Luzerner Theater Vincenzo Bellini`s „Norma“, Première, 12. März 2016, besucht von Léonard Wüst
Produktionsteam
Howard Arman Musikalische Leitung
Nadja Loschky Inszenierung
Daniela Kerck Bühne
Gabriele Jaenecke Kostüme
David Hedinger Licht
Mark Daver Choreinstudierung
Dr. Christian Kipper Dramaturgie
Besetzung
Morenike Fadayomi Norma, Flurin Caduff Oroveso, Carlo Jung-Heyk Cho Pollione, Marie-Luise Dressen Adalgisa, Annina Haug Clotilde, Robert Maszl Flavio
Melodramma in zwei Akten von Vincenzo Bellini
Text von Felice Romani, nach Alexandre Soumet
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Grundsätzliches:
Norma ist eine tragische Oper in zwei Akten von Vincenzo Bellini. Das Libretto stammt von Felice Romani und beruht auf einem Drama von Louis Alexandre Soumet. Die Uraufführung fand 1831 in Mailand statt. Die Oper spielt in Gallien im ersten Jahrhundert vor Christus. Die Spieldauer beträgt etwa zweieinhalb Stunden.
Die Uraufführung am 26. Dezember 1831 am Teatro alla Scala in Mailand endete trotz der hervorragenden Besetzung mit Giuditta Pasta als Norma, Giulia Grisi als Adalgisa, Domenico Donzelli als Pollione und Vincenzo Negrini als Oroveso mit einem Fiasko. Auch die 1832 erfolgten Aufführungen in Neapel und Venedig brachten nicht den von Bellini erhofften Erfolg. Dieser zeichnete sich 1834 in einer Aufführung im Teatro San Carlo in Neapel mit Maria Malibran in der Titelpartie ab, und ab 1835 verbreitete sich das Werk an den italienischen Bühnen und auf der ganzen Welt.
Ensemblemitglied Jutta Maria Böhnert, für die Titelrolle vorgesehen, musste krankheitshalber durch Morenike Fadayomi von der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, umbesetzt werden.
Rezension:
Am Luzerner Theater kann man den Kampf der Gallier gegen die Römer, ohne Mitwirkung von Asterix oder Obelix geniessen, die geheimen Machenschaften der sagenhaften und mächtigen Druiden zu ergründen versuchen, das Drama um die Oberpriesterin Norma mit ihren zwei, ausgerechnet vom römischen Besatzer Pollione gezeugten Kinder miterleben. Dieser römische Statthalter hat sich nun eine jüngere Druidin angelacht, sowas untergräbt natürlich auch Norma’s Autorität, ist also absolut nicht tolerierbar. Die Fronten sind also relativ rasch klar abgesteckt in dieser, selbst für damaliges Verständnis, doch sehr dürftigen, einfach gestrickten Geschichte.
Belcanto (Schöngesang) im wahrsten Sinne des Wortes, grossartige Stimmen gepaart mit exzellenten schauspielerischen Leistungen, alles unterstützt von einem adäquaten Bühnenbild inklusive passenden Diaprojektionen. Instrumental wie immer grossartig, das von Howard
Arman geleitete Luzerner Sinfonieorchester. Obwohl eher ein Melodram für die weiblichen Stimmen, behaupteten sich der Bassbariton Flurin Caduff als Oroveso und Tenor Carlo Jung-Heyk Cho als Pollione nachhaltig eindrücklich auf der Szene. Leider etwas überlaut, fast schreiend gegenüber Norma hingegen im ersten Duett war Adalgisa (Marie-Luise Dressen). Alles überstrahlt natürlich die sehr lange Cavatine „Casta Diva“ zu der sich Morenike Fadayomi scheinbar mühelos aufschwang. Die Schlüsselarie ist geprägt von unendlichen, elegisch grundierten Kantilenen. Übergrosse Adlerschwingen integriert am Druidenthron visualisieren die aussergewöhnliche gesellschaftliche Stellung der Priesterin Norma in der gallischen Gemeinschaft. Das Drama nimmt seinen Lauf und gipfelt in der fast halbstündigen Schlussszene und dem Tod von Norma und Pollione auf den Scheiterhaufen.
