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Gesundheit

Welttag Diabetes: „Immer mehr Kinder und Jugendliche erhalten die Diagnose Diabetes“

An der Universität Leipzig wird seit Jahren zu einer bedeutenden
Begleiterscheinung von Diabetes geforscht: der Adipositas. Die Biologin
Dr. Kathrin Landgraf untersucht im SFB 1052 „ObesityMechanisms“ mit
anderen Wissenschaftler:innen verschiedener Fachdisziplinen Ursachen,
Präventions- und Therapieansätze dieser Erkrankung. Ihr Kollege Dr. Robert
Stein forscht verstärkt an klinischen Ansätzen, insbesondere bei Kindern
und Jugendlichen. Die beiden berichten im Interview anlässlich des
Welttags Diabetes am 14.November über ihre Forschungen im Team von Prof.
Dr. Antje Körner im pädiatrischen Forschungszentrum der
Universitätsmedizin Leipzig.

Warum erkranken manche Kinder und Erwachsene an Diabetes und andere nicht?

Dr. Kathrin Landgraf: Warum manche Menschen eher zu Diabetes neigen als
andere, ist in der Wissenschaft noch nicht genügend verstanden. Diabetes
ist ein sehr komplexes Gefüge, viele Faktoren spielen da zusammen. Zum
einen wissen wir, dass die Umwelt eine große Rolle bei der Entstehung von
Diabetes spielt. Zum anderen ist eine genetische Veranlagung vorhanden.
Eine Hauptfragestellung, die wir im Labor beantworten wollen, ist,
herauszufinden, was die Faktoren sind, die eine Entstehung von Diabetes
begünstigen. Wir fokussieren uns in unserer Forschung speziell auf Kinder,
da frühe Anzeichen einer Insulinresistenz oder Störung im
Glukosestoffwechsel schon bei Kindern zu sehen sind. Darauf zielt ein Teil
unserer Forschungsprojekte im SFB 1052 direkt ab.

Dr. Robert Stein: Mittlerweile sind wir überzeugt, dass es verschiedene
Sub-Typen von Diabetes-Erkrankungen gibt, also weitaus mehr als die
bekannten Formen von Diabetes Typ 1 und Typ 2. Gerade beim Typ 2, an dem
mehr als 90 Prozent der erwachsenen Diabetes-Erkrankten betroffen sind,
aber mittlerweile auch immer mehr Jugendliche, liegt ein komplexes Gefüge
aus Umweltfaktoren und genetischer Veranlagung zugrunde. Beispielsweise
gibt es Unterformen, bei denen eher Übergewicht und Fettverteilung
entscheidend ist und dann gibt es Unterformen, bei denen eher das Alter
eine Rolle spielt. Je nach Ursachentyp verläuft dann auch das
Krankheitsbild unterschiedlich. Hier müssen wir ansetzen, weil es durchaus
Unterschiede in der Prävention und Therapie haben kann.

Diabetes und Adipositas: Wie bedingen sich diese beiden Krankheiten? Ist
die eine ohne die andere überhaupt denkbar?

Dr. Kathrin Landgraf: Adipositas ist natürlich ein sehr großer, wenn nicht
sogar der Hauptrisikofaktor für die Entstehung von Diabetes, zumindest für
den Typ 2. Der Fokus unserer Forschung liegt darauf, die Mechanismen zu
verstehen, die zu Adipositas wie auch assoziierten Erkrankungen wie
Diabetes im Kindesalter beitragen. Dabei sind wird insbesondere an
Prozessen im Fettgewebe interessiert, das heißt an Faktoren, die im
Fettgewebe selbst eine Rolle spielen. Wir untersuchen beispielsweise
genetische Risikofaktoren, wie das Adipositasgen TMEM18, und versuchen zu
verstehen, wie diese Faktoren an der Entstehung von Adipositas beteiligt
sein könnten, also wie dieses Gen im Körper funktioniert.

