Zum Welt-Pneumonie-Tag: Lungenärzte fordern Einbindung in Leitungsstrukturen der Interdisziplinären Notfallzentren
Rund 600.000 Menschen in Deutschland erkranken an einer Lungenentzündung,
mehr als 40.000 sterben daran – jedes Jahr. Parallel wächst die Zahl an
Patientinnen und Patienten mit chronischen Lungen- und
Atemwegserkrankungen, die in den Notfallzentren behandelt werden müssen.
„Um mehr Menschen sowohl im Krankenhaus als auch schon vor einer
vielleicht noch vermeidbaren Klinik-Einweisung helfen zu können, müssen
frühzeitig Ärztinnen und Ärzte mit pneumologischer Erfahrung eingebunden
werden, da sie die Krankheitsverläufe, die Dynamik der Dekompensation
pulmonaler Erkrankungen und die prognostische Bedeutung funktioneller
Parameter am besten einschätzen können“, sagt Professor Martin Witzenrath,
stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und
Beatmungsmedizin (DGP). „Dazu muss die Lungenmedizin zukünftig verbindlich
in wissenschaftliche Konsensprozesse und in die Leitungsstrukturen der
Interdisziplinären Notfallzentren eingebunden werden“, fordert die
Fachgesellschaft.
Die DGP sieht eine große Lücke der Gesundheitspolitik darin, dass trotz
der großen Tragweite pneumologisch relevante Notfallbilder wie Atemnot,
respiratorische und ventilatorische Insuffizienz, COPD-Exazerbation oder
Pneumonie nicht als sogenannte Tracerdiagnosen berücksichtigt werden. Dies
sind spezifische Diagnosen oder Gesundheitsprobleme, mit deren Hilfe die
Qualität und Effektivität des Versorgungsprozesses in einem
Gesundheitssystem oder einer Klinik beurteilt werden. Diese Methode hilft
auch, dass Patientinnen und Patienten mit diesen zeitkritischen Diagnosen
in geeignete Kliniken mit den notwendigen personellen und technischen
Ressourcen gebracht werden. „Schon zu Zeiten der Corona-Pandemie wurde zur
Behandlung schwerer Atemnot oder Atemschwäche ein Paradigmenwechsel hin zu
einer differenzierten, pathophysiologisch begründeten Entscheidungsfindung
eingeleitet. Gerade in der Rettungsstelle entscheidet diese differenzierte
Beurteilung, ob eine Intubation notwendig ist oder ob nicht-invasive
Verfahren besser geeignet sind“, erklärt Witzenrath, Direktor der Klinik
für Pneumologie, Beatmungsmedizin und Intensivmedizin an der Charité –
Universitätsmedizin Berlin
Intensivstation: Atemnot zählt zu den fünf häufigsten Aufnahmegründen
Atemnot ist eines der häufigsten und klinisch relevantesten
Notfallsymptome. Neben kardiovaskulären Erkrankungen sind vor allem
pneumologische Ursachen wie COPD-Exazerbationen, Asthmaanfälle und
Pneumonien für diese Notfallvorstellungen verantwortlich. Pulmonale
Vorerkrankungen – neben Asthma und COPD zum Beispiel auch
Bronchialkarzinome, Bronchiektasen, interstitielle Lungenerkrankungen und
pulmonalvaskuläre Erkrankungen – erhöhen die klinische Komplexität bei
akuter Atemnot. Die respiratorische Insuffizienz zählt zu den fünf
häufigsten Aufnahmegründen auf deutschen Intensivstationen.
Lungenärzte frühzeitig in die Notfallversorgung der Bevölkerung
integrieren
„Nur durch pneumologische Expertise in wissenschaftlich-politischen
Strategien und in der Leitungsstruktur von Interdisziplinären
Notfallzentren kann eine evidenzbasierte, differenzierte und
patientenzentrierte Notfallversorgung gewährleistet werden – insbesondere
mit Blick auf die steigenden Patientenzahlen der Intensivstationen im
Herbst und Winter“, sagt der stellvertretende DGP-Präsident Witzenrath.
Studien aus Deutschland belegen, dass Dyspnoe zu den häufigsten
Leitsymptomen in Notaufnahmen gehört: In großen universitären Notaufnahmen
sind 17 bis 25 Prozent aller Patientinnen und Patienten mit dem
Leitsymptom Atemnot vorstellig – mehr als die Hälfte der Aufnahmen stehen
im Zusammenhang mit Dyspnoe-bedingten Diagnosen wie Pneumonie, COPD oder
kardialer Dekompensation. Ambulant erworbene Pneumonien führen in
Deutschland aktuell zu circa 300.000 stationären Aufenthalten im Jahr,
also häufiger als Myokardinfarkte oder Schlaganfälle. Die
Krankenhausletalität der ambulant erworbenen Pneumonie ist mit 12 bis 17
Prozent deutlich höher als die des Myokardinfarkts. „Deswegen müssen in
der notfallmedizinischen Versorgung der Bevölkerung Pneumologinnen und
Pneumologen frühzeitig involviert werden“, fordert die DGP.
