoller Rückblick, getragen von Würde und Zärtlichkeit. Das Zusammenspiel aus traditioneller kubanischer Musik und klassischer Klangsprache macht „Veinte Años“ zu einem emotionalen Höhepunkt. Ein stiller, berührender Moment im Programm – voller Respekt für Herkunft und Gefühl.

José «Joseíto» FernándezGuantanamera“ für Horn, Trompete und Orchester bearbeitet von Jorge Aragón

Ein kubanisches Symbol neu belebt

Guantanamera“, eines der bekanntesten Lieder Kubas, erhält in der Bearbeitung von Jorge Aragón für Horn, Trompete und Orchester eine neue, sinfonische Gestalt. Die Melodie von José „Joseíto“ Fernández bleibt als kulturelles Erbe spürbar präsent, wird aber durch die orchestrale Fassung und die farbige Instrumentierung auf ein neues Niveau gehoben. Das Havana Lyceum Orchestra unter José Antonio Méndez Padrón bringt dabei nicht nur Präzision, sondern auch Herzblut und nationalen Stolz zum Ausdruck.

Ein Duo mit Charakter

Die Soloparts für Horn und Trompete sind klug aufeinander abgestimmt: Das Horn, weich und gesanglich, steht im Kontrast zur strahlenden, leicht melancholischen Trompete. Beide Instrumente treten in einen musikalischen Dialog, der die Vielschichtigkeit des Liedes unterstreicht – zwischen Volkstümlichkeit und Poesie, Melancholie und Hoffnung, aber auch durchaus mit groovendem, jazzigen Einschlag. Das Zusammenspiel ist feinsinnig und ausdrucksstark, ohne Effekthascherei. Ein absolutes Konzerthighlight.

Tradition mit neuem Klanggewand

Diese Version von „Guantanamera“ ist kein bloßes Zitat, sondern eine eigenständige musikalische Erzählung, die Respekt vor der Tradition zeigt und gleichzeitig Raum für künstlerische Freiheit lässt. Die Mischung aus klassischer Struktur und kubanischer Seele macht dieses Stück zu einem emotionalen wie musikalisch reizvollen Höhepunkt im Konzertprogramm.bei dem Hornsolistin Sarah Willis das Publikum animierte mitzusingen, was aber, wahrscheinlich zum akustischen Glück, nur leidlich gelang.

Ungewöhnliche Zugabe

Nach dem stürmischen, nicht enden wollenden Schlussapplaus verwöhnten uns die Ausführenden noch mit einer außergewöhnlichen Zugabe. Da legten die Hornistin Sarah Willis und Dirigent José Antonio Méndez Padrón, getragen von karibischen Rhythmen der übrigen Orchesterangehörigen, noch eine kesse Sohle in Form einer Salsa aufs Parkett, bejubelt vom Auditorium. Die ausführenden verließen schlussendlich umjubelt weiterspielend den Konzertsaal über die Zuschauerreihen ins Foyer, wo sie uns noch weiter mit feuriger Musik unterhielten.

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: Priska Ketterer, Peter Fischli und Patrick Hürlimann  www.lucernefestival.ch

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Havana Lyceum Orchestra Warmup auf dem Inseli Foto von Patrick Hürlimann

Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer

Sarah Willis Horn und musikalische Leitung

Mozart y Mambo Konzertfoto von Priska Ketterer

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Tower of Power 13.07.2025, KKL Luzern, besucht von Léonard Wüst

Tower of Power

Tower of Power

Lradsänger Jordan John im Element

Tower of Power Summer 2024 gut aufgelegt vor einem Konzert

 

Besetzung:
Jordan John, Gesang, Emilio Castillo, Saxophon/MD, Stephen „Doc“ Kupka, Baritonsaxophon
Tom E. Politzer, Saxophon, Adolfo Acosta, Trompete, Dave Richards, Trompete/Posaune
Jerry Cortez, Gitarre, Roger Smith, B3 Orgel/Tasten, Marc van Wageningen, Bass, Pete Antunes, Schlagzeug

Vorfreude und Atmosphäre

Die Ankündigung, dass das legendäre Funk- und Soul-Ensemble Tower of Power im KKL Luzern auftreten würde, ließ Herzen höher schlagen – zu Recht. Bereits vor dem Einlass war die Stimmung spürbar: Musikfans jeden Alters mit High-Five, Trommler, Funk-Fans, etliche mit Trompeten-Sounds im Ohr. Das KKL präsentierte sich in gewohnt hochklassigem Ambiente. Die Mischung aus Vorfreude, Neugier und sichtlichem Respekt gegenüber den US-Veteranen der Funkmusik zauberte eine fast würzige Spannung in den Konzertsaal, der sehr gut gefüllt war, vor allem von Babyboomern und Alt 68ern.

