Neurologische Krankheiten haben die höchste Krankheitslast – auch in Deutschland
Neurologische Krankheiten laufen in Deutschland oft unter dem Radar, nicht
zuletzt, weil die sehr häufigen, originär neurologischen Diagnosen
Schlaganfall und Demenzen mit hohen Fallzahlen in der Klassifikation der
Krankheiten (ICD-10) nicht als neurologische Krankheiten geführt und
kodiert werden. Das beeinflusst die statistischen Auswertungen der
Krankheitslast/-kosten. Betrachtet man hingegen das Gesamtvolumen
neurologischer Krankheiten, wird deutlich, wie dringend erforderlich die
Stärkung der Prävention dieser die Gesellschaft und das Gesundheitssystem
stark belastenden Krankheiten ist.
Eine Analyse der „Global Burden of Disease 2021“-Studie, die im November
des vergangenen Jahres publiziert wurde, zeigt, dass in der US-Bevölkerung
180,3 Millionen von insgesamt 332,7 Millionen Menschen – also mehr als die
Hälfte! – an Erkrankungen des Nervensystems leiden. Außerdem waren
neurologische Erkrankungen die häufigste Ursache für Behinderungen [1].
Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind neurologische Krankheiten,
wenn man die Gesundheitsausgaben anschaut, in Deutschland jedoch nicht
unter den Top 5 anzutreffen [2].
Woher kommt diese Diskrepanz? Wie kann es sein, dass neurologische
Krankheiten die internationalen Statistiken in Sachen Krankheitslast und
Krankheitskosten anführen, in Deutschland aber keine prominente Rolle
spielen? Sind Nerven und Gehirn von deutschen Bürgerinnen und Bürgern
gesünder als die von Amerikanern oder Menschen anderer Nationen? Oder ist
die Versorgung dieser Erkrankungen in Deutschland deutlich
kostengünstiger? „Beides ist sicher nicht der Fall. Grund ist eine
historisch gewachsene Fehlzuordnung neurologischer Krankheiten zu anderen
Bereichen“, erklärt Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN.
Geht man in die Datenbank des Statistischen Bundesamts (https://www-
genesis.destatis.de/datenbank/
wird deutlich, dass in Deutschland verschiedene neurologische Erkrankungen
mit hohen Fallzahlen nicht zur Neurologie gezählt werden. Beispiel
Schlaganfall: Alle zerebrovaskulären Erkrankungen (ICD10-I60-I69) werden
als Krankheiten des Kreislaufsystems klassifiziert. „Physiologisch ist das
zwar nicht falsch, aber im Hinblick auf die Zuordnung zu den zuständigen
medizinischen Disziplinen schon: Schlaganfälle werden auf
Spezialstationen in der Neurologie, sogenannten Stroke Units, behandelt“,
erklärt Berlit.
Ein ähnliches Beispiel sind Demenzerkrankungen. Diese werden als
sogenannte F-Diagnosen dem Bereich „Psychische und Verhaltensstörungen“
zugeordnet. „Natürlich behandeln auch unsere psychiatrischen Kolleginnen
und Kollegen Demenzerkrankungen – aber in einem ähnlich hohen Ausmaß eben
auch Neurologinnen und Neurologen, denn es handelt sich um
neurodegenerative Erkrankungen“, erklärt Prof. Berlit weiter. Zwar gibt es
auch die neurologische Diagnose Alzheimer (ICD10-G30), aber diese wird
kaum kodiert. Während in der Datenbank des Statistischen Bundesamts
Demenzen (ICD10-F00-F03) mit Krankheitskosten von 21,5 Mrd. ausgewiesen
sind, geht die neurologische Diagnose Alzheimer nur mit Kosten von 1,49
Mrd. einher – also nur mit rund einem Zwanzigstel. Dabei gehört es zum
Lehrbuchwissen, dass die Alzheimer-Krankheit etwa Dreiviertel aller
Demenzdiagnosen verursacht.
Addiert man zu den neurologischen „ICD10-G-Diagnosen“ auch Schlaganfälle
und Demenzerkrankungen, ergibt sich im Hinblick auf die Krankheitskosten
für das Jahr 2023 folgendes Bild:
- 26,8 Mrd. Euro verursachen die Diagnosen ICD10-G00-G99 (Krankheiten des
Nervensystems)
- 21,52 Mrd. Euro verursachen die Diagnosen ICD10-F00-F03 (Demenzen)
- 16,54 Mrd. Euro verursachen die Diagnosen ICD10-I60-I69
(zerebrovaskuläre Erkrankungen, insbesondere Schlaganfälle)
Damit sind neurologische Erkrankungen, passend zur internationalen Studie,
auch in Deutschland führend im Hinblick auf die Krankheitskosten (64,86
Mrd. Euro), und zwar vor psychischen, kardiologischen und onkologischen
Erkrankungen. Denn wie das Statistische Bundesamt im August 2025 in einer
Pressemeldung mitteilte, verursachten Krankheiten des Kreislaufsystems
Kosten von 64,6 Mrd. Euro (darin enthalten 16,54 Mrd. für zerebrovaskuläre
Erkrankungen), psychische und Verhaltensstörungen Kosten von 63,3 Mrd.
Euro und Neubildungen (darunter Krebserkrankungen) schlugen mit 47,6 Mrd.
Euro zu Buche [2]. Auch wenn man nur einen Teil der durch
Demenzerkrankungen verursachten Kosten in der Neurologie ansiedeln würde,
blieben neurologischen Erkrankungen noch unter den Top 3.
„Uns geht es nicht darum, mit anderen Bereichen zu konkurrieren, wir sind
interdisziplinäre ‚Teamplayer‘“, erklärt DGN-Präsidentin Prof. Dr. Daniela
Berg. „Gerade mit unseren Kolleginnen und Kollegen aus den
Nachbardisziplinen Innere Medizin und Psychiatrie arbeiten wir gut und eng
zusammen. Fakt ist aber, dass durch die kodierungsziffergelenkten
Statistiken die Bedeutung der Neurologie deutlich unterschätzt wird, und
zwar nicht nur von der breiten Bevölkerung, sondern auch von der Politik
und den Kostenträgern. Hier müssen wir korrigierend eingreifen und die
korrekte Interpretation der Zahlen anmahnen.“
Wie die Expertin hervorhebt, sei dies von besonderer Bedeutung, um die
Notwendigkeit neurologischer Präventionsmaßnahmen klar herauszustellen.
„Neurologische Erkrankungen belasten das Gesundheitssystem erheblich, ein
Großteil kann aber verhindert werden. Neurologische Präventionsmaßnahmen
sind angesichts der Zahlen längst kein ‚nice to have‘ mehr, sondern ein
‚must have‘ – daran arbeiten wir, und hier fordern wir ein stärkeres
Engagement unseres Gesundheitssystems und der Politik.“
[1] Ney JP, Steinmetz JD, Anderson-Benge E et al. US Burden of Disorders
Affecting the Nervous System: From the Global Burden of Disease 2021
Study. JAMA Neurol. 2025 Nov 24: e254470.
https://jamanetwork.com/journa
[2] Kreislauferkrankungen sowie psychische und Verhaltensstörungen
verursachen zusammen 26,0 % der Krankheitskosten im Jahr 2023.
Pressemitteilung des Statistische Bundesamts, Nr. 293 vom 8. August 2025.
https://www.destatis.de/DE/Pre
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