Dr. Robert Stein: Für den Zusammenhang zwischen Adipositas und Typ 2
Diabetes ist der Hauptmechanismus die Insulinresistenz. Insulin ist ein
wichtiges Hormon, welches den Blutzucker senkt und dafür verantwortlich
ist, dass der dort ankommt, wo wir ihn brauchen: beispielsweise als
Energielieferant im Muskelgewebe. Wenn der Körper aber resistent gegenüber
Insulin wird, bekommen wir ein Problem. Zuerst kann die Bauchspeicheldrüse
das kompensieren, indem sie mehr Insulin produziert, aber irgendwann ist
es auch damit vorbei und der Blutzucker steigt, es entwickelt sich der
manifeste Diabetes. Trotz allem sehen wir auch hier Unterschiede: Viele
Kinder und Jugendliche mit Adipositas haben bereits eine Insulinresistenz,
aber manche eben auch nicht, obwohl sie extremes Übergewicht haben. Wir
müssen in Zukunft besser verstehen, was diese Unterschiede ausmacht und
daran arbeiten wir.

Wie gehen Sie dabei methodisch vor?

Dr. Kathrin Landgraf: Im Sonderforschungsbereich 1052 kombinieren wir
verschiedene Patientenkohorten miteinander, die im Zusammenhang mit
Adipositas, aber auch mit Begleiterscheinungen wie Diabetes stehen. Wir
nutzen zum Beispiel eine klinische Kohorte von Kindern mit und ohne
Übergewicht, von denen wir Fettgewebsproben aus Routine-OPs bekommen.
Diese Kohorte ist einzigartig in Bezug auf die Anzahl der bereits
verfügbaren Proben und wie wir diese Proben im Labor auf funktioneller
Ebene charakterisieren. Untersuchungen in dieser Kohorte haben gezeigt,
dass das Adipositasgen TMEM18 mit bestimmten Fettgewebseigenschaften
zusammenhängt, die eine Entstehung von Typ 2 Diabetes begünstigen. In
Laborexperimenten an Zellkulturen und im Tiermodell ist es uns gelungen,
den zugrundeliegenden molekularen Mechanismus aufzuklären.

Dr. Robert Stein: Wir haben in Leipzig das Glück, große Stichproben von
Kindern und Jugendlichen mit und ohne Übergewicht wissenschaftlich
untersuchen zu können. Diese Kohorten wurden über viele Jahre
zusammengetragen, beispielsweise über die Adipositas-Sprechstunde der
Kinderklinik und die LIFE Child Studie, aber sie werden auch beständig
weiterentwickelt und in ihrem Verlauf weiterverfolgt. Hierfür kooperieren
wir beispielsweise mit dem Helmholtz-Institut (HI-MAG) in Leipzig. Wir
können dann in diesen Kohorten nach Mustern und Auffälligkeiten suchen,
also nach bestimmten Gruppen, die sich anhand ihrer Daten unterscheiden
von den Gesunden. Dann versuchen wir herauszufinden, was diese
Unterschiede verursacht. Da stehen uns in der Forschung verschiedene
Werkzeuge zur Verfügung, zum Beispiel suchen wir im Blut nach
verschiedenen Biomarker. Wir haben Fettgewebsproben oder auch genetische
Proben, wie von Dr. Landgraf angeführt, die wir untersuchen. Und wir
können soziale und Umweltfaktoren einbeziehen, die uns, meist durch
Befragungen der Teilnehmer, zur Verfügung stehen. So versuchen wir, dass
extrem komplexe Puzzle der Erkrankung zu rekonstruieren.

Wohin geht die Entwicklung bei den Erkrankungen?

Dr. Robert Stein: Leider stellen wir fest, dass immer mehr Kinder und
Jugendliche die Diagnose Diabetes Typ 2 erhalten und dies in vielen
Ländern, weltweit. Diese Erkrankungsform tauchte bisher vorwiegend bei
Erwachsenen auf, die sogenannte Erkrankung des Wohlstandes. Das gibt uns
zu denken. Diabetes Typ 2 tritt bei Kindern meist in der Pubertät auf.
Dies ist eine sensible Phase, weil auch bei den meisten gesunden Kindern
kurzzeitig die Insulinresistenz steigt. Alarmierend ist hierbei, dass
betroffene Kinder und Jugendliche mit Typ 2 Diabetes in der Regel einen
schwereren Verlauf als Erwachsene erleben. Hier müssen wir auf der Hut
sein, und möglichst frühzeitig diejenigen mit dem höchsten Risiko
erkennen.

