Was hält die Wissenschaft vom Feuerwerk?
Seit 15 Jahren steht die Fakultät Nachhaltigkeit der Leuphana Universität
Lüneburg für innovative Forschung und Lehre zu den großen Zukunftsfragen
unserer Zeit. Zum Ende des Jubiläumsjahres blicken vier Forscher*innen
interdisziplinär auf das Thema „Feuerwerk“: Prof. Dr. Klaus Kümmerer,
Prof. Dr. Jacob Hörisch, Prof. Dr. Maureen Schulze und Prof. Dr. Astrid
Kause.
Faszination Feuerwerk – Ein chemischer Blick: Prof. Dr. Klaus Kümmerer,
Professor für Nachhaltige Chemie und Stoffliche Ressourcen
Herr Professor Kümmerer, mögen Sie Feuerwerk?
„Als Chemiker kann ich gar nicht gegen Feuerwerk sein. Die Chemie dahinter
ist faszinierend. Früher demonstrierten Könige und Fürsten damit ihre
Macht und unterstrichen ihren Glanz. Feuerwerke und die Chemie dahinter
wirkten mystisch und geheimnisvoll. Ein Teil dieser Faszination schwingt
heute noch mit.“
Wie entstehen die Farben beim Feuerwerk?
„Die Farben eines Feuerwerks entstehen durch erhitzte Metallsalze – etwa
Strontium für Rot, Kupfer für Grün oder Blau, Natrium für Gelb und
Magnesium oder Aluminium für weißes Licht, deren angeregte Elektronen beim
Zurückfallen charakteristisches Farblicht aussenden. Die Kunst liegt
darin, den Ablauf so zu steuern, dass nicht alle Effekte auf einmal
passieren. Mit verschiedenen Kapseln, Verzögerungen und Zündmechanismen
entstehen nacheinander Effekte. Es ist ein Zusammenspiel aus Chemie,
Physik und Ingenieurskunst, das über Jahrhunderte entwickelt wurde.“
Alles schön bunt, aber gibt es auch Probleme mit der Nachhaltigkeit?
„Feuerwerk belastet Tiere vor allem durch seinen Lärm. Eine Studie des
Max-Planck-Instituts hat gezeigt, dass etwa Wildgänse kilometerweit
fliegen, um dem Knallen zu entkommen. Für Menschen birgt Feuerwerk
ebenfalls Risiken: Es kann zu schweren Verletzungen wie Knalltraumata oder
dem Verlust von Fingern oder mehr kommen, und besonders Menschen mit
Kriegserfahrungen, etwa Geflüchtete, reagieren sensibel auf die Geräusche.
Zusätzlich verschlechtert Feuerwerk kurzfristig die Luftqualität massiv;
in der Stunde des Abbrennens können die Feinstaubwerte auf das 1.000- bis
10.000-Fache normaler Konzentrationen ansteigen, was für Menschen mit
Atemwegsproblemen gefährlich sein kann. Auch der Ressourcenverbrauch ist
erheblich, da Feuerwerkskörper wertvolle und schwer gewonnene Metalle wie
Strontium oder sogar teils seltene Erden enthalten und zudem große Mengen
Müll hinterlassen, die entsorgt werden müssen. Nicht zu unterschätzen ist
insbesondere in historischen Stadtvierteln die Brandgefahr, aber nicht nur
dort.“
Was sind aus Ihrer Sicht Alternativen?
„Die Menschen sind an Silvester optimistisch und möchten feiern. Das ist
etwas Gutes. Warum veranstalten Kommunen nicht statt der einzelnen
Knallerei ein kunstvolles, musikalisch begleitetes Höhenfeuerwerk
ungefährlich umgesetzt von Profis mit weniger Belastung für Zuschauende
und die Umwelt? Das ließe sich über Steuermittel finanzieren oder Spenden
der Bürger*innen, die aufs private Knallen verzichten. Beispiele dafür
gibt es schon.“
Es gibt noch eine etwas kleinere Alternative: die Wunderkerze. Wie
funktioniert Sie?
