Zum Hauptinhalt springen

Entwicklungspsychologin Gibhardt: "Weihnachten bietet vielfältige Anlässe, Empathie und Solidarität zu erleben"

Pin It

Weihnachten ist aus entwicklungspsychologischer Sicht ein Resonanzraum für
Verbundenheit und Solidarität. Dr. Sina Gibhardt vom Humboldt
Wissenschaftszentrum für Kindesentwicklung (HumanKind) an der Universität
Leipzig erklärt im Interview, wie die besondere Mischung aus Wärme,
Ritualen und vertrauten Routinen Kindern emotionale Sicherheit und
Zugehörigkeit schenkt.

Begegnungen mit Familie und Gemeinschaft stärken
ihr Erleben, Teil eines größeren sozialen Netzes zu sein. Zugleich biete
Weihnachten viele Anlässe, Empathie und Solidarität zu üben – etwa durch
kleine Gesten des Gebens oder gemeinsames Helfen, sagt die
Entwicklungspsychologin.

Warum ist Weihnachten aus entwicklungspsychologischer Sicht für Kinder,
Eltern und Familien so besonders?

Aus entwicklungspsychologischer Sicht sind Wärme, Geborgenheit und
vertraute Routinen zentrale Bausteine für sichere Bindungen. Die
Bindungstheorie zeigt, dass ein feinfühliges und verlässliches Eingehen
auf die Bedürfnisse eines Kindes („contingent responsiveness“) wesentlich
für seine gesunde Entwicklung ist. Weihnachten bietet einen passenden
Rahmen, um diese Erfahrungen zu vertiefen und Verbundenheit zu
stärken.Gleichzeitig erleben Kinder zu Weihnachten, dass Zusammenhalt über
die Kernfamilie hinausgeht: Begegnungen mit Großeltern, Paten, Nachbarn
oder Freunden erweitern ihr Verständnis davon, was Gemeinschaft bedeutet.
Erfahrungen von Zugehörigkeit stärken das emotionale Wohlbefinden und die
seelische Gesundheit.

Welche Rolle spielen Rituale für emotionale Sicherheit und Geborgenheit?

Typische Weihnachtsrituale wie Kerzenlicht, gemeinsames Singen, das
Schmücken des Baums oder Plätzchenbacken vermitteln Kindern Vertrautheit
und Vorhersagbarkeit. Solche Rituale wirken wie emotionale Ankerpunkte,
die in einer komplexen Welt Orientierung und Sicherheit bieten.
Wiederkehrende Rituale festigen die emotionale Bindung in Familien und
schaffen wertvolle Erinnerungen. Sie signalisieren außerdem Wertschätzung:
Das Kind erlebt, dass es gesehen wird.

Inwiefern kann Weihnachten ein Lernfeld für Solidarität und Empathie sein?

Weihnachten bietet vielfältige Anlässe, Empathie und Solidarität zu
erleben. Kinder erfahren durch Geschichten, Spendenaktionen oder Projekte
in Kita und Schule, dass nicht alle Menschen die gleichen Lebensumstände
haben. Diese Erfahrungen fördern Perspektivenübernahme – die Fähigkeit,
sich in andere hineinzuversetzen – und Mitgefühl. Die Forschung zeigt,
dass Geben oft stärkere positive Gefühle auslöst als Empfangen. Menschen
sind soziale Wesen, die auf gegenseitige Unterstützung angewiesen sind.
Wenn Kinder erleben, dass es sich gut anfühlt, anderen zu helfen oder zu
teilen, entwickeln sie ein inneres Verständnis für Solidarität. Sie
spüren: „Ich kann etwas Gutes für andere tun – und das fühlt sich gut an.“

Welche Bedeutung hat es für Kinder, wenn sie erleben, dass Solidarität
wechselseitig ist?

Kinder profitieren davon, zu erleben, dass sie nicht nur empfangen,
sondern auch aktiv geben können. Das stärkt Selbstwirksamkeit und
moralische Verantwortung. Reziprozität – das Prinzip des gegenseitigen
Gebens – ist ein Kern sozialer Beziehungen. Solche Erfahrungen bilden die
Grundlage für soziale Kompetenz, Mitgefühl und das Erleben von
Verbundenheit.

Wie lässt sich die Botschaft von Weihnachten in einer pluralistischen
Gesellschaft kindgerecht weitertragen?

Weihnachten kann – unabhängig von religiöser Zugehörigkeit – ein Raum
sein, in dem Mitgefühl, Fürsorge und Gemeinschaft im Mittelpunkt stehen.
Kinder müssen nicht in ein bestimmtes religiöses Narrativ eingebunden
sein, um aus diesen Werten zu lernen. Eltern können vermitteln, dass es an
Weihnachten weniger um materielle Geschenke, sondern um gemeinsame
Erlebnisse und gelebte Verbundenheit geht. Dabei können sie offen
thematisieren, dass manche Menschen das Fest als belastend empfinden –
etwa wegen Einsamkeit oder finanzieller Schwierigkeiten. Solche Gespräche
fördern Mitgefühl, ohne Kinder zu überfordern.

Wie können Familien Weihnachten als resonantes Miteinander gestalten –
jenseits von Perfektion und Erwartungsdruck?

Kinder profitieren nicht von perfekten Feiertagen, sondern von
authentischem, warmem Miteinander. Der Druck, „alles richtig zu machen“,
erschwert Resonanz. Beziehungen wachsen durch echte Begegnung – und auch
durch das gemeinsame Bewältigen kleiner Krisen („Bruch und
Wiederherstellung“). So kann Weihnachten zu einem Resonanzraum werden, in
dem Kinder erleben, dass Beziehungen lebendig, wertvoll und belastbar sind
– und dass Verbundenheit auch aus herausfordernden Momenten wachsen kann.

Praktische Ideen für ein resonantes Weihnachtsfest:

· Zeit füreinander bewusst einplanen: Auch kurze Momente echter
Aufmerksamkeit, Erzählen, Kuscheln oder gemeinsames Zuhören können
Verbundenheit stärken.

· Rituale gemeinsam gestalten: Kinder aktiv einbeziehen, zum Beispiel beim
Baumschmücken, Plätzchen backen oder Geschichten lesen. Ein schönes
Beispiel ist das „Kerzengespräch“ am Abend: Jede und jeder teilt kurz,
wofür sie/er dankbar ist. So wird ein festes Dankbarkeitsritual etabliert,
das Sicherheit, Reflexion, und positive Emotionen fördert.

· Kleine Hilfsaktionen: Kinder können erfahren, dass Geben Freude macht,
zum Beispiel durch Plätzchen oder kleine Geschenke für Nachbarn, Besuche
in Altersheimen, Spendenaktionen für Familien mit wenig Geld oder andere
kleine gemeinnützige Aktionen.

· Erleben von Geben und Verantwortung: Kinder kleine Beiträge leisten
lassen. zum Beispiel beim Tisch decken, Kochen oder Backen helfen und
anschließend über das Gefühl sprechen: „Wie hat sich das für dich
angefühlt?“

· Authentisches Miteinander über Perfektion stellen: Konflikte benennen,
gemeinsam lösen und Momente der Verbundenheit aktiv suchen beim Kochen,
Vorlesen, Spaziergänge, Musik machen.

Die Fragen stellte Dr. Madlen Mammen.