Wird Diabetes in der Zukunft heilbar sein, wenn die Krankheit besser
verstanden ist?

Dr. Robert Stein: In der Forschung gibt es sehr vielversprechende Ansätze.
Am wichtigsten halte ich die Prävention, insbesondere die Adipositas-
Prävention, denn wir wissen, dass Typ II Diabetes im Kindesalter häufig
noch reversibel ist, wenn man die Adipositas in den Griff bekommt. Wir
brauchen gute Programme, die auch auf gesellschaftlicher Ebene greifen.
Aber jeder Einzelne kann natürlich auch unabhängig davon schon frühzeitig
seinen Beitrag leisten, beispielsweise mit gesunder Ernährung und
ausreichendem Sport. Damit sind auch die kleinen Alltagsaktivitäten
gemeint: Nehme ich lieber die Treppe als den Fahrstuhl, fahre mit dem Rad
zur Arbeit anstelle das Auto zu nehmen. Die Idee, eine Zucker- und
Fettsteuer einzuführen, fände ich auch interessant. Eine komplette Heilung
anzunehmen, ist dennoch sehr optimistisch, denn Adipositas ist eine
chronische Erkrankung. Der Körper sträubt sich gegen eine Gewichtsabnahme,
das macht es auch so schwer, Adipositas dauerhaft zu behandeln. Im Moment
haben wir die Lebensstilinterventionen als Instrument, die zum Teil
Erfolge bringen, aber jedoch nicht immer das Ergebnis, was wir uns
wünschen. In Ausnahmefällen greifen wir auch bei Kindern und Jugendlichen
bereits auf Magen-Verkleinerungen zurück. Es gibt aber auch zum Beispiel
Therapieansätze wie neue Medikamente, die auf das Sättigungsgefühl
einwirken und so eine Gewichtsreduktion begünstigen. Dies ist aktuell
jedoch nur für seltene genetisch-bedingte Adipositas-Formen in Erprobung
und nicht für die Allgemeinheit gedacht. Auch für die Diabetes-Therapie
werden aktuell neue Medikamente entwickelt, welche neben einer besseren
Blutzuckerkontrolle auch das Gewicht günstig beeinflussen können. Das
heißt, wir werden die Erkrankung wahrscheinlich zukünftig nicht heilen,
aber dennoch besser therapieren können.

Dr. Kathrin Landgraf: Ich stimme Dr. Stein zu, ein Schlüssel zur
Regulierung von Adipositas und dem damit verbundenen Risiko für die
Ausbildung von Typ II Diabetes liegt in der Prävention. Darüber hinaus ist
ein Verständnis der physiologischen Mechanismen, welche im Körper während
der Anhäufung von Fettgewebe ablaufen und welche zur Entstehung von
Diabetes beitragen, von entscheidender Bedeutung. Dies könnte zum einen
dazu beitragen, das individuelle Risiko für Adipositas und Diabetes besser
einschätzen zu können und zum anderen zur Entwicklung von neuen
Therapiestrategien beitragen.

Adipositasforschung in Leipzig

Die Mechanismen der Entstehung und Behandlung von Adipositas zu
erforschen, ist seit vielen Jahren ein Schwerpunkt der universitären
Forschung in Leipzig. Es besteht eine vielfältige Forschungslandschaft,
die sich der Prävention und Behandlung der Erkrankung widmet. Zu den
Themen der Adipositasforschung in Leipzig zählen unter anderem genetische
Assoziationen, Stoffwechselstörungen, Mechanismen der Fettakkumulation,
die Rolle des Gehirns beim Essen und therapeutische Interventionen zum
Gewichtsverlust und -erhalt.

Das Helmholtz-Institut für Metabolismus-, Adipositas- und Gefäßforschung
(HI-MAG) ist eine gemeinsame Einrichtung des Helmholtz Zentrums München
mit der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig und dem
Universitätsklinikum Leipzig. Das Institut erforscht die molekularen
Grundlagen krankhafter Fettleibigkeit, um mithilfe eines klinisch-
translationalen Forschungsansatzes präzise Therapien für Adipositas und
deren Folgeerkrankungen zu ermöglichen.