„Wir haben Perchlorat, Eisen und Stärke. Das Perchlorat dient als
Oxidationsmittel, Eisen und Stärke bilden eine Art Teig, der alles
zusammenhält. Die graue Farbe stammt vom Eisen: Wird es erhitzt, glüht es
weiß und kleine Eisenpartikel springen durch thermische Spannung ab –
daher das typische Glitzern.“
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Feuerwerk aus ökonomischer Sicht - Warum Verbote manchmal ökonomisch
sinnvoll sind: Prof. Dr. Jacob Hörisch, Professor für
Nachhaltigkeitsökonomie & -management
„Vorab ein Geständnis: Ich finde Feuerwerke schön – besonders, wenn auf
den Lüneburger Sülzwiesen ein Fest stattfindet und ich es von meinem
Arbeitszimmer aus verfolgen kann. Gleichzeitig weiß ich: Feuerwerke
verursachen Schäden, für die nicht die Verursachenden aufkommen. Menschen
leiden unter enormer Feinstaubbelastung sowie überfüllten Kliniken an
Silvester, die Natur leidet unter CO₂-Emissionen und Abfall, und auch
Kleinkinder sowie Tiere werden durch den Lärm gestört. In der
Nachhaltigkeitsökonomie nennt man solche nicht kompensierten Schäden
Externalitäten. Eine klassische Besteuerung wäre hier jedoch kaum
umsetzbar, da es viele einzelne Verursachende und unterschiedliche
Externalitäten gibt. Deshalb können auch ökonomisch normalerweise
unliebsame Lösungen sinnvoll sein: Verbote bzw. zeitliche und räumliche
Beschränkungen oder zentrale Feuerwerke, wie auf den Sülzwiesen.
Vielleicht erleben wir künftig stadtweite gemeinsame Feuerwerke – und ich
kann auch an Silvester eines der zentralen Lüneburger Feuerwerke sehen,
ohne Sorgen um schlafende Kinder oder schlechtes Umweltgewissen. Manchmal
sind auch aus ökonomischer Sicht unökonomische Lösungen die besten. Und
die Wunderkerze bleibt erlaubt.“
***
Warum wir trotz guter Vorsätze knallen: Prof. Dr. Maureen Schulze,
Juniorprofessorin für nachhaltige Kauf- und Konsumentscheidungen am Centre
for Sustainability Management
„Das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung wächst, doch gerade beim Thema
Feuerwerk zeigt sich ein deutlicher Widerspruch: Obwohl die negativen
Folgen wie Feinstaub, Müll, Lärm und Belastungen für Tiere zunehmend im in
den gesellschaftlichen Fokus rücken, steigen die Umsätze mit Feuerwerk.
Dieses Verhalten lässt sich vor allem durch die sogenannte Einstellungs-
Verhaltens-Lücke erklären: Viele Menschen möchten zwar nachhaltiger
handeln, doch manchmal fällt es Ihnen dann schwer ihre guten Vorsätze in
die Tat umzusetzen. Beim Feuerwerk verstärken mehrere Faktoren diese
Lücke: von der tiefen kulturellen Verankerung über die oft nicht direkt
wahrnehmbaren Schäden bis hin zur geringen wahrgenommenen Wirksamkeit des
eigenen Verzichts. Wichtig ist jedoch: Die Verantwortung liegt nicht
allein bei Konsumierenden. Ein verändertes Angebot, aber auch klare
politische Regelungen sind ebenso wichtig, um die Lücke zwischen
nachhaltigen Einstellungen und tatsächlichem Verhalten zu schließen.
Nachhaltiger Konsum wird gefördert, wenn Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft gemeinsam handeln. Und: Wie so oft im Bereich nachhaltigen
Verhaltens braucht es Zeit, Wiederholung und gezielte Unterstützung, um
neue Gewohnheiten zu etablieren – ähnlich wie bei den guten Vorsätzen fürs
neue Jahr.“
***
Feuerwerk, Risiko und Wahrnehmung: Wie gefährlich ist Silvester wirklich?
