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Unsichtbarer Strom: Wie unser digitales Leben Energie frisst – und wie wir damit umgehen können

ablet, Handy, Musik hören - alles parallel. So sieht der heutige Alltag bei vielen Menschen aus.  Quelle: Hochschule Biberach
ablet, Handy, Musik hören - alles parallel. So sieht der heutige Alltag bei vielen Menschen aus. Quelle: Hochschule Biberach
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Scrollen, streamen, Musik hören – digitale Anwendungen gehören zum Alltag.
Doch im Hintergrund läuft eine Infrastruktur, die viel Energie benötigt.

Matthias Hillebrand, Absolvent des Bachelorstudiengangs Energie-
Ingenieurwesen an der Hochschule Biberach, hat in seiner Abschlussarbeit
untersucht, wie hoch der externe Stromverbrauch durch digitale Dienste
tatsächlich ist. Das Ergebnis: Je nach Nutzungsverhalten können bis zu 141
kWh pro Person und Jahr entstehen.

Wir tippen, klicken, streamen – und merken kaum, dass jede digitale
Handlung Strom verbraucht. Sei es das Scrollen durch Social Media, das
Streamen einer Serie auf Netflix, das Anhören einer Spotify-Playlist oder
die schnelle Antwort einer KI: Für uns unsichtbar, doch im Hintergrund
laufen Server, Netzwerke und Cloud-Systeme rund um die Uhr – und
verbrauchen Energie.

Matthias Hillebrand, Absolvent des Bachelor-Studiengangs Energie-
Ingenieurwesen der Hochschule Biberach, hat sich in seiner Abschlussarbeit
genau diesem externen Stromverbrauch gewidmet. Betreut wurde die Arbeit
von Prof. Dr.-Ing. Roland Koenigsdorff. „Die grundsätzliche Idee, sich mit
dem Energieverbrauch im Privatbereich zu befassen, stammt von Herrn
Hillebrand selbst“, erklärt Koenigsdorff. „Im gemeinsamen Gespräch
entwickelte sich daraus die konkrete Fragestellung zum extern verursachten
Stromverbrauch durch digitale Dienste.“ Daraus sei eine „herausragende und
interdisziplinäre Arbeit“ entstanden. Denn neben dem Studiengang war auch
das Institut für Bildungstransfer (IBiT) der HBC involviert: Frau Linda
Vogt unterstützte beim Design und der Durchführung der Umfrage, während
Prof. Dr. André Bleicher, Lehrstuhl für Allgemeine
Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Strategisches Management und
Organisation, als Sozialwissenschaftler Zweitprüfer im Kolloquium der
Bachelorarbeit war.

Heute setzt Hillebrand sein Studium im Masterstudiengang Energiemanagement
und Energietechnik an der Hochschule Ansbach fort, das Thema seiner
Bachelorarbeit begleitet ihn aber weiterhin – vor allem auf privater
Ebene. „Ich habe mir vorher selbst kaum Gedanken darüber gemacht“, sagt
er. Erst während der Recherche wurde ihm klar, wie viel Energie im
Hintergrund verbraucht wird. Auch in seinem Freundes- und Kommiliton
*innen-Kreis sei das Thema auf großes Interesse gestoßen.

Auf Basis einer Umfrage, Literaturrecherche und eines selbst entwickelten
Berechnungsmodells ermittelte Hillebrand einen jährlichen externen
Stromverbrauch von 1 bis 141 Kilowattstunden pro Person. Zum Vergleich: 1
kWh entspricht ungefähr 10 - 20 Stunden Laptopnutzung. „Die Spannbreite
hängt stark vom individuellen Nutzungsverhalten ab. Wer viel streamt,
online spielt oder Cloud-Dienste intensiv nutzt, erzeugt deutlich mehr
Datenverkehr – und damit mehr Energieverbrauch“, erklärt der Absolvent.
Konkrete Beispiele: Das Abspielen von Spotify-Playlists auf dem Smartphone
erzeugt messbaren Energieaufwand in Rechenzentren. Auch Suchanfragen oder
Video-Streaming verbrauchen Strom – oft ohne dass wir es merken.

„Das Problem ist, dass viele Daten fehlen“, bedauert Hillebrand. Große
Anbieter würden kaum konkrete Zahlen zum Energieverbrauch ihrer Dienste
veröffentlichen. Seine Ergebnisse seien daher als fundierte Schätzung zu
verstehen – nicht als absolute Wahrheit. Während Stromsparen im Haushalt
für viele selbstverständlich ist, bleibt der externe Stromverbrauch meist
unbeachtet. „Er ist für uns unsichtbar“, sagt Hillebrand. „Wir zahlen ihn
indirekt über Abos oder Internetverträge und haben keinen direkten Bezug
dazu.“

Ein bewussterer Umgang unseres digitalen Konsums könnte dabei gleich
doppelt wirken: Er schont nicht nur Energie und Umwelt, sondern kommt auch
unserer mentalen Gesundheit zugute. Weniger Streaming, weniger parallele
Nutzung mehrerer Geräte und weniger „Nebenbei-Konsum“ können helfen, die
eigene Konzentration zu steigern, Stress zu reduzieren und insgesamt
ausgeglichener zu leben. Dass solche Überlegungen bereits eine Rolle
spielen, zeigt auch das Ergebnis der Arbeit: „Überraschend finde ich, dass
zu den häufigsten Beweggründen, digitale Dienste einzuschränken, der
Wunsch nach mehr Fokus und weniger Ablenkung zählt“, sagt Koenigsdorff.
„Es gibt also durchaus ein Bewusstsein für die Kehrseite der digitalen
Nutzung.“ Schon kleine Veränderungen machen dabei einen Unterschied: Wer
etwa eine Spotify-Playlist einmal herunterlädt, statt sie immer wieder zu
streamen, kann Datenverkehr vermeiden – und damit auch Energie sparen.

Gleichzeitig wird der digitale Stromverbrauch weiter steigen und damit
auch seine Bedeutung für den Klimaschutz. Strom ist nicht automatisch
„grün“: Je nach Energiequelle entstehen bei der Erzeugung CO₂-Emissionen,
die mit jeder zusätzlichen Datenanfrage zunehmen. Für die Zukunft sieht
Hillebrand mehrere Ansatzpunkte: mehr Transparenz seitens der Anbieter,
stärkere gesellschaftliche Sensibilisierung und gegebenenfalls politische
Maßnahmen wie Vorgaben für Standard-Streamingqualitäten oder
Kennzeichnungen des Energieverbrauchs. Auch in Forschung und Lehre gewinnt
das Thema an Bedeutung: „Mehrere Studierende befassen sich bereits mit dem
steigenden Stromverbrauch durch den Ausbau von Rechenzentren, die hinter
KI, Streaming und Cloud-Diensten stehen“, so Koenigsdorff.

Matthias Hillebrand wichtigste Erkenntnis: Digitaler Konsum hat reale
Auswirkungen – auch wenn wir sie nicht sehen. Wer sein eigenes Verhalten
bewusst hinterfragt, kann nicht nur Energie sparen, sondern auch
konzentrierter, effizienter und insgesamt bewusster leben.