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Ambulantisierung: Bedürfnisse der Patienten nicht vergessen!

Blinddarm-Operation, Kniespiegelung oder die Operation des Grünen Stars:
Nach operativen Eingriffen werden Patient:innen häufig stationär in
Krankenhäuser aufgenommen. Damit haben Ärzt:innen mögliche Komplikationen
im Blick und können schnell darauf reagieren. Hinzu kommen ökonomische
Anreize: stationäre Aufenthalte werden höher vergütet als ambulante. Die
Behandlung im Krankenhaus kostet die Krankenkassen viel Geld und belastet
die dünne Personaldecke von Pflegekräften. Daher plant der Gesetzgeber
Änderungen. Was dies für die Patient:innen und die Versorgungsqualität im
Detail bedeutet, erklärt Gesundheitsexperte Prof. Dr. Andreas Beivers von
der Hochschule Fresenius in München.

Moderne und schonende OP-Techniken sowie sanfte Narkosemittel ermöglichen
heutzutage auch eine ambulante Behandlung nach Eingriffen. Viele
Expert:innen sind sich einig: Die Ambulantisierung bietet Vorteile. So
können Kosten für die Krankenhausbetten und für das Pflegepersonal
eingespart, die Patient:innen von der Diagnose bis zur Nachbetreuung aus
einer Hand begleitet werden und direkt nach der OP zurück in ihr
heimisches Umfeld zurückkehren.

„Wenn nun zukünftig mehr Leistungen ambulant erbracht werden sollen,
erhält das ambulante Entlassmanagement in den Kliniken zur Sicherung der
Rehabilitation sowie der häuslichen Nachsorge eine gänzlich neue Dimension
und Bedeutung“, gibt Beivers zu bedenken. Dabei spielen die Lebenswelt und
die individuellen Ressourcen der Patient:innen eine ebenso entscheidende
Rolle wie die Einbeziehung des Umfeldes. „Doch wer prüft, ob es das
soziale Umfeld von Patient:innen zulässt, dass sie ambulant behandelt
werden können? Wie wird sichergestellt, dass die Patient:innen – wenn Sie
wieder zu Hause sind – kontaktiert werden, um nachzufragen, ob alles in
Ordnung ist? An wen können sie sich in der Nacht wenden, wenn sie zu Hause
beispielsweise unerwartete Symptome bekommen oder sich unsicher fühlen?“,
fragt der Gesundheitsökonom.

Wenn diese Prozesse nicht geklärt seien, laufe man Gefahr, dass
Notaufnahmen, Rettungsdienste oder KV-Bereitschaftsdienste unnötig in
Anspruch genommen werden und wichtige Informationen im Behandlungsprozess
nicht vorliegen. Letztendlich führe dies sogar zu höheren Kosten und
gefährde den Genesungsprozess der Patient:innen. „Daher müssen für eine
erfolgreiche Ambulantisierungsstrategie noch einige Hausaufgaben erledigt
werden, wie die Bereitstellung von Investitionsmitteln für eine adäquate,
ambulante Behandlungsinfrastruktur – sowohl in den Kliniken, im
niedergelassenen als auch im digitalen Bereich“, fordert Beivers. Das
koste zunächst, führe aber mittel- und langfristig zu den gewünschten
Effekten. Ein überstürztes Handeln im Affekt würde hingegen das System
nicht nachhaltig verbessern. „Letztendlich dürfen die Patienten nicht
vergessen werden“, so Beivers.

