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Lifestyle

Lucerne Festival, Sinfoniekonzert 2 Filarmonica della Scala | Riccardo Chailly, 21.März 2018, besucht von Léonard Wüst

Filarmonica della Scala Riccardo Chailly Foto Peter Fischli
Filarmonica della Scala Riccardo Chailly Foto Peter Fischli

Besetzung und Programm:

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893)
Sinfonie Nr. 2 c-Moll op. 17 Kleinrussische
Dmitri Schostakowitsch (1906–1975)
Drei Stücke aus der Oper Lady Macbeth von Mzensk op. 29
Igor Strawinsky (1882–1971)
Petruschka. Ballett in vier Bildern (Fassung von 1947)

 

Rezension:

Riccardo Chailly, Foto Teatro alla Scala
Riccardo Chailly, Foto Teatro alla Scala

Riccardo Chailly, seit 2015 Musikdirektor an der Mailänder Scala, mit seinem eigentlichen Stammorchester, der Filarmonica della Scala (gegründet im Jahre 1982 von seinem Mentor Claudio Abbado) im Konzertsaal des KKL in Luzern, eine äusserst spannende Konstellation, amtiert Chailly seit 2016 doch auch als Chefdirigent des „Lucerne Festival Orchestra“. Demnach fast so etwas wie ein doppeltes Heimspiel.

Tschaikowskys „Sinfonie Nr. 2, genannt die „kleinrussische“, im ersten Konzertteil

Konzertimpression, Foto Priska Ketterer
Konzertimpression, Foto Priska Ketterer

Während eines Aufenthaltes auf dem Hofe seines Schwagers in Kamenka ( Kamjanka) in der heutigen Ukraine, die man damals, zu Zarenzeiten,  Kleinrussland nannte, komponierte Tschaikowsky diese Sinfonie, aufbauend auf drei kleinrussischen Volksliedern und geprägt von ländlichen Eindrücken dieses Sommers 1872. Das Werk wurde am 7. Februar 1873 in Moskau uraufgeführt, die total revidierte Fassung am 12. Februar 1881 in Sankt Petersburg. Ausser das erste der Lieder, das bekannte „Drunter bei Mutter Wolga“ ist es ein schon fast fröhliches, heiteres Werk, im Gegensatz zu doch eher düsteren anderen Kompositionen des in Kamsko-Wotkinski Sawod (heute Wotkinsk, Udmurtien), geborenen Künstlers. Mit der Kombination statischer Variationsreihen mit einem dynamischen Sonatensatz und deren harmonisch – tonale Verschiebungen scheint der Komponist bereits im folgenden, dem 20. Jahrhundert, angekommen.  Dirigent Chailly führte denn das Orchester fast beschwingt durch die Partitur, die trotz der scheinbarer Leichtigkeit, doch einige Tücken aufweist, die aber keinerlei Problem darstellten für das routinierte, im Jahre 1982 von Claudio Abbado gegründete Orchester aus Mailand.

Konzertimpression, Foto Priska Ketterer
Konzertimpression, Foto Priska Ketterer

Die relativ selten gespielte Sinfonie, die zum ersten Mal überhaupt am Lucerne Festival aufgeführt wurde, sowie deren Interpretation durch die Protagonisten, vermochte das Publikum zu begeistern, das dementsprechend kräftigen, langanhaltenden Applaus spendete. Gutgelaunt und aufgeräumt begab man sich in die folgende Pause.

Etwas Schostakowitsch und viel Strawinsky im zweiten Konzertteil

Konzertimpression, Foto Priska Ketterer
Konzertimpression, Foto Priska Ketterer

Ebenfalls erstmal am Lucerne Festival aufgeführt wurde zuerst die Suite aus der Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, Schostakowitschs verstörende Adaption des Klassikers. Da offensichtlich die Musik nicht liniengetreu war, resultierte damals der folgende Verriss in der „Prawda mit dem Titel „Chaos statt Musik“: Zitat: „und das alles ist grob, primitiv und vulgär, sodass in keiner Weise von Satire die Rede sein“. Man vermutet bis heute, dass Stalin selbst der Autor dieser Zeilen war. Schostakowitsch fiel denn auch prompt für eine lange Zeit in Ungnade, seine Werke nur noch selten gespielt bis zu seiner Rehabilitation. Die Suite widerspiegelt die damals im Lande herrschende Verrohung, die brutalen Sitten und die Atmosphäre beständiger Gewalt im Volk. Er verfasste sie, die drei Zwischenspiele koppeln sollte, höchst selbst kurz nach Abschluss der Opernpartitur. Eine Aufführung aus dieser Zeit ist nicht dokumentiert, sodass der 8. Juni 2005, Aufführung durch das Radio – Sinfonieorchester Stuttgart, als eigentliche Uraufführung gilt. Auch dieses kurze Werk und dessen Interpretation fanden den Gefallen des Auditoriums, das wiederum begeistert applaudierte.