Die Band „Tower of power“

Emilio Castillo Bandleader,Tenor  Zweites Saxophon
Emilio Castillo Bandleader, ZweitesTenor Saxophon

Gegründet 1968 von den Brüdern Emilio und Jack Estillo als „The Motown“ im kalifornischen Oakland auf der gegenüberliegenden Seite der Bay Bridge, also vis a vis von San Francisco, der damaligen Hochburg der Hippiekultur und der Love & Peace Bewegung.

Schon fast unglaublich: Als ich am 21. Juli 1969 um 03.56 Uhr, also mitten in der Nacht am Fernseher mitfieberte, wie Neil Armstrong als erster Mensch seinen Fuss auf den Mond setzte, existierte diese Band schon über ein Jahr.

Von der „Ur Formation von 1968 sind noch diese beiden dabei:

Bandleader Emilio Castillo, Saxophon/MD und Stephen „Doc“ Kupka, am Baritonsaxophon, ansonsten waren schon über 60 verschiedene Musiker temporär in der Band engagiert.

Auch von andern Musikern gern engagiert für Studioaufnahmen

Tower of Power Konzertfoto von Vanessa Bösch
Tower of Power Konzertfoto von Vanessa Bösch

Der Bläsersatz der Band, die Tower of Power Horns, wurde auch dadurch bekannt, dass sie auf den Aufnahmen anderer Künstler mitarbeiteten. Dazu gehörten die Monkees, Carlos Santana, Elton John, John Lee Hooker, Rod Stewart, Jefferson Starship, Heart, Huey Lewis and the News, Little Feat, Lyle Lovett, Phish, Aerosmith, Rolling Stones, Eurythmics, Phil Collins, Toto, Klaus Lage, Tom Jones usw.

 

Der Auftakt

 

Jerry Cortez Leadgitarre
Jerry Cortez Leadgitarre

Als Tower of Power die Bühne betrat, brandete sofort ein Beifallsorkan auf. Die Bläsersektion – Trompeten, Saxophone – zielgenau wie eine Schweizer Uhr, startete mit einem prägnanten kurzen Blast, gefolgt vom einsetzenden Rhythmus: harte Funk-Gitarre, grooviges Bassspiel, prägnante Drums. Die Auftaktnummer „Soul Vaccination“ packte die Zuschauer sofort – energiegeladen, tight, mitreißend. Der Groove setzte sich in den Körpern fest, und man merkte: Das ist Funk, den man nicht nur hört, sondern spürt.

Virtuosität trifft Charisma

 

Tower of Power Konzertfoto von Vanessa Bösch
Tower of Power Konzertfoto von Vanessa Bösch

Tower of Power überzeugte nicht nur durch ihre legendäre Bläserfraktion, sondern auch durch pure Virtuosität in allen Bereichen. Die Lead-Sänger wechselten sich souverän ab, jeder Song bekam seine eigene Nuance durch differenzierte Gesangsfarben. Der Gitarrist zeigte solide Rhythmusarbeit, gelegentlich unterbrochen von schmelzenden Soli, die den Zuhörer aufhorchen ließen. Doch der wahre Star war die Bläser-Front: blitzschnelle Läufe, punktgenaue Einsätze – man merkte sofort, warum diese Band seit Jahrzehnten Maßstäbe im Funk-Soul-Genre setzt.