Prof. Dr. Astrid Kause, Juniorprofessorin für Nachhaltigkeitswissenschaft
und Psychologie
„Sollten wir uns um die Folgen von Feuerwerk auf Menschen und Umwelt
sorgen und uns dafür (oder auch dagegen) deutlich einsetzen, etwa für ein
Böllerverbot? Dies müssen Menschen tatsächlich für sich persönlich
abwägen, aber wir können ihnen als Wissenschaftler*innen helfen, Risiken
besser einzuschätzen. Als Psychologin möchte ich vor allem wissen, wie
Menschen Risiken wahrnehmen – umso mehr, wenn diese hitzig debattiert
werden und Menschen potenziell polarisieren.
Zunächst interessiert mich, wie hoch ein Risiko tatsächlich ist. Neben
Dreck, Knallerei und Gebäudeschäden, gerade in Großstädten wie Berlin oder
Hamburg, Hunderten Verletzten und negativen Auswirkungen auf Tiere starben
laut Medienberichten in der Silvesternacht 2024/25 fünf Menschen durch
Feuerwerkskörper – und damit fünf Tote zu viel.
Dann möchte ich wissen, wie sich ein Risiko im Vergleich zu anderen
Risiken darstellt: Mache ich mir Sorgen um das, was mich wirklich bedroht?
Hier ein paar Beispiele im Vergleich: Es gab 45 Tote durch Alkohol am
Steuer an den Samstagen des Jahres 2021 in Deutschland. Allein in Berlin
starben 2024 etwa 5.000 Menschen aufgrund von Feinstaub- und
Stickstoffoxidbelastung. Welche davon gehen aufs Feuerwerk zurück, und
welche auf Verkehr, Industrie und Heizen?
Um Risiken insgesamt besser einschätzen zu können, lohnt sich ein Blick
auf die Risikostraße, die mir sagt, wie viele Einwohnerinnen im Schnitt
durch unterschiedliche Risiken betroffen sind – pro 100.000. Das sind etwa
514 Fälle leichter Körperverletzung, 269 Gewaltopfer und zwei
Verkehrstote. Oder: 11.800 Personen nahmen ihre Wohngebäudeversicherung in
Anspruch. Wenn ich allein die Zahl derer betrachte, die die Silvesternacht
nicht überleben (und andere Auswirkungen im Moment vernachlässige),
entspricht dies umgerechnet 0,00625 Todesfällen pro 100.000 Einwohnerinnen
– im Vergleich ist das also tatsächlich eher unwahrscheinlich.
Die Risikostraße zeigt: Um einzuschätzen, was uns bedroht, benötigen wir
vergleichbare Grundgesamtheiten (etwa pro 100.000 Einwohner*innen) und
dazu eine gute Beschreibung von Kosten und Nutzen. Darüber hinaus hilft es
auch, zu wissen, was wir noch nicht genau wissen: Was sind etwa
langfristige gesundheitliche Folgen von Feuerwerk – zum Beispiel für Gehör
oder Atemwege?
Gerade Risiken, die viele Menschen in einem kurzen Zeitraum betreffen,
bekommen oft viel – auch mediale – Aufmerksamkeit, auch wenn die Anzahl
derer, die von solchen „dread risks“ betroffen ist, im Vergleich zur
Grundgesamtheit eher gering ist. Aus unterschiedlichen Gründen werden
diese dann trotzdem manchmal hitzig debattiert: Vielleicht sind sie ein
wichtiger Teil einer Kultur. Oder ihre Folgen sind besonders sichtbar, wie
etwa die der Silvesternacht. Andere, gefährlichere Risiken vernachlässigen
wir hingegen möglicherweise, weil wir denken, sie gut kontrollieren zu
können, oder weil sie weniger sichtbare Schäden verursachen, wie zum
Beispiel multiresistente Keime im Krankenhaus.
Am Ende steht für mich die Frage: Ist der Aufwand für ein Böllerverbot
gerechtfertigt? Oder sollten wir uns nicht stattdessen dafür einsetzen,
dass z. B. eine Autobahn nicht gebaut wird – gegeben deren Feinstaub-,
Lärm-, Gesundheits- und Ökosystembelastung über Jahrzehnte hinweg?
Vergleichbare Daten sind der Weg, um hier informiert zu entscheiden.“
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
https://www.leuphana.de/instit
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