Krönender Abschluss mit Strawinsky

Konzertimpression, Foto Priska Ketterer
Konzertimpression, Foto Priska Ketterer

Die Gelegenheit, um noch einmal so richtig ihr grosses Können demonstrieren, bot sich den Musikern mit dem letzten Werk des Abends, dem 1910 von Igor Strawinsky in Paris für die Compagnie der Ballets Russes komponierten „Petrouschka“, zu welchem der Komponist, zusammen mit Alexandre Benois, auch das Libretto verfasste. Ursprünglich als Konzertstück für Klavier und Orchester konzipiert, adaptierte Strawinsky den Stoff für das Ballett, erschuf mit seinen Puppenfiguren eine Fantasiewelt, die er aber in den Rahmen einer realen Welt, den Sankt Petersburger Fastnachtsmarkt einbettete.

Ein Werk mit zwei völlig unterschiedlichen Klangwelten

Konzertimpression, Foto Priska Ketterer
Konzertimpression, Foto Priska Ketterer

So entstehen eigentlich zwei Klangwelten, die real – folkloristische mit Jahrmarktsgeräuschen u.a. von Drehorgeln, Ausrufern usw. und die surreale Klangwelt der Puppen, die in einer Dreiecksbeziehung gefangen sind. Berühmtheit erlangte vor allem das Leitmotiv Petrouschkas, eines auf – und absteigenden Dreiklangs, ein total schräger, weil bitonal aus C Dur und Fis Dur. was zusammen den berühmten  „Petrouschka Akkord“ ergibt, ähnlich bekannt wie Wagners „Tristan Akkord“. Riccardo Chailly schälte die Nuancen der Komposition feinfühlig heraus, liess es, immer mit vollstem Körpereinsatz, auch mal krachen, zelebrierte die Pianissimo mit zarten Fingergesten, lobte mit zustimmendem Kopfnicken, forderte mit ausholenden Armbewegungen mehr Tempo ein. Die Filarmonica ergab sich ihrem Leiter, interpretierte die Komposition in Perfektion, auch mal mit einem leisen Schmunzeln, dann wieder energisch kraftvoll. Die Figuren, der Kasperl (Petruschka), die selbstverliebte Ballerina und der ebenso prächtige, wie dumme Mohr, präzis herausgearbeitet, kontrapunktierten das kommune Jahrmarktstreiben. Absolute Weltklasse, ob Solisten, das Orchester als gesamtes und die Interpretation. Dementsprechend begeistert fiel dann der Schlussapllaus aus, der Maestro wurde immer wieder auf die Bühne zurück applaudiert. Chailly genoss sichtlich die Oviationen und wie ihm sein „Heimpublikum“ huldigte und so gewährte er dann doch noch eine Zugabe.

Dirigent Riccardo Chailly
Dirigent Riccardo Chailly

Für diese wählte er die Ouvertüre des „Wilhelm Tell“ von Gioachino Rossini, wie mir schien, um mit diesem Gassenhauer doch noch eine stehende Ovation zu provozieren in etwa so, wie zum Abschluss des Neujahrskonzerte im Saal des Wiener Musikvereins Am Ende der „Radetzky Marsch“ dazu gehört. Dies löste durchaus geteilte Reaktionen aus. Während die einen dies wohl als Hommage an die Innerschweiz empfanden, wenn Chailly mit dem lombardischen Orchester unseren Nationalhelden musikalisch hochleben liess,  waren etliche der Meinung, etwas russisches, oder zumindest slawisches, wäre passender gewesen zum Abschluss. Ein grosser kräftiger Schlussapplaus war den Protagonisten, im praktisch vollbesetzten Saal dennoch sicher, wenn es auch nicht  ganz für eine „Standing Ovation“ reichte.

