Zum Hauptinhalt springen

Neue US-Bluthochdruck-Leitlinien: Wie tief soll der Blutdruck in Deutschland gesenkt werden?

Pin It
Tabelle zur Blutdruckmessung in der Arztpraxis  Tabelle: DHS
Tabelle zur Blutdruckmessung in der Arztpraxis Tabelle: DHS

Herzstiftungs-Experte: „Bei gut eingestelltem Blutdruck kein zusätzlicher
Handlungsbedarf“ / Nur geringe Unterschiede zwischen aktuellen
europäischen und neuen US-Leitlinien
Seit die amerikanische Fachgesellschaft für Kardiologie (AHA) und das
American College of Cardiology (ACC) die Grenzwerte für Bluthochdruck neu
definiert und von 140/90 mmHg auf 130/80 mmHg herabgesetzt haben*, stellt
sich die Frage, ob wir die neuen Grenzwerte für Bluthochdruck übernehmen
müssen. „Bei genauem Hinsehen werden die Unterschiede zwischen den neuen
US-Grenzwerten und dem jetzigen Vorgehen in Deutschland geringer. Schon
heute sollten Menschen mit einem Blutdruck über 140/90 mmHg medikamentös
behandelt werden, wenn eine Lebensstiländerung den Blutdruck nicht
ausreichend senkt. Für diese Gruppe ändert sich also nichts, weder in
Deutschland noch in den USA“, betont Herzspezialist Prof. Dr. med.
Heribert Schunkert vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen
Herzstiftung und Klinikdirektor und stv. Ärztlicher Direktor des Deutschen
Herzzentrums München. Die optimale Einstellung des Blutdrucks ist wichtig,
weil ein nicht oder nicht ausreichend behandelter Bluthochdruck das Risiko
für Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzschwäche deutlich erhöht.
Zum Tragen komme die neue US-Definition bei den Werten 130/80 bis 139/89
mmHg: „In Amerika hat man nun mit diesen Werten einen Bluthochdruck,
wohingegen man in Deutschland von einem hoch-normalen Bluthochdruck
spricht. In jedem Fall sollte man bei diesen Blutdruckwerten einen
gesunden Lebenswandel führen: So sollte das Gewicht optimal und die
Ernährung salzarm und reich an Gemüse und Obst sein, wie sie die
Mittelmeerküche propagiert. Auch sollte für ausreichend viel Bewegung
gesorgt und der Stress reduziert werden.“ All diese Empfehlungen gelten
für beide Seiten des Atlantiks, also gleichermaßen mit der alten und der
neuen Definition.

Bei welchen Blutdruckwerten sind Medikamente einzunehmen?
Nur wenn schon eine Herzerkrankung vorliegt oder ein Schlaganfall
aufgetreten war, wird mit der neuen US-Definition eine medikamentöse
Behandlung der Blutdruckwerte von 130/80 mmHg und darüber empfohlen.
Schunkert zufolge ist diese Empfehlung nicht ganz neu, weil Studien
bereits in der Vergangenheit gezeigt hätten, dass Menschen mit hohem
Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, z. B. nach einem Herzinfarkt, von
der Einnahme eines ACE-Hemmers profitieren, wenn der Blutdruck in diesem
Bereich liegt. „Auch diese Empfehlung gilt schon heute, wenn auch nur für
relativ wenige Patienten. Insgesamt betrachtet unterscheiden sich unsere
aktuellen nicht so sehr von den neuen US-Empfehlungen.“ So soll auch nach
den Verlautbarungen der AHA längst nicht jeder Patient mit Blutdruckwerten
von 130/80 bis 139/89 mmHg ein Medikament einnehmen. „Nur wenn das
kardiovaskuläre Risiko bei diesen Werten sehr hoch ist und die
Lebensstilmaßnahmen zur Blutdrucksenkung keinen Erfolg hatten, führt der
Weg an der medikamentösen Blutdrucksenkung in Amerika nicht vorbei.“

SPRINT-Studie war Basis der neuen US-Bluthochdruck-Definition
Die US-Fachgesellschaften stützen ihre neuen Empfehlungen ganz wesentlich
auf die in Fachkreisen viel diskutierte SPRINT-Studie (2015**), die
gezeigt hat, dass bei Hochrisiko-Patienten bei niedrigeren Blutdruckwerten
(um die 120 mmHg für den oberen Wert) langfristig bessere Ergebnisse
erzielt werden. So konnte in dieser Studie bei einer erfolgreichen
Blutdrucksenkung in diesen Bereich langfristig die Wahrscheinlichkeit für
einen Schlaganfall oder gar ein Todesereignis gesenkt werden. Allerdings
sind die besonderen Bedingungen der Blutdruckmessungen in der SPRINT-
Studie zu beachten: die Patienten wurden in einem Raum für 10-15 Minuten
alleine gelassen, bevor eine automatische Blutdruckmessung die Werte
erhoben hat. So wurde verhindert, dass durch Stress oder körperliche
Anstrengung höhere Werte gemessen werden. „Dadurch haben die Werte in der
neuen amerikanischen Definition nur bei optimaler Blutdruckmessung
Geltung, so wie sie bei der SPRINT-Studie praktiziert wurde“, betont Prof.
Schunkert. „Umgekehrt müssen deshalb bei einer Messung vom Hausarzt in
etwa 5-10 mmHg abgezogen werden, um auf das vergleichbare Niveau der
amerikanischen Leitlinien zu kommen.“ (Siehe dazu die Tabelle zur
Blutdruckmessung in der Arztpraxis).
Bezieht man die unterschiedlichen Messmethoden für den Blutdruck mit in
die Betrachtung ein, werden die Unterschiede zwischen den amerikanischen
und europäischen Empfehlungen noch geringer. „Augenblicklich besteht bei
einem gut eingestellten Blutdruck kein zusätzlicher Handlungsbedarf. Die
US-Leitlinien erinnern jedoch daran, wie wichtig es ist, den Bluthochdruck
als Risikofaktor ernst zu nehmen und konsequent zu behandeln.“

*Whelton PK et al, 2017 High Blood Pressure Clinical Practice Guideline,
Hypertension.2017
**Randomized Trial of Intensive versus Standard Blood-Pressure Control,
NEJM, Nov. 2015

Kardiologen raten zum Blutdruck-Pass: Der kostenfreie Blutdruck-Pass der
Herzstiftung kann unter www.herzstiftung.de/Blutdruckpass.html – per
E-Mail unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. oder telefonisch unter 069
955128-400 angefordert werden.