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Prävention, Diagnostik und Therapie: Neue S3-Leitlinie Delir im höheren Lebensalter veröffentlicht

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Die neue S3-Leitlinie Delir im höheren Lebensalter ist seit heute bei der
AWMF publiziert. Koordiniert von der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie
(DGG) und der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und
-psychotherapie (DGGPP), wurde eine Langfassung, eine Kurzfassung, wie
auch eine Patientenleitlinie von mehr als 30 weiteren Fachgesellschaften
und Berufsverbänden erarbeitet.

Die neue Leitlinie umfasst erstmals 69
evidenz- und konsensbasierte Empfehlungen für alle Versorgungssettings und
definiert damit sektorenübergreifende Standards für die Prävention,
Diagnostik, Therapie und Nachsorge eines Delirs von hochbetagten
Patientinnen und Patienten.

Von der ambulanten Versorgung, der Notaufnahme, über das Krankenhaus und
bis hin zur Pflegeeinrichtung und Rehabilitation adressiert die S3-LL alle
zentralen Fragen der Versorgungspraxis von der Früherkennung, Prävention,
leitliniengerechten Therapie bis zur Nachsorge.

„Die Leitlinie ist das Ergebnis eines außergewöhnlich breiten
interprofessionellen Konsenses aus Medizin, Pflege, Therapie und weiteren
Gesundheitsberufen“, weiß die wissenschaftliche Leiterin, PD Dr. Christine
Thomas, Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
für Ältere am Klinikum Stuttgart. So gilt die Publikation als eines der
bisher größten interprofessionellen Leitlinienprojekte im
deutschsprachigen Raum. „Ziel war es, klare und umsetzbare Empfehlungen
für alle Berufsgruppen zu formulieren.“

Fokus auf nicht-medikamentöser Prävention und Therapie

Ein zentrales Merkmal der Leitlinie ist der klare Fokus auf nicht-
medikamentöse Maßnahmenbündel, sogenannte Multikomponenten-Interventionen,
wie zum Beispiel strukturierte Kommunikation, Orientierungshilfen,
Mobilisationsförderung und Schlafunterstützung. „Ihre Wirksamkeit wurde
durch eine eigens durchgeführte Meta-Analyse belegt – sowohl in der
Prävention als auch in der Behandlung des Delirs“, betont Christine
Thomas. Maßnahmen dieser Art seien fester Bestandteil der leitlinien-
basierten Versorgung. Sie ermöglichen insbesondere auch professionell
Pflegenden eine evidenzbasierte Handlungsgrundlage.

Dabei stützt sich Thomas auch auf die von ihr geleiteten und vom
Innovationsausschuss des G-BA geförderten Projekte DELEIhLA und PAWEL, auf
deren Ergebnisse die neue S3-Leitlinie maßgeblich basiert.

Hohe Bedeutung für die Versorgung älterer Menschen: Delir häufig und
folgenreich

„Der zentrale Referenzrahmen für alle Versorgungsbereiche, der uns so
lange gefehlt hat, ist jetzt endlich geschaffen“, ist Professorin
Christine von Arnim überzeugt. Die Direktorin der Klinik für Geriatrie an
der Universitätsmedizin Göttingen war federführend für die DGG an der
Erstellung der Leitlinie beteiligt. „Ein Delir bei unserem
Patientenklientel ist häufig, schwerwiegend und wird oft nicht erkannt!“,
erklärt die Geriaterin. Denn die akute Funktionsstörung des Gehirns tritt
häufig bei älteren Menschen auf und gilt zugleich als die folgenreichste
Komplikation im höheren Lebensalter.

Typische Symptome seien Aufmerksamkeitsstörungen, Desorientierung,
Denkstörungen und Bewusstseinsveränderungen, so von Arnim. Auslöser eines
Delirs sind häufig Infektionen, operative Eingriffe, Medikamente oder
akute Belastungen.

Gelungene Betroffenenleitlinie ermöglicht individuelle Prävention

Entstanden ist deshalb auch die optisch einladende, kurz gefasste und sehr
anwendungsorientierte Patientenleitlinie für Betroffene und vor allem auch
deren Angehörige. „Die Broschüre erklärt, was ein Delir ist und wie man es
erkennt, um mehr Verständnis für die Situation zu schaffen“, freut sich
Christine von Arnim über das Ergebnis. „Mit der Weitergabe dieser
Informationen können alle an der Behandlung Beteiligten aufklären und
optimal unterstützen“, ergänzt PD. Dr. Christine Thomas.

So haben die Autorinnen und Autoren auch Checklisten zur Überprüfung eines
Delir-Risikos als präventive Maßnahme eingefügt und geben Tipps zur Delir-
Vermeidung. Beachtenswert sind auch Lesetipps, Hinweise auf YouTube-Filme
sowie auf Unterstützungsmöglichkeiten durch Stiftungen, Patientennetzwerke
oder Selbsthilfegruppen.

Originalpublikation:
https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/109-001