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch

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Philipp Fankhauser im KKL Luzern, 8. März 2018, besucht von Léonard Wüst

Philipp Fankhauser on stage, Symbolbild
Philipp Fankhauser on stage, Symbolbild

Besetzung:

Philipp Fankhauser, vocals/guitar – Marco Jencarelli, guitar – Hendrix Ackle, hammond/piano – Angus Thomas, bass – Richard Spooner, drums & 3 backing vocals & 5 horns

Rezension:

Philipp Fankhauser, Symbolbild
Philipp Fankhauser, Symbolbild

Philipp Fankhauser reitet nun schon über drei Jahrzehnte auf der Erfolgswelle und einmal mehr demonstrierte er bei diesem Konzert, wieso dies so ist. Unterstützt von seinen grossartigen Mitmusikern performte er Song für Song, neuere und ältere, aber alle mit der gleich grossen Leidenschaft, die er seit seiner Kindheit für dieses Musikgenre verspürt.

Das Konzert in der Höhle des Löwen

Luzern verfügt ja mit dem alljährlich im Herbst stattfindenden Bluesfestival über einen Bluesevent, der weltweit als einer des besten Festivals dieser Musikrichtung gilt.

Hendrix Ackle
Hendrix Ackle

Trotzdem wagt sich der unerschütterliche Berner mit seinem neuen Programm in die Leuchtenstadt und eröffnet das Konzert mit  «Horse of a different Color», begleitet nur von seiner Stammband, bevor sich zum zweiten Song, «Homeless», auch die sechs Bläser und die drei Backgroundsängerinnen dazu gesellen. Ein erstes Saxofon-Solo gibt es dann bei «Big ol’ easy», bevor sich Fankhauser für «Cryin’ shame» noch selber die Gitarre umhängt. Song um Song spielen die Protagonisten praktisch chronologisch das neue Album durch, zwischendurch auch mal mit ein paar launisch – witzigen Worten des Bandleaders gewürzt, der auch seine Mitmusiker kurz vorstellt, mal erzählerisch an seine Mentoren, Wegbereiter und Wegbegleiter erinnert, die ihm eine, für schweizerische Verhältnisse, ungewöhnliche und auch einmalige Karriere als „Blueser“ mitermöglicht hätten. Diese Karriere, die er sich schon als kleiner Junge erträumt und für die er selber eben auch alles getan hat und die nun schon über drei Jahrzehnte dauert, eine selbstverschuldete Erfolgsstory. Fankhauser bespielt nicht nur kleine intime Clubs, sondern füllt auch grössere, gar grosse Säle, was dies der praktisch ausverkaufte Konzertsaal des KKL Luzern einmal mehr zeigte.

Wenn Fankhauser zum Funkhauser mutiert

Es gab durchaus zwischendurch auch poppigere, funky Songs, die Fankhauser zu einem Funkhauser mutieren lassen, aber auch hier ausgeprägt experimentier – und spielfreudig,  unterstützt von grossartigen Mitmusikern, denen der Chef auch ausreichend Raum und Zeit gab, ihr solistisches Können zu präsentieren und Akzente zu setzen, ohne dem Platzhirsch mit der rauchigen Stimme die Show zu stehlen.

Marco Jencarelli
Marco Jencarelli

Mit dem für den Swiss Blues Award nominierten Gitarristen Marco Jencarelli stand ihm ein kongenialer Partner zur Seite, der immer wieder mit virtuosen Blues-Rock-Soli Glanzpunkte setzte und sich dafür jeweils den wohlverdienten Szenenapplaus abholte. Ergänzend dazu bespielte der  43jährige Keyboarder Hendrix Ackle u.a. auch eine Original Hammondorgel, deren unerreichter Klang nicht unwesentlich zum überzeugenden Gesamtsound beitrug, vor allem, wenn sie so quirlig eloquent genutzt wird, wie Ackle dies tat. Das Set wurde komplettiert durch den US-Bassisten Angus Thomas, den englischen Schlagzeuger Richard Spooner, einer sechsköpfigen Bläser-Sektion und drei Background-Sängerinnen.

Das vollauf begeisterte Publikum applaudiert die Protagonisten noch zu Zugaben.

