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Gesundheit

Erfolgreiches Pilot-Projekt: Intelligente High-Tech-Roboter bestehen Praxis-Test als Pflege-Assistenten im Klinikalltag

Roboter, die das Gepäck von Reha-Gästen direkt aufs Zimmer bringen, intelligente Rollatoren, die Klinikpatienten zum Bluttest oder zur nächsten Behandlung begleiten und High-Tech-Roboterarme, die nach einer Operation bei pflegerischen Tätigkeiten assistieren: Was heute noch nach Science-Fiction klingt, könnte nach Meinung von Experten bereits in fünf Jahren Wirklichkeit sein. In einem groß angelegten, rund dreijährigen Pilotprojekt haben Roboter-Hersteller und Spezialisten für Künstliche Intelligenz jetzt den Praxiseinsatz erprobt. Modernste Robotertechnik kam im Alltag einer echten Klinik, der Johannesbad Fachklinik Saarschleife in Mettlach, mit realen Patienten und Mitarbeitern zum Einsatz.


Die Interaktion zwischen Mensch und Technik war der Fokus des Projekts "Intuitiv", das das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit rund zwei Millionen Euro förderte und finanzierte. Das Fazit fällt äußerst positiv aus: "Wir haben festgestellt, dass Patienten und Mitarbeitende der Klinik sehr begeistert auf unsere robotischen Systeme reagiert haben", sagt Karsten Bohlmann, einer der Koordinatoren.
 
An dem komplexen Forschungsprojekt arbeiteten verschiedene Unternehmen mit: unter anderem ek robotics, ein Hersteller und Systemintegrator von High-Tech-Transportrobotik, Gestalt Robotics, ein Dienstleister für Industrieautomatisierung sowie Human Factors Consult, ein Gestaltungs- und Auslegungsspezialist von technischen Systemen und Softwareschnittstellen. Die Johannesbad Fachklinik Saarschleife stellte die Versuchsumgebung sowie die freiwilligen Probanden für die Praxis-Anwendung. "Aus der Praxis heraus haben sich drei Anwendungsbereiche ergeben, in denen wir das Pflegepersonal entlasten könnten", sagt Dr. Rolf Mayer. Der langjährige Chefarzt der Orthopädie betreute das Projekt auf Seiten der Klinik. 
 
Ein speziell entwickelter Transport-Roboter begleitete als intelligenter "Kofferträger" die Gäste nach dem Check-In ins Zimmer. Ein zweiter Roboter, ein computergesteuerter, autonomer Rollator, holte Patienten ab und begleitete sie zu den Therapien und Sprechstunden innerhalb des Hauses. Zudem assistierte ein Roboter-Arm bei pflegerischen Tätigkeiten. Das Ziel des Projekts: ein vertrauensvolles Miteinander von Roboter und Mensch zu testen, um zukünftig einen Roboter-Einsatz in Pflegeeinrichtungen etablieren zu können. "Kommunikation und Interaktion sind dafür die zentralen Elemente", sagt Karsten Bohlmann. 
 
Die Herausforderung ist dabei außerordentlich komplex: In der sozialen Interaktion der Roboter mit den Patienten im Alltag spielten Faktoren wie die Dynamik der Annäherung, die Erkennung, das Vergleichen von Personen und auch das Verstehen der Umgebung eine große Rolle. Als Teil des Projekts entstand eine Plattform für sozial-intelligente Assistenten: "Inhaltlich ging es darum, dass abstrakte Forschung in die Praxis und, in unserem Fall, an den Patienten bestmöglichst herangebracht wird, was im Bereich der Anwendungsforschung nicht selbstverständlich ist", sagt Dr. Mayer. 
 
Das Feedback der Patienten auf die automatischen Helfer war außerordentlich positiv: "Das hat sehr gut funktioniert und für mich war das ein ganz tolles Erlebnis", sagte einer der Probanden. "Unsere Vision ist es nun, diese technischen Systeme zu realen Produkten weiterzuentwickeln, die die Menschen in ihrem Alltagsleben unterstützen", sagt Projektkoordinator Bohlmann. Er sieht einen tatsächlichen Klinik-Einsatz von Transport- und Assistenzrobotern wie dem autonomen Rollator in Deutschland bereits in ein paar Jahren - im Zeitfenster zwischen 2025 und 2030 - als realistisch an. 
 
