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Nördlinger Bronzeschwert gibt Geheimnisse preis

Beate Herbold und Johann Friedrich Tolksdorf, beide BLfD, beim Positionieren des Schwertes für die Messung an der BAMline an BESSY II.  Quelle: Kevin Fuchs  Copyright: Kevin Fuchs/HZB
Beate Herbold und Johann Friedrich Tolksdorf, beide BLfD, beim Positionieren des Schwertes für die Messung an der BAMline an BESSY II. Quelle: Kevin Fuchs Copyright: Kevin Fuchs/HZB
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Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) hat ein besonderes
Fundstück aus der mittleren Bronzezeit nach Berlin geschickt, um es
zerstörungsfrei zu untersuchen: Es handelt sich um ein mehr als 3400 Jahre
altes Bronzeschwert, das 2023 im schwäbischen Nördlingen bei Grabungen
zutage trat. Die Expertinnen und Experten konnten herausfinden, wie Griff
und Klinge miteinander verbunden sind und wie die gut erhaltenen
Verzierungen am Knauf angefertigt wurden – und sich so den
Handwerkstechniken im Süddeutschland der Bronzezeit annähern. Zum Einsatz
kamen verschiedene Röntgenmethoden am HZB und der Bundesanstalt für
Materialforschung und -prüfung (BAM) an der Berliner Röntgenquelle BESSY
II.



Messgäste sind am HZB und auch an der BAM Alltag. Sie kommen, um ihre
Proben mit den modernsten Methoden zu untersuchen. Nicht alltäglich sind
dagegen Messkampagnen zu außergewöhnlichen Kulturschätzen wie dem
verzierten Achtkantenschwert aus der mittleren Bronzezeit, das Dr. Johann-
Friedrich Tolksdorf, Gebietsreferent des BLfD, und seine Kollegin, die
Restauratorin Beate Herbold, nach Berlin gebracht haben: Das Bronzeschwert
stammt aus einem Grab in Nördlingen und ist mehr als 3400 Jahre alt. Es
ist so gut erhalten, dass es an einigen Stellen noch glänzt, aufwändige
Verzierungen am Knauf und an der Knaufplatte sind erkennbar, die Klinge
fast noch scharf.

Wie war der Griff mit der Klinge verbunden?

„Wir hatten mehrere konkrete Fragen, die wir mit drei unterschiedlichen
Methoden am HZB und mit Hilfe der BAM untersuchen wollten“, erklärt Dr.
Johann-Friedrich Tolksdorf. Restauratorin Beate Herbold erläutert: „Es war
sehr aufwändig, solche Schwerter herzustellen. Wir wollten gern
herausfinden, wie damals der Griff mit der Klinge verbunden wurde und wie
die erkennbaren Muster eingearbeitet wurden.“ Diese Frage untersuchten sie
im HZB-Computertomographie-Labor, wo Dr. Nikolay Kardjilov und sein Team
ein dreidimensionales Röntgenbild des Schwerts erstellten. „Die CT-
Aufnahme zeigt, dass die Klinge mit einer Griffzunge, also einer
Verlängerung der Klinge, in den Griff eingeklemmt und vernietet wurde. Die
Auflösung des CT ist so hoch, dass wir sogar das Material und die
Werkspuren der Verzierungsarbeiten untersuchen können“, sagt Tolksdorf.

Welches Material befand sich in den Verzierungen?

Knauf und die Knaufplatte sind mit tiefen Rillen verziert, die ein
geometrisches Muster bilden. In diesen Rillen befand sich ein
augenscheinlich anderes Material. Welches dies war, blieb unklar. Doch an
der BAMline von BESSY II, die die BAM betreibt, konnte das Team Näheres
herausfinden. Dr. Martin Radtke von der BAM untersuchte das Schwert mit
der Methode der Röntgenfluoreszenzspektroskopie. „Wir bestrahlen die
Oberflächen am Knauf mit intensiver Synchrotronstrahlung. Dadurch werden
Atome im Material angeregt und senden elementspezifische Röntgenstrahlung
aus, die wir messen. So können wir selbst winzigste Spuren von Elementen
nachweisen“, sagt Radtke. Die ersten Ergebnisse zeigen: Die
Einlagearbeiten am Knauf und an der Knaufplatte bestanden aus
Kupferdrähten, die aneinander gestückelt waren. „Ich habe eigentlich nach
dem Aussehen eher erwartet, dass Zinn verwendet wurde für diese
Verzierungen, denn Zinn ist weicher und leichter zu verarbeiten als
Kupfer. Das war also eine Überraschung, die auch zeigt, wie hoch
entwickelt die Handwerkskunst damals schon war“, sagt Beate Herbold.
Spuren von Zinn und stellenweise auch etwas Blei, die vermutlich aus der
Bronzelegierung stammten, waren ebenfalls nachweisbar. „Wir kennen solche
Einlegearbeiten von Kupferdrähten in Bronze von anderen Fundstücken“, sagt
Tolksdorf. „Damit sich das rötliche Kupfer farblich besser von der
goldfarbenen Bronze abhebt, hat man es möglicherweise patiniert, also
chemisch geschwärzt, beispielsweise mit Urin.“

Wie wurde das Material damals bearbeitet?

Die Frage nach den handwerklichen Bearbeitungsschritten wurden im Röntgen-
Labor von Dr. Manuela Klaus untersucht. Dort ist es möglich, eine
sogenannte Eigenspannungsanalyse vorzunehmen – also Druck und Zug in den
kristallinen Oberflächen nachzuweisen. „Das gibt Aufschluss über die
Fertigungsprozesse, denn sowohl beim Erhitzen, Abschrecken, Gießen als
auch beim Hämmern und Schmieden entstehen typische Veränderungen in den
kristallinen Strukturen“, sagt Manuela Klaus.

Ausblick:

Die gründliche Auswertung der Messdaten wird noch eine Weile dauern, im
Anschluss planen die Expertinnen und Experten eine Publikation. „Wir
hoffen, dass wir auch rekonstruieren können, ob dieses Schwert zum
Beispiel in einer bestimmten Werkstatt angefertigt wurde – bislang liegt
lediglich nahe, dass es in Süddeutschland hergestellt wurde, einem der
beiden Verbreitungsschwerpunkte von Achtkantschwertern in der Bronzezeit
in Deutschland“, sagt Tolksdorf.

„Die Zusammenarbeit mit dem Helmholtz-Zentrums Berlin und der
Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung war sehr fruchtbringend.
Durch modernste Messmethoden können wir nachvollziehen, wie vor knapp
dreieinhalb Jahrtausenden Metall bearbeitet wurde, mit erstaunlicher
Präzision und hochentwickelten Fertigkeiten. So vielbeachtet schon der
Fund des Nördlinger Bronzeschwertes war – noch bedeutender wird es für uns
durch seine wissenschaftliche Untersuchung. Denn erst dann wird aus einem
faszinierenden Fundstück eine wertvolle Wissensquelle“, sagt Prof. Mathias
Pfeil, Generalkonservator des BLfD.

arö/HZB/BAM/BLfD