Marco Jencarelli  Foto Dragan Tasic 1Marco Jencarelli  Foto Dragan Tasic
Marco Jencarelli Foto Dragan Tasic

Die erste nutzte Keyboarder Ackle zu einer Extrashow, indem er auch singt, virtuos über die Tasten fegt  und mit Band und Bläsern eine Akustikorgie zelebriert, Hörgenuss pur. Schlussendlich applaudiert das beeindruckte Auditorium auch Fankhauser dazu, sich die Gitarre nochmals umzuschnallen für ein paar letzte Akkorde, die Gitarrist Marco Jencarelli abermals mit einem fulminanten Solo veredelt. Den Dank ernteten die Protagonisten erneut in Form einer Applauskaskade.

Ein toller Konzertabend, der nicht nur angefressene Bluesfans bedient, sondern auch ein breiteres Publikum zu begeistern vermag.

Fotos: www.allblues.ch

und http://www.philippfankhauser.com/

Ein Konzert von www.allblues.ch und www.kkl-luzern.ch

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LGT Young Soloists Konzert am 04.03. in Zug, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Die LGT Young Soloists
Die LGT Young Soloists

Programm und Besetzung:

Kurt Atterberg (1887-1974)
Suite Nr. 3 op. 19 Nr. 1 für Violine, Viola und Streicher – Solisten: Leo Esselson & Anna Krzyzak

Dag Wirén (1905-1986)
Serenade für Streichorchester C-Dur op. 11

Edvard Bræin (1924-1976)
Serenade für Viola und Streicher – Solist: Gerald Karni

Christian Sinding (1856-1941)
Suite im alten Stil a-Moll op. 10 für Violine und Streicher – Solist: David Nebel

Besetzung

Alexander Gilman Konzertmeister und Leitung
LGT Young Soloists

Rezension:

Die LGT Young Soloists sind hochtalentierte Musiker im Alter zwischen 12 und 23 Jahren aus mehr als 15 Nationen. Unter der Leitung von Alexander Gilman haben sie bereits mehr als 80 Preise bei nationalen und internationalen Wettbewerben gewonnen. Dieses Jahr spielen sie unter anderem in Belgrad, Zürich, München, Düsseldorf, London, Hongkong, Singapur und erstmalig an den Dresdner Musikfestspielen.

«Nordic Dream» – Perlen der nordischen Romantik

Gruppenfoto
Gruppenfoto

Am vergangenen Sonntagmorgen erfreute dieses ganz spezielle Ensemble das Zuger Publikum im Festsaal des Casinos mit Werken unbekannter Komponisten aus Schweden und Norwegen: Kurt Atterbergs Suite Nr. 3 für Violine, Viola und Streicher, Dag Wiréns Serenade für Streichorchester C-Dur, Edvard Bræins Serenade für Viola und Streicher und Christian Sindings Suite im alten Stil für Violine und Streicher.

Eins wird sehr schnell klar, wenn man das Ensemble zum ersten Mal hört: Hier spielen absolute Ausnahmekönner. Die blutjungen, hochtalentierten Solisten im Alter zwischen 12 und 23 Jahren, begeistern auf der ganzen Linie, sei es als Begleitende der Solisten, als Streichorchester oder selber als Solisten. Sie interpretierten die melodiösen, lyrischen, romantischen Werke mit unglaublicher Hingabe und gleichzeitig mit Schalk, Lebens- und Spiellust. Im Verlauf des Konzertes verloren sie nach und nach ihre Ernsthaftigkeit, ohne aber im Geringsten an Virtuosität einzubüssen. Immer wieder flogen amüsierte, schelmische, beinahe verschwörerische Blicke hin und her  oder lächelten sie sich über ihre Instrument hinweg zu. Allein diese Spiellust liess einen das trübe Wetter draussen vorübergehend vergessen.

Samtene Verführung

LGT Young Soloists Foto  Paul Fenkart
LGT Young Soloists Foto Paul Fenkart

Wenn der junge Leo Esselsons in Kurt Attenbergs Suite Nr. 3 für Violine, Viola und Streicher Anna Krzyzak mit ihrer Viola, die übrigens für die zarte Frau viel zu riesig scheint, musikalisch ver- und entführt – er der Liebhaber, sie die Nonne – versteht man, dass diese ihm nicht wiederstehen konnte. Wie auch, bei dieser Hingabe, dieser Verinnerlichung und mit diesem wunderbar samtenen Ton! Und wenn die 13-jährige Lir Vaginsky mit Zahnspange und elegant-langem roten Kleid in aller Selbstverständlichkeit den Solistenpart übernimmt, kommt etwas wie Ehrfurcht auf vor dem, was dies jungen Menschen da leisten.

