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Vertrieben, vergessen, wiederentdeckt

Jun.-Prof. Dr. Svenja Flechtner forschte zur Ökonomin Charlotte Leubuscher, nach der ein Gebäude am Campus Unteres Schloss benannt ist.  Quelle: Carsten Schmale  Copyright: Universität Siegen
Jun.-Prof. Dr. Svenja Flechtner forschte zur Ökonomin Charlotte Leubuscher, nach der ein Gebäude am Campus Unteres Schloss benannt ist. Quelle: Carsten Schmale Copyright: Universität Siegen
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Charlotte Leubuscher war eine Pionierin der Ökonomik. Sie ist die erste
habilitierte Nationalökonomin Deutschlands und doch kaum bekannt. Die
Universität Siegen benannte ein Gebäude nach ihr und rückt die
außergewöhnliche Wissenschaftlerin wieder ins Licht.

Viele nennen es noch immer „das alte Gesundheitsamt“. Doch wer heute am
Campus Unteres Schloss der Universität Siegen unterwegs ist, kommt am
Charlotte-Leubuscher-Haus vorbei. Dort ist unter anderem die Plurale
Ökonomik zu Hause und der Name eine bewusste Entscheidung. Angestoßen hat
die Benennung 2018 ein Arbeitskreis, zu dem auch Dr. Svenja Flechtner,
Juniorprofessorin für Plurale Ökonomik, gehörte. „Wir suchten eine
Persönlichkeit, mit der wir uns identifizieren können“, sagt sie. Und es
sei klar gewesen: Dieses Gebäude soll nach einer Frau benannt werden.
„Leider gibt es in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften nicht so
viele Frauen“, so Svenja Flechtner.

Die Recherche führte zu Charlotte Leubuscher (1888–1961). Sie war die
erste Frau in Deutschland, die sich im Fach Nationalökonomie habilitierte.
Sie studierte Staatswissenschaften, als Frauen gerade erst zugelassen
wurden, und promovierte 1913 in Berlin. Sie hätte, so Flechtner, wohl eine
der ersten ordentlichen Professorinnen werden können, wenn ihr die
Nationalsozialisten nicht aufgrund ihres „jüdisch-stämmigen“ Großvaters
1933 die Lehrbefugnis entzogen hätten.

Leubuscher dachte Wirtschaft anders. Schon ihre Dissertation über den
Streik der englischen Eisenbahner verband präzise empirische Analyse mit
sozialpolitischer Einordnung. In der Weimarer Republik diagnostizierte sie
eine „Krise der Sozialpolitik“ und forderte, soziale Fragen als Teil der
gesamten Wirtschaftsordnung zu begreifen. Später weitete sie ihren Blick
auf internationale Handelsbeziehungen und koloniale Strukturen aus. Eine
Forschungsreise nach Südafrika Anfang der 1930er Jahre führte zu einer
Studie über die Industrialisierung und die Lage der schwarzen Bevölkerung.
Für die damalige deutsche Ökonomik ein ungewöhnlich globaler Blick.

„Sie hat sehr kontextual gearbeitet“, sagt Svenja Flechtner. „Sie
beschreibt nicht nur, sondern reflektiert auch die normativen Auswirkungen
von Wirtschaftspolitik.“ Genau das mache
sie anschlussfähig für die Plurale Ökonomik in Siegen. „Wenn man ihre
Texte liest, ist man von ihrer Detailkenntnis beeindruckt. Da kann man
auch heute noch viel lernen.“

1933 emigrierte Leubuscher nach England. Sie arbeitete unter anderem an
der London School of Economics und wirkte am „African Survey“ zur
britischen Kolonialpolitik mit. Doch eine dauerhafte Professur blieb ihr
verwehrt. „Ihre Geschichte in England liest sich wie die Geschichte des
Prekariats in der Wissenschaft“, so Svenja Flechtner. Zeitverträge,
Auftragsarbeiten, geringe Sichtbarkeit. „Das ging so bis zu ihrem Tod 1961
in London.“
Leubuscher war, so legen Briefe nahe, sachlich, nüchtern, wenig
interessiert an akademischem Smalltalk. Netzwerken fiel ihr schwer. Eine
kantige Persönlichkeit. Ohne Ehe, ohne Kinder, ganz auf ihre Themen
konzentriert. „Diese Forschungsreise nach Südafrika, ganz allein, das war
ihr Ding“, meint Svenja Flechtner. Dass Leubuscher keinen biografischen
Bezug zu Siegen hatte, war und ist für sie kein Problem. „Wer sollte sie
sonst sichtbar machen? Wir stellen den Bezug her, indem wir uns mit ihr
beschäftigen.“

So veröffentlichte Dr. Svenja Flechtner vor Kurzem gemeinsam mit Dr.
Reinhard Schumacher und Dr. Matthias Storring den Aufsatz „Charlotte
Leubuscher – Von der Sozialen Frage
zur Pionierin der Entwicklungsökonomik“ im Buch „Ökonominnen. Frauen in
der Geschichte
der Wirtschaftswissenschaften“. „Wenn ich eine Zeitreise machen könnte,
würde ich sie gern treffen“, sagt die Siegener Wissenschaftlerin über
Charlotte Leubuscher. Noch hängt kein Porträt im Foyer, kein erklärendes
Schild an der Wand. Aber der Name ist Teil der Uni-Struktur und rückt
damit eine Ökonomin ins Bewusstsein, die es verdient hat, vorm Vergessen
bewahrt zu werden.