Dennoch sind die High-Tech-Roboter, die in der Johannesbad Fachklinik zum Einsatz kamen, Prototypen und noch nicht serienreif, wie Bohlmann verdeutlicht. Neben der technischen Weiterentwicklung wollen die Experten die Mensch-Roboter-Interaktion weiter optimieren. Denn die Menschen sollten sich mit den Robotern schließlich "anfreunden" und sich mit diesen "wohlfühlen". Die Ergebnisse aus dem Praxistest liefern dafür eine wertvolle Grundlage. 
 
In einem Video geben die Initiatoren des Projekts einen Einblick in ihre Arbeit vor Ort in der Johannesbad Fachklinik Saarschleife, es ist abrufbar unter https://youtu.be/sOrkS3uKwpg
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Uniklinikum Würzburg: Antiinfektiva-App als neue Informationsplattform

Mit einer eigenentwickelten Web-App können die Ärztinnen und Ärzte des
Uniklinikums Würzburg jetzt von ihren Smartphones und Tablets aus schnell
und unkompliziert auf die beim Einsatz von Antiinfektiva geltenden
Standards zugreifen.

„Um Antiinfektiva, also zum Beispiel Antibiotika, verantwortungsvoll
einsetzen zu können, müssen die verschreibenden Ärztinnen und Ärzte
möglichst schnell und unkompliziert über die hierbei aktuell geltenden
Standards informiert werden“, sagt Dr. Güzin Surat.
Als Antimicrobial-Stewardship (AMS)-Beauftragte strebt sie am Uniklinikum
Würzburg (UKW) danach, die Qualität der Antiinfektiva-Behandlung zu
sichern und – wo erforderlich – zu verbessern.

Auf Initiative der Arbeitsgruppe AMS des UKW und als weiterer Schritt auf
diesem Weg entwickelte das Servicezentrum Medizin-Informatik (SMI) des UKW
in einem zweijährigen Prozess eine Antiinfektiva-Web-App, die nun in die
Anwendung ging.
Seit Anfang Februar dieses Jahres finden alle Ärztinnen und Ärzte des UKW
auf ihren Dienst-Smartphones und -tablets ein Icon, das mit einer für
mobile Endgeräte optimierten Webseite verknüpft. „Hierüber haben sie
Zugriff auf alle Antiinfektiva-Standards des UKW in immer neuester
Version“, schildert Philipp Leßnau, der am SMI für die Programmierung
dieses digitalen Angebots zuständig ist. Weiterhin ersetzt die Webseite
auch das bisherige Dokumentenlenkungssystem im Bereich der AMS.

Kommunikationskanal und Schulungsmedium

„Das Medium ist allerdings weit mehr als ein digitales Nachschlagewerk und
Qualitätsmanagement-Instrument“, betont Dr. Surat. So dient die Anwendung
nach ihren Worten auch als Kommunikationskanal, der die Nutzerinnen und
Nutzer mit aktuellen Meldungen und monatlichen Tipps übersichtlich und
bequem auf dem aktuellen Stand hält. In Zukunft soll über die App auch ein
direkter Austausch – zum Beispiel über relevante mikrobiologische Befunde
– mit dem AMS-Team des UKW möglich sein.
Als weitere Funktion ist ein Antiinfektiva-Quiz geplant, das auf eine
spielerische Wissensvermittlung abzielt.
„Im Moment sammeln wir Praxiserfahrungen mit dem zunächst auf das UKW
beschränkten Einsatz“, erläutert Philipp Leßnau und fährt fort: „Es ist
aber geplant, das Angebot auch auf das regionale AMS-Kliniknetzwerk
auszurollen.“ Bei diesem Netzwerk berät und schult die Arbeitsgruppe AMS
des Uniklinikums auf Basis von Kooperationsverträgen andere Krankenhäuser
in Mainfranken zu den Themen der Antimicrobial Stewardship.