Jeder dieser Musiker ist  Solist, alle ausserordentlich musikalisch, virtuos, dabei unprätentiös, unverkrampft, jung und lebendig, eine wahre Freude, ihnen zuzuhören und zuzuschauen. Sie spielen auf unglaublich hohem Niveau und man kommt nicht umhin sich vorzustellen, wie sie auf Kosten vieler Dinge, welche junge Menschen in diesem Alter sonst leben und erleben, dieses Niveau erreicht haben.

Schade dass dieses Ensemble nicht öfter zu hören ist. Das nächste Mal treten sie am 28. September in der Tonhalle Zürich auf. Wenn Sie die Möglichkeit haben, gehen Sie hin, es lohnt sich in jeder Hinsicht!

Text: www.gabrielabucher.ch  Fotos: Paul Fenkart und http://lgtyoungsoloists.com/de

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Luzerner Theater, Schauspiel Ein Sommernachtstraum, Première Freitag, 27. Februar, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

zenenfoto Sommernachtstraum Foto Ingo Hoehn
zenenfoto Sommernachtstraum Foto Ingo Hoehn

Produktion: Inszenierung: Bruno Cathomas, Bühne: Natascha von Steiger, Kostüme: Aleksandra Pavlović, Licht: David Hedinger-Wohnlich, Musik: Daniel Almada, Dramaturgie: Julia Reichert

Besetzung:

Szenenfoto Sommernachtstraum  Foto Ingo Hoehn
Szenenfoto Sommernachtstraum Foto Ingo Hoehn

Sofia Elena Borsani (Hippolyta / Titania), Yves Wüthrich (Theseus / Oberon), Wiebke Kayser (Puck), Verena Lercher (Hermia), Alina Vimbai Strähler (Helena), Christian Baus (Lysander), Jakob Leo Stark (Demetrius), Adrian Furrer (Squenz), Lukas Darnstädt (Zettel), Michel Kopmann (Franz Flaut), Anna Rebecca Sehls (Tom Schnauz / Matz Schlucker), Daniel Almada (Musiker)

Rezension:

Szenenfoto Sommernachtstraum  Foto Ingo Hoehn
Szenenfoto Sommernachtstraum Foto Ingo Hoehn

Er ist wieder da, der «Globe» im Luzerner Theater, mit seinem leichten Geruch nach Holz und den Sitzplätzen hinter und über der Bühne, wo die Zuschauer zu schweben scheinen in den Gestängen. Shakespeares »Globe» für Shakespeares «Sommernachtstraum», ein Traum für Regisseur Bruno Cathomas, welcher das Stück in- und auswendig kennt, hat er es doch bereits übersetzt und mehrfach inszeniert und selber schon diverse Rollen darin gespielt. Eine leere Bühne also, auf der einige Besucher am Premierenabend etwas verloren herumirren. Die Platzierung scheint noch nicht ganz ausgereift, aber dieses kleine Chaos ist der perfekte Auftakt für das grössere – durchaus gewollte – Chaos, welches in den kommenden ein dreiviertel Stunden über die Bühne gehen wird.

Von Romeo und Julia bis zum Untergang der Titanic

Szenenfoto Sommernachtstraum  Foto Ingo Hoehn
Szenenfoto Sommernachtstraum Foto Ingo Hoehn

Kaum haben die Zuschauer ihre Plätze gefunden, stürmt der höchst erregte Regisseur (Adrian Furrer) der Laien-Theatertruppe, welche in der Luzerner Inszenierung die Handwerker ersetzt, auf die Bühne. Ihm folgt Zettel (Lukas Darnstädt), ein manierierter, affektierter und exaltierter Möchtegern-Schauspieler, eng anliegendes Shirt mit Sicht aufs Brusthaar, Hosen mit Schlag, ausladend und geblümt, dazu klobige Schuhe mit Absatz. Er beherrscht jede mögliche Rolle, von Romeo aus «Romeo und Julia» bis Jack aus der «Titanic» und versucht, den Regisseur zu beeindrucken mit Passagen aus den Werken, welche er mit unglaublichem Pathos vorträgt.