Über die Hochschule Fresenius
Die Hochschule Fresenius mit ihren Standorten in Berlin, Düsseldorf,
Frankfurt am Main, Hamburg, Id-stein, Köln, München und Wiesbaden sowie
dem Studienzentrum in New York gehört mit über 18.000 Studierenden zu den
größten und renommiertesten privaten Hochschulen in Deutschland. Sie
blickt auf eine mehr als 170-jährige Tradition zurück. 1848 gründete Carl
Remigius Fresenius in Wiesbaden das „Chemische Laboratorium Fresenius“,
das sich von Beginn an sowohl der Laborpraxis als auch der Ausbil-dung
widmete. Seit 1971 ist die Hochschule staatlich anerkannt. Sie verfügt
über ein sehr breites, vielfäl-tiges Fächerangebot und bietet in den
Fachbereichen Chemie & Biologie, Design, Gesundheit & Soziales, onlineplus
sowie Wirtschaft & Medien Bachelor- und Masterprogramme in Vollzeit sowie
berufsbegleitende und ausbildungsbegleitende (duale) Studiengänge an. Die
Hochschule Fresenius ist vom Wissenschaftsrat institutionell akkreditiert.
Bei der Erstakkreditierung 2010 wurden insbesondere ihr „breites und
innovati-ves Angebot an Bachelor- und Master-Studiengängen“, „ihre
Internationalität“ sowie ihr „überzeugend gestalteter Praxisbezug“ vom
Wissenschaftsrat gewürdigt. Weitere Informationen finden Sie auf unserer
Website: www.hs-fresenius.de

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Wenn nichts mehr geht beim Dialyse-Shunt

Versagen die Nieren, steht die Dialyse als Langzeittherapie zur Verfügung.
Allerdings nur, solange mittels eines sogenannten Shunts ein ungehinderter
Zugang zum Blutsystem möglich ist. Am Universitätsklinikum Regensburg
(UKR) wurde nun erstmalig ein Verfahren durchgeführt, um auch bei
komplettem Verschluss der herznahen Venen einen Zugang zum Herzen
offenzuhalten und damit in einer ansonsten fast alternativlosen Situation
wieder einen funktionstüchtigen Dialyse-Shunt anlegen zu können.

Was aussieht wie eine überdimensionale Stricknadel, war für Brigitte
Geiger so ziemlich die letzte Option. Die Rede ist vom sogenannten
Surfacer®. Ein System, das den Zugang zu verschlossenen Gefäßen
ermöglicht. Vor neun Jahren hatte Brigitte Geiger einen Infekt, der sich
auf die Nieren niedergeschlagen hat. In der Folge versagen ihre Nieren,
sie wird dialysepflichtig. Seitdem erhält die heute 66-Jährige drei Mal
pro Woche für jeweils mindestens vier Stunden eine Blutwäsche. Die Dialyse
bringt aber, auch wenn sie lebensrettend ist, ein gewisses Risiko mit
sich. Denn die Prozedur ist nicht nur sehr strapaziös, sie hinterlässt
auch körperliche Spuren. Für die Dialyse ist ein ständiger Zugang zu den
Blutgefäßen nötig, man spricht dabei von einem Shunt. Dieser kann sich mit
der Zeit verschließen oder andere Komplikationen verursachen, die ihn
unbrauchbar werden lassen. Was dann? Die Anlage alternativer Shunts im
Arm- und Beinbereich ist nicht unbegrenzt möglich. Wenn noch
Gefäßverschlüsse der zentralen Venen hinzukommen, wird es zum Teil sogar
unmöglich, einen neuen Shunt anzulegen. „Genau dieses Bild hat sich bei
Frau Geiger gezeigt. Aufgrund mehrerer Gefäßverschlüsse, insbesondere in
den zentralen Venen, war ihr Shunt nicht mehr punktierbar und eine
Neuanlage am Arm nicht möglich. Deswegen haben wir uns dazu entschieden,
erstmalig den Surfacer® einzusetzen“, so Professor Dr. Karin Pfister,
Leiterin der Abteilung für Gefäßchirurgie des UKR.