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Herzinfarkt-Verdacht: Jede Minute zählt! Keine Scheu vor dem Notruf 112

Kardiologen warnen: Bei Verdacht auf Herzinfarkt oder andere Herznotfälle
wie Herzstillstand niemals zögern, sondern sofort den Notruf 112 absetzen.
Besondere Aufmerksamkeit für Herzereignisse auch nach überstandener
Covid-19-Infektion geboten

Der Herzinfarkt ist weiterhin eine der häufigsten Todesursachen. Dabei
müsste dank der notfallmedizinischen und kardiologischen Infrastruktur
hierzulande niemand mehr am Herzinfarkt sterben. Dennoch: Bundesweit
starben im Jahr 2020 über 44.500 Menschen am Herzinfarkt. Rund 30 Prozent
der Herzinfarktpatienten versterben außerhalb der Klinik, auch weil sie zu
spät oder gar nicht den Notarzt (112) alarmieren. „Bei Herzinfarkt-
Verdacht zögern immer noch viele Betroffene davor, den lebensrettenden
Notruf 112 abzusetzen, häufig aus Scheu vor dem Rettungswagen vor der
eigenen Haustür oder weil sie die Symptome nicht ihrem Herz richtig
zuordnen“, berichtet der Kardiologe Prof. Dr. med. Thomas Voigtländer,
Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung. Ein Herzinfarkt kann
jederzeit in bösartige Herzrhythmusstörungen („Kammerflimmern“) übergehen:
die Pumpfunktion des nur noch flimmernden Herzmuskels kommt zum Erliegen,
der Patient verstirbt innerhalb weniger Minuten am plötzlichen Herztod.
Ebenso kann durch den Infarkt ein größerer Teil des Herzmuskels
irreparabel zerstört werden und der Patient entwickelt dadurch akut oder
auch langfristig eine Herzschwäche. „Beim Herzinfarkt zählt deshalb jede
Minute nach dem Prinzip: Zeit ist Herzmuskel. Deshalb ist bei Verdacht auf
Herzinfarkt sofort der Rettungsdienst mit der Notrufnummer 112 zu
alarmieren“, betont Voigtländer. Das gelte übrigens auch bei anderen
Herznotfällen wie eine akut entgleiste Herzschwäche oder lebensbedrohliche
Herzrhythmusstörungen. Anlässlich des „Europäischen Tag des Notrufs 112“
bietet die Herzstiftung zur Ersten Hilfe bei Herzinfarkt und
Herzstillstand Informationen an unter www.herzstiftung.de/herznotfall-
verhalten Ein kostenfreies Herznotfall-Set kann unter www.herzstiftung.de
/herznotfall-set bestellt werden.

Im Zuge der Covid-19-Pandemie kann es auch nach überstandener
Covid-19-Erkrankung – auch bei nicht-hospitalisierten Covid-Patienten und
Covid-Patienten ohne Vorerkrankungen - zu einer höheren Rate an
kardiovaskulären Ereignissen kommen. Darauf deuten erste Hinweise einer
aktuellen US-Studie anhand von Daten aus den Pandemiewellen vor den Delta-
und Omikron-Varianten von SARS-CoV-2 hin. Zu den erfassten Herzeignissen
zählten u. a. Herzinfarkt, Schlaganfall, akute Herzmuskelschwäche,
Herzentzündungen und Herzrhythmusstörungen (1). „Wer eine
Coronaviruserkrankung hinter sich hat, sollte daher aufmerksamer für
mögliche Herzereignisse sein“, rät der Ärztliche Direktor des Agaplesion
Bethanien-Krankenhauses und Kardiologe am Cardioangiologischen Centrum
Bethanien (CCB) Frankfurt am Main.

Herzinfarkt-Verdacht: auf diese Warnzeichen achten!
Typische Herzinfarkt-Symptome sind insbesondere plötzlich einsetzende
starke Schmerzen, die länger als fünf Minuten anhalten und sich in Ruhe
nicht bessern (häufig: kalter Schweiß, Blässe, Übelkeit, Atemnot, Unruhe
und Angst). Die Schmerzen sind überwiegend im Brustkorb, häufig hinter dem
Brustbein, bisweilen auch nur im Rücken zwischen den Schulterblättern oder
im Oberbauch. Die Schmerzen können in den Arm, den Hals oder Kiefer
ausstrahlen. Mehr Infos zu den Herzinfarkt-Schmerzorten sind abrufbar
unter: www.herzstiftung.de/herzinfarkt-anzeichen