Eine fast perfekte Adaption des Stoffes durch Regisseurin Nadja Loschky, wenn sie auf das Anzünden mittels eines Feuerzeuges und das Rauchen von Zigaretten durch Pollione und Flavio im ersten Akt und Verwendung einer Faustfeuerwaffe zur Bedrohung von Pollione durch Norma verzichtet hätte.
Nichtdestotrotz spendete das Premierenpublikum langanhaltenden, kräftigen Applaus, zu dem auch die Mitwirkenden im Hintergrund auf die Bühne gebeten wurden, wie auch der Dirigent Howard Arman.
Trotz mehrerer Vorhänge reichte es nicht ganz zu einer stehenden Ovation. Gespannt, wie die originalbesetzte Jutta Maria Böhnert nach ihrer Wiedergenesung den schwierigen Part meistern wird, hat doch ihr Ersatz, Morenike Fadayomi, die Messlatte sehr hoch gelegt.
Nachtrag:
Einzig Edita Gruberova sang Casta Diva in der von Bellini vorgegebenen Originaltonart. („So steht es bei Bellini, so muss ich es auch singen.“, Zitat Gruberova) Selbst eine Maria Callas intonierte die Arie einen Ganzton tiefer, wie es Bellini auf Drängen der „Erstnorma“ Giuditta Pasta transponiert hatte. Pasta monierte, dass der Part in der Originaltonart fast unmöglich zu singen, da viel zu anstrengend, sei. „Norma“ geht stimmlich so an die Substanz, dass zwischen den Vorstellungen normalerweise immer fünf Tage liegen. (Zitat Intendanz Münchner Nationaltheater)
Kleine Fotodiashow der Produktion vonTanja Dorendorf / T+T Fotografie www.ttfoto.ch/ www.luzernertheater.ch und Wikipedia
Trailer Maria Callas, Norma – Casta Diva – Bellini
www.youtube.com/watch?v=B-9IvuEkreI
Text: leonardwuest.ch
Fotos: www.luzernertheater.ch Toni Suter/ T+T Fotografie
Homepages der andern Kolumnisten: www.marvinmueller.ch www.irenehubschmid.ch
www.gabrielabucher.ch Paul Ott:www.literatur.li
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Besetzung und Programm:
Produktionsteam und Solisten ersichtlich über eingefügte Links:
Besetzung und Programm:
Die „Nocturne Symphonique“ (entstanden 1912/13) ist eine von Busonis experimentellsten, atmosphärischen, fast unheimlichen Kompositionen. Wie viel von seiner abenteuerlicher Musik, erscheint auch ein Teil des Materials aus diesem Stück in seinem unvollendeten Hauptwerk auf, der Oper " Doktor Faust „. Das „Nocturne“ ist weit entfernt von der verklärten Romantik Chopins, sondern scheint das dunkle Geheimnis einer nächtlichen Geräuschkulisse zu erkunden. Überlegungen zu neuen Tonskalen, Sechstel Tonsystemen und erste Ahnungen der Möglichkeiten elektrisch erzeugter Klänge. Vielschichtig nebulös verwoben, trotzdem transparent, bildet sie den Schlusspunkt seines Frühwerkes, verzichtet fast ganz auf die stark schallenden Instrumente, atmet noch die Unbekümmertheit früher Werke, zeigt aber gleichzeitig schon den Feinschliff des reifen Meisters. Busoni, nach einer glanzvollen Pianisten Karriere, wie sie zuvor nur Franz Liszt und nach ihm Sergej Rachmaninow erlebten, widmete sich dann mehr und mehr seiner Berufung als Musikpädagoge/theoretiker, Schriftsteller und vor allem als Komponist. Das LSO interpretierte das Werk wie von Busoni angedacht, mit Respekt, Einfühlungsvermögen und instrumentaler Brillanz, die unterstützt wurde durch das zurückhaltende Dirigat von James Gaffigan, vom Publikum im fast ausverkauften Konzertsaal mit entsprechendem Applaus gewürdigt.