 

Stimmung und Publikum

 

Jordan John Leadsänger und Multiinstrumentalist
Jordan John Leadsänger und Multiinstrumentalist

Das Publikum im KKL war durchmischt: Funk-Veteranen, junge Musikliebhaber, Stammgäste des Hauses. Schon nach wenigen Liedern standen viele, wippten mit, klatschten im Takt – ein sicheres Zeichen, dass die Musik nicht nur gehört, sondern gelebt wurde. Die Band interagierte liebenswürdig mit dem Publikum: Zwischen den Songs kurze Anekdoten, Hintergrundinfos, Dankesworte an Luzern – alles sympathisch, ohne zu übertrieben zu wirken. Besonders bewegend war der Moment, als ein softer Soul-Track gespielt wurde und alle Lichter gedimmt wurden – die emotionale Verbindung im Raum verstärkte sich merklich.

Soundqualität im Konzertsaal des KKL

 

Tower of Power Konzertfoto von Vanessa Bösch
Tower of Power Konzertfoto von Vanessa Bösch

Das KKL Luzern zeigte sich erneut als erstklassiger Konzertort, der die enorme Klangpower von Tower of Power kristallklar und ausgewogen in den Saal transportierte. Die Bässe waren kräftig, aber kontrolliert – kein Dröhnen. Die Bläser kamen glasklar, das Schlagzeug crisp und prägnant. Auch in den hinteren Reihen blieb jedes Detail erhalten, was bei komplexer Bläsermusik enorm wichtig ist. Technikerjob mit A+, man spürte jedes Vibrato, jede Nuance, ohne dass etwas im Mix verlorenging.

 

Höhepunkte des Abends

Mehrere Klassiker heizten die Stimmung an und sorgten für ekstatische Tanz-Impulse, „Soul Vaccination“ pulsierte mit unbändiger Power, bei „You’re Still a Young Man“ zeigte sich die gefühlvolle, melancholische Seite der Band – Gänsehaut auf allen Plätzen. Besonders beeindruckend: „So very hard to go“ und die spontane Bläser-Jam-Session mitten im zweiten Set. Zwei Saxophonisten duellierten sich spielend, die Trompete antwortete darauf mit strahlenden Höhen – und das Baritonsaxophon rundete alles ab. Es war pure Funk-Magie, eingefangen ohne erzwungene Showeffekte. Look in my eyes

Bandchemie und Bühnenpräsenz

 

Tower of Power Konzertfoto von Vanessa Bösch
Tower of Power Konzertfoto von Vanessa Bösch

Ob langjähriges Mitglied oder Neuzugang – bei Tower of Power fügten sich alle zu einem homogenen Ganzen. Die Bandmitglieder strahlten Symbiose aus, lachten sich an, verstanden sich auch nonverbal. Diese Natürlichkeit übertrug sich direkt aufs Publikum: Man fühlte, dass diese Musik nicht nur ein Job, sondern Leidenschaft ist. Leadsänger Jordan John, der jüngste auf der Bühne, nahm mehrfach die Gitarre selbst in die Hand, mischte sich in den Gesamtsound ein – unprätentiös und handwerklich Klasse. Die Dankesworte „Thank you, Luzern – you are part of our journey“ hallten lange nach.

Fazit und Ausblick

Des Leadsängers rhetorischen Ruf in den Raum „You want some more“ wurde mit Gejohle und Yeahrufen quittiert und so kamen wir noch in den Genuss von den bestbekannten Nummern „What Is Hip?“ und “You’re still a young man“


Das Konzert von Tower of Power im KKL Luzern war ein unvergessliches Erlebnis für Funk- und Soul-Fans. Herausragende Musiker, eine phänomenale Bläsersektion, ein bestens aufgelegtes Publikum und ein, auch für solche Konzerte geeigneter Saal,machten den Abend zur runden Sache. Jeder Song, ob Klassiker oder Deep Cut, traf den Nerv des Auditoriums. Wer die Chance hatte, dabei zu sein, nahm pure Musikbesessenheit mit nach Hause. Und eines ist sicher: Tower of Power ist auch nach Jahrzehnten noch voller Energie, Groove und Stil – eine Empfehlung für jeden, der starke Bandperformance in intimer Atmosphäre sucht.

 

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: www.allblues.ch    und Homepage https://towerofpower.com/

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veranstaltet von: www.allblues.ch und https://www.kkl-luzern.ch/

Tower of Power Konzertfoto von Vanessa Bösch

Tower of Power

Tower of Power Konzertfoto von Vanessa Bösch

Tower of Power Konzertfoto von Vanessa Bösch

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