Herzstillstand: Was tun, wenn das Herz versagt?
Jederzeit kann es passieren – zu Hause, am Arbeitsplatz oder auf der
Straße: ein Familienmitglied, eine Kollegin oder Kollege bricht plötzlich
zusammen, liegt bewusstlos am Boden und atmet nicht mehr. Ein
Herzstillstand mit Herzkreislaufversagen könnte mit großer
Wahrscheinlichkeit der Grund sein und erfordert sofortiges Handeln. Ein
Herzstillstand führt innerhalb weniger Minuten zum plötzlichen Herztod,
wenn nicht sofort ein Notarzt (112) gerufen und mit
Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen wird. „Je schneller mit der
Wiederbelebung durch Herzdruckmassage begonnen wird, desto größer ist die
Chance, dass der Patient überlebt“, betont Voigtländer. Was Ersthelfer als
Zeugen eines Herzstillstands unbedingt nach dem Prinzip der Vier-Schritte-
Regel

1. Prüfen (Bewusstlosigkeit und Atmung)
2. Rufen (Notruf 112)
3. Drücken (Herzdruckmassage)
4. Schocken (AED-Anwendung)

tun müssen, erläutert die Herzstiftung unter
www.herzstiftung.de/wiederbelebung „Jedes Jahr in Deutschland sterben etwa
65.000 Menschen am plötzlichen Herztod. Umso wichtiger ist deshalb, dass
jeder weiß, wie man richtig wiederbelebt, um so mit Hilfe der
Herzdruckmassage das Überleben des Patienten bis zum Eintreffen des
Notarztes zu sichern.“
Die Deutsche Herzstiftung appelliert deshalb an alle Menschen,
insbesondere an Herzpatienten und Menschen mit Vorbelastung für
Herzinfarkt und andere Herzkrankheiten, bei Verdacht auf Herzinfarkt
sofort den Notruf 112 abzusetzen.

Literatur
(1) Xie, Y. et al., Long-term cardiovascular outcomes of COVID-19, in:
Nature Medicine, https://doi.org/10.1038/s41591-022-01689-3


Service: Ratgeber, Notfall-Set, App zum Herznotfall
Ein Notfallset mit dem Ratgeber „Was tun im Notfall?“ und zwei
Notfallkärtchen fürs Portemonnaie mit Darstellungen der Herzinfarkt-
Alarmzeichen und Erläuterungen zur Laien-Reanimation bietet die
Herzstiftung kostenfrei unter Tel. 069 955128400 oder unter
www.herzstiftung.de/herznotfall-set an.  (Collage: DHS)

Die Herzinfarkt-Alarmzeichen sind abrufbar unter: www.herzstiftung.de
/herzinfarkt-anzeichen

Wie man sich bei Herzinfarkt richtig verhält, wie die Herzdruckmassage
funktioniert und sein persönliches Herzinfarkt-Risikoprofil ermittelt,
zeigt die neue Lebensretter-App der Herzstiftung, die kostenlos über
www.herzstiftung.de/app heruntergeladen werden kann.

Die Schlaganfall-Warnzeichen, bei denen auch sofort der Notarzt (112) zu
alarmieren ist, sind abrufbar unter www.herzstiftung.de/schlaganfall


Zusatz-Information: Bei diesen Warnzeichen für eine Herzerkrankung sofort
zum Arzt!
Generell sollten Betroffene bei den folgenden Warnzeichen umgehend zum
Internisten oder Kardiologen. Sie können untersuchen, ob z. B. eine
Herzrhythmusstörung als Folge einer koronaren Herzkrankheit (die
Grunderkrankung des Herzinfarkts), oder andere Herzerkrankungen wie
Herzklappenerkrankungen oder eine Herzschwäche vorliegt. Unbehandelt
können diese Erkrankungen zu schwerwiegenden, auch notfallmäßigen,
Komplikationen führen:

- Schmerzen oder ein unangenehmes Engegefühl im Brustkorb (Angina
pectoris) und/oder Luftnot
- Herzrasen mit Einschränkung der Belastbarkeit
- Hartnäckiges Herzstolpern
- Kurze Bewusstlosigkeiten (Synkopen)
- Schwindelanfälle, drohende Bewusstlosigkeiten