Diese Komposition ist denn auch weniger romantisch als man den Komponisten normalerweise wahrnimmt, eher nachdenklich besinnlich, statt oberflächliche Virtuosen – Brillanz grüblerische Reflektion, reif und ernst mit der oft in Mittellagen geführten Solovioline. Ebendiese tiefgründig, technisch perfekt und mit engagiert, elegant - geschmeidigem Körpereinsatz gespielt von Alina Ibragimova, auf einer, von der Georg von Opel -Stiftung zur Verfügung gestellten Violine von Anselmo Bellosio aus dem Jahre 1775.
Die Solistin vermochte sich auch gegen das nun doch etwas vorlaute Orchester souverän zu behaupten. Die Zuhörer waren gefesselt von der überragenden Demonstration der jungen Russin und feierten sie denn auch mit tosendem Applaus, zu einer Zugabe liess sich die Künstlerin aber nicht bewegen.
Der zweite Konzertteil startete mit der Uraufführung von "and again“, einem Werk des preisgekrönten Jan Esra Kuhl. Wie der Name des Werkes, tönte auch dieses selbst amerikanisch, Einflüsse von Gershwin und Bernstein liessen sich klar erkennen. Eine Art badische „Cuban Overture“, aufgrund seiner Studien an der Hochschule für Musik Freiburg/Breisgau? Basierend auf sehr geordneten, relativ einfachen Abläufen, hangelt sich die Komposition harmonisch fortwährend an einer Quintfallsequenz entlang. Dies gibt Raum für die Lust, in Tradition geradezu zu „baden“ (Zitat des Komponisten). Manchmal fast ins absurde abdriftende Tonabfolgen, ähnlich einem linearen Anachronismus, teils „schräge“ bläsergeprägte Klänge bewegten sich vorwärts in ambivalente paradoxe Bewegungskonstellationen, abgerundet mit wunderschön weichem Klarinettensound, kongenial umgesetzt vom gesamten Orchester, mit einem, ab und zu, koboldhaft gestikulierenden Chefdirigenten auf dem Sockel, dem es sichtlich Spass machte Neues umzusetzen und mitzuprägen. Diesen Spass verstanden die Protagonisten auf das Auditorium zu übertragen was, dieses wiederum zu einer langanhaltenden Akklamation animierte, mit einem grossen Sonderapplaus für den,
von Gaffigan auf die Bühne gebetenen, Komponisten.
Auf Neues folgte zum Abschluss noch Bewährtes in Form der Sinfonie Nr. 5 „Reformations-Sinfonie“ von Felix Mendelssohn Bartholdy (eine romantische Sinfonie in vier Sätzen, eigentlich die zweite seiner fünf Sinfonien, da sie aber später als die andern uraufgeführt wurde, wird sie als fünfte geführt). Auch dieses Werk wurde vom LSO grossartig interpretiert, liess den einzelnen Registern und Solisten genug Raum, um individuelle glanzvolle Akzente zu setzen, eloquente Holzbläser wechselten mit Blechbläsereinwürfen, abgelöst oder untermalt durch sanfte Streicher. Besonders auffallend wie Gaffigan das „Dresdner Amen“ figurierte. Einmal mehr bewiesen die Luzerner ihre enorme Wandelbarkeit und grosse Reife, vertraute, aber auch neue Musik zu adaptieren und überzeugend zu interpretieren. Das begeisterte Publikum bedankte sich mit einem langanhaltenden starken Applaus für den schönen, eindrücklichen Konzertabend.