Das ca. 50 cm lange System wird über die Leiste in den Körper eingebracht.
Dessen Lage wird dabei ständig durch Röntgentechnik überprüft. „Das
Einbringen des Surfacer® ist sehr herausfordernd, da verschlossene Gefäße
aufgrund des fehlenden Blutflusses in der Bildgebung nicht sichtbar
werden. Man sticht hier sozusagen blind. Der Eingriff erfordert daher ein
hohes Maß an Erfahrung sowie ein professionelles Team aus Gefäßchirurgen,
Herzchirurgen und Anästhesisten“, erläutert Professor Pfister. Der
Surfacer® eröffnet durch die Leistenvene den Weg zum Vorhof des Herzens.
Um, wie bei Frau Geiger, bei verschlossenen, zentralen Venen einen Zugang
zum Herzen zu schaffen und dauerhaft offenhalten, tritt der Surfacer® am
Hals, direkt neben der Halsschlagader, aus der Haut. Durch diese neu
geschaffene Öffnung ist es möglich, eine Gefäßprothese, in diesem Fall den
sogenannten HeRO®-Graft (Hemodialysis Reliable Outflow), einzubringen.
„Die Prothese überbrückt als künstliches Blutgefäß die verschlossenen
Gefäße und ermöglicht eine Verbindung zwischen dem arteriovenösen Shunt am
Arm und dem rechten Vorhof des Herzens. Durch dieses neu geschaffene
Verbindungsstück, das den Shunt-Abfluss offenhält, war es möglich, einen
neuen Shunt am Oberarm zu legen“, erklärt PD Dr. Thomas Betz, Leitender
Oberarzt der Abteilung für Gefäßchirurgie des UKR.

Ein Ausweg in einer alternativlosen Situation

Die einzige Alternative, die Brigitte Geiger ansonsten gehabt hätte, wäre
eine Shunt-Anlage im Oberschenkel gewesen. „Dies ist aber für die
Patienten meist sehr unangenehm, und aufgrund der speziellen Lage ist die
Stelle auch besonders anfällig für Infektionen. Entsprechend ist ein
Dialyse-Shunt am Oberschenkel meist keine Langzeitlösung“, beschreibt PD
Dr. Wilma Schierling, Oberärztin der Abteilung für Gefäßchirurgie des UKR
und Shunt-Verantwortliche, die Möglichkeiten.
Für einen Dialyse-Shunt wird eine Verbindung zwischen einer Arterie und
einer Vene geschaffen. Die Vene dehnt sich durch den Druck der Schlagader
auf, so dass sich ihre Wand verdickt und für den Zugang zur Blutwäsche
leicht gestochen werden kann. Die dauerhafte Punktion sowie die für den
menschlichen Körper ungewöhnliche Verbindung zwischen dem arteriellen und
venösen System birgt aber auf Dauer das Risiko für Infektionen,
Thrombosen, Engstellen oder auch Erweiterungen des Gefäßsystems. Folgen
sind neben einer Verschlechterung der Dialysequalität, eine
Minderdurchblutung, eine Belastung des Herzens, Blutungen, Entzündungen
und schließlich der komplette Verschluss des Dialyse-Shunts. Was bei
Brigitte Geiger eingetreten ist, ist eine gefürchtete Komplikation der
Langzeitdialyse: die Verengung bzw. der Verschluss der zentralen Venen.
Dadurch wird der Blutfluss massiv behindert oder auch ganz gestoppt,
wodurch reguläre Shunt-Techniken nicht oder nur noch stark erschwert
genutzt werden können. Kann keine Dialyse mehr durchgeführt werden, bleibt
als letzte Therapieoption die Nierentransplantation. Im Fall von Frau
Geiger ist dies aber aufgrund ihrer Krankheitssituation nicht möglich.
„Nun steht uns mit dem Surfacer® eine neue Option zur Verfügung, durch die
wir einen Ausweg in einer ansonsten fast alternativlosen Situation bieten
können“, resümiert Professor Pfister. Brigitte Geiger ergänzt: „Ich bin
sehr froh und dankbar, dass mir diese Behandlungsmethode zur Verfügung
stand. Mit geht es gut, und ich fühle mich in besten Händen.“

Langzeitdialyse stellt eine wichtige Therapieoption dar

Derzeit werden in Deutschland etwa 100.000 Patienten mit chronischer
Niereninsuffizienz mit einem Dialyseverfahren behandelt. Knappe 7.000
Patienten sind auf der Warteliste von Eurotransplant für eine
Nierentransplantation registriert, aber nur etwa 2.000 Transplantationen
werden aufgrund postmortaler oder Lebendspenden pro Jahr durchgeführt.
„Diese Zahlen machen die Bedeutung der Langzeitdialyse deutlich“, betont
Professor Dr. Bernhard Banas, Leiter der Abteilung für Nephrologie des
UKR. „Um diese in dauerhaft guter Qualität anbieten zu können, braucht es
die enge Zusammenarbeit interdisziplinärer Spezialisten.“ Am
Universitätsklinikum Regensburg arbeiten hierfür die Abteilung für
Nephrologie, die Abteilung für Gefäßchirurgie und das Institut für
Röntgendiagnostik eng zusammen. Treten Probleme beim Dialyse-Shunt auf,
werden diese in regelmäßigen Shunt-Konferenzen im Sinne der besten
Optionen für den einzelnen Patienten besprochen.