Diese Beschwerden können Warnzeichen auch für mehrere Herzerkrankungen
zugleich sein. „Angina pectoris-Beschwerden können Vorboten für eine
fortgeschrittene Herzkranzgefäßverengung bis hin zum Herzinfarkt sein,
aber auch Anzeichen einer operationsbedürftigen Herzklappeninsuffizienz“,
erläutert Voigtländer. Auch Atemnot und Leistungsschwäche sind, wie der
Herzspezialist betont, typische Symptome für eine Herzschwäche oder eine
andere Herzproblematik wie Herzklappenerkrankung oder aber Vorhofflimmern.
Kurze Synkopen können ein harmloses neurologisches Problem, aber auch
Vorboten einer bösartigen Herzrhythmusstörung (Kammerflimmern) sein.
„Deshalb sollte man bei diesen Symptomen einen Facharzt aufsuchen“, rät
Voigtländer.

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Neuer Omikron-Subtyp auf dem Vormarsch

Ähnlich wie zuvor in Dänemark breitet sich in Berlin ein weiterer Subtyp
der Omikron-Variante aus: BA.2. Das ergab die Auswertung von
Abwasserproben am MDC in Kooperation mit den Berliner Wasserbetrieben und
dem Berliner Labor der amedes-Gruppe. Durch BA.2 könnte sich die
derzeitige Corona-Welle verlängern.

Das Coronavirus mutiert ständig. Nach Alpha und Beta kam Delta, auch
Gamma, Lambda, Epsilon und Iota kursieren in Teilen der Welt. Seit Omikron
auf den Plan getreten ist, ist Delta in Deutschland fast vollständig
verschwunden. Von Omikron sind zwei Subtypen bekannt, BA.1 und BA.2. In
Berlin dominiert bislang BA.1. Doch Wissenschaftler*innen des Max-
Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft
(MDC), der Berliner Wasserbetriebe (BWB) und des Laborunternehmens amedes
konnten nun im Berliner Abwasser die Omikron-Untervariante BA.2
nachweisen: Anfang Januar war der Anteil kaum sichtbar, doch bereits am
13. Januar ungefähr machte BA.2 sechs und am 20. Januar ungefähr zwölf
Prozent aus. Er wächst also schnell an.

Die beiden Subtypen unterscheiden sich in etwa 20 Mutationen voneinander.
In Dänemark und in Südafrika hat BA.2 den Subtyp BA.1 nahezu verdrängt, in
Großbritannien nimmt der Anteil von BA.2 seit Anfang Januar ebenfalls
schnell zu. Eine Untersuchung dänischer Forscher*innen zeigt, dass BA.2
sich offenbar noch schneller verbreitet als BA.1. „Es ist möglich, dass
BA.2 die derzeitige Omikron-Welle etwas verlängert“, sagt der MDC-
Molekularbiologe Dr. Emanuel Wyler aus der Arbeitsgruppe „RNA-Biologie und
Posttranscriptionale Regulation“ von Professor Markus Landthaler. „Die
bisherigen Daten aus Großbritannien und Dänemark deuten aber eher darauf
hin, dass bezüglich Krankheitsschwere und Wirkung der Impfung BA.1 und
BA.2 vergleichbar sind.“

Computer-Tool sagt voraus, ob Inzidenz zu- oder abnimmt

Bei ihrer Vorhersage stützen sich die MDC-Wissenschaftler*innen auf ein
computergestütztes Tool, das Vic-Fabienne Schumann und Dr. Rafael Cuadrat
von der Technologie-Plattform „Bioinformatics and Omics Data Science“ von
Dr. Altuna Akalin am Berliner Institut für Medizinische Systembiologie
(BIMSB) des MDC zusammen mit Kolleg*innen entwickelt haben. Mit „PiGx
SARS-CoV-2“ können sie die Ausbreitung von SARS-CoV-2 sowie die Häufigkeit
von Mutationen oder Virusvarianten aufdecken. Es funktioniert unabhängig
von der Anzahl der Coronatests und den Krankheitsverläufen.
Ihre Ergebnisse decken sich mit denen der Berliner Wasserbetriebe, die in
Kooperation mit dem Berliner Labor der amedes-Gruppe unter der Leitung von
Dr. Martin Meixner  ein eigenes Nachweis-Modell inklusive der
Sequenzierung der Virusvarianten sowie eine App für die Visualisierung der
Daten entwickelt haben. MDC und die Berliner Wasserbetriebe teilen sich
die Arbeit auf: Während der Fokus der Wasserbetriebe auf der schnellen
Bestimmung und Übermittlung der Viruslast liegt, analysiert das MDC
vorrangig Untertypen und Mutationen.

