Steno, Papyrus, Holz: KI soll wertvolle Schriften entschlüsseln
Informatiker der FAU erhalten Förderung von rund 300.000 Euro für zwei
neue Projekte
Bei der Entschlüsselung historischer Dokumente stoßen selbst Expertinnen
und Experten zuweilen an ihre Grenzen – etwa wenn antike Holztafeln
verkohlt, Schriftrollen verwittert oder Aufzeichnungen in einer seltenen
Form der Stenografie verfasst sind.
In zwei neuen Projekten wollen
Informatiker der Friedrich-Alexander-Universitä
KI-gestützte Technologien entwickeln, mit denen solche Quellen leichter
erschlossen werden können. Das Schmidt Sciences Humanities and AI Virtual
Institute (HAVI) fördert die Vorhaben in den kommenden drei Jahren mit
knapp 770.000 Euro, einen Teil davon erhält die FAU.
Projekt 1: Entschlüsselung der verlorenen Kunst der Stenografie
Insbesondere im 19. und frühen 20. Jahrhundert sind zahlreiche Manuskripte
in der seltenen Form der Gabelsberger-Stenografie verfasst worden. Dazu
zählen Aufzeichnungen des Mathematikers und Philosophen Kurt Gödel, des
Physikers Erwin Schrödinger, des Juristen und Politikers Carl Schmitt, des
Schriftstellers Erich Kästner und des Münchner Erzbischofs Kardinal
Faulhaber. „Die Manuskripte und Tagebücher enthalten Material von
historischer und intellektueller Relevanz. Allerdings sind heute nur noch
sehr wenige Menschen in der Lage, diese Schrift zu lesen, sodass viele
Archivbestände praktisch unzugänglich sind“, sagt Projektleiter Dr.
Vincent Christlein vom Lehrstuhl für Mustererkennung der FAU. Gemeinsam
mit Nikolaus Weichselbaumer von der Universität Mainz will Christlein die
KI-gestützte Handschriftenerkennung so trainieren und weiterentwickeln,
dass auch stenografische Schriften maschinell gelesen werden können.
Projekt 2: Bearbeitung von Text in beschädigten Manuskripten
Antike Manuskripte sind häufig unlesbar, weil sie schwere Schäden
aufweisen. Ein bekanntes Beispiel sind die Papyrusrollen und Holztafeln
aus Herculaneum unweit von Pompeji, die beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr
79 zwar erhalten geblieben, aber stark verkohlt sind. „Moderne
Bildgebungsverfahren wie Multispektralaufnahmen oder Röntgentomographie
können verbliebene Tintenreste besser sichtbar und damit lesbarer machen.
Das Hauptproblem besteht darin, dass das Trägermaterial Löcher und Risse
aufweist und dass sich einzelne Papyrusschichten oft nicht zerstörungsfrei
voneinander trennen lassen“, erklärt Vincent Christlein. Letzteres trifft
auch auf die manichäischen Codices aus dem ägyptischen Medinet Madi zu,
mit denen sich das Projekt ebenfalls beschäftigt. Die Forschenden aus
Erlangen, den USA und Italien arbeiten an einem KI-Werkzeug, das nicht nur
auf der Ebene der Texterkennung funktioniert, sondern auch Schäden
diagnostiziert und inhaltliche Vorschläge für fehlende Passagen macht.
KI mit und für Geisteswissenschaften
„Wir arbeiten von Anfang an mit Expertinnen und Experten aus den
Geisteswissenschaften zusammen, die Rückmeldung zu den Trainingsdaten
geben“, erklärt Christlein. „So entwickeln wir valide Bewertungsmaßstäbe,
die Methoden der Informatik mit humanistischer redaktioneller Praxis
verbinden.“ Die KI-Modelle werden zunächst mit den vorhandenen Quellen der
Stenografie- und Papyrus-Bibliotheken trainiert. Ziel beider Projekte ist
es jedoch, jeweils universale Werkzeuge zu schaffen, die schwer
zugängliche Quellen entschlüsseln und damit die geisteswissenschaftliche
Forschung bereichern.
Schmidt Sciences Humanities and AI Virtual Institute (HAVI) Award 2025
Beide Projekte werden im Rahmen des Humanities and AI Virtual Institute
(HAVI) Award 2025 finanziert. Mit dem Award fördert die Stiftung Schmidt
Sciences 23 Forschungsteams auf der ganzen Welt, die neue Wege suchen,
künstliche Intelligenz in den Dialog mit den Geisteswissenschaften zu
bringen – von Archäologie und Kunstgeschichte bis hin zu Literatur,
Linguistik, Filmwissenschaft. Anspruch des Förderprogramms ist es,
historische Aufzeichnungen mit Methoden der KI zu erschließen, zugleich
aber auch humanistische Fragen, Methoden und Werte heranzuziehen, um die
Gestaltung und Nutzung von KI selbst voranzubringen.
Bildmaterial zum Download:
https://www.fau.de/2025/12/new
schriften-entschluesseln/
