„Worte schaffen Wirklichkeit“: Warum Sprache unser Bild vom Alter prägt

„Silver Tsunami“, „graue Flut“, „Totholz“ – kaum eine Bevölkerungsgruppe
wird mit so drastischen Bildern beschrieben wie alte Menschen. „Ein
Begriff wie ,Silver Tsunami‘ beschreibt ältere Menschen als
Naturkatastrophe. Solche Sprachbilder sind nicht harmlos, sondern prägen
unsere Vorstellungen, unsere Politik, unsere Ressourcenverteilung und
letztlich das Generationenverhältnis“, sagt Prof. Dr. Ulla Kriebernegg.
Sprache ist für die Literatur– und Kulturwissenschaftlerin weit mehr als
ein Mittel zur Beschreibung der Wirklichkeit. Sie beeinflusst, wie wir
über das Alter denken – und damit auch, wie Politik, Medien und
Gesellschaft Hochbetagten begegnen.
Gerade in gesellschaftlichen Debatten werden vielleicht auch deshalb
Rentner häufig entweder als Belastung oder ausschließlich als besonders
verletzliche Bevölkerungsgruppe dargestellt. Beides greift zu kurz. Ihre
Forschung und die Frage, wie Sprache unseren Blick auf das Alter prägt,
stellt Kriebernegg auf dem gemeinsamen Jahreskongress der Deutschen
Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen Gesellschaft für
Gerontologie und Geriatrie (DGGG) vom 23. bis 26. September 2026 in
Frankfurt am Main vor.
Verletzlichkeit und Handlungsfähigkeit schließen sich nicht aus
Gesundheitliche Risiken durch Hitze oder Extremwetter seien real und
müssten ernst genommen werden, betont die Grazer Wissenschaftlerin.
Gleichzeitig warnt sie davor, ältere Menschen auf ihre Verletzlichkeit zu
reduzieren. „Verletzlichkeit und Handlungsfähigkeit schließen sich nicht
aus“, sagt Kriebernegg. Statt ältere Menschen ausschließlich als
Schutzbedürftige wahrzunehmen, müsse stärker gesehen werden, welchen
Beitrag sie selbst für den gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten können.
Hochbetagte seien nicht nur von gesellschaftlichen Entwicklungen
betroffen, sondern gestalteten sie aktiv mit – durch Erfahrung, Engagement
und Verantwortung.
Literatur eröffnet neue Perspektiven
Um festgefahrene Altersbilder aufzubrechen, richtet Kriebernegg den Blick
auf die Literatur. Romane und Erzählungen zeichnen häufig differenziertere
Bilder des Alterns als politische oder mediale Debatten. Während Margaret
Atwoods Erzählung Torching the Dusties überspitzt darstellt, wie ältere
Menschen zu Sündenböcken gesellschaftlicher Krisen werden, erzählt Leonora
Carringtons Roman The Hearing Trumpet von alten Frauen, die mit
Lebenserfahrung, Verantwortungsbewusstsein und Solidarität Zukunft aktiv
mitgestalten. „Literatur zeigt uns, dass ältere Menschen weder Täter noch
bloße Opfer des Klimawandels sein müssen. Sie eröffnet einen Raum, in dem
wir gemeinsam darüber nachdenken können, wie alle Generationen Zukunft
gestalten.“
Sprache verändert den Blick auf das Alter
In ihrer Keynote analysiert Kriebernegg zunächst die Sprachbilder, die
Politik, Medien und Gesundheitswesen über das Alter verwenden.
Anschließend stellt sie ihnen literarische Perspektiven gegenüber und
zeigt, dass über das Alter differenzierter erzählt werden kann, ohne
ältere Menschen als Bedrohung oder ausschließlich als hilfsbedürftig
darzustellen. Ihre zentrale Botschaft: Sprache und Geschichten beschreiben
Wirklichkeit nicht nur – sie gestalten sie. Wer bewusster über das Alter
spricht, trägt dazu bei, Vorurteile abzubauen und ältere Menschen als das
wahrzunehmen, was sie sind: Menschen mit unterschiedlichen
Lebensgeschichten, Kompetenzen und Perspektiven.
Keynote:
• Prof. Dr. Ulla Kriebernegg
• Keynote: „Silver Tsunamis, Gray Tides and Dead Wood: Cultural
Gerontological Perspectives on Aging, Climate Change and Vulnerability“
• Link: https://www.gerontologie-geria
kongress.org/programm/samstag/
Gemeinsamer Jahreskongress von DGG und DGGG
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a. M.
Campus Westend, Hörsaal 5
Samstag, 26. September 2026, 10 Uhr
www.gerontologie-geriatrie-kon
Zur Person:
Prof. Dr. Ulla Kriebernegg leitet das Zentrum für interdisziplinäre
Alterns- und Care-Forschung (CIRAC) an der Universität Graz. Sie ist
Gründerin und Vorsitzende der Age and Care Research Group Graz sowie
Lehrbeauftragte an der Medizinischen Universität Graz. Zu ihren
Forschungsschwerpunkten zählen die kulturwissenschaftliche Alterns- und
Care-Forschung, die Medical und Health Humanities sowie die
nordamerikanische Literatur- und Kulturwissenschaft. Als Associate Editor
der Fachzeitschrift The Gerontologist, Herausgeberin der Buchreihe
Bloomsbury Studies in the Humanities, Ageing and Later Life sowie Fellow
mehrerer internationaler Forschungseinrichtungen zählt sie zu den
prägenden Wissenschaftlerinnen der kulturwissenschaftlichen Gerontologie.
