Kleine Züge, große Wirkung
Warum Modelleisenbahnen mehr sind als nostalgisches Spielzeug und wie sie
weltweit Technik und Kunst beeinflussten, erklärt Dr. Dirk Forschner von
der TU Berlin
Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland interessieren sich laut
Marktforschung für Modelleisenbahnen. Was als Kinderspielzeug begann, ist
bis heute ein kulturelles, technisches und wirtschaftliches Phänomen.
Am
Fachgebiet Technikgeschichte des Instituts für Philosophie, Literatur-,
Wissenschafts- und Technikgeschichte der TU Berlin erforscht Dr. Dirk
Forschner die Entwicklung der Eisenbahn und ihren Einfluss auf Wirtschaft,
Gesellschaft und Kultur weltweit.
„Die Begeisterung für Eisenbahnen begann bereits Mitte des 19.
Jahrhunderts“, erklärt der Technikhistoriker. „Die neue Technologie
versprach Mobilität und Wohlstand und wurde schnell zum Gesprächsthema.“
Während Eisenbahnen zunächst vor allem dem Handel und Transport dienten,
spielten Kinder die Welt der Erwachsenen nach. So hielten ab etwa 1870
erste hölzerne Bodenläufer-Eisenbahnen Einzug in bürgerliche Wohnstuben.
Bereits 1859 stellte die Firma Märklin detailgetreue Lokomotiven und
Waggons aus Blech her – die Geburtsstunde der Modelleisenbahn.
Vom Uhrwerk zum dampfenden Stahlross
Mit dem technischen Fortschritt wuchsen auch Anspruch und Faszination: Auf
Uhrwerke folgten Federwerke, Dampfmaschinen und schließlich elektrische
Antriebe. Besonders spektakulär waren die dampfbetriebenen Modelle nach
dem Vorbild realer Lokomotiven wie dem fauchenden „Drache“ von Henschel &
Sohn. „Die Modelleisenbahn wurde zum State-of-the-Art-Spielzeug ihrer Zeit
– technologisch wie gestalterisch“, so Forschner. Mit Preisen von bis zu
200 Reichsmark waren viele Modelle allerdings ein Luxusgut.
In den 1920er- und 1930er-Jahren entstanden legendäre Lokomotiven wie das
Schweizer „Krokodil“ oder der „Commodore Vanderbilt“ der damaligen New
York Central Railroad. Auch die Weltkriege hinterließen ihre Spuren:
Militärische Transporte, Lazarettzüge oder Schwerlastwagen fanden Eingang
in den Modelleisenbahnbau.
Deutsche Eisenbahntechnologie als Exportschlager
Die Blütezeit originalgetreuer Modelleisenbahnen zwischen 1950 und 1980
spiegelte die internationale Spitzenstellung deutscher Eisenbahntechnik
wider. Dieses Knowhow wurde weltweit exportiert – auch nach China.
Zwischen 1882 und 1955 lieferten deutsche Hersteller fast 600 Lokomotiven
dorthin. Dr. Forschner, zugleich wissenschaftlicher Mitarbeiter des China
Centers der TU Berlin, forschte gemeinsam mit dem verstorbenen TU-
Professor Wolfgang König im DFG-Projekt „Making Technology Appropriate“
zum deutsch-chinesischen Technologietransfer. Ergebnis ist das
zweisprachige Buch „Deutsche Dampflokomotiven in China / German Steam in
China“.
Eisenbahn in Kunst, Musik und Film
Über Technik und Spielzeug hinaus prägte die Eisenbahn auch Kunst und
Kultur, weiß Forschner zu berichten. Claude Monet, Wassily Kandinsky oder
Lesser Ury hielten sie malerisch fest, Komponisten wie Antonín Dvořák oder
Arthur Honegger setzten ihr Rattern und Schnaufen musikalisch um.
Honeggers sinfonische Dichtung „Pacific 231“ gilt als Meisterwerk der
musikalischen Eisenbahn-Interpretation. In Filmklassikern wie „Mord im
Orient-Express“ oder „Dr. Schiwago“ wurde die Eisenbahn schließlich zum
ikonischen Erzählelement.
Lehre, Forschung und die Mobilität der Zukunft
Auch in der Lehre spielt die Modelleisenbahn an der TU Berlin eine Rolle:
Im Proseminar „Technische Spielwaren“ und im Eisenbahn-Betriebs- und
Experimentierfeld (EBuEf) lernen Student*innen historische und moderne
Stellwerkstechniken praxisnah kennen. Hier gewinnen durch Praxis und
digitale Simulationen nicht nur Student*innen Einblicke in Bahntechnik und
Infrastruktur, sondern auch Personal der Deutschen Bahn. Die Anlage zieht
zudem bei der Langen Nacht der Wissenschaften regelmäßig ein breites
Publikum an.
Doch welche Zukunft hat die Modelleisenbahn? „Sie steht heute in starker
Konkurrenz zu digitalem Spielzeug und benötigt Platz“, sagt Forschner.
Auch der internationale Knowhow-Export habe an Bedeutung verloren. „Gerade
China ist heute selbst Technologieführer. Wir stehen vor sehr spannenden
Zeiten in der Mobilität – auf der Schiene und darüber hinaus.“
Lesen Sie den ausführlichen Artikel über die Modelleisenbahnen:
<https://www.tu.berlin/go30265
Webseiten:
• https://www.tu.berlin/hpstl: <https://www.tu.berlin/go52199
• https://www.tu.berlin/china: <https://www.tu.berlin/go56820