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Studierende entwickeln digitales „Heimmonitoring“ für herzkranke Babys

Durch das Online-Tool können Eltern essenzielle Vitalwerte ihrer Babys von
zu Hause aus der Klinik übermitteln, was den lebensnotwendigen Austausch
zwischen Ärzt:innen und Familien erleichtert.

München, 24. Oktober 2022 – Viele Babys mit angeborenem Herzfehler
benötigen in den ersten Lebensmonaten operative Eingriffe in der Klinik.
Auch nach der Entlassung ist eine intensive medizinische Betreuung
notwendig. HM-Studierende entwickelten dafür ein Online-Tool. Eltern
können die Vitalwerte der Babys von zu Hause aus schnell und sicher der
Klinik übermitteln und die erforderlichen Maßgaben gehen sofort an sie
zurück.

Vom Bedarf der Klinik zum Seminarprojekt
Das Projekt entstand zunächst aus der Not heraus: „Wir suchten nach einer
Online-Lösung, um besser mit den Familien in Kontakt zu treten“, erzählen
Dr. Julia Lemmer, Kinderkardiologin, und die Kinderkrankenschwester Birgit
Beckmann. Zusammen leiten sie das „Zentrum Univentrikuläres Herz“ am
Deutschen Herzzentrum München.

HM-Professor Benjamin Kormann von der Fakultät für Elektrotechnik und
Informationstechnik sah darin Potenzial für ein Seminarprojekt im
Masterstudiengang „Systems Engineering“. Studierende lernen hier komplexe
Großprojekte zu verstehen, zu entwerfen und zu implementieren: „Der
Lernprozess für die Studierenden ist enorm hoch, da sie im Zuge eines
realen Projekts alle Punkte der Theorie praktisch anwenden.“ Im ersten
Semester entwickelten die Studierenden eine Online-Anwendung. Eine zweite
Gruppe erarbeitete im Folgesemester den Betriebsablauf des Tools in Form
eines allgemeinen Betriebskonzeptes und einem Test- sowie
Datenschutzkonzept – Voraussetzungen für die Möglichkeit des Realbetriebs.

Online-Tool für Kommunikation zwischen Eltern und Klinik
Für die lebensnotwendige Betreuung der Kinder mit angeborenem Herzfehler
übermitteln deren Eltern täglich Messwerte wie Herzfrequenz,
Sauerstoffsättigung, Gewicht oder Blutgerinnungswerte über das Online-
Tool. Das „Zentrum Univentrikuläres Herz“ wiederum teilt den Eltern die
passenden Maßnahmen für das Kind mit. Dazu trägt die Funktion des Up- und
Downloads von Dokumenten, eine Kommentarfunktion und die grafische
Darstellung der Gesundheitsparameter bei. „Es erleichtert unsere Arbeit,
wenn wir auf einer Plattform alle Familien überblicken können, die wir
aktuell begleiten. Und auch für die Familien wird es einfacher, wenn sie
direkt Werte eingeben und ansehen können“, erklärt Lemmer.

Intrinsisch motivierte Studierende
Das „Heimmonitoring“ entwickelte sich zu einem semesterübergreifenden
Projekt, bei dem sich die Studierenden mit ihrem Engagement einbrachten.
Obwohl das Seminarprojekt mehr Zeit und Arbeit als erwartet forderte,
waren diese von ihrer Motivation getragen. „Wir erstellen etwas, das
wirklich einen gesellschaftlichen Sinn und Zweck hat und bilden einen
Mehrwert für Menschen, die ernsthaft Probleme haben“, sagt HM-Student
Maximilian Kohl. Für eine Übernahme in den Echtbetrieb finden bereits
Gespräche mit Unternehmen statt, die einen langfristigen Betrieb
sicherstellen wollen.

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