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Theokratie contra Imperium: Eugen-Täubler-Abend in Heidelberg

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Am 17. Dezember vereinte die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg
Tradition und Gegenwart: Professor Kai Trampedach beleuchtete in der
Eugen-Täubler-Vorlesung jüdische Narrative gegen imperialen
Herrschaftsanspruch, Salomon Korn erhielt die Ehrensenatorwürde, und die
vierte Chanukkakerze wurde entzündet – ein klares Signal für
selbstbewusstes jüdisches Leben.

Die Feier des Tages sei, im Lichte der aktuellen Ereignisse, eine
Klarstellung, betonte Andreas Brämer: „Jüdisches Leben in allen seinen
Facetten ist hier zu Hause, wir resignieren nicht und nehmen uns den Raum,
der uns zusteht – sichtbar und selbstverständlich.“ Laut Professor Heil
seien die Eugen Täubler-Vorlesungen Schritte, um die Barriere zwischen
jüdischer Geschichte und allgemeiner klassischer Geschichte aufzuheben.
Mit der Lehrkooperation zwischen der Hochschule für Jüdische Studien und
dem Seminar für Alte Geschichte und Epigraphik sei in den vergangenen drei
Jahren „viel neues Feld gut bestellt worden“. Diese Zusammenarbeit solle
nun mit dem Vortrag Trampedachs und auch in Zukunft fortgesetzt werden.

Kai Trampedach studierte Geschichte, Philosophie sowie Griechische
Philologie an der Universität Würzburg und der Freien Universität Berlin
und wurde an der Universität Freiburg in den Fächern Alte Geschichte und
Philosophie promoviert. Seinen Forschungsschwerpunkt bildet die
griechische Geschichte in Klassik und Hellenismus. Als Themen seiner
vielbeachteten Beiträge stellte Professor Heil die Zeit Alexanders des
Großen, Platon und seine Philosophie sowie die hasmonäischen Herrscher
heraus. Mit diesem zentralen Abschnitt jüdischer Geschichte des Altertums
befasse sich auch sein Vortrag „Alexander und der Hohepriester. Zur
diskursiven Entmächtigung imperialer Herrschaft in der jüdischen Literatur
der hellenistischen und römischen Zeit“.
In seinem Vortrag bezog sich Trampedach vor allem auf eine Erzählung des
Flavius Josephus und zeigte an diesem Beispiel seine hellenistische
Erzählweise und apologetische Agenda auf.

Im Zentrum Josephus Erzählung stand der angebliche Besuch Alexanders des
Großen in Jerusalem. Während der Belagerung von Tyrus verlangte Alexander
vom Hohepriester Jaddus Unterstützung, der sich jedoch aus Loyalität zu
Dareios, dem von Alexander besiegten Perserkönig, weigerte.Verärgert zog
Alexander nach Jerusalem auf, um Jaddus zu bestrafen. Letzterem erschien
Gott in einem Traum und versprach seinen Schutz, wenn er die Tore öffne
und Alexander mit dem ganzen Volk entgegengehe. Jaddus folgte seinen
Anweisungen und tatsächlich ging Alexander auf ihn zu, erkannte in Jaddus
den Mann, der auch ihm in einem Traum erschienen war und ihn zum
Asienfeldzug ermuntert hatte, und kniete vor ihm nieder.
Diese Geschichte sei allerdings, so Trampedach, „fake history – von Alpha
bis Omega erfunden“.Weder Alexanders Abstecher nach Jerusalem noch sein
Kniefall seien historisch überliefert. Anhand mehrerer judeozentrischer
Motive könne man erkennen, dass Josephus alleiniger Autor der Geschichte
sei. Unter anderem nannte Trampedach die Bestätigung der jüdischen Rechte
durch die jeweiligen Herrscher – einen Aspekt, den Josephus in seinem
gesamten Werk fortführe – sowie die Bedeutung des Hohenpriesters als
Ansprechpartner und Stellvertreter Gottes. Die Überlegenheit des Judentums
wird so in einen historischen Rahmen eingebettet und Judäa in das Zentrum
des Geschehens gerückt.
Die Theokratie komme in der Geschichte durch mehrere Aspekte zum Ausdruck.
Zum einen greife Gott aktiv in die Geschichte ein und platziere sein Volk
und seinen Tempel mitten in die Weltgeschichte. Auch verpflichte der Bund
zwischen Gott und Israel das Volk zur Einhaltung göttlicher Gebote,
während Gott im Gegenzug Israel Schutz gewähre.
Dieser Ausdruck von Theokratie, so Trampedach, sei nicht nur eine
literarische Erfindung des Josephus, sondern ein langwieriges Merkmal der
israelitischen Kultur und die Prämisse nahezu der gesamten jüdischen
Literatur der hellenistisch-römischen Epoche.