Im Reich der Sinne – farbenfrohes Spektakel

Szenenfoto Sommernachtstraum  Foto Ingo Hoehn
Szenenfoto Sommernachtstraum Foto Ingo Hoehn

Und so geht’s weiter und hört eigentlich nie auf, ein unglaubliches Spektakel. Da wird geschrien, geweint, geliebt, gehasst und gekämpft, in höchsten Tönen, in höchster Auf- und Erregung und mit allem, was jeder einzelne Schauspieler zu geben hat. Ein wildes, farbiges, schräges Durcheinander, wie die Geschichte selber. Hippolyta und Theseus deklamieren in rosa Gewändern und goldenen Accessoires vom ersten Rang hinunter, die Akteure kommen von allen Seiten auf die Bühne gestürmt, hangeln sich über das Geländer im ersten Rang, stolpern durch die Zuschauerränge. Dazu deklamieren sie Shakespearisches und Aktuelles, singen Popsongs und rappen.

Szenenfoto Sommernachtstraum  Foto Ingo Hoehn
Szenenfoto Sommernachtstraum Foto Ingo Hoehn

Verstehen tut man lange nicht alles vom gesprochenen Text, was sicher mit den Gegebenheiten des «Globes» zu tun hat, aber auch mit den teilweise hohen Stimmen, die sich vor Aufregung überschlagen. Sitzt man noch in der Nähe des Pianisten (Daniel Almada), der wunderbare musikalische Akzente setzt, wird es noch schwieriger, dem Geschehen zu folgen. Aber je länger der Abend voranschreitet, desto mehr fragt man sich, wie weit «Verstehen» gefragt und nötig ist, zumal die Geschichte ja bekannt ist und die Bilder für sich sprechen. Konzentriert man sich auf die unglaubliche Spiellust der Darsteller, verbringt man einen höchst vergnüglichen Abend. Sie ziehen alle Register, bedienen aber auch aller Klischees, die gemeinhin für Schauspieler gelten. Sie toben sich aus und scheinen selber auch unglaublich Spass zu haben. Die Fetzen fliegen, Kostüme verrutschen, Schuhe gehen verloren, auch die eine oder andere Perücke bleibt auf der Strecke, oder auf der Bühne, ob gewollt oder nicht spielt in diesem Chaos keine Rolle. Action pur und ohne Ende, Überraschungseffekte und darin, darüber, hängt die riesige Lichtkugel aus Neonschlangen, einziges Requisit in dieser Inszenierung.

Die ganze Truppe sprüht vor Energie, jeder hat seinen eigenen Tick, seine Eigenheit, die sie/er voll ausleben kann, was immer wieder zu Lachern führt. Alle begeistern sie mit ihrer Leidenschaft, ihrer Hingabe, in jeder Hinsicht, in ihre Rolle. Dass die beiden Interpreten von Hippolyta/Titania (Melanie Lüninghöner) und Theseus/Oberon (André Benndorff), welche die erkrankten Ensemble-Mitglieder ersetzten, erst seit einer Woche mitproben, fällt in keiner Weise auf.

Kreativ-kunstvolle Kostüme aus Müll

Das ist alles wie erwähnt unglaublich farbig, laut, schräg und komisch und wird noch unterstrichen durch die Kostüme (Aleksandra Pavlović). Titanias Krone besteht aus leeren Aludosen mit Strohhalmen, auf ihrem ausschweifenden Rock mit Schleppe, beides aus Plastik, funkeln blaue Petflaschen, Puck und Oberon zünden wahlweise blaue und weisse Lämpchen an ihren Kostümen, geblümte Strumpfhosen, rote Kniesocken, hohe Plateauschuhe, kurze Hosen, riesige Brillen, farbige Perücken, alles ist vertreten auf diesem Plateau.

Immer wieder hörte man Kichern, manchmal lautes Lachen aus den Rängen, in den letzten Minuten gibt es sogar Szenenapplaus und das Publikum honoriert dieses Feuerwerk an Liebe, Lust und Chaos mit langanhaltendem Applaus. Ein liebliches Feenspiel ist das fürwahr nicht, eine düstere Traumwelt aber auch nicht, es ist ein verrücktes Märchen für Erwachsene und eine Spielwiese für die Schauspieler. Und wenn Sie der Handlung nicht ganz folgen können, klicken Sie sich aus und lassen Sie die Bilder auf sich wirken, es kommt eh alles wie es kommt und ist auch nur ein Sommernachtstraum.

Kleine Fotodiashow der Produktion von Ingo Höhn, Luzerner Theater:

fotogalerien.wordpress.com/2018/02/22/luzerner-theater-schauspiel-ein-sommernachtstraum/

Text: www.gabrielabucher.ch

Fotos: www.luzernertheater.ch

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