Umgang mit Künstlicher Intelligenz: „Menschen neigen dazu, IT-Systeme als soziale Akteure wahrzunehmen“
Mensch und Maschine arbeiten künftig enger zusammen. Nicht nur in
Fabriken, wo Roboter Hand in Hand mit den Beschäftigten Güter produzieren
und dabei dank Künstlicher Intelligenz (KI) laufend von ihren menschlichen
Kolleginnen und Kollegen dazu lernen. Auch in klassischen Bürojobs oder
sozialen Berufen unterstützen KI-basierte Chatbots und Assistenzsysteme.
Wie sich das auf Arbeitsabläufe und die Beschäftigten auswirkt, untersucht
Eva Bittner, Professorin für sozio-technische Systemgestaltung an der
Universität Hamburg und Mitglied der Plattform Lernende Systeme. Warum sie
das Thema fasziniert und wie Mensch und KI optimal kooperieren, erläutert
sie anlässlich des bundesweiten Girls’ Day.
Frau Bittner, was fasziniert Sie an Ihrem Forschungsfeld?
Eva Bittner: Die aktuellen Herausforderungen zeigen, dass die Gestaltung
von KI-Systemen nicht nur ein technisches Thema, sondern ganz zentral auch
ein soziales und kulturelles Thema ist. Die sozio-technische
Systemgestaltung berücksichtigt die Interaktionen zwischen Mensch und
Technologie im organisationalen Kontext, um sicherzustellen, dass
Technologie auf sinnvolle und menschenzentrierte Weise eingesetzt wird.
Wenn wir die Entscheidung, nach welchen Regeln und zu welchem Nutzen KI-
Systeme gestaltet und eingesetzt werden, nicht allein in die Hand von
Technologiekonzernen legen wollen, brauchen wir stark inter- und
transdisziplinäre Forschung. Dass wir häufig mit Praxispartnern und echten
NutzerInnen an der Lösung realer neuartiger Herausforderungen arbeiten,
motiviert mich. Die gemeinsame Arbeit in gemischten Teams an der
Schnittstelle von (Wirtschafts-)Informatik, Psychologie, Human Computer
Interaction (HCI), Ethik und weiterer Disziplinen ist dabei unheimlich
bereichernd, weil wir täglich voneinander lernen. Sie erfordert viel
Kommunikations- und Teamfähigkeit und die Offenheit, sich auf andere
Perspektiven einzulassen.
Wie arbeiten Mensch und Maschine künftig optimal zusammen?
Eva Bittner: Eine optimale Zusammenarbeit von Mensch und Maschine bedeutet
für mich, menschliche Bedürfnisse und Fähigkeiten in den Fokus zu stellen.
Maschinen sollten so gestaltet und in die Arbeitsprozesse eingebunden
werden, dass sie Menschen von repetitiven Aufgaben entlasten, sie zur
Nutzung ihrer Stärken befähigen und bei dieser unterstützen. Ich denke,
dass wir künftig immer mehr sogenannte „hybride Intelligenz“ sehen werden,
bei der menschliche und maschinelle Arbeit sehr eng und interaktiv
verwoben sind und bei der Mensch und Maschine kontinuierlich voneinander
lernen. Für viele Aufgaben der Wissensarbeit, wie die Lösung komplexer
Probleme oder die Entwicklung kreativer Lösungen, kommt eine
Vollautomatisierung nicht in Frage. Die Kombination von menschlichem
Urteilsvermögen, Empathie und Kreativität mit maschineller Geschwindigkeit
und Fähigkeiten zur Datenanalyse kann hier jedoch einen echten Mehrwert
bieten. Wie genau die Arbeitsteilung und Übergaben zwischen Mensch und
Maschine im konkreten Arbeitsprozess erfolgen, sollte mit Blick auf Themen
wie Transparenz, Vertrauen, Privatheit und Datenschutz und Verantwortung
für die Ergebnisse bewusst gestaltet werden.
Welche Herausforderungen bestehen? Wie können sie gelöst werden?
Eva Bittner: KI-Systeme durchdringen – nicht immer als solche erkennbar
oder in ihrer Funktionsweise und Datengrundlage transparent – immer mehr
Tätigkeitsfelder im Beruflichen wie Privaten. Ihr beeindruckend
überzeugendes und teilweise menschenähnliches Auftreten – siehe ChatGPT –
macht es uns zunehmend schwer, ihre tatsächlichen Fähigkeiten und Grenzen
realistisch einzuschätzen und ein angebrachtes Maß an Vertrauen, aber auch
kritischer Vorsicht aufzubringen. Menschen neigen dazu, IT-Systeme als
soziale Akteure wahrzunehmen und ihnen menschliches Verhalten und
Intelligenz zuzuschreiben. Das kann z.B. dazu führen, dass wir Vorschläge
des generativen KI-Systems inhaltlich überschätzen und ungeprüft
übernehmen, wenn sie eloquent präsentiert werden. Aber auch, dass wir dem
freundlichen Chatbot ggf. private oder unternehmensinterne Informationen
preisgeben, weil die Nutzung eine komfortable Unterstützung und
Zeitersparnis verspricht. Diesen Herausforderungen können wir begegnen,
indem wir KI-Systeme selbst nach – für den jeweiligen Einsatzweck
ausgehandelten – ethischen Maßstäben möglichst vertrauenswürdig und
transparent gestalten, wo immer wir als Forschende, EntwickerInnen oder
EntscheiderInnen Einfluss auf deren Entwicklung haben. Wir müssen aber
auch noch besser verstehen, wie Menschen und Maschinen als Teams
funktionieren und wie sich dabei die Dynamiken von der Zusammenarbeit
zwischen Menschen oder der Nutzung klassischer IT-Werkzeuge unterscheiden.
Auf dieser Basis können wir Menschen für den kompetenten und kritischen
Umgang mit KI-Systemen qualifizieren und Mensch-Maschine-Zusammenarbeit
ganzheitlich gestalten.
