Hilfsmittel für Menschen mit Kontinenzproblemen: Mehr Selbstbestimmung auf der Toilette

Viele Menschen mit Querschnittslähmung oder Multipler Sklerose benötigen
Hilfe beim Entleeren von Blase und Darm. Das schränkt ihre
Selbstständigkeit ein und birgt Risiken. Zwei Hilfsmittel, entwickelt am
Fraunhofer IPA, sollen genau das ändern. Zu sehen sind sie Ende September
auf der Fachmesse Rehacare: Halle 1, Stand C28.
Schätzungen zufolge leben weltweit etwa 15,4 Millionen Menschen mit einer
Querschnittslähmung. Allein in Deutschland gibt es rund 140 000 Betroffene
und Jahr für Jahr kommen zwischen 2300 und 2500 Personen neu hinzu.
Häufige Ursachen für eine Querschnittslähmung sind hierzulande
Erkrankungen, etwa ein Tumor an der Wirbelsäule, und Unfälle im
Straßenverkehr, bei der Arbeit oder beim Sport.
Viele dieser Menschen können Blase und Darm nicht selbstständig entleeren.
Sie leiden unter einer neurogenen Blasen- und Darmdysfunktion und brauchen
ableitende Kontinenzhilfsmittel wie zum Beispiel einen Katheter. Betroffen
sind davon aber nicht nur Querschnittsgelähmte, sondern auch Menschen, die
beispielsweise an Multipler Sklerose erkrankt sind. »Die Betroffenen
stehen mitten im Leben, haben Familie, sind beruflich eingebunden und
sportlich aktiv«, sagt Carolin Schulz vom Fraunhofer-Institut für
Produktionstechnik und Automatisierung IPA. »Sie möchten sich selbst
katheterisieren und machen da mehrmals täglich. Aber viele sind eben auch
auf Hilfe von Angehörigen oder Pflegekräften angewiesen.«
Während viele Männer bei der Blasenentleerung ganz gut selbst
zurechtkommen, benötigen Frauen aufgrund der anatomischen Gegebenheiten
oft Hilfe. Das bedeutet für sie nicht nur einen Verlust von Intimsphäre
und Selbstbestimmung. Auch das Risiko für Verletzungen und Infektionen
steigt und über allem schwebt die Angst, Opfer von sexuellen Übergriffen
zu werden. Bei der Darmentleerung besteht gewissermaßen
Geschlechtergerechtigkeit: Hier brauchen Männer und Frauen gleichermaßen
Unterstützung bei der Katheterisierung.
Mehr Selbstbestimmung, Ergonomie und Hygiene
Genau hier setzen zwei Hilfsmittel an, die Professor Urs Schneider,
Wissenschaftlicher Direktor für Gesundheits- und Bioproduktionstechnik am
Fraunhofer IPA, und Carolin Schulz zusammen mit ihrem Team entwickelt
haben:
2LIP unterstützt Frauen beim Katheterisieren der Blase. Das Hilfsmittel
spreizt Beine und Labien. Ein Spiegel verbessert zugleich die Sicht auf
den Intimbereich. Bei Bedarf kann daran auch eine Leuchte befestigt
werden. Dadurch haben Anwenderinnen beide Hände frei, um sich den Katheter
selbst zu legen. Damit ist 2LIP das erste Hilfsmittel, das mehrere
Funktionen miteinander kombiniert.
Mit 4ROSE verfolgen Schneider und Schulz einen ähnlichen Ansatz für das
Darmmanagement. 4ROSE unterstützt Menschen dabei, Katheter oder andere
Hilfsmittel zur Darmentleerung gezielt und sicher einzuführen. Zwei
Spiegel und Führungselemente verbessern die Sicht und erleichtern die
Anwendung. So sollen Verletzungen vermieden und die Nutzung ohne fremde
Hilfe ermöglicht werden.
Die Idee für 2LIP und 4ROSE entstand im MakerSpace der Universität
Stuttgart, den Schneider für Biomechatronik-Masterkurse nutzt. Zusammen
mit seinen Studierenden sucht er dort nach Lösungen für medizinische
Probleme, die im Gesundheitsmarkt bislang kaum Beachtung finden. Mit
Betroffenen, medizinischem Fachpersonal sowie Therapeutinnen und
Therapeuten entwickelte Schneider erste Konzepte und Prototypen. Schulz
begleitete den Entwicklungsprozess von Beginn an und sorgte dafür, dass
Anforderungen an das Risiko- und Qualitätsmanagement sowie die
medizinische Regulierung stets berücksichtigt wurden.
»Kontinenzprobleme sind bis heute ein Tabuthema, über das kaum jemand
offen sprechen möchte. Diese Verstocktheit hat dazu geführt, dass
Millionen Betroffene auf der ganzen Welt bis heute auf fremde Hilfe
angewiesen sind, leidvolle Erfahrungen machen müssen und sich mit
selbstgebauten, teilweise gesundheitsgefährdenden Notlösungen behelfen. Da
wollten wir nicht länger tatenlos zuschauen«, sagt Schneider. »Unser
Wunsch ist es, Menschen jeden Alters mit Kontinenzproblemen zu mehr
Selbstbestimmung und Intimität zu verhelfen – mit medizinischen
Hilfsmitteln für einen möglichst selbstständigen Toilettengang und eine
gute urogenitale Pflege.«
Vom Prototyp zum Start-up
Inzwischen liegen 2LIP und 4ROSE als funktionsfähige Prototypen vor. Wer
sich davon selbst ein Bild machen möchte, sollte die Rehacare besuchen,
eine Fachmesse für Rehabilitation und Pflege, die von 23. bis 26.
September 2026 in Düsseldorf stattfindet. Dort stellen Schulz und
Schneider ihre beiden Entwicklungen vor: Halle 1, Stand C28.
Bis 2LIP und 4ROSE auf den Markt kommen, sind weitere Entwicklungs- und
Validierungsschritte nötig. Schulz und Schneider arbeiten derzeit daran,
die Prototypen zu vervollständigen, ihre Anwendbarkeit weiter zu
verbessern und die regulatorischen Anforderungen für Medizinprodukte
umzusetzen. Dabei wollen sie weitere Anwenderinnen und Anwender in die
Entwicklungsarbeit einbinden. Langfristig planen sie, sich mit einer
Ausgründung, der free living GmbH, selbstständig zu machen und weitere
Hilfsmittel für die selbstbestimmte Kontinenz sowie die urogenitale und
anale Pflege zu entwickeln.