Somit handelt es sich bei der „diskursiven Entmächtigung imperialer
Herrschaft“ um nichts anderes als jene Theokratie. Historische Ereignisse
werden nicht durch innerweltliche Ursachen erklärt, sondern als Ausdruck
von Gottes Willen verstanden, sodass Alexanders Herrschaft wie eine
unaufhaltsame Naturgewalt erscheint. Die Frage nach den Gründen seiner
Überlegenheit überschreite allerdings den Horizont theokratischen Denkens
– und könne in jenem nicht einmal gestellt werden.

Nach diesem „Exkurs in den Olymp der Wissenschaften“ ergriff Barbara Traub
das Wort, um in den zweiten Teil des Abends einzuführen, die Verleihung
der Ehrensenatorwürde an Salomon Korn. Sie hielt eine Laudatio, die nicht
nur den Charakter Korns herausstellte, sondern auch ihre langjährige
Freundschaft. Frau Traub lobte seine Courage, auch, wenn es darum ging,
für die jüdische Gemeinschaft im Lichte antijüdischer Meinungen Stellung
zu beziehen, und schrieb Korn eine aktive Rolle als Mitgestalter innerhalb
der deutschen Gesellschaft zu.
Salomon Korn wurde am 4. Juni 1943 als ältester von drei Brüdern im Ghetto
von Lublin geboren und verbrachte die ersten Jahre seiner Kindheit in den
DP-Lagern von Berlin-Schlachtensee und Frankfurt-Zeilsheim. Angesichts
dessen sprach Traub von einer Kindheit der „gepackten Koffer“, denn die
Familie plante in die USA oder nach Israel zu emigrieren. Vor dem
Hintergrund jener existentieller Unsicherheiten könne man sein
Architekturstudium als Wunsch sehen, ein solides Fundament, einen „Drang
hin zum Dauerhaften“, entwickeln zu wollen. Dass er sich sehr früh mit
sozialen Prozessen und ihren Abgründen auseinandersetzen musste, sehe man
wiederum in seinem Studium der Soziologie.
Ein Kontrast zwischen den beiden Bereichen bestehe wiederum darin, dass
die Gesellschaft nicht den einen zentralen Baumeister habe. Vielmehr sei
sie ein Gemeinschaftswerk, das von uns jeden Tag aufs Neue erschaffen,
ergänzt und hinterfragt werde. Dabei seien Normen und moralische Werte
ausschlaggebend, damit aus Gesellschaft auch wirklich „Gemeinschaft“
werde.
Durch Ignatz Bubis wurde Korn 1967 in die Gemeindearbeit in Frankfurt
eingebunden und habe es zwei Jahrzehnte später verstanden, in die
Architektur der gesellschaftlichen Diskurse einzugreifen. Traub würdigte
ihn als eine der „prägenden jüdischen Stimmen in Deutschland“ und führte
Neuorientierungen an der Hochschule für Jüdische Studien und ihre
Weiterentwicklung auf die Anfangsjahre Salomon Korns im Kuratorium zurück.
Ebenso honorierte sie die von Korn angeregten Heidelberger Hochschulreden.
Sein Engagement für die Hochschule habe eine Brücke zwischen jüdischer
Gelehrsamkeit und deutscher Gesellschaft etabliert. Die Hochschule
würdigte sie dabei als einen Ort der Begegnungen, an dem aus Gesellschaft
eine lebendige Gemeinschaft wird.
Orte, an denen Gemeinschaft und ein Gefühl der Sicherheit im Zentrum
stehen, sind besonders heute äußerst relevant. Dieser Anspruch zeigt sich
in Korns bekanntestem Satz zur Eröffnung des Frankfurter Gemeindezentrums
im Jahr 1986: „Wer ein Haus baut, will bleiben, und wer bleiben will,
erhofft sich Sicherheit.“

Der Begriff der Ehre, so Korn nach der Verleihung der Ehrensenatorwürde,
sei im Judentum eine ernste Angelegenheit, verknüpft mit Verantwortung,
Würde und Respekt. Dementsprechend verpflichtet eine Ehrung den Empfänger,
zum Wohle der Gemeinschaft zu wirken. Die Hochschule stelle sich dem Kampf
gegen Unwissenheit und Voreingenommenheit als Zentrum jüdischer
Gelehrsamkeit und nehme dabei eine Brückenfunktion ein, wirke sie doch
systematisch in die nichtjüdische Gemeinschaft.
Zum Abschluss äußerte er einen Wunsch, nämlich die Vollendung des Rohbaus,
den jüdisches Leben in Deutschland darstelle: kein Polizeischutz, kein
Panzerglas, dafür das Flanieren am helllichten Tag mit Kippa und
Davidstern.
Der Hochschule für Jüdische Studien wünschte er, dass sie auch weiterhin
geistige und praktische Anregungen geben möge, um jüdisches Leben in
Deutschland zu fördern, zu schützen und den Dialog mit der nichtjüdischen
Mehrheitsgesellschaft zu intensivieren.

Im Anschluss an die Eugen Täubler-Vorlesung und die Ehrung Salomon Korns
rundete Hochschulrabbiner Janusz Pawelczyk-Kissin den Abend besinnlich ab,
indem er die vierte Chanukka-Kerze entzündete und den Empfang in der Mensa
eröffnete.