Stadttheater Sursee, Der Bettelstundent, Première, 17.1.2026, analysiert von Max Thürig
Produktionsverantwortliche:
Rosa Mathis Stv. Produktionsleiterin Giuseppe Spina Regisseur
Francesco Cagnasso Musikalische Leitung Robbert Van Steijn Musikalisches Arrangement
Peter Meyer Chorleitung Catherine Treyvaud Choreografie
Joachim Steiner Leitung Kostümbild Hanni Vievergelt Leitung Maske
Lars Bolliger Leitung Bühnenbild Marion Sidler Requisite
Flynn Bolliger Leitung Sicherheit und Technik
Maya Heusser Regieassistenz Hilda Joos Inspizienz
Sybille Zihler Kostümassistenz
Ausführende:
Glenn Desmedt Symon Rymanowicz Livio Schmid Jan
Wolf Latzl Ollendorf Stefan Wieland Enterich Jasmin Sax Onuphrie
Priska Hurschler, Piffke, Gefängnisschliesser Andreas Fitze, Puffke,Gefängnisschliesser
Theaterorchester Ballett Theaterchor und Kinderchor
Operette mit Haltung und Spielfreude – „Der Bettelstudent“ in Sursee
Mit der Premiere von Carl Millöckers Operette Der Bettelstudent gelingt der 225-jährigen Musik- und Theatergesellschaft Sursee ein bemerkenswertes Kunststück: beste Unterhaltung, farbenprächtiges Musiktheater – und zugleich ein überraschend aktueller Blick auf eine vermeintlich harmlose Gattung. Was hier auf die Bühne gebracht wurde, ist das Resultat umfangreicher Vorbereitungen, grosser Leidenschaft und einer beeindruckenden Zusammenarbeit von Amateuren und Profis.
Kurze historische Einordnung
Der Bettelstudent wurde 1882 in Wien uraufgeführt und zählt zu den erfolgreichsten Operetten des 19. Jahrhunderts. Die Handlung spielt im Krakau des 18. Jahrhunderts, einer von politischen Spannungen und gesellschaftlichen Hierarchien geprägten Welt. Zwei mittellose Studenten werden aus Rache an einem gekränkten Militär in ein perfides Spiel aus Scheinheirat, Täuschung und Machtmissbrauch verwickelt. Schon im Original geht es um Klassenunterschiede, verletzte Männlichkeit und die Frage, wer am Ende den Preis für verletztes Ego und Machtgelüste bezahlt – Themen, die in Rursee klug weitergedacht werden.
Bühne als Herzstück der Inszenierung
Allein der Bühnenbau ist eine Geschichte für sich: Rund 1000 Arbeitsstunden flossen in die Konstruktion einer eindrucksvollen Drehbühne mit einem Gefälle von 3 Prozent gegen das Publikum, was eine hervorragende Sicht aus allen Reihen ermöglicht. Diese Bühne ist weit mehr als ein technisches Gimmick. Sie erlaubt fliessende Bildwechsel und öffnet unterschiedliche Räume: Karussell mit Jahrmarktstimmung, Palais, Aussenplatz – alles scheint organisch miteinander verbunden. Das Bühnenbild von Lars Bolliger überzeugt durch Funktionalität und atmosphärische Dichte zugleich.
Zusammenarbeit auf hohem Niveau
Insgesamt standen 180 Mitwirkende auf, vor und hinter der Bühne im Einsatz. Dass eine Produktion dieser Grösse so präzise und stimmig wirkt, ist der hervorragenden Organisation und der engen Zusammenarbeit zwischen Amateuren und Profis zu verdanken. Die Unterstützung der Hochschule Luzern (HSLU) erwies sich dabei als zentraler Erfolgsfaktor. Stellvertretend für das engagierte Produktionsteam sei Rosa Mathis-Glatz, stellvertretende Produktionsleiterin, erwähnt, deren Arbeit wesentlich zum reibungslosen Ablauf beitrug.
Musikalisch klug reduziert – und doch wirkungsvoll
Eine besondere Herausforderung stellte der Orchestergraben dar, der nur Platz für rund 20 Musikerinnen und Musiker bietet. Umso bemerkenswerter ist das musikalische Resultat. Francesco Cagnasso führte das Ensemble mit grosser Souveränität und Sinn für operettentypische Leichtigkeit. Das eigens erarbeitete Arrangement von Robbert van Steijn erwies sich als Glücksfall: transparent, klanglich ausgewogen und dramaturgisch präzise. Hier funktionierte alles – von der Koordination bis zur musikalischen Wirkung.
