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Studierende entwickeln Spiel für faire Debatten

In „Realtopia“ tauchen die Spieler*innen in eine fiktive Welt ein und erlernen spielerisch, eigene Argumente zu vertreten, andere Standpunkte zu verstehen und faire Debatten zu führen.  Quelle: Realtopia
In „Realtopia“ tauchen die Spieler*innen in eine fiktive Welt ein und erlernen spielerisch, eigene Argumente zu vertreten, andere Standpunkte zu verstehen und faire Debatten zu führen. Quelle: Realtopia
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Eine Lehramtsstudentin und ein Philosophiestudent der Universität
Stuttgart wollen spielerisch die Debattenkultur verbessern. Dazu haben sie
das Spiel „Realtopia“ entwickelt. In dem Spiel reisen Schülerinnen und
Schüler auf den Mars ins Jahr 2633 und müssen einen Konflikt um einen
wertvollen Rohstoff lösen. Dabei lernen sie, unterschiedliche Perspektiven
einzunehmen, auf Augenhöhe zu argumentieren und gemeinsam Lösungen zu
finden. Unterstützt werden die Studierenden von Prof. André Bächtiger,
Demokratieforscher an der Universität Stuttgart.

Der Mars im Jahr 2633: Ein Sensationsfund sorgt für Wirbel. Die Marsianer
stoßen auf Marsium, ein unerforschter Rohstoff mit vielversprechenden
Eigenschaften, zum Beispiel für die Medizin – und alle wollen ihn für sich
haben. In „Realtopia“ ringen die Spielerinnen und Spieler in einer
demokratisch geführten Debatte um den Umgang mit dem begehrten, aber
umstrittenen Rohstoff. Dabei schlüpfen sie in die Rollen der marsianischen
Regierung, von Bergbauunternehmen, wissenschaftlichen Aktivisten auf dem
Mars, der Oppositionspartei und der Erdbevölkerung. Das Spiel endet mit
einer Lösung, mit der alle leben können.

Entwickelt wurde „Realtopia“ von der Lehramtsstudentin Nadja Hieber und
dem Philosophiestudent Robin Büttner. „Wir wollen Schülerinnen und
Schülern spielerisch vermitteln, wie sie fair debattieren,
unterschiedliche Perspektiven einnehmen und gemeinsam Lösungen finden
können“, so Hieber und Büttner.

Unterstützt wurden die beiden in ihrem Vorhaben bereits von den
Stuttgarter Change Labs und André Bächtiger, Professor für
Demokratieforschung an der Universität Stuttgart. „Unsere Debattenkultur
wird zunehmend von Desinformation und Polarisierung zerrüttet. Wir geben
zu viel Zeit und Energie in die Verteidigung und den Angriff von
Standpunkten und verlieren dabei einen gemeinsamen Konsens aus den Augen“,
sagt Bächtiger. „Mit ‚Realtopia‘ leisten Nadja und Robin einen wichtigen
gesellschaftlicher Beitrag dazu, wie wir demokratische Debatten zukünftig
führen wollen und sollten.“

Spielerisch Argumentationstechniken vermitteln

Wie gut das Konzept funktioniert, haben die Studierenden bereits mit einer
Schulklasse an einem Stuttgarter Gymnasium getestet. „Die Lehrer waren
anfangs zwar skeptisch, ob die Klasse mitmachen würde, aber sie sind alle
sofort eingestiegen“, sagt Robin Büttner.

Damit die Schüler*innen sich auf möglichst viele Diskussionsformate und
-strategien und zugleich auf die Debatte einlassen können, ist das Spiel
pädagogisch eng angeleitet. „Bevor das Spiel beginnt, bekommen die
Schülerinnen und Schüler Zeit sich in ihrer Rolle zurechtzufinden“,
erklärt Robin Büttner. „Sie überlegen sich, welche Argumente die anderen
Gruppen vorbringen und wie sie darauf reagieren können.“ Ereigniskarten
bringen zusätzliche Dynamik ins Spiel: Sie können etwa Allianzen
aufbrechen, Konflikte herbeiführen oder zu mehr Empathie ermutigen.

„Die Schülerinnen und Schüler haben das Spiel geliebt“, erzählt Nadja
Hieber. Ein weiterer Workshop mit einer Schulklasse im kommenden Schuljahr
steht bereits fest.

Realtopia basiert auf sozialwissenschaftlicher Forschung

Die Spielstruktur sowie die Regeln für faires Debattieren basieren auf
sozialwissenschaftlichen Veröffentlichungen, etwa von André Bächtiger zu
kollaborativen und kompetitiven Debattiermodi: Kollaborative Debatten
erleichtern die gemeinsame Suche nach Lösungen, gehen mit Argumenten aber
oftmals fachlich unkritisch um. Kompetitive Debatten machen dagegen
unterschiedliche Positionen und Widersprüche sichtbar – bergen jedoch die
Gefahr, dass die eigene Position wichtiger wird als ein gemeinsamer
Konsens.

„André Bächtigers Paper zeigt, dass es sinnvoll sein kann, beide Modi zu
kombinieren. Genau das machen wir in Realtopia“, sagt Nadja Hieber. „Die
Schülerinnen und Schüler erfahren, wie sie miteinander diskutieren,
einander zuhören und strategisch unterschiedliche Perspektiven zielführend
zusammenbringen können.“ So machen sie die Erfahrung, dass sie dadurch die
Qualität als auch die Zufriedenheit mit der Lösung steigern können.

Realtopia soll wachsen

Die Idee für Realtopia entwickelten Nadja Hieber und Robin Büttner 2023 im
Jahresprogramm der School for Talents gemeinsam mit zwei Kommilitonen.
Heute verfolgen sie ihre Idee zu zweit weiter – neben ihrem Studium. Aus
dem Wissenstransferfonds der Universität Stuttgart konnten sich die beiden
kürzlich Mittel sichern, um Realtopia in Kooperation mit André Bächtiger
und der Philosophin Dr. Krystina Schaub weiterzuentwickeln. „Wir wollen in
einer Studie die Wirksamkeit unserer Methoden für einen idealen
Debattengang untersuchen“, sagt Robin Büttner. „Unser Traum ist, dass
Realtopia zu einem festen Bestandteil im Unterricht wird und möglichst
vielen zugutekommt“, sagt Nadja Hieber.