Seit mehr als einem Jahr suchen die Forschenden im Berliner Abwasser nach
dem Erbgut des Coronavirus. Einmal wöchentlich bereiten die Berliner
Wasserbetriebe, die aktuell eine eigene Virus-Sequenzierung in ihrem Labor
einrichten, Abwasserproben auf und senden diese ans BIMSB sowie an amedes.
Die Wissenschaftler*innen reichern die Viruspartikel an und
vervielfältigten das Virus-Erbgut mithilfe der PCR. In einem nächsten
Schritt können sie mit Hochdurchsatz-Sequenzierungen sehen, welchen Anteil
die einzelnen Virusvarianten unter den gefundenen Coronaviren ausmachen.
Für die Abwasser-Sequenzierung am BIMSB ist insbesondere die Arbeitsgruppe
von Markus Landthaler sowie die Genomik-Plattform unter der Leitung von
Dr. Janine Altmüller verantwortlich.

Werden Proben aus dem Hals-Rachenraum sequenziert, wird bislang nicht
zwischen Virusvarianten unterschieden. Abwasseranalysen machen das
leichter: „Für ein aussagekräftiges Ergebnis über die Verbreitung neuer
Virusvarianten müssen deutlich weniger Proben untersucht werden als bei
der Analyse von Nasen-Rachenabstrichen“, sagt Markus Landthaler. „Außerdem
können sie zur Frühwarnung dienen, da sie mit einigen Tagen Vorsprung
zeigen, welche Variante im Umlauf ist. Die Daten zu BA.2 zeigen, wie
empfindlich und effizient das Abwasser-Monitoring ist beim Bestimmen von
Krankheitserregern. Das ist auch über SARS-CoV-2 hinaus von Bedeutung.“

Untersuchungen des Abwassers sind in Deutschland noch nicht als Teil eines
Corona-Frühwarnsystems etabliert – weder für bekannte noch für ganz neue
Virusvarianten. Das könnte sich jetzt ändern: Berlin ist einer von 20
Pilotstandorten im Abwasser-Monitoring-Programm, das die Bundesministerien
für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU), für Gesundheit
(BMG) sowie für Bildung und Forschung (BMBF) mithilfe von EU-Mitteln
fördern. Projektpartner sind die Berliner Wasserbetriebe und das Landesamt
für Gesundheit und Soziales. Ziel ist ein nationales
Abwasserüberwachungssystem. Es soll Daten über SARS-CoV-2 und insbesondere
seine Varianten im Abwasser erheben und an die zuständigen
Gesundheitsbehörden sowie an eine europäische Austauschplattform
übermitteln.

Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC)

Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-
Gemeinschaft gehört zu den international führenden biomedizinischen
Forschungszentren. Nobelpreisträger Max Delbrück, geboren in Berlin, war
ein Begründer der Molekularbiologie. An den MDC-Standorten in Berlin-Buch
und Mitte analysieren Forscher*innen aus rund 60 Ländern das System Mensch
– die Grundlagen des Lebens von seinen kleinsten Bausteinen bis zu
organübergreifenden Mechanismen. Wenn man versteht, was das dynamische
Gleichgewicht in der Zelle, einem Organ oder im ganzen Körper steuert oder
stört, kann man Krankheiten vorbeugen, sie früh diagnostizieren und mit
passgenauen Therapien stoppen. Die Erkenntnisse der Grundlagenforschung
sollen rasch Patient*innen zugutekommen. Das MDC fördert daher
Ausgründungen und kooperiert in Netzwerken. Besonders eng sind die
Partnerschaften mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin im
gemeinsamen Experimental and Clinical Research Center (ECRC) und dem
Berlin Institute of Health (BIH) in der Charité sowie dem Deutschen
Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK). Am MDC arbeiten 1600
Menschen. Finanziert wird das 1992 gegründete MDC zu 90 Prozent vom Bund
und zu 10 Prozent vom Land Berlin.

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