Der spezielle Auftakt setzte gleich zu Beginn ein Ausrufezeichen: Ein Gefängniswärter führt den gefesselten Dirigenten in den Orchestergraben und befiehlt ihm, loszulegen. Ein augenzwinkernder Bruch der vierten Wand – und ein Versprechen, dass diese Operette sich selbst nicht allzu ernst nimmt.
Sanft entstaubt und klug aktualisiert
Regisseur Giuseppe Spina gelingt es, das Stück behutsam zu modernisieren, ohne seinen Charme zu zerstören. Er verlegt keine Handlung, sondern öffnet gedankliche Räume. Themen wie Kinder im Gefängnis als Folge von Krieg und politischem Chaos, sexuelle Übergriffe („Ach, ich hab sie ja nur auf die Schulter geküsst“) oder Machtmissbrauch werden sichtbar gemacht – stets ohne erhobenen Zeigefinger.
Besonders stark ist die Stärkung der Frauenfiguren. Im dritten Akt erhält Bonislawa Nowalska eine inhaltliche Erweiterung, die von der Sopranistin Samantha Herzog eindrucksvoll getragen wird. Der Bezug zur Gegenwart zeigt sich auch in scheinbar beiläufigen Textmomenten: Wenn bei der raschen Heiratsentscheidung lakonisch angemerkt wird: „Das ist eben eine Operette und da hat man nicht viel Zeit“, oder wenn von einem „Deal“ über 200’000 Thaler die Rede ist, sitzt der Humor punktgenau.
Figuren mit Profil
Der Oberst Ollendorf, grandios verkörpert von Wolf H. Latzel, wird zum Sinnbild verletzter Männlichkeit, von Eitelkeit, Macht und Rache getrieben. Seine Schadenfreude gipfelt im Showdown, wenn er triumphierend einen Teil des Brautkleides wie eine Trophäe schwingt – ein starkes Bild für die zerstörerische Kraft des Egos.
Auch die selbstreflexiven Einlagen sorgen für Lacher und Tiefgang zugleich: Wenn plötzlich das Saallicht angeht und Gräfin Nowalska (Rebecca Aline Frese) erklärt, sie habe das Spiel längst durchschaut und spiele nur mit, „damit man die Operette überhaupt aufführen kann“, wird das Genre selbst liebevoll kommentiert.
Solisten, Chor und Gesamtleistung
Das gesamte Ensemble überzeugt durch Spielfreude und Präzision. Hervorzuheben sind insbesondere Valentina Russo als Laura Nowalska, Samantha Herzog als Bronislawa Nowalska, Rebecca Aline Frese als Gräfin Nowalska, Glenn Desmeth als Symon Rymanowicz (Bettelstudent), Livio Schmid als Jan Janicki (sein Sekretär) sowie Stefan Wieland als Enterich, der den sächsischen Dialekt bravourös meisterte.
Auch Chor, Orchester, Bühnenmannschaft und die vielen helfenden Hände im Hintergrund tragen diese Produktion sichtbar gemeinsam. Die Kostüme von Joachim Steiner und die Masken von Hanni Nievergelt runden das Gesamtbild stimmig ab und überzeugen vollumfänglich.
Fazit
Diese Surseer Produktion des Bettelstudenten bringt Farbe, Freude und Witz auf die Bühne – und zugleich überraschende Relevanz. Man spürt in jeder Szene den Willen aller Beteiligten, etwas Besonderes zu schaffen. Regie und musikalische Leitung ergänzen sich optimal, das Team wirkt wie aus einem Guss. Eine intelligent adaptierte, in unsere Zeit transferierte Operette von Carl Millöcker – und vor allem: beste Unterhaltung!
Die bekanntesten Lieder:
Ach, ich hab‘ sie ja nur
Einen Mann hab ich gefunden
Ich setz` den Fall
Ich hab kein Geld, bin vogelfrei
Wenn man, wie ich, so hoch geboren
Text: www.maxthuerig.ch
Fotos: Roberto Conciatori https://rcfotografie.ch/ www.stadttheater-sursee.ch
www.gabrielabucher.ch